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Herr Mut vermisst die Schokotarte

Als Ideengeist betrifft mich die Gefährdung durch ein Virus nicht, da Ideen nicht durch ein Virus zerstört werden können. Und Toll Schreiber ist für Viren ebenfalls uninteressant, er ist höchstens selbst eine Art Virus, da er sich von Buchstaben ernährt. Es wäre höchstens zu argumentieren, dass es von seiner Art nicht viele gibt, genau genommen weiß ich nur von ihm, insofern die Bücher keine bedrohte Art sind. Jedenfalls nicht durch jemanden, der Buchstaben wortwörtlich, nun ja, nicht verschlingt, aber irgendwie schon verspeist.

Also, was ich sagen will, Herr Schreiber und ich sind nicht direkt von dem Virus betroffen, aber indirekt natürlich schon, denn allein durch Linz zu gehen, ist nicht wirklich aufregend. Ich persönlich finde es am schlimmsten, dass auch das Café Kitsch geschlossen ist. Ich frage mich ernsthaft, wie lange ich auf meine heißgeliebte Schokotarte verzichten muss.

Ich glaube, ich mag dieses Virus wirklich nicht. Auf die Trinkschokolade Chili Bird´s Eye kann ich ja noch verzichten, zumal wenn ich bedenke, welche Auswirkungen sie letztes Jahr hatte.

Aber die Schokotarte? Nein, das geht wirklich nicht.

Ich bin dafür, dass wir dieses Virus jetzt mal abschaffen.

Natürlich weiß ich auch, dass es so einfach nicht gehen wird. Und da ich in meinem langen Leben wirklich richtig, richtig viel gesehen habe, darunter auch sehr unschöne Sachen, wünsche ich allen Menschen, dass diese herausfordernde Zeit eine Zeit wird, die Ihr, die Menschen, nutzt, um mal innezuhalten, durchzuatmen und nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Und nun treffe ich mich mit Herrn Schreiber auf eine Schachpartie. Ich gehe davon aus, dass wir dabei über Aktuelles sprechen werden. Sollte ausnahmsweise mal Herr Schreiber auch etwas Sinnvolles zu diesem Thema beisteuern, werde ich Euch darüber unterrichten.

Bis dahin, bleibt schön gesund. Wir lesen uns.

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1000 Türen

Als Ideengeist werde ich ab und zu gebeten, eine Schulklasse zu unterrichten. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich den Schülern die Geschichte von den 1000 Türen.

