Herr Mut versteht die Welt (nicht) 4. Teil

Nachdem wir den Aufstieg geschafft hatten, standen wir nun vor der Haustür. Im Haus selbst war es dunkel.
„Gehört das Haus Lisa?“, erkundigte ich mich, während Kongar den Schlüssel hervorholte.
„Ja, ihrer Familie. Ich glaube, es gehört ihrer Großmutter.“
„Sieht aus, als würde sonst niemand hier wohnen“, stellte Lola fest.
„Das ist richtig, die Wohnung oben ist nicht vermietet.“
„Wieso nicht?“, hakte ich nach, während wir die edel ausgestattete Diele betraten.
“Weil sie wohl auch von der Familie genutzt wird, wenn ich Lisa richtig verstanden habe. Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht interessiert und deswegen habe ich nicht nachgefragt.”
“Mich interessiert es auch nur, weil ich nicht möchte, dass plötzlich jemand von denen in der Tür steht”, erklärte ich. “Wir dürften gar nicht hier sein und du hättest die Polizei rufen müssen.”
“Ich weiß”, antwortete Kongar niedergeschlagen. “Aber wie hätte ich denen meine Anwesenheit erklären sollen? Die Polizei würde wissen wollen, wer ich bin.”
“Das ist ein Problem”, gab ich zu. “Manchmal habe ich den Eindruck, du weißt es selbst nicht so genau. Nun denn, wir müssen wohl zu Ende bringen, was wir begonnen haben.”
Ich ging in die Küche, die recht modern und ansehnlich eingerichtet war. Und sie war erstaunlich sauber, als wäre sie noch nie benutzt worden. Das passte zu dieser ganzen Angelegenheit, die an sich schon sehr erstaunlich war. Ich berührte die Edelstahlplatte des Blocks in der Mitte, um den herum Hocker standen und dessen Mittelpunkt ein Induktionsherd bildete. Ich fand das etwas unpraktisch, doch dann fiel mir auf, dass es sich dabei wohl nur um einen Zweitherd handelte. Vielleicht war das eine Art Koch-Raclette. Jedenfalls gab es auch einen Hauptherd, der sich vor dem Fenster befand. Der Backofen, ungewöhnlich groß, war in einen der Schränke eingebaut. Ich öffnete ihn und schaute hinein. Alles glänzte und strahlte und ich war mir immer sicherer, dass hier noch nie etwas benutzt wurde. Oder, auch gut möglich, es gab eine Putzfrau, die über magische Fähigkeiten verfügte. Möglicherweise handelte es sich dabei um die Herrin von Arbeitszwergen, gleichwohl wäre es sehr ungewöhnlich, dass sie in einem trotz allem gewöhnlichen Haus arbeiteten, wenn es denn so gewesen wäre. Arbeitszwerge sind teuer, aber ungemein effektiv und werden für gewöhnlich in Schlössern und Burgen eingesetzt.
Im Wohnzimmer sah es ähnlich gepflegt und sauber aus, wenn man von den Spuren eines Kampfes absieht, die Kongar nur unvollständig beseitigt hatte. Der Teppich wirkte, als wäre er vor Kurzem bewegt worden, und als ich ihn zur Seite zog, entdeckte ich darunter eine getrocknete Blutlache.
Ich sah Kongar an. “Da hättest du Lisa auch gleich hier liegen lassen können. Wo ist sie überhaupt?”
“In der Badewanne.”
“In der Badewanne?” Lola und ich blickten uns an. “Wieso in der Badewanne?”
“Ich habe sie in kaltes Wasser gelegt, damit sie nicht verwest.”
