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1000 Türen

Als Ideengeist werde ich ab und zu gebeten, eine Schulklasse zu unterrichten. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich den Schülern die Geschichte von den 1000 Türen.

Ein Mensch wachte auf. Er konnte sich an gar nichts erinnern. Er wusste nicht seinen Namen, er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war. Er wusste auch nicht, ob es ihn vor seinem Aufwachen überhaupt gegeben hat. Nicht dass er sich das überhaupt gefragt hätte.
Er konnte nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren.
Er verweilte bei diesem Spüren. Sich spüren. Er spürte einen Körper. Er spürte Füße und Hände und bewegte diese. Dann spürte er Arme und Beine und bewegte auch diese. Da merkte er, dass Arme und Beine zu einem Oberkörper gehörten. Mit den Händen tastete er diesen ab und fand einen Hals. Dieser Hals endete am Kopf, den er nun auch betastete. Er spürte nun sein Kinn, seinen Mund, seine Nase und seine Ohren. Schließlich fand er seine Augen und öffnete diese.
Immer noch konnte er nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren und entdeckte seine Gedanken.
Und er fragte sich, wer er war. Er fragte, was er war. Er fragte sich, wozu die Hände gut waren. Doch dann erkannte er, dass er die Hände brauchte, um sich zu erkennen. So hatte er seinen Oberkörper entdeckt und seinen Kopf.
Da wusste er: Hände waren gut.
Und er fragte sich, wozu Füße gut waren. Es gelang ihm nicht, seinen Füßen eine Bedeutung zu geben, daher konzentrierte er sich auf den Rest von sich.
Er betastete erneut seinen Kopf und verweilte bei dem Mund. Er öffnete ihn und sagte:
„Ich.“
Das gefiel ihm, daher wiederholte er es einige Male: „Ich. Ich. Ich.“
Dann merkte er aber, dass es langweilig wurde. Er konnte etwas sagen, doch das bewirkte irgendwie nichts. Wozu also war es gut?
Er betastete als Nächstes seine Ohren und stellte fest, dass er das hören konnte, nicht nur spüren. Ohren waren also gut, sie konnten etwas: Sie konnten hören.
Er sagte wieder: „Ich.“ Das konnte er nun nicht nur sagen, sondern auch hören.
Das gefiel ihm.
Er betastete seine Augen. Das konnte er hören und spüren. Er konnte es so sehr spüren, dass er „Aua!“ rief und sich aufsetzte.
Er wusste jetzt, dass er den Oberkörper bewegen konnte. Und dass es nicht gut war, die offenen Augen zu berühren. Also schloss er sie und berührte sie vorsichtig. Das war nicht nicht gut, aber er war sich nicht sicher, ob es gut war.
Er drehte seinen Oberkörper. So konnte er feststellen, dass auch die Füße sich bewegen ließen. Doch als er sie auch zur Seite bewegte, sanken sie weiter nach unten als sein Oberkörper, bis sie doch wieder etwas Festes berührten.
Der Mensch wollte nun wissen, was er noch konnte. Irgendwann fand er heraus, dass er aufstehen konnte. Und sich wieder hinsetzen. Und wieder aufstehen.
Das machte er einige Male, bis es langweilig wurde.
„Was soll ich denn tun?“, fragte er sich.
Er bewegte die Hände und stellte fest, dass seine Füße doch ähnlich waren wie die Hände. Und so fand er heraus, dass er auch die Füße bewegen konnte.
Er ging.
Bis er gegen etwas stieß.
„Aua!“, rief er und setzte sich erschrocken hin.
Nach einer Weile wurde das Herumsitzen langweilig und er beschloss herauszufinden, was sich vor ihm befand. Er streckte daher vorsichtig die Hände aus, bis er etwas spüren konnte. Es war hart und glatt.
Er stand auf und bewegte sich tastend in einer Richtung. Vor ihm befand sich etwas Hartes und Glattes, aber neben ihm befand sich anscheinend nichts. Daher drehte er sich in diese Richtung, sodass er nur noch mit einer Hand das Harte und Glatte spüren konnte.
Dann ging er los.
Bis er wieder gegen etwas Hartes und Glattes stieß. Allerdings nur mit der freien Hand. So konnte er spüren, dass sich das Harte und Glatte sowohl vor ihm als auch neben ihm auf einer Seite befand.