Ein Mensch wachte auf. Er konnte sich an gar nichts erinnern. Er wusste nicht seinen Namen, er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war. Er wusste auch nicht, ob es ihn vor seinem Aufwachen überhaupt gegeben hat. Nicht dass er sich das überhaupt gefragt hätte.
Er konnte nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren.
Er verweilte bei diesem Spüren. Sich spüren. Er spürte einen Körper. Er spürte Füße und Hände und bewegte diese. Dann spürte er Arme und Beine und bewegte auch diese. Da merkte er, dass Arme und Beine zu einem Oberkörper gehörten. Mit den Händen tastete er diesen ab und fand einen Hals. Dieser Hals endete am Kopf, den er nun auch betastete. Er spürte nun sein Kinn, seinen Mund, seine Nase und seine Ohren. Schließlich fand er seine Augen und öffnete diese.
Immer noch konnte er nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren und entdeckte seine Gedanken.
Und er fragte sich, wer er war. Er fragte, was er war. Er fragte sich, wozu die Hände gut waren. Doch dann erkannte er, dass er die Hände brauchte, um sich zu erkennen. So hatte er seinen Oberkörper entdeckt und seinen Kopf.
Da wusste er: Hände waren gut.
Und er fragte sich, wozu Füße gut waren. Es gelang ihm nicht, seinen Füßen eine Bedeutung zu geben, daher konzentrierte er sich auf den Rest von sich.
Er betastete erneut seinen Kopf und verweilte bei dem Mund. Er öffnete ihn und sagte:
„Ich.“
Das gefiel ihm, daher wiederholte er es einige Male: „Ich. Ich. Ich.“
Dann merkte er aber, dass es langweilig wurde. Er konnte etwas sagen, doch das bewirkte irgendwie nichts. Wozu also war es gut?
Er betastete als Nächstes seine Ohren und stellte fest, dass er das hören konnte, nicht nur spüren. Ohren waren also gut, sie konnten etwas: Sie konnten hören.
Er sagte wieder: „Ich.“ Das konnte er nun nicht nur sagen, sondern auch hören.
Das gefiel ihm.
Er betastete seine Augen. Das konnte er hören und spüren. Er konnte es so sehr spüren, dass er „Aua!“ rief und sich aufsetzte.
Er wusste jetzt, dass er den Oberkörper bewegen konnte. Und dass es nicht gut war, die offenen Augen zu berühren. Also schloss er sie und berührte sie vorsichtig. Das war nicht nicht gut, aber er war sich nicht sicher, ob es gut war.
Er drehte seinen Oberkörper. So konnte er feststellen, dass auch die Füße sich bewegen ließen. Doch als er sie auch zur Seite bewegte, sanken sie weiter nach unten als sein Oberkörper, bis sie doch wieder etwas Festes berührten.
Der Mensch wollte nun wissen, was er noch konnte. Irgendwann fand er heraus, dass er aufstehen konnte. Und sich wieder hinsetzen. Und wieder aufstehen.
Das machte er einige Male, bis es langweilig wurde.
„Was soll ich denn tun?“, fragte er sich.
Er bewegte die Hände und stellte fest, dass seine Füße doch ähnlich waren wie die Hände. Und so fand er heraus, dass er auch die Füße bewegen konnte.
Er ging.
Bis er gegen etwas stieß.
„Aua!“, rief er und setzte sich erschrocken hin.
Nach einer Weile wurde das Herumsitzen langweilig und er beschloss herauszufinden, was sich vor ihm befand. Er streckte daher vorsichtig die Hände aus, bis er etwas spüren konnte. Es war hart und glatt.
Er stand auf und bewegte sich tastend in einer Richtung. Vor ihm befand sich etwas Hartes und Glattes, aber neben ihm befand sich anscheinend nichts. Daher drehte er sich in diese Richtung, sodass er nur noch mit einer Hand das Harte und Glatte spüren konnte.
Dann ging er los.
Bis er wieder gegen etwas Hartes und Glattes stieß. Allerdings nur mit der freien Hand. So konnte er spüren, dass sich das Harte und Glatte sowohl vor ihm als auch neben ihm auf einer Seite befand.
Auf der anderen Seite befand sich nichts, also drehte er sich wieder und ging so weiter, dass eine seiner Hände das Harte und Glatte spüren konnte. Die andere Hand streckte er nach vorne aus, denn er wollte nicht, dass er wieder „Aua!“ schreien musste.
„Ich.“ war gut, „Aua!“ war nicht gut, das hatte er erkannt.
Dann schrie er: „Aua!“
Er war gegen etwas gestoßen, allerdings nicht mit der nach vorne ausgestreckten Hand, sondern mit den Beinen.
Nachdem er „Aua!“ nicht mehr spüren konnte, beugte er sich vor. Mit einer Hand hielt er neben sich das Glatte und Harte fest, mit der anderen Hand ertastete er den Grund von „Aua!“.
Ihm wurde klar, dass er an dieser Stelle aufgewacht war.
Nun konnte er das, worauf er aufgewacht war, tastend umgehen. Dahinter spürte er dann an der Seite wieder das Glatte und Harte und ging weiter.
Er streckte eine Hand nach vorne aus und mit den Füßen prüfte er jeden seiner Schritte, um nicht wieder „Aua!“ zu haben.
Auf diese Weise fand er wieder etwas Hartes und Glattes und drehte sich zu einer Seite. Nach drei weiteren Drehungen fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich dorthin, wo er vorhin schon gesessen hatte, und sagte leise: „Ich.“
Nach einer Weile des Herumsitzens kam ihm ein weiterer Gedanke. Er beugte sich nun solange vor, bis er etwas Hartes und Glattes spüren konnte. Mit den Händen und Füßen berührte er dieses Glatte und Harte und bewegte sich vorwärts, bis er mit dem Kopf gegen etwas anderes Hartes und Glattes stieß.
„Aua!“
Nach einer Weile drehte er sich zu einer Seite und ging weiter. Eine Hand streckte er dabei nach vorne, das erschwerte das Vorankommen ein wenig. Aber nun konnte er das Harte und Glatte spüren, ohne „Aua!“ schreien zu müssen.
Er drehte sich zweimal, dann fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich daneben und sagte: „Raum. Ich. Aua.“
Nun wusste er schon ziemlich viel, zumindest im Vergleich zu vorhin, als er aufgewacht war. Er wusste, dass er war. Er wusste, dass es Raum gab. Und er wusste, dass dieser Raum Grenzen hatte. Diese Grenzen nicht zu erkennen, bedeutete „Aua!“.
Er überlegte sich, dass dies ja schon eine Menge war.
Dann dachte er darüber nach, was er denn jetzt machen sollte. Sitzen bleiben? Das war gut gegen „Aua!“, aber irgendwie auch langweilig. Langweilig war nicht so schlimm wie „Aua!“, jedenfalls zuerst. Später war er sich dessen nicht mehr so sicher. „Aua!“ hörte nämlich auf, langweilig nicht. Vielleicht war „Aua!“ doch weniger schlimm als langweilig. Er konnte ja bisschen vorsichtig sein. Vorsichtig war gut, langweilig nicht.
Jedenfalls so seine Überlegung.
Dann erinnerte er sich daran, dass er lauter „Aua!“ schreien musste, wenn er auf Hände und Füßen ging und zuerst sein Kopf gegen das Harte und Glatte stieß, als wenn er nur auf Füßen ging. Das war auf jeden Fall weniger „Aua!“. Daraus schloss er, dass nur die Füße zum Gehen gedacht waren. Die Hände hatten demnach eine andere Bedeutung.
Er ging nun los, die Hände ausgestreckt. Dabei zählte er die Schritte. Als seine Hände das Glatte und Harte berührten, blieb er stehen. 42. Nun ging er 42 Schritte zurück und kam dort an, wo er aufgewacht war. Ohne „Aua!“.
Das war gut. Er freute sich.
Er drehte sich nach einer Seite und ging wieder los. Dabei zählte er. Bei 21 stieß er gegen das Harte und Glatte und schrie ganz laut „Aua!“, weil er die Hände nicht ausgestreckt hatte. Er war ja noch weit weg von 42.
Er ging 21 Schritte zurück. So fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war. Jetzt drehte er sich zweimal, sodass er das 21-Schritt-“Aua!“ hinter sich hatte. Er ging nun 20 Schritte und streckte die Hände aus.
Da war das Glatte und Harte.
Wieder was gelernt.
Er drehte sich zu der Seite, sodass er das 42-Harte-und-Glatte im Rücken hatte, streckte die Hände aus und machte einen Schritt.
Da war das Harte und Glatte.
Jetzt wusste er alles über den Raum, in dem er sich befand.
Bis auf eine Sache.
Gab es über ihm auch etwas Hartes und Glattes?
Er streckte die Hände nach oben, doch da war nichts.
Er dachte nach. Dann ging er zu der Stelle, wo er aufgewacht war, stellte sich darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Da war immer noch nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben, doch da war nichts.
Möglicherweise gab es da etwas in 42 Schritten, doch wie sollte er das bloß herausfinden?
Nachdem er eine etwas längere Weile nachgedacht hatte, kam ihm eine Idee. Er stieg von der Stelle, auf der er aufgewacht war, und tastete sie ab. Er stellte fest, dass sie länger als hoch war. Auch länger als breit.
Er versuchte, sie an einer Stelle anzuheben. Das ging. Er hob sie so lange an, bis sie höher als lang oder breit war.
Dann kletterte er darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Doch da war nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben und berührte etwas Hartes und Glattes.
Doch das sehr große „Aua!“ danach hatte mit diesem Harten und Glatten nichts zu tun, nur mit dem Harten und Glatten unter ihm.
Wenigstens wusste er jetzt, dass auch über ihm etwas Hartes und Glattes war. Dieses Wissen führte außerdem zu der Erkenntnis, dass es auch sehr große „Aua!“ geben konnte. Nicht jede Grenze war gleich großes „Aua!“. Das schien wichtig zu sein.
Nach einer Weile setzte er sich auf. Das „Aua!“ war nun nicht mehr so groß und wurde schnell noch kleiner.
Das tat jedenfalls gut, wie er herausfand.
Er saß eine Weile auf dem Harten und Glatten herum und fragte sich, was er denn nun tun sollte.
Schließlich sagte er sich: „Raum. Ich. Aua! Grenzen.“ Aber war da vielleicht noch mehr? Er kannte bisher nur die Grenzen von Raum und die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er stand auf und ging rückwärts, bis er das Glatte und Harte fand. Dann suchte er die Stelle, wo er aufgewacht war. Seltsamerweise berührte diese Stelle nicht das Harte und Glatte, was sie vorher noch getan hatte. Das verstand er nicht wirklich, beschloss aber, nicht weiter darüber nachzudenken.
Er drehte sich nun zu einer Seite, aber nicht mehr so weit, wie bisher, sondern nur halb so weit. Dadurch konnte er das Harte und Glatte neben sich nicht mehr berühren, als er losging, dafür konnte er nach 46 Schritten das Harte und Glatte mit beiden Händen spüren. Eigentlich konnte er zwei unterschiedliche Glatte und Harte spüren.
Nun ging er 46 Schritte zurück und drehte sich wieder, aber nicht nur halb. Dann ging er wieder 46 Schritte und spürte wieder zweimal das Glatte und Harte.
Allerdings war das alles, was er auf diese Weise herausfand.
Nun ging er nicht zurück, sondern stellte sich so, dass er auf einer Seite das Harte und Glatte spüren konnte, aber nicht nur mit der Hand, sondern mit einem Arm und einem Bein. Dann ging er los, so, dass er immer das Harte und Glatte mit einem Arm und einem Bein spüren konnte.
Irgendwann stieß er gegen etwas Hartes. Es war nicht glatt und das „Aua!“ nur klein.
Nachdem dieses „Aua!“ weg war, tastete er dieses Harte ab. Dabei wurde ihm klar, wofür die Hände gut waren.
Das gefiel ihm.
Das neue Harte war gebogen. Einmal. Wie das Harte und Glatte an der Stelle, wo er sich drehen musste. Es war aber viel kleiner, so klein, dass es kaum größer war als eine seiner Hände.
Nachdem er sich eine Weile mit dem neuen Harten beschäftigt hatte, wurde es langweilig. Und er ging weiter.
Nach einer Weile fand er wieder etwas Hartes, das genauso zu sein schien, wie das Harte, was er zuletzt gefunden hatte.
Eine ganze Weile später hatte er sehr viele dieser neuen Harten gefunden. Genau 1000 Stück. Das wunderte ihn ein wenig, weil er dafür sehr viel mehr als 42 Schritte gehen musste, ohne das Harte und Glatte zum Drehen zu finden.
Das fand er etwas eigenartig.
Er dachte nach und fand heraus, dass Grenzen nicht immer da sind, wo er glaubte, dass sie sind. Entweder sind sie näher, das gibt „Aua!“, oder sie sind manchmal ganz weg.
Vielleicht.
Er überlegte, ob er sich drehen sollte, um dorthin zurückzukehren, wo er aufgewacht war. Doch dann wurde ihm klar, dass er gar nicht mehr wusste, wo das war. Die 42 konnte ihm da nicht mehr helfen.
Es war eine völlig neue Situation.
Und weil die 1000 Harten, nicht Glatten, aber Gebogenen, auch neu waren, beschloss er herauszufinden, wozu das gut war.
Er betastete das tausendste Harte, nicht Glatte, aber Gebogene. Er drückte dagegen und zog daran. Natürlich vorsichtig, wegen möglichem „Aua!“. Dann etwas kräftiger.
Aber es geschah: nichts.
Er dachte nach.
Jetzt hatte er in alle möglichen Richtungen gedrückt und gezogen, aber …
Plötzlich erkannte er, dass es noch mehr Richtungen gab, nicht nur die, in die er gehen konnte.
Und auf einmal bewegte sich das Harte, nicht Glatte, Gebogene.
Allerdings nicht nur das.
Sondern auch ein Teil des Harten und Glatten. Von ihm weg.
Und auf einmal wusste er auch, wozu die Augen gut waren.
Sie machten „Aua!“, ohne dass er sie berührte.
Auch dieses „Aua!“ wurde nach einer Weile weniger, vor allem, wenn er blinzelte.
Und auf einmal verstand er, dass die Augen zum Sehen gut waren.
Er drehte den Kopf und konnte den Raum sehen. Und die Stelle, wo er aufgewacht war. Und das Harte und Glatte dahinter. Allerdings lag die Stelle irgendwie durcheinander da auf dem Harten und Glatten unten. Er hatte den Verdacht, dass das damit zu haben könnte, dass er gesprungen war, um das Harte und Glatte über ihm zu finden, was er ja auch geschafft hatte.
Nun konnte er es auch sehen.
Sehen war also was Gutes.
Wer sehen kann, hat möglicherweise weniger „Aua!“, stellte er für sich fest.
Er drehte den Kopf wieder nach vorne und überlegte, was er jetzt tun sollte. Er konnte zwar sehen, aber er verstand nicht, was er sah. Zu beiden Seiten und nach unten war Glattes und Hartes. Vor ihm war auch Glattes und Hartes, aber anders. Viele kleine Glatte und Harte, jedes etwa so hoch wie seine Hand lang. Und sie waren auch nicht aufeinander, sondern versetzt. Sie waren so breit, dass sein Fuß vielleicht genau darauf passte.
Er probierte es aus.
Ja, es passte. Er konnte sogar beide Füße nebeneinander stellen, wie er herausfand.
Es gab viele von diesem Harten und Glatten, auf die er beide Füße stellen konnte.
Nur das Glatte und Harte oben gab es nicht mehr.
Also ging er los.