Ich schloss kurz die Augen. Es gab mal eine Zeit, da fand ich Kongars Naivität sogar amüsant, aber in der Zeit vor Christus fiel er damit möglicherweise weniger auf als zu heutigen Zeiten. Ganz sicher bin ich mir dessen, dies gebe ich durchaus zu, allerdings nicht. In jedem Fall fand ich es in diesem Moment sogar erschreckend. Ich erhob mich, denn ich hockte noch in der Haltung, aus der heraus ich den Teppich zur Seite gezogen hatte, und begab mich ohne ein weiteres Wort in das Badezimmer. Dieses war für die Verhältnisse eines Einfamilienhauses ungewöhnlich groß, als wäre hier ursprünglich eine Schwimmhalle geplant worden. Auch die Badewanne hatte größere Ausmaße als Badewannen in Deutschland zu haben pflegten, und in diesem Fall war es ein ausgesprochenes Glück, sonst hätte Kongar die recht große Lisa hinein falten müssen. So fand sie bequem darin Platz. Ihre Augen waren geöffnet und allein die Tatsache, dass aus ihrem leicht geöffneten Mund keine Luftblasen aufstiegen, zeugte davon, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilte. Auch in dieser etwas kompromittierenden Lage ließ sich ihre ehemalige Attraktivität erkennen. Ihre blonden Haare reichten ihr vermutlich in stehender oder sitzender Haltung bis zu den Schultern und die Augen waren grün, nun allerdings leicht verschleiert. Sie wirkte schlank wie eine Läuferin.
Ich betrachtete sie nachdenklich, bis Lola zu mir trat und einen Arm um mich legte.
“Worüber denkst du nach, Herr Mut?”, erkundigte sie sich.
“Darüber, wieso sie unseren Kongar eigentlich sehen konnte, als andere Menschen hierzu nicht in der Lage waren. Ich habe davon gehört, dass es das geben soll, wenn auch recht selten.”
“Du hast schon davon gehört?”, fragte Lola überrascht.
“Ja, in der Tat. Das kann vorkommen, wenn ein Mensch eine Nahtoderfahrung gehabt hat, in deren Verlauf er lebenden Geistern wie uns begegnet ist. Ich bin allerdings noch niemandem mit dieser Gabe begegnet.”
“Leider hat sie mir den Grund ihrer Gabe nicht verraten”, erklärte Kongar. “Ich muss zugeben, ich habe sie nur einmal danach gefragt und sie gab mir eine Antwort, die ich heute als ausweichend ansehen würde. Jedoch kamen wir später nicht mehr dazu, die Frage zu erörtern.”
“Weil sie tot war?”, fragte Lola.
“Nein …”
“Ach so, ich vestehe!”
Ich verließ das Badezimmer wieder und schaute noch kurz in das Schlafzimmer, wo sich keine neuen Erkenntnisse ergaben. Ich wünschte in diesem Augenblick, ich hätte die besondere Gabe eines Sherlock Holmes oder wenigstens Hercule Poirot, doch leider gehörten dererlei Fähigkeit nicht zu den Besonderheiten eines Ideengeistes. Ideen hätte ich genug gehabt, doch die waren alle derart abwegig, dass ich sie nicht einmal zu Ende denken wollte.
“Hatte sie eigentlich Verwandte? Oder war sie verheirate?”, fragte Lola plötzlich.
“Von einem Ehemann ist mir nichts bekannt. Über ihre Familie haben wir nicht gesprochen. Aber … aber ich erinnere mich, wie sie ein Telefongespräch mit ihrer Großmutter führte.”
“Vielleicht finden wir die Nummer ja in ihrem Handy”, bemerkte ich. “Weißt du, wo es ist?”
“Ja.” Kongar trat zu einer Kommode und reichte mir von dort das Mobiltelefon. Lola nahm es entgegen und entsperrte es. Auf meine hochgezogenen Augenbrauen hin lächelte sie. “Es gibt einige junge Hexen, die wissen, wie man ein Smartphone magisch entsperrt. Sie haben es mir gezeigt.”
“Lass das die Geheimdienste nicht wissen.”
“Ich werde mich hüten. So, was haben wir denn hier?” Sie blätterte durch die Anrufliste. “Sehr viele Anrufe sind es nicht. Wann war das mit dem Anruf?”
“Vielleicht vor zwei Wochen?”
“Okay … Da haben wir es auch schon. Oma Anna. Ich denke, sie wird es sein. Ich rufe sie mal an.”
Ich öffnete zwar den Mund, um ihr zu sagen, dass wir uns vielleicht vorher darüber absprechen sollten, was sie ihr sagt, doch da wählte sie bereits und hielt das Handy ans Ohr. Ich schloss meinen Mund wieder und sie lächelte mir zu. Was für ein jugendlicher Übermut! Hoffentlich bringt er uns nicht in Schwierigkeiten.