Auf der anderen Seite befand sich nichts, also drehte er sich wieder und ging so weiter, dass eine seiner Hände das Harte und Glatte spüren konnte. Die andere Hand streckte er nach vorne aus, denn er wollte nicht, dass er wieder „Aua!“ schreien musste.
„Ich.“ war gut, „Aua!“ war nicht gut, das hatte er erkannt.
Dann schrie er: „Aua!“
Er war gegen etwas gestoßen, allerdings nicht mit der nach vorne ausgestreckten Hand, sondern mit den Beinen.
Nachdem er „Aua!“ nicht mehr spüren konnte, beugte er sich vor. Mit einer Hand hielt er neben sich das Glatte und Harte fest, mit der anderen Hand ertastete er den Grund von „Aua!“.
Ihm wurde klar, dass er an dieser Stelle aufgewacht war.
Nun konnte er das, worauf er aufgewacht war, tastend umgehen. Dahinter spürte er dann an der Seite wieder das Glatte und Harte und ging weiter.
Er streckte eine Hand nach vorne aus und mit den Füßen prüfte er jeden seiner Schritte, um nicht wieder „Aua!“ zu haben.
Auf diese Weise fand er wieder etwas Hartes und Glattes und drehte sich zu einer Seite. Nach drei weiteren Drehungen fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich dorthin, wo er vorhin schon gesessen hatte, und sagte leise: „Ich.“
Nach einer Weile des Herumsitzens kam ihm ein weiterer Gedanke. Er beugte sich nun solange vor, bis er etwas Hartes und Glattes spüren konnte. Mit den Händen und Füßen berührte er dieses Glatte und Harte und bewegte sich vorwärts, bis er mit dem Kopf gegen etwas anderes Hartes und Glattes stieß.
„Aua!“
Nach einer Weile drehte er sich zu einer Seite und ging weiter. Eine Hand streckte er dabei nach vorne, das erschwerte das Vorankommen ein wenig. Aber nun konnte er das Harte und Glatte spüren, ohne „Aua!“ schreien zu müssen.
Er drehte sich zweimal, dann fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich daneben und sagte: „Raum. Ich. Aua.“
Nun wusste er schon ziemlich viel, zumindest im Vergleich zu vorhin, als er aufgewacht war. Er wusste, dass er war. Er wusste, dass es Raum gab. Und er wusste, dass dieser Raum Grenzen hatte. Diese Grenzen nicht zu erkennen, bedeutete „Aua!“.
Er überlegte sich, dass dies ja schon eine Menge war.
Dann dachte er darüber nach, was er denn jetzt machen sollte. Sitzen bleiben? Das war gut gegen „Aua!“, aber irgendwie auch langweilig. Langweilig war nicht so schlimm wie „Aua!“, jedenfalls zuerst. Später war er sich dessen nicht mehr so sicher. „Aua!“ hörte nämlich auf, langweilig nicht. Vielleicht war „Aua!“ doch weniger schlimm als langweilig. Er konnte ja bisschen vorsichtig sein. Vorsichtig war gut, langweilig nicht.
Jedenfalls so seine Überlegung.
Dann erinnerte er sich daran, dass er lauter „Aua!“ schreien musste, wenn er auf Hände und Füßen ging und zuerst sein Kopf gegen das Harte und Glatte stieß, als wenn er nur auf Füßen ging. Das war auf jeden Fall weniger „Aua!“. Daraus schloss er, dass nur die Füße zum Gehen gedacht waren. Die Hände hatten demnach eine andere Bedeutung.
Er ging nun los, die Hände ausgestreckt. Dabei zählte er die Schritte. Als seine Hände das Glatte und Harte berührten, blieb er stehen. 42. Nun ging er 42 Schritte zurück und kam dort an, wo er aufgewacht war. Ohne „Aua!“.
Das war gut. Er freute sich.
Er drehte sich nach einer Seite und ging wieder los. Dabei zählte er. Bei 21 stieß er gegen das Harte und Glatte und schrie ganz laut „Aua!“, weil er die Hände nicht ausgestreckt hatte. Er war ja noch weit weg von 42.