Die Klasse war lange still, nachdem ich die Erzählung beendet hatte. Das wunderte mich nicht, diese Reaktion kannte ich ja schließlich. Immer, wenn ich diese Geschichte erzählte, reagierten die Leute so.
Ich wartete geduldig, bis eins der Kinder die Hand hob.
Als ich nickte, fragte es: „Was ist hinter den anderen Türen?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete ich. „Die Türen sind für Menschen, nicht für Ideengeister. Es liegt an euch, das herauszufinden. Ich persönlich denke, dass es sehr unterschiedliche Dinge sein können. Vielleicht gute, vielleicht schlechte. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, die Türen zu öffnen.“

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Das Flüstern

Als Ideengeist habe ich eine Menge erlebt. Wirklich sehr, sehr viel. Seit Jahrtausenden begleite ich die Menschen und könnte sicherlich viel dazu erzählen, was der Menschheit widerfahren ist – und was nicht, auch wenn es in den Geschichtsbüchern steht.

Doch ich gebe zu, das, was die Menschen derzeit erleben, ist etwas, das in dem Ausmaß, in der Bedeutung, darin, welche Auswirkungen es bereits hat und vermutlich noch haben wird, nicht so häufig vorgekommen ist bisher.

Ich kann nur sagen, es ist nicht das erste Mal, dass die Lebensgewohnheiten fast aller Menschen grundlegend verändert wird. Aber es ist selten. Ich bin kein Prophet, doch es ist bereits heute ganz klar, vieles wird sich verändern.