“Ja, guten Tag, hier ist Lola, nicht Lisa. Bitte nicht erschrecken, ich rufe für Lisa an. Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass sie bitte dringend herkommen möchten. Wohin? Ach so ja, nach Linz, in das Haus.” Sie lauschte einen Moment. “Ja, ich werde es ihr ausrichten. Ja, bis dann.”
Sie legte auf und reichte das Handy an Kongar, der sie anstarrte.
Ich starrte sie auch an. “Du hast sie angelogen!”
“Hätte ich ihr denn am Telefon sagen sollen, dass ihre Enkelin ermordet in ihrer Badewanne liegt?”
“Das wäre nicht so gut gewesen”, gab ich zu. “Was hat sie denn gesagt?”
“Dass gleich jemand kommt, sie selbst könnte nicht so schnell, weil sie aus Köln käme, aber jemand wäre in der Nähe.”
“Hat sie auch gesagt, wer?”
“Ja, sie meinte, ihre Mutter Kassandra.”
“Ihre Mutter? Also die Mutter von Lisa?”
“Nein, Lisas Urgroßmutter.”
“Die Großmutter von Lisa schickt Lisas Urgroßmutter, weil sie selbst lange braucht?”
Lola zuckte die Achseln. “Wir werden es ja gleich sehen …” Sie unterbrach sich, weil es an der Tür klingelte. Da sie telefoniert hatte, ging sie zur Tür, während ich schnell den Teppich wieder über den Blutfleck schob.
Kurz darauf kam Lola zurück. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, und als Lisas Urgroßmutter ihr folgte, wusste ich auch, wieso. Uroma Kassandra sah aus wie 40, hatte lange, schwarze Haare und dunkelbraune Augen.
Und, was wir alle drei spüren konnten, sie war definitiv keine Normalsterbliche. Vermutliche eine Elfe.
“Was ist hier los?”, fragte sie statt einer Begrüßung mit funkelnden Augen. “Wo ist Lisa?”

Herr Mut versteht die Welt (nicht) 3. Teil

Wir trafen uns in der Außengastronomie von Alt Linz. Drinnen ging es ja ohne Test nicht und zwei Geister und eine Hexe testen? Die Gesichter der Tester hätte ich gerne gesehen. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was für Ergebnisse dabei herausgekommen wären. Aber ganz sicher keine, die die Tester schon mal erlebt hatten. Obwohl … Es ist natürlich möglich, dass sich irgendwelche Spaßvögel aus der nichtmenschlichen Abteilung haben bereits testen lassen. So oder so, ein Test hätte bei uns einfach nichts ausgesagt und um Komplikationen aus dem Weg zu gehen, wählten wir die Außengastronomie.
Es klingt komisch, aber Geister können essen. Hexen sowieso. Sie müssen nicht, aber sie können. Eine kleine Ausnahme ist Toll Schreiber. Er kann zwar auch, wie er Fiona mal verriet, aber er muss aufpassen, denn es bekommt ihm unter Umständen nicht. Bis auf Buchstaben, natürlich. Da gibt es keine Grenze für ihn. Aber es ist halt Toll Schreiber.
Ich wählte die berühmte Currywurst, Kongar nahm Schnitzel „Spezial“ und Lola den Salatteller „Bunte Stadt“. Passend zum Ort des Geschehens.
Während wir auf das Essen warteten, musterten sich Kongar und Lola gegenseitig. Das wunderte mich nicht. Auf ihre Art sind beide besondere Vertreter ihres Geschlechts, Lola außerdem ja auch noch eine Verführungshexe. Sie wirkte ein wenig exotisch mit braunen, langen Haaren und den schwarzen Augen. Mit den vollen, roten Lippen sowieso. Kongar ist klein, kleiner als ich. Unter 1,70, denke ich. Er hat schwarze, gelockte Haare, ein schmales Gesicht. Das Kinn ist sehr ausgeprägt. Und er hat braune Augen. In den etwas über 2.000 Jahren seines Lebens haben sich sehr viele Frauen davon … beeinflussen lassen, wie er aussieht. Teilweise hatte ich das mitbekommen.
„Das ist Kongar“, erklärte ich Lola. Und ihm: „Das ist Lola, eine Verführungshexe.“
„Ich weiß“, nickte Kongar. „Die Geschichten über die Rheinpiraten habe ich gehört, so auch die über Lola.“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Darüber wird geredet?“
„In unserer Welt schon“, erwiderte er lächelnd.