Er ging 21 Schritte zurück. So fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war. Jetzt drehte er sich zweimal, sodass er das 21-Schritt-“Aua!“ hinter sich hatte. Er ging nun 20 Schritte und streckte die Hände aus.
Da war das Glatte und Harte.
Wieder was gelernt.
Er drehte sich zu der Seite, sodass er das 42-Harte-und-Glatte im Rücken hatte, streckte die Hände aus und machte einen Schritt.
Da war das Harte und Glatte.
Jetzt wusste er alles über den Raum, in dem er sich befand.
Bis auf eine Sache.
Gab es über ihm auch etwas Hartes und Glattes?
Er streckte die Hände nach oben, doch da war nichts.
Er dachte nach. Dann ging er zu der Stelle, wo er aufgewacht war, stellte sich darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Da war immer noch nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben, doch da war nichts.
Möglicherweise gab es da etwas in 42 Schritten, doch wie sollte er das bloß herausfinden?
Nachdem er eine etwas längere Weile nachgedacht hatte, kam ihm eine Idee. Er stieg von der Stelle, auf der er aufgewacht war, und tastete sie ab. Er stellte fest, dass sie länger als hoch war. Auch länger als breit.
Er versuchte, sie an einer Stelle anzuheben. Das ging. Er hob sie so lange an, bis sie höher als lang oder breit war.
Dann kletterte er darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Doch da war nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben und berührte etwas Hartes und Glattes.
Doch das sehr große „Aua!“ danach hatte mit diesem Harten und Glatten nichts zu tun, nur mit dem Harten und Glatten unter ihm.
Wenigstens wusste er jetzt, dass auch über ihm etwas Hartes und Glattes war. Dieses Wissen führte außerdem zu der Erkenntnis, dass es auch sehr große „Aua!“ geben konnte. Nicht jede Grenze war gleich großes „Aua!“. Das schien wichtig zu sein.
Nach einer Weile setzte er sich auf. Das „Aua!“ war nun nicht mehr so groß und wurde schnell noch kleiner.
Das tat jedenfalls gut, wie er herausfand.
Er saß eine Weile auf dem Harten und Glatten herum und fragte sich, was er denn nun tun sollte.
Schließlich sagte er sich: „Raum. Ich. Aua! Grenzen.“ Aber war da vielleicht noch mehr? Er kannte bisher nur die Grenzen von Raum und die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er stand auf und ging rückwärts, bis er das Glatte und Harte fand. Dann suchte er die Stelle, wo er aufgewacht war. Seltsamerweise berührte diese Stelle nicht das Harte und Glatte, was sie vorher noch getan hatte. Das verstand er nicht wirklich, beschloss aber, nicht weiter darüber nachzudenken.
Er drehte sich nun zu einer Seite, aber nicht mehr so weit, wie bisher, sondern nur halb so weit. Dadurch konnte er das Harte und Glatte neben sich nicht mehr berühren, als er losging, dafür konnte er nach 46 Schritten das Harte und Glatte mit beiden Händen spüren. Eigentlich konnte er zwei unterschiedliche Glatte und Harte spüren.
Nun ging er 46 Schritte zurück und drehte sich wieder, aber nicht nur halb. Dann ging er wieder 46 Schritte und spürte wieder zweimal das Glatte und Harte.
Allerdings war das alles, was er auf diese Weise herausfand.
Nun ging er nicht zurück, sondern stellte sich so, dass er auf einer Seite das Harte und Glatte spüren konnte, aber nicht nur mit der Hand, sondern mit einem Arm und einem Bein. Dann ging er los, so, dass er immer das Harte und Glatte mit einem Arm und einem Bein spüren konnte.
Irgendwann stieß er gegen etwas Hartes. Es war nicht glatt und das „Aua!“ nur klein.
Nachdem dieses „Aua!“ weg war, tastete er dieses Harte ab. Dabei wurde ihm klar, wofür die Hände gut waren.
Das gefiel ihm.
Das neue Harte war gebogen. Einmal. Wie das Harte und Glatte an der Stelle, wo er sich drehen musste. Es war aber viel kleiner, so klein, dass es kaum größer war als eine seiner Hände.