Ist das denn schlimm?

Nein, nicht unbedingt. Sicher, oft gab es Veränderungen, die waren nicht schön, doch häufig entwickelte sich etwas Gutes daraus. Ein Beispiel dafür ist der code civil. Fragt man die französischen Adligen, werden sie mir zustimmen, dass er sie ziemlich kopflos werden ließ. Denn den code civil, der bis heute das Justizsystem der Menschen maßgeblich beeinflusst, würde es ohne die Französische Revolution vielleicht nicht geben. Jedenfalls nicht in der Form, wie wir ihn kennen.

Derzeit geht ein Virus um die Welt. Eigentlich sind es viele, doch als Ideengeist darf ich da nicht zu sehr aus dem Nähkästchen plaudern, denn es ist uns nicht erlaubt, Euch Menschen zu viel zu verraten.

Aber ich darf Euch, das ist ja meine ureigene Aufgabe als Ideengeist, Anregungen geben. Ideen, sozusagen.

Die Erde hat sich überhitzt. Nicht wirklich, aber im übertragenen Sinne schon. Es hat also auch etwas Gutes, wenn die Menschen mal innehalten, nachdenken, in sich hinein horchen. Es spielt dabei nicht wirklich eine Rolle, warum sie es tun, wenn sie es nur tun. Dann ist es nicht wirklich von Bedeutung, ob das Virus wirklich so gefährlich ist, ob es Panikmache ist oder nicht, ob es eine Verschwörung ist oder nicht. Woher wollt Ihr wissen, dass es nicht mit Absicht so geschieht, wie es geschieht? Dass nicht mit Absicht diese Unsicherheit dabei ist, um Euch mal darauf aufmerksam zu machen, dass in Eurem Leben keine Sicherheit existiert? Das hat es noch nie und wird es auch nie.

Das Gefühl von Sicherheit ist trügerisch. Sehr trügerisch. Wie schnell sich das ändern kann, erlebt Ihr gerade. Und dafür genügt so ein kleines Virus, etwas DNA. So klein, dass noch nie jemand wirklich ein Virus gesehen hat.

Und dennoch vermag es die Erde zum Schweigen zu bringen. Und dennoch vermag es so viel Stille zu erzeugen, dass Ihr die Vögel wieder hören könnt. Es erzeugt so viel Stille, dass Ihr Euch selbst wieder hören könnt.

Ihr müsst dazu nicht einmal mehr schreien. Ein Flüstern genügt.

Hört hin, was Ihr Euch zu sagen habt. Nutzt diese Chance.

Jetzt.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

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Herr Mut ziert sich

Kerstin schaute mich fragend an, während ich fragend alles anschaute.
„Wie sieht es denn hier aus?“, entfuhr es mir unwillkürlich.
„Wie meinen Sie das? Und überhaupt, wo waren Sie die ganze Zeit?“
„Ach. Hier und da. Ich meine, hier sieht irgendwie alles anders aus!“
„Ja, das stimmt. Möchten Sie eine Trinkschokolade? Chili Bird´s Eye?“
Kerstin hatte manchmal schon einen schrägen Humor. Ich beschloss, darauf nicht einzugehen und setzte mich an den Tisch neben der Heizung.
„Götterdrink bitte“, sagte ich dann nur. „Und eine Schokotarte.“
„Mit oder ohne Sahne?“
„Ohne bitte.“
Während die Trinkschokolade vorbereitet wurde, machte sie meinen Teller mit der Schokotarte fertig und brachte ihn mir. Dann setzte sie sich auf die andere Seite des Tisches.
„Ich meine das ernst, Herr Mut. Wo waren Sie denn? Seit der Geschichte mit diesen komischen Geisterpiraten habe ich Sie nicht gesehen! Außerdem, wollten Sie nicht die Geschichte zu Ende schreiben?“
„Doch, schon“, murmelte ich mit vollem Mund. Ich liebte die Schokotarte! „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich tun sollte.“
„Wieso denn nicht?!“, fragte sie entgeistert. „Die Leute warten doch darauf!“
„Ja, schon. Aber ich mache keine so gute Figur dabei.“
„Okaaay … Das finde ich allerdings nicht. Wir haben doch sozusagen gewonnen, und daran waren Sie ja beteiligt.“
„Ja, schon. Aber das mit Lola …“
„Oh, das meinen Sie!“, rief sie breit grinsend aus. „Das war doch süß!“
„Süß?!“ Ich musste daran denken, wie Fiona jetzt ausrasten würde. Aber ich war ja nicht Fiona. Zum Glück. Obwohl sie die Piraten wahrscheinlich mit links erledigt hätte, mit ihren Feuerbällen und so. Na gut, sie hätte es vielleicht mit ihrem Mundwerk versucht und es geschafft.
Aber sie war nun einmal nicht dabei.
„Entschuldigung“, erwiderte Kerstin, immer noch grinsend. „Also ich bestehe darauf, dass Sie das zu Ende niederschreiben, und zwar möglichst zeitnah. Schaffen Sie das?“
„Ich glaube schon.“ Ich sah sie aus großen Augen an. Dass sie es wagte, mit einem Ideengeist so zu reden? Aber eigentlich hatte sie ja recht. „Ja, gut, ich mache das. Zeitnah.“
„Sehr schön“, sagte sie zufrieden und erhob sich. „Entschuldigen Sie, Herr Mut, ich muss mich um meine neuen Gäste kümmern. Genießen Sie die Tarte und die Trinkschokolade.“
„Danke“, murmelte ich, dann war sie auch schon weg.
Seufzend starrte ich mein Zotter-Glas an. Das wird bestimmt peinlich werden. Vielleicht sollte ich die Sache mit Lola einfach weglassen. War ja für die Geschichte eigentlich nicht so wichtig.
Erneut seufzend trank ich den Götterdrink aus, aß das letzte Stück von der Schokotarte, bezahlte und ging aufgewühlt aus dem Café. Die Erinnerung an Lola setzte alles in Bewegung.
Vielleicht sollte ich sie einfach mal besuchen?