Ich nahm mir vor, darauf zu achten, dass ihre Hexenkraft nicht auf ihn wirkte. Wenn es nicht schon zu spät war. Vielleicht wirkte es auch gegenseitig. Das wäre die ultimative Katastrophe gewesen.
„Also gut, warum sind wir hier, Kongar?“ Ich musste die beiden irgendwie aus der gegenseitigen Trance holen.
„Ach ja.“ Er seufzte und fummelte am Besteck herum. Dabei lag es doch schon perfekt. Er war nervös. Ziemlich nervös sogar. Das konnte nichts Gutes bedeuten, was wiederum mich etwas nervös machte. Ich hatte zu viel mit ihm erlebt, um nicht zu wissen, dass es nie ein gutes Ende nahm, wenn er nervös wurde.
„Jedenfalls“, fuhr er fort, „als ich davon hörte, beschloss ich, auch mal hierher zu kommen. Das ist jetzt einige Monate her, aber ich habe euch nicht angetroffen.“
„Du hättest ja auch damals schon eine Nachricht schicken können“, bemerkte ich.
„Ja, das ist wahr. Aber ich kam nicht dazu, denn ich bin Lisa begegnet.“
„Lisa?“, wiederholte ich.
Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich.
„Oh, eine unglückliche Liebesgeschichte!“, rief Lola begeistert.
Unser Essen wurde gebracht und Kongar wartete, bis Ute wieder außer Hörweite war.
„Sie ist tot“, sagte er dann.
„Tot?“ Schon wieder wiederholte ich ihn. Das war auf jeden Fall kein gutes Zeichen. „War sie denn ein Mensch?“
„Das weiß ich nicht so genau, denn sie konnte mich sehen.“
„Du meinst, auch, als du unsichtbar warst?“
Er nickte erneut.
“Wie ist sie denn gestorben?”
“Sie hat eine kleine Wohnung hier in Linz, irgendwo da oben. Da fand ich sie vorhin … Ist wohl schon einen halben Tag inzwischen her. Ich … ich war völlig durcheinander. Deswegen rief ich dich. Mir fiel sonst niemand ein.”
“Ich finde das interessant, dass nur unsere Freundschaft zwei Jahrtausende überdauert hat.”
Er starrte mich an. “Meistens waren es Menschen, und die sind schon lange tot. Nun auch Lisa.”
“Entschuldige. Welcher Art war denn eure Freundschaft?”
“Ich denke, wir haben uns ineinander verliebt …”
“Und wer hat sie getötet?”, erkundigte sich Lola.
“Das weiß ich nicht.” Kongar stocherte lustlos in seinem Essen herum.
Mir fiel meine Currywurst ein und ich begann zu essen. Dafür könnte man mich für gefühllos halten, doch die Wahrheit ist, dass ich in meinem langen Leben viel zu oft dem Tod begegnet bin, als dass er für mich noch einen besonderen Schrecken hätte. Zumal ich ja weiß, dass er auch nur eine weitere Station für die Seelen ist. Kongar weiß das selbstverständlich auch, doch mir war klar, dass es Momente im Leben gibt, in denen man das vergisst. Auch wenn Lisas Seele in der Verborgenen Welt weiterlebt und in einigen Jahrhunderten wieder eine Manifestierung in der Gefrorenen Welt erleben sollte, so war das für Kongar in jener Zeit kein Trost.
“Das heißt, sie ist getötet worden?”, fragte Lola.
“Ja, sie wurde erstochen.”
“Selbstmord schließt du aus?”, hakte ich nach.
“Von hinten.”
“Das wäre dann wohl eine umständliche Art des Selbstmords”, stellte Lola fest. “Das tut mir ja so leid für dich!”
Kongar seufzte. “Es ist zum Verzweifeln, wie oft ich Pech habe mit den Frauen.”
Ich zog die Augenbrauen hoch. “Du hast Pech? Ich denke, Lisa würde es eher so sehen, dass sie Pech hat.”
“Du weißt, wie ich das meine.”
