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Kitsch me

Interessiert beobachte ich die Leute, die zum ersten Mal den Namen des Cafés sehen, oft breit grinsen, manche lachen auch. Es sind nicht viele, aber es gibt Leute dabei, die finden den Namen auf eine spöttische Art und Weise lustig. Da ich Stammgast bei Kerstin bin, habe ich oft Gelegenheit, die Menschen beim Vorbeiziehen zu beobachten. Die Reaktionen sind erst einmal ziemlich ähnlich, wenn wir von denen absehen, die das Café glatt übersehen. Aber das kommt immer seltener vor, dafür häufen sich die Begebenheiten, bei denen das Café bereits bekannt ist. Und auch die Bemerkungen in der Art, dass das Café schon wieder voll und kein Platz frei sei. Aber das ist nun einmal so am Sonntag Nachmittag um drei Uhr. Montag Nachmittag um zwei gibt es noch freie Plätze und Kuchen und Kaffee, Kuchen freie Auswahl, kosten dann sogar nur fünf Euro. Warum wohl bin ich meistens am Montag da?

Aber ich weiche ab vom Thema. Ich denke nämlich gerade darüber nach, warum das Café eigentlich so heißt, wie es heißt: Café Kitsch. Schreckt „Kitsch“ die Leute nicht eher ab? Meine Beobachtung bei einigen Passanten scheint das zu bestätigen. Auf der anderen Seite gibt es viele andere, viel mehr andere, die offensichtlich begeistert sind. Die alte Weisheit, es nicht jedem recht machen zu können, gilt sicherlich auch hier, und mein Eindruck ist, dass ein kitschiges Café, verbunden mit einem gewissen Qualitätsanspruch, wie es so schön heißt, von mehr Leute geschätzt als abgelehnt wird.

Kitsch me. Genau, das ist es. Kitsch ist ja eine Philosophie, die genug hat von irgendwelchen Kunstwerken, die kein Mensch versteht, den Künstler eingeschlossen, von Kunstwerken, deren Deutungsvielfalt dazu führt, dass der werte Betrachter sich ganz doof vorkommt, weil er in einem leicht gekrümmten Strich einen leicht gekrümmten Strich sieht und keine Metapher für das Leben eines frisch gelegten Eis. Oder weil ein Fettfleck nur ein Fettfleck ist. Ein kleiner Porzellanengel weckt vielleicht Kindheitserinnerungen, lässt an Oma und Opa und besinnliche Tage bei ihnen um Weihnachten herum oder an den Adventswochenenden denken, nötigt aber keine emotionalen und verstandsmäßigen Auswringungen ab, um dann mit geheimnisvollem Gesicht zu nicken und dem Künstler, noch öfter dem Rezensenten, dem Kunstfachmann, das Gefühl zu geben, man hätte auch nur ansatzweise verstanden, was er einem gerade erklärt hat.

Nein, Kitsch ist schön einfach und oft auch einfach schön. Es macht das Leben nicht komplizierter, als es sowieso schon ist. Im Gegenteil, eigentlich macht es das Leben einfacher – und emotionaler. An einer schönen, kitschigen Wanduhr kann man sich ohne schlechtes Gewissen, die Bedeutung derselben nicht verstanden zu haben, erfreuen. Und nützlich ist sie, zumindest wenn Kitsch als Wanduhr an der Wand hängt, auch noch, außer am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung.

„Kitsch me“, sage ich also zu Kerstin, als sie kommt, um zu fragen, ob ich noch etwas möchte.

Sie sieht mich aus großen Augen an. „Soll ich Sie als Engel an die Wand hängen, Herr Mut, oder was meinen Sie?“

Ich denke kurz darüber nach, wie sich das anfühlen würde, dann schüttele ich den Kopf. „Ich glaube, auf Dauer wäre mir das doch zu langweilig. Ich habe gerade über Kitsch und Ihr Café nachgedacht, dabei kam mir der Gedanke, dass Kitsch irgendwo auch ein Synonym für Lebensfreude und Lebensgenuss ist. Kitsch me bedeutet dann so viel wie: Schenk mir Lebensfreude.“

„Das hört sich gut an“, sagt Kerstin. „Kann ich das vielleicht als Motto klauen?“

„Das müssen Sie nicht klauen. Ich bin doch ein Gedankengeist und ich schenke Ihnen ‚Kitsch me‘.“

„Oh, danke schön. Wenn Sie ein Gedankengeist sind, dann sind Sie doch irgendwie in allem hier drin, oder?“

„Ja, das bin ich“, bestätige ich. „Und jetzt möchte ich noch einen Kaffee. Keinen Kakao, auch nicht den zum Fliegen.“