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (4)

Ich musterte Lolas rote Stiefeln. Eigentlich waren es Stiefelchen. Vermutlich. Durch den langen Rock war es nicht genau zu erkennen, außer beim Gehen. Jetzt blieb sie aber stehen, damit Kerstin die Falltür hochziehen konnte.
Dann sah sie die Hexe an. „Sind Sie sicher, dass das hier richtig ist? Ich war noch nicht oft im Keller, aber da ist es einfach nur dunkel und dreckig.“
„So scheint es“, bestätigte Lola. „Aber Hexen sehen auch die Geheimtür.“
„Na gut. Ich glaube, ich erzähle Frau Niederée besser nicht, dass sich in ihrem Keller eine Geheimtür zu den Geheimgängen der Rheinhexen befindet.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte ich. „Lola, wollten Sie nicht den Gral holen?“
„Ach ja, doch.“ Sie fuhr herum und ging mit wehendem Rock in die Toilette.
Stiefeletten! Eindeutig! Rote! Und keine Strümpfe!
Herr Mut, sagte ich mir selbst, kann es sein, dass ihr Zauber bei dir wirkt?
Ich verfolgte diesen Gedanken aber nicht weiter, denn Lola kam mit etwas wieder, was sie in eine grüne Tüte mit Café Kitsch-Aufschrift gepackt hatte.
„Sehr unauffällig“, stellte ich fest.
„In Linz schon“, erwiderte sie lächelnd.
„Da haben Sie allerdings in der Tat recht, Lola.“
Kerstin verdrehte nur die Augen, das konnte ich selbst in der Dunkelheit sehen. Inzwischen war es acht Uhr abends, aber es schien nicht sicher auf den Straßen von Linz zu sein, daher war sie noch nicht nach Hause gegangen. Die Polizei war mit einer Lausprecherdurchsage durch die Stadt gefahren, mit diesem Inhalt. Zwar wusste ich, dass es sich anders verhielt, denn Geister können lebenden Menschen nicht so ohne Weiteres schaden, aber das war etwas, das wollte ich der Polizei nicht erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Kerstin meinte zwar, sie könnte einen Herrn Hüngsberg anrufen, aber ich hielt es für keine gute Idee. Sie sagte etwas von Polizei, aber das hielt ich aus erwähnten Gründen erst recht für keine gute Idee. Ich hatte meine Zweifel, dass die Polizei des 21. Jahrhunderts auf Flusspiraten auf dem Rhein in Deutschland vorbereitet waren. Jedenfalls auf diese Art von Piraten: Wikinger.
Da gefiel mir die Idee von Lola, ihrer Mentorin einen Besuch abzustatten, schon viel besser. Zumal sie irgendwo zwischen Dattenberg und Leubsdorf wohnen sollte.
„Was ist eine Mentorin?“, hatte sich Kerstin erkundigt. „Ich weiß natürlich, was eine Mentorin grundsätzlich ist, aber für eine Hexe?“
„Sie betreut mich, bis ich 100 und dann in den Bund der Rheinhexen aufgenommen werde“, erklärte Lola hilfsbereit.
„Ich bin ja mal gespannt, was sie zu Ihrer aktuellen Heldentat sagen wird“, bemerkte ich.
„Wie meinen Sie das?“ Lola starrte mich aus großen Augen an und ich beschloss, sie nicht mehr zu ängstigen. Und eine zarte, schwache Stimme in mir meinte noch, ich sollte aufpassen, ihr nicht zu verfallen.
Was ja schnell geschehen kann, bei einer so wunderschönen Verführungshexe.
Und nun standen wir hier am Kellereingang, genauer, am Kellerabgang, noch genauer, an den Stufen in ein dunkles, ungemütliches, schwarzes Loch.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Kerstin plötzlich.
„99.“
„Oh. Gut erhalten. Ich meine …“ Kerstin verstummte verlegen, bei ihr ein äußerst seltenes Phänomen.
Lola schien die Reaktion gewohnt zu sein und sagte nichts dazu. Sie holte ihr Handy hervor und schaltete die eingebaute Taschenlampe ein.
„Eine Hexe mit Handy … Das ist ungefähr so, als würde Superman mit dem Bus fahren.“
Lola sah mich strafend an. „Ich verkehre nicht nur mit Hexen, Herr Mut. Was würden meine menschlichen Freundinnen sagen, wenn sie plötzlich eine Stimme im Kopf hören würden?“
„Sie verkehren? So, so.“
„Herr Mut, so kenne ich Sie ja gar nicht!“, rief Kerstin erstaunt.
„Das liegt an mir, fürchte ich“, sagte Lola und senkte den Blick. „Ich … ich bin ja eine Verführungshexe und kann das nicht ausschalten.“
„Oh. Ich verstehe. Hoffentlich wirken Sie nur bei Männern.“
„Ja, tatsächlich. Für Frauen gibt es männliche Hexen.“
„Keine Frauen?“
Endlich verstand Lola. Leider war es dunkel, sonst hätten wir bestimmt sehen können, ob sie rot geworden war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, denn als Ideengeist hatte ich natürlich schärfere Sinne als eine Menschin wie Kerstin.
„Doch, das … das gibt es natürlich auch. Und Männer für Männer auch. Immerhin sind 33 % aller Menschen homosexuell.“
„33 %? Nicht 10 %?“
„Liebe Frau Litterst, wie sollen Menschen wissen können, wie viele Menschen tatsächlich homosexuell sind?“
„Davon habe ich keine Ahnung. Aber wie wissen es Hexen?“
„Wir … wir spüren es ja. Ich merke es sofort, wenn ein Mann immun gegen meine Verführungskünste ist.“
„Ach so. Ich schlage vor, wir beenden dieses Thema. Ihre Mentorin wartet.“
„Sie weiß doch gar nicht, dass wir kommen!“
Ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass Kerstin die Augen verdrehte. Dann zeigte sie stumm auf das dunkle, feuchte, dreckige Loch. Also auf den Keller.
„Wollen Sie vorgehen, Herr Mut?“, fragte Lola. „Ich leuchte Ihnen auch!“
„Nein, ist schon gut. Gehen Sie ruhig vor.“
Lola verabschiedete sich mit einem Nicken von Kerstin. Ich bekam eine Umarmung von ihr, zum ersten Mal. Aber die Situation war ja auch zum ersten Mal eine so außergewöhnliche. Da ging das schon mal.
Um alle Spuren zu verwischen, ließ Kerstin die Falltür wieder herab. Nicht ganz, denn sie war nie ganz zu, aber doch so, dass es noch dunkler wurde. Eigentlich ging das ja gar nicht, aber es war trotzdem so.
„Mist, mein Akku ist leer“, jammerte Lola.
„Ich bin begeistert“, erwiderte ich und holte mein eigenes Handy hervor. „Nehmen Sie das. Lola, müssten Sie als Hexe und Anwärterin für den Hexenbund nicht auch Licht zaubern können?“
„Doch“, hauchte sie.
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Warum nicht?“
Sie errötete. Schon wieder. Diesmal war ich mir ganz sicher.
„Schon gut, ich ahne es. Los, gehen Sie einfach vor, einverstanden?“
Sie nickte und wandte sich hinter der Treppe nach rechts. Für Menschen war da nichts, höchstens uneinladender Dreck, aber für eine Hexe gab es da eine Tür. Zu meiner Freude beherrschte Lola wenigstens solche elementaren Hexenkünste, wie eine magische Tür zu sehen und zu öffnen. Sonst hätten wir jetzt ganz schön im Dunkeln getappt. Wortwörtlich.
Während sich hinter uns die Tür wieder schloss, wanderten wir durch die recht enge Höhle, die aber wenigstens einen einigermaßen ebenen Boden hatte. In meinem langen Leben hatte ich schon ganz andere enge Höhlen erlebt. Das hier war sozusagen ein Spaziergang. Na ja, fast. Vor allem, weil der knöchellange, schwarze Rock von Lola recht eng um ihre Hüften anlag. Darin hatte er was gemeinsam mit der Höhle. Im Engsein.
Oh, Herr Mut, du drehst ja völlig ab …
Ich beschloss, dass es keine gute Idee war, sich in Lola zu verlieben. Nicht dass ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich war in meinem langen Leben ja oft verliebt gewesen, meistens in Menschen, was automatisch zu einer gewissen Halbwertszeit der jeweiligen Beziehung führte. Aber Lola war eine Verführungshexe, ich verliebte mich ja nicht wirklich in sie, ich reagierte lediglich auf ihre Zauberkraft. Natürlich war sie auch ungezaubert hübsch, aber das allein hätte sicher nicht ausgereicht, damit ich mich in sie verliebe. Und ihre Naivität, auf eine gewisse Art durchaus charmant und wirksam bei Männern, die gerne den Beschützer spielen, fand ich persönlich nicht sehr ansprechend. Mir waren intelligente, selbstbewusste Frauen lieber. Ohne magische Einwirkungen hätte ich mich noch eher in Fiona verlieben können, wobei ich von der lieber die Finger ließ. Sie war mir dann doch eine Nummer zu selbstbewusst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht daran glaubte, ich käme für sie überhaupt in dieser Hinsicht infrage. Auch wenn sie Herrn Schreiber quasi geküsst hatte, aber das war eine besondere Situation gewesen.
Wie jetzt auch.
Hm.
Plötzlich blieb Lola stehen. „Wir sind da“, sagte sie. „Also, nicht da, aber beinahe. Wir können jetzt nach draußen.“
Als ich nickte, öffnete sie eine Tür und wir traten aus der Dunkelheit in die Dunkelheit hinaus. Während sie mir mein Handy reichte, sah ich mich um. Dann erkannte ich den Ort.
„Wie passend“, stellte ich fest.
„Nicht wahr?“ Sie strahlte förmlich.
Ich sagte lieber nichts weiter zu. Hexen, die eine Tür zu ihrem gemeinsamen geheimen Höhlensystem direkt hinter einer Kirche bauen, die auch noch St. Walburgis heißt, was soll ich dazu noch sagen?
Lola drehte sich lachend um und ging los. Ich folgte ihr kopfschüttelnd.
Aber auf jeden Fall saß dieser Rock wirklich sehr eng um ihre Hüften.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