Das stimmte, das wusste ich wirklich. Dennoch fand ich seine etwas selbstbezogene Sicht nicht angemessen, jedoch sah ich keinen Sinn in einer Diskussion. Zumal es dringendere Fragen zu klären gab.
“Wir müssen in die Wohnung und uns das selbst ansehen, wenn wir dir helfen sollen, Kongar”, sagte ich. “Du findest die Wohnung?”
“Selbstverständlich. Ich habe ja einen Schlüssel, auch wenn ich keinen bräuchte. Aber sie wollte es so. Sie meinte, das wäre romantischer.”
“Ich glaube eher, sie wollte nicht, dass du einfach in der Wohnung erscheinst. Ich denke, Menschen mögen das nicht.” Kongar sah mich an, dann seufzte er wieder. Irgendwie tat er mir schon leid, aber das nützte jetzt gerade nichts. Auch wenn Kongar keine Gefahr von den Behörden drohte, mussten wir etwas unternehmen. Aus mehreren Gründen, denn einerseits wollte ich nicht, dass unnötig viele Menschen von seiner Existenz und damit von der Existenz der Geister erfuhren, andererseits wollte ich ausschließen, dass er mehr damit zu tun hatte, als er es zugab. Wenngleich ich diese Möglichkeit für eher unwahrscheinlich hielt, konnte ich nicht sicher sein. Schließlich wussten wir zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nichts über diese Geschichte, und es musste einen Grund dafür geben, dass Lisa ermordet wurde. Jedenfalls fand ich es interessant, dass sie keine Unsterbliche war, aber dennoch unsichtbare Geister sehen konnte. Dafür gab es sehr wohl eine mögliche Erklärung, doch diese wollte ich erst abklären.
“Hast du noch jemandem etwas erzählt?”, erkundige ich mich.
“Nein, ihr seid die Ersten.”
“Gut. Wir essen zu Ende und danach gehen wir in die Wohnung.”
Kongar nickte, sah allerdings nicht so aus, als wenn er Hunger hätte. Das war durchaus verständlich, anscheinend für Lola auch, denn sie fragte ihn, ob sie sein Essen haben dürfte und als er nickte, tausche sie die Teller und machte sich über das Schnitzel her. Wäre sie ein Mensch und keine Hexe gewesen, hätte ich gefragt, wo sie all das hintut, denn bei ihrer Größe von 165 cm und dem flachen Bauch konnte ich mir keine medizinisch begründbare Lagermöglichkeit in ihrem Körper vorstellen. Wenn ich es mir recht überlegte, konnte ich es mir auch nicht medizinisch nicht vorstellen, aber so ist das eben mit der Illusion.
Nachdem sie fertig war, bezahlten wir und machten uns auf den Weg. Wir nahmen den menschlichen Weg, wir gingen zu Fuß, da wir keine unnötige Aufmerksamkeit erregen wollten. Lola und Kongar sorgten auch so schon für mehr als genug Aufmerksamkeit allein mit ihrem Aussehen. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob sich nicht einige Leute an sie erinnerten. Zwar kamen weder sie noch ich in den Presseberichten über die seltsamen Irren aus dem Frühjahr 2019 vor, als diese wie Wikinger verkleidet in Linz ihr Unwesen trieben, aber ich schätze, einige Leute haben uns gesehen. Und Lola ist nun einmal nicht unauffällig. Sie weiß vermutlich gar nicht, wie das geht, unauffällig zu sein. Das widerspräche völlig ihrem Wesen als Verführungshexe.
Nachdem wir die Altstadt durch das Neutor verließen, blieb Kongar stehen.
“Ich weiß nicht, ob ich das kann”, sagte er.
“Wenn du willst, dass der Mord aufgeklärt wird, dann wirst du leider müssen”, erwiderte ich. “Ohne dich können und wollen wir das nicht tun.”
“Ich weiß”, nickte er. “Also gut, gehen wir.”
Wir überquerten die Asbacher Straße und setzten auf der anderen Seite unseren Weg fort. Und damit nahm das Unheil seinen weiteren Verlauf. Zu jenem Zeitpunkt hätte ich immer noch weglaufen können, aber wie hätte ich es ahnen sollen, was auf mich zukam?
Was auf uns zukam.