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Chilli Zotter

„Kennen Sie schon Zotter?“
Ich sehe Vanesa irritiert fragend an. Dass sie Vanesa heißt, weiß ich ja von Kerstin, die mir in einer der wenigen ruhigen Minuten erzählt hat, dass sie gelegentlich aushilft, seitdem sie im Sommer nach einer Initiativbewerbung (was für ein schönes Wort) das Café kennengelernt und lieb gewonnen hat. Jedenfalls steht jetzt Vanesa neben mir und stellt seltsame Fragen. Oder jedenfalls eine seltsame Frage.
„Wen kenne ich?“
„Nicht wen, was!“, erwidert sie grinsend.
„Also, ich kenne Boomer aus dem Fernsehen, der sah immer etwas zottelig aus, aber mein Gefühl sagt mir, ihn meinst du nicht.“
Jetzt sieht sie mich irritiert an.
„Nicht so wichtig, das ist eine Fernsehserie aus der Zeit, als auf RTL die Anke Engelke noch ihr Unwesen trieb, damals ungefähr so alt wie du jetzt. Vielleicht bisschen jünger.“
„Aha. Wer ist Anke Engel?“
„Nicht so wichtig“, antworte ich lächelnd. „Ich glaube, du wolltest mir etwas mitteilen.“
Sie denkt kurz nach, dann sagt sie: „Ich wollte fragen, ob Sie Zotter schon kennen.“ Dabei deutet sie auf etwas, das auf dem Tisch steht und früher nicht da war. „Haben wir neu reinbekommen.“
Jetzt sage ich „Aha!“. Es sind kleine Karten im Visitenkartenformat auf einer Art Ständer, sodass man die einzelnen Karten umblättern kann. So ähnlich wie diese Tischkalender für Schreibtische, die aufgestellt werden. Sieht irgendwie niedlich aus. Und jetzt wird mir klar, dass Zotter eigentlich der Name einer Firma ist.
„Du willst mir Trinkschokolade verkaufen?“, frage ich Vanesa.
Sie nickt begeistert. „Genau! Wir haben richtig leckere Sorten! Zum Beispiel Bird’s Eye Chilli!“
„Das klingt, als würde man die Welt aus der Vogelperspektive betrachten, wenn man das Zeug getrunken hat, weil es so scharf ist.“
„Es schmeckt kräftig“, bestätigt sie. „Aber wir mussten noch keinen Gast von der Decke holen.“
„Wie beruhigend“, murmele ich. „Gibt es auch andere Sorten?“
„Selbstverständlich. Wir haben noch weiße Schokolade mit Vanillegeschmack, Nuss-Nougat, Milch Kakao und Honig-Zimt.“
„Habt ihr auch Kakao? Einfach nur Kakao?“
„Wir haben jetzt Zotter! Aber Milch Kakao ist im Prinzip wie Kakao.“
„Wahrscheinlich heißt er deswegen so, nicht wahr?“
„Genau!“
„Ich mag keinen Kakao, aber einen Kaffee nehme ich gern. Und einen Schokokuchen.“
Sie starrt mich entgeistert an. Schließlich sagt sie: „Wir haben heute keinen Schokokuchen.“
„Wieso habt ihr keinen Schokokuchen? Ich habe letztens doch auch Schokokuchen gegessen.“
„Wir haben nicht jeden Tag jede Sorte, dann müssten wir ja zwanzig verschiedene Kuchen haben. Aber wir haben Linzer Torte. Oder ofenwarmen Apfelkuchen vom Blech. Dazu passt Zotter Honig-Zimt übrigens ganz gut.“
„Ich will aber Kaffee“, sage ich langsam. Vielleicht habe ich vorhin zu schnell gesprochen, als ich meinen Wunsch geäußert habe, Kaffee zu trinken. „Oder habt ihr Kaffee auch nicht jeden Tag?“
„Doch, den haben wir natürlich jeden Tag.“
„Siehst du. Dann nehme ich Java. Ein Kännchen, bitte. Und dazu blechwarmen Ofenkuchen. Ach, du bringst mich ganz durcheinander. Ich meinte natürlich ofenwarmen Blechkuchen.“
„Mit Sahne?“
„Schmilzt der nicht auf dem ofenwarmen Kuchen?“
„Unsere Sahne nicht“, erwidert sie indigniert. „Also, Sie nehmen ein Kännchen Java und einen warmen Apfelkuchen? Keinen Zotter?“
„Nein! Keinen Zotter! Weder mit Chilli zum Fliegen noch mit Honig!“
„Okay.“ Sie entfernt sich hocherhobenen Hauptes.
Ich blicke mich um. Mittwochs um die Mittagszeit ist es nicht ganz so voll, nur an zwei weiteren Tischen sitzen Gäste, die unserer Unterhaltung offensichtlich amüsiert gefolgt sind. Eine Frau, etwa Anfang Vierzig, hebt ihr Glas in meine Richtung und sagt: „Schmeckt übrigens wirklich sehr gut, der Chillikakao.“
„Daran zweifle ich ja auch gar nicht. Und vielleicht muss man ja auch das Glas leertrinken, bevor man fliegen kann.“
„Ich finde Ihren Humor köstlich, Herr …“
„Mut“, stelle ich mich vor. „Ich bin Herr Mut.“
„Dann sollten Sie doch eigentlich kein Problem damit haben, mal etwas Neues zu probieren.“ Dann sieht sie mein Gesicht und fügt schnell hinzu: „Das haben Sie bestimmt schon oft gehört!“
„Zumindest nicht selten.“
Sie deutet auf Vanesa, die gerade vor der Mühle steht, um meinen Java zuzubereiten. „Sie haben die Arme ja ganz schön durcheinandergebracht. Ich glaube, alle, die Anke Engelke noch bei RTL erlebt haben, bekommen langsam Enkelkinder … Ups, entschuldigen Sie bitte.“
„Nichts passiert.“ Während ich das sage, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob Bird’s Eye Chilli damit etwas zu tun haben könnte, aber da auch Toll Schreiber gerne solche Fettnäpfe findet und der garantiert keinen Kakao, mit oder ohne Gewürze, trinkt, liegt es vermutlich nicht daran.
Die Anfangsvierzigerin nickt und widmet sich wieder dem Buch, das sie vom Ständer mit den Ansichtsexemplaren genommen hat. Wenn ich es richtig gesehen habe, ist es dieser neue Krimi. Irgendwas mit schachmatt. Zumindest irgendwas mit Schach. Rochade, oder so ähnlich. Mich interessiert so was ja nicht.
Ich will doch bloß meinen Kaffee.