Vermutlich wollte dieser Jemand erreichen, dass wir aufspringen und weglaufen. Irgendwohin. Üblicherweise macht das Weglaufen wenig Sinn,wenn die Piraten kommen, sie sind dann bereits überall, kommen aus allen Richtungen. In meinem langen Leben hatte ich allerlei miterlebt, daher wusste ich das ganz genau.
Dennoch geschah nichts. Oder doch, etwas geschah doch. Lola und ich sahen uns an und Kerstin bemerkte es.
„Wissen Sie etwa, was hier passiert?“, erkundigte sie sich und wirkte wütend. „Piraten in Linz? In 2019? Ich hoffe wirklich sehr, dass dies keine Werbeaktion der Stadt ist, das wäre so dumm …“
„Ich bezweifle sehr, dass das eine Werbeaktion der Stadt ist“, erwiderte ich indigniert. „Trauen Sie so was wirklich TI zu?“
„Eigentlich ja nicht“, erwiderte Kerstin. „Aber was ist es dann?“
„Piraten“, sagte Lola.
„Ja, das habe ich auch gehört. Aber in Linz gibt es keine Piraten! Und auf dem Rhein auch nicht!“
„Nicht mehr“, entgegnete ich, während ich nach draußen lauschte. Es war beunruhigend ruhig.
„Ja, natürlich. Es finden ja auch keine Hexenverbrennungen mehr statt!“
„Zum Glück!“, entfuhr es Lola.
Kerstin musterte sie misstrauisch. „Wer sind Sie überhaupt?!“
„Lola Sunny. Ich unterrichte …“
„Das sagten Sie schon! Aber wer sind Sie wirklich?“
Lola sah mich hilfeheischend an, das entging Mrs Kitsch natürlich nicht.
„Herr Mut, Sie wissen etwas und sagen es mir nicht!“
„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte ich. „Ich …ich weiß nur, dass Lola eine Hexe ist. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass ich Ihnen das nicht verraten sollte, aber im Anbetracht der Umstände …“
Sie nahm es erstaunlich gelassen auf. „Dann ist sie eben eine Hexe. Aber was hat der Lärm zu bedeuten?“
Während ich mit den Schultern zuckte, bemerkte Lola kleinlaut: „Ich fürchte, daran bin ich schuld.“
„Wie bitte?!“ Ich starrte sie an. „Was haben Sie getan?“
Kerstin sagte nichts, aber ihr stechender Blick ruhte auf der Hexe. Alle anderen Gäste beobachteten uns gespannt. Draußen ging hastigen Schrittes jemand her. Ich glaube, es war eine Mitarbeiterin von Lohner´s, war mir aber nicht ganz sicher. Sie wirkte besorgt, aber nicht so verängstigt, wie sie eigentlich hätte sein müssen, wenn es stimmte, was ich dachte, wo der Knall herrührte. Und mein Gefühl sagte mir, dass Lola dasselbe dachte. Und dass sie sogar wusste, warum das geschah, was geschah.
„Ich glaube, ich habe den Gral gefunden. Also, nicht den aus der Artus-Sage, sondern den Gral der Rheinhexen. Zuerst war es mir gar nicht klar, was es …“
„Den Gral der Rheinhexen?“, wiederholte ich entsetzt, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Was haben Sie damit getan?“
„Mitgenommen“, antwortete sie bekümmert. „Ich weiß, das war wohl dumm, aber …“
„Wo ist er jetzt?“, unterbrach ich sie streng. Verführungshexen reden gerne viel und ständig, diese hier war da wohl keine Ausnahme, aber wir befanden uns in einem Ausnahmezustand, dessen war ich mir zunehmend sicher.
Sie deutete nach hinten.
„In meiner Küche?!“, fragte Kerstin entgeistert.
„Auf dem Hof“, korrigierte die Hexe, noch bekümmerter, falls das überhaupt möglich war.
„Sie Wahnsinnige!“, rief ich aus.
„Kann mir jemand mal erklären, was daran so schlimm sein soll? Und was dieser Gral der Rhein… Rhein…“
„Rheinhexen“, sagte Lola hilfsbereit. „Der Gral der Rheinhexen. Ich … ich habe einfach nicht über die Folgen nachgedacht!“
„Haben Sie denn überhaupt nachgedacht?“, fuhr ich sie aufgebracht an.
„Herr Mut, so kenne ich Sie gar nicht!“ Kerstin sah mich äußerst erstaunt an.
Lola sagte nichts, sie sah mich nur an, aber nicht äußerst erstaunt, sondern äußerst niedergeschlagen. Ihr wurde offenbar immer klarer, was sie angerichtet hatte.
„Sie hat den Gral hergebracht“, erklärte ich ruhig.
„Ja, er liegt nun auf dem Hof. Habe ich verstanden. Und, was ist so schlimm daran?“
„Sie könnte Soger geweckt haben. Das würde jedenfalls die Fliegenden Rheinschiffe erklären, denn er befehligt diese. Und er ist … war ein Pirat. Eigentlich ein Wikinger. Wie auch immer, als Tulla den Rhein begradigen ließ, verschwanden die Fliegenden Rheinschiffe plötzlich. Es hieß, durch die vielen Veränderungen kamen die Piraten nicht mehr klar. Anscheinend haben sie 200 Jahre lang geübt, denn nun sind sie wohl da. Und daran ist nur diese Verführungshexe schuld!“ Ich starrte die braunhaarige Hexe strafend an, die unter meinem Blick immer kleiner wurde.
„Das … das wollte ich ja nicht …“, sagte sie leise.
„Jetzt mal langsam“, sagte Kerstin und ignorierte die entsetzten Gesichter der anderen Gäste, die im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass Wesen unter ihnen weilten, die nur scheinbar wie sie, also Menschen, waren. Schließlich kannte Kerstin mich ja schon lange genug. „Selbst wenn das stimmt, mit dem Gral und so, warum sollten die Piraten deswegen plötzlich hier auftauchen?“
„Weil sie schon seit über 1000 Jahren danach suchen“, erklärte ich seufzend. Das gefiel mir gar nicht, wie sich das hier entwickelte.
Dabei war es erst der Anfang.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (1)