Nachdem er sich eine Weile mit dem neuen Harten beschäftigt hatte, wurde es langweilig. Und er ging weiter.
Nach einer Weile fand er wieder etwas Hartes, das genauso zu sein schien, wie das Harte, was er zuletzt gefunden hatte.
Eine ganze Weile später hatte er sehr viele dieser neuen Harten gefunden. Genau 1000 Stück. Das wunderte ihn ein wenig, weil er dafür sehr viel mehr als 42 Schritte gehen musste, ohne das Harte und Glatte zum Drehen zu finden.
Das fand er etwas eigenartig.
Er dachte nach und fand heraus, dass Grenzen nicht immer da sind, wo er glaubte, dass sie sind. Entweder sind sie näher, das gibt „Aua!“, oder sie sind manchmal ganz weg.
Vielleicht.
Er überlegte, ob er sich drehen sollte, um dorthin zurückzukehren, wo er aufgewacht war. Doch dann wurde ihm klar, dass er gar nicht mehr wusste, wo das war. Die 42 konnte ihm da nicht mehr helfen.
Es war eine völlig neue Situation.
Und weil die 1000 Harten, nicht Glatten, aber Gebogenen, auch neu waren, beschloss er herauszufinden, wozu das gut war.
Er betastete das tausendste Harte, nicht Glatte, aber Gebogene. Er drückte dagegen und zog daran. Natürlich vorsichtig, wegen möglichem „Aua!“. Dann etwas kräftiger.
Aber es geschah: nichts.
Er dachte nach.
Jetzt hatte er in alle möglichen Richtungen gedrückt und gezogen, aber …
Plötzlich erkannte er, dass es noch mehr Richtungen gab, nicht nur die, in die er gehen konnte.
Und auf einmal bewegte sich das Harte, nicht Glatte, Gebogene.
Allerdings nicht nur das.
Sondern auch ein Teil des Harten und Glatten. Von ihm weg.
Und auf einmal wusste er auch, wozu die Augen gut waren.
Sie machten „Aua!“, ohne dass er sie berührte.
Auch dieses „Aua!“ wurde nach einer Weile weniger, vor allem, wenn er blinzelte.
Und auf einmal verstand er, dass die Augen zum Sehen gut waren.
Er drehte den Kopf und konnte den Raum sehen. Und die Stelle, wo er aufgewacht war. Und das Harte und Glatte dahinter. Allerdings lag die Stelle irgendwie durcheinander da auf dem Harten und Glatten unten. Er hatte den Verdacht, dass das damit zu haben könnte, dass er gesprungen war, um das Harte und Glatte über ihm zu finden, was er ja auch geschafft hatte.
Nun konnte er es auch sehen.
Sehen war also was Gutes.
Wer sehen kann, hat möglicherweise weniger „Aua!“, stellte er für sich fest.
Er drehte den Kopf wieder nach vorne und überlegte, was er jetzt tun sollte. Er konnte zwar sehen, aber er verstand nicht, was er sah. Zu beiden Seiten und nach unten war Glattes und Hartes. Vor ihm war auch Glattes und Hartes, aber anders. Viele kleine Glatte und Harte, jedes etwa so hoch wie seine Hand lang. Und sie waren auch nicht aufeinander, sondern versetzt. Sie waren so breit, dass sein Fuß vielleicht genau darauf passte.
Er probierte es aus.
Ja, es passte. Er konnte sogar beide Füße nebeneinander stellen, wie er herausfand.
Es gab viele von diesem Harten und Glatten, auf die er beide Füße stellen konnte.
Nur das Glatte und Harte oben gab es nicht mehr.
Also ging er los.

Die Klasse war lange still, nachdem ich die Erzählung beendet hatte. Das wunderte mich nicht, diese Reaktion kannte ich ja schließlich. Immer, wenn ich diese Geschichte erzählte, reagierten die Leute so.
Ich wartete geduldig, bis eins der Kinder die Hand hob.
Als ich nickte, fragte es: „Was ist hinter den anderen Türen?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete ich. „Die Türen sind für Menschen, nicht für Ideengeister. Es liegt an euch, das herauszufinden. Ich persönlich denke, dass es sehr unterschiedliche Dinge sein können. Vielleicht gute, vielleicht schlechte. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, die Türen zu öffnen.“