Es war ein schöner Frühlingstag, aber man kann nicht sagen, er wäre etwas Besonderes gewesen. Der letzte Tag des Aprils und der April verabschiedete sich, wie er gekommen war: etwas launisch. Mir als Ideengeist war das vergleichsweise egal, doch ich konnte nachvollziehen, dass die Linzer Geschäftsleute, am Rhein, nicht an der Donau, gegebenenfalls noch auf der Donau, das schöne Wetter herbeisehnten. Gleichwohl, fairerweise sollte erwähnt werden, dass wenn es darauf ankam, unser lieber Petrus (natürlich nur eine Sagengestalt, aber irgendwie faszinierend) ein Einsehen hatte. Das Wetter sowohl während des Altstadtfestes als auch zu Ostern war in diesem Jahr ausgesprochen angenehm, wie ich fand.
Ich schlenderte gemütlich und frohgelaunt durch das Rheintor, über den Burgplatz, dabei den Brunnen flüchtig inspizierend, auf das neue Café Reinartz zu und ging schließlich ins Café Kitsch, das um diese Zeit nicht ganz voll war. Das Frühstücksgeschäft war wohl schon vorbei, das Kaffeegeschäft noch nicht am Laufen, wobei ich mir nicht sicher war, ob am letzten Tag das Aprils viele Leute Kaffee trinken gehen wollten. Vielleicht hatten einige ja auch Angst vor den Hexen, durchaus unberechtigterweise, denn sie fliegen selten am helllichten Tag durch die Gegend. Aber wer weiß das schon?
Kerstin war, von anderen Gästen abgesehen, allein. Sie kam sofort an meinen Tisch und sagte: „Sie trinken heute Chili Bird´s Eye!“
„Nein!“
„Doch! Ist ganz ungefährlich! Ich soll Ihnen von Frau F., deren Namen ich aus Datenschutzgründen nicht nennen darf, ausrichten, dass man davon wirklich nicht herumfliegt!“
„Frau F. hat das gesagt? Wo?“
„Auf Facebook!“
„Auf Facebook?“
„Auf Facebook!“
Ich starrte Kerstin an, aber sie erwiderte den Blick mühelos.
„Die Milch schäumt bereits auf“, ergänzte sie nach einer Weile des Augenduellierens.
„Na schön. Aber wenn Frau F. und Sie sich irren und ich …“
„Tun wir nicht!“ Nach einem letzten grimmigen Blick zog sie zufrieden los, um die Trinkschokolade zuzubereiten.
Hilfe! Ich sollte wirklich diese ominöse Trinkschokolade probieren? Woher wollen die denn alle wissen, ob sie auf einen Ideengeist wie mich dieselbe Wirkung hat wie auf Menschen?
Ich übte mich in Tiefenatmung, um ruhig zu werden. Dabei blickte ich nach draußen und dachte darüber nach, was ich alles kenne, das herumfliegt. Von dem, was dies natürlicherweise tut, natürlich abgesehen.
Der Fliegende Holländer, ganz klar. UFOs. Superman. Gelegentlich Fiona. Und die Fliegenden Rheinschiffe. Diese sind weniger bekannt als der Fliegende Holländer, aber es gibt sie tatsächlich. Auch wenn ich schon ziemlich lange keins mehr gesehen habe, obwohl sie sogar unter dem Radar fliegen können, oder wie das heißt. Mit der modernen Technik kenne ich mich nicht ganz so gut aus, als ich mich das letzte Mal ernsthaft mit ihr beschäftigt habe, schickte Verne die „Nautilus“ über die Weltmeere. Vielmehr, durch die Weltmeere.
Kerstin kam mit meiner Trinkschokolade, die eigentlich ganz normal aussah. Das Glas schwebte auch nicht über dem Tablett, eigentlich ein gutes Zeichen, wie ich fand. Vielleicht würde ich den heutigen Tag doch überleben.
„Bitte schön!“, sagte Kerstin, während sie das Tablett vor mir auf den Tisch stellte. „Ihr Flugticket. Ich meine, Ihre Trinkschokolade, Herr Mut! Nur Mut!“
Ich sah sie irritiert an, aber sie grinste nur. Das machte mich unsicher. War das etwa eine Falle, die zuschnappte, sobald ich den ersten Schluck nahm? Noch sah das Ganze harmlos aus, aber die Trinkschokolade war ja auch noch säuberlich eingepackt.
Sollte ich wirklich mein Leben riskieren für eine Trinkschokolade?
„Nur Mut, Herr Mut!“, wiederholte Kerstin. „Was soll schon passieren, im schlimmsten Fall?“
„Ich fliege durch Ihr Café.“
„Dann halte ich Sie an den Füßen fest, bis Sie Ihre Herumfliegerei beenden. Aber das passiert schon nicht.“
Ich holte tief Luft und nahm den Riegel in die Hand.
Hätte ich es bloß nicht getan.

(Fortsetzung folgt)

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Herr Mut und der Osterhase

Es ist Ostern und der Sommer beginnt. Nicht ganz in dieser Reihenfolge, doch man kann schon sagen, wenn man heute in Linz, am Rhein, verweilt, dass es sommerösterlich zu werden verspricht, über die Feiertage anlässlich Osterns. Und das ist auch gut so, denn war der Winter zwar nicht hart im eigentlichen Sinne, aber vielleicht gerade deswegen schwerer zu ertragen als die meisten bisher, und als Ideengeist habe ich manchen Winter erlebt. Dieser Winter war kalt und ungemütlich und das, was sonst den Winter schön und reizvoll macht, Schnee, Kälte, lange Spaziergänge, während der Sonnenschein in der Schneedecke sich spiegelt, all das fehlte heuer. Ach ja, da merkt man schon, ich war auch viel in Österreich unterwegs, gelle? 😉

An dieser Stelle muss ich mir selbst Einhalt gebieten, denn diese Kolumne soll doch eigentlich das Positive, das Schöne am Leben hervorheben, nicht dem Gejammere dienen. Zumal Letzteres gar nicht typisch für mich ist. Ideengeister sind überwiegend positiv dem Leben gegenüber eingestellt, das ergibt sich schon zwangsläufig aus der Tatsache, dass wir Ideengeister sind. Ideen und so.

Was ich damit sagen will: Eigentlich möchte ich an dieser Stelle über meine kürzliche Begegnung mit dem Osterhasen berichten. Böse Zungen behaupten zwar, den gebe es gar nicht, doch ich weiß das besser. Erstens bin ich ein Ideengeist und zweitens habe ich erst gestern mit ihm gesprochen.

Das kam so:

Ich hatte vor, Kerstin mal wieder einen Besuch abzustatten, bevor es am Karfreitag wieder bei ihr voll wird. Deswegen wollte ich den Gründonnerstag für den Besuch nutzen. Leider kam ich nicht bis ganz zu ihr, weil ich, wie bereits erwähnt, dem Osterhasen begegnet bin. Und das ist immer fürchterlich anstrengend, weil der Osterhase ist meistens fürchterlich aufgeregt und fürchterlich im Stress, erst recht so kurz vor Ostern. Ich meine, ich kann das ja verstehen, ich wäre wohl auch im Stress, wenn ich ein paar Millionen Eier verstecken müsste.

Aber er hat es ja so gewollt. Niemand hat ihn gezwungen, diesen Job zu machen. Der Osterbär hätte ihn ja auch übernommen. Aber nein, der Osterhase musste unbedingt laut „Hier!“ schreien, als jemand für diesen Job gesucht wurde. Selbst schuld, kann ich da nur sagen.

Der Osterbär, im Café Kitsch, solange der Vorrat reicht

Wie dem auch sei, er stand unschlüssig vor „Die Kneipe“ herum, als ich auf dem Weg zu Kerstin war. Ich kam gerade von oben, über den Marktplatz, sonst wäre ich dem Osterhasen gar nicht begegnet. Und als Ideengeist konnte ich ihn nun einmal nicht übersehen, im Gegensatz zu allen Menschen. Er ist für sie nicht unsichtbar, so ist das nicht, sie könnten ihn sehen, wenn sie nur wollten. Aber sie wollen halt nicht. Weil es ihn für sie halt nicht gibt, und Menschen sind sehr gut darin, Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen, weil es sie nicht gibt. Ihrer Meinung nach. Da gibt es viele Dinge. Das ist wie mit den Indianern, die die Schiffe von Kolumbus zuerst auch nicht sehen konnten, weil sie Schiffe nicht kannten. Ist zwar nur eine urban legend, aber es hätte tatsächlich so passieren können.

Aber ich schweife schon wieder ab, und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen wollte. Ach so, ja, der Osterhase. Der stand also vor „Die Kneipe“ herum und machte einen irgendwie durstigen Eindruck.

„Was tust du denn da?“, erkundigte ich mich freundlich.

„Nachdenken.“

„Aha. Worüber denn?“

„Ob ich ein Bier trinken soll.“

„Du bekommst eh keins.“

„Und wieso nicht?“

„Weil niemand außer mir hier dich sieht?“

„Da hast du recht.“ Er ließ den Kopf hängen. „Holst du mir ein Bier?“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Weil du dann schon wieder Ostereier, die mit Alkohol gefüllt sind, verteilst. Erinnerst du dich nicht mehr daran, was das vor 150 Jahren für einen Aufstand gab deswegen? Der Boss war ziemlich sauer.“

„Ach ja. Da hast du recht. Na dann mal Tschüss.“

„Tschüss.“

Traurig ging er von dannen.

„Hey, Osterhase!“, rief ich ihm hinterher.

„Ja?“ Er drehte sich nicht einmal um.

„Am Ostermontag gehen wir einen trinken, einverstanden? Bis zum nächsten Jahr wirst du deinen Rausch ja ausgeschlafen haben!“

„Supi!“, rief er erfreut. „Du bist der beste Ideengeist, den ich kenne!“

„Wie viele kennst du denn?“

„Einen!“ Und dann rannte er davon.

Ich kratzte mich am Kopf. Warum war ich eigentlich hier? Leider fiel es mir erst wieder ein, als ich wieder zu Hause war. Und als ich heute Morgen bei Kerstin vorbei schaute, war es da so voll, dass ich sie lieber nicht stören wollte.