Herr Mut versteht die Welt (nicht) 2. Teil

Es hatte vor sehr langer Zeit begonnen. Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende, waren seit dem ersten Mal vergangen. Als ich damals Kongar kennenlernte, war er ein junger Erzähler mit einem recht bescheidenen Repertoire, was sich zwangsläufig als Folge seiner Jugend ergab. Später kamen immer weitere Geschichten hinzu, die er zu erzählen wusste. Erzählgeister leben ewig, oder zumindest sehr lange, genau wie Ideengeister, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt wurden. Wie die Geburt eines solchen Geistes, also auch meine, vonstatten geht, das weiß niemand so genau. Vielleicht, weil es auch niemanden wirklich interessiert. Es hat keine besondere Bedeutung, und Geburtstage feiern wir sowieso nicht. Den 1001. Geburtstag? Nein, das macht für uns wirklich keinen Sinn.
Nun, da ich es gewahr wurde, als Kongar plötzlich da war, konnte ich davon ausgehen, dass ich älter war. Ich wurde so was wie sein väterlicher Freund. Oder wie der ältere Bruder. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Ich begleitete ihn und erzählte ihm von der Welt. Und er hörte zu, damit er später erzählen konnte.
Kurz bevor das Christentum seinen Siegeszug antrat, also kurz vor der Zeit, zu der die Geburt Jesu datiert wurde, verloren wir uns aus den Augen. Um ehrlich zu sein, wir brauchten eine Pause voneinander. Nach etwa 30 Jahren gemeinsamer Zeit gingen wir uns gegenseitig ziemlich auf den Keks, um das mal neuzeitlich auszudrücken. Welche Ehe hält schließlich schon 30 Jahre? Sicher, das kommt vor. Und wir waren ja nicht einmal verheiratet, unsere Beziehung war rein platonisch.
Ich will nicht lügen und behaupten, ich hätte nie die Liebe mit einem Mann ausprobiert. Wenn man Jahrtausende auf der Erde weilt, gibt es wenig, was man nicht ausprobiert. Ich habe gelernt, dass die Liebe weder Geschlecht noch Alter kennt, wenngleich eine Art Gaus´sche Verteilung existiert, aus der sich erkennen lässt, dass die gegenseitige Anziehungskraft zwischen Mann und Frau am stärksten ist. Doch das hat mehr mit Statistik als Biologie zu tun. Normal im statistischen Sinne mag die Liebe zwischen unterschiedlichen Geschlechtern sein, moralisch lässt sich daraus nichts ableiten, außer vielleicht, dass unmoralisch handelt, wer glaubt, er wüsste, was richtig und was falsch ist. Das ist unmoralisch, weil dieser Irrtum viel Leid über die Menschheit gebracht hat. Jeder Krieg entsprang der Idee, die Wahrheit gepachtet zu haben, um das mal so salopp zu formulieren. Doch es gibt keine Wahrheit, deren Halbwertszeit mehr als höchstens einige Jahrhunderte beträgt. Was heute als wahr gilt, wird in 500 Jahren bereits überholt sein.
Doch zurück zu Kongar, denn er trug maßgeblichen Anteil daran, dass Lola und ich so unerwartet bei Kerstin aufgetaucht waren.
Kongar war, wie bereits angedeutet, ein Erzählgeist. Doch kein Geist lebt allein von seiner Berufung. Und Kongar liebte nicht nur das Erzählen, sondern auch die Frauen und den Wein. In dieser Reihenfolge, zumindest meistens. Das brachte ihm öfters Ärger ein, ungeachtet der Tatsache, dass seine Unsterblichkeit ihn vor schlimmeren Folgen bewahrte. Sonst wäre er schon allein in unserer gemeinsamen dreißigjährigen Zeit mindestens einmal im Jahr gestorben – hingerichtet, vom gehörnten Ehemann erschlagen, erstochen … Er war halt nicht sehr zurückhaltend, um das mal vorsichtig auszudrücken.
Man konnte nicht sagen, er wäre ein Schönling gewesen. Gewiss, eine gewisse Attraktivität war ihm durchaus zueigen, doch es gab viele sehr viel attraktivere Geister männlichen Geschlechts. Und natürlich auch männliche Menschen gab es auch einige, die, wäre es nur nach dem Aussehen gegangen, vor ihm hätten bevorzugt werden müssen. Doch wer glaubt, Frauen wäre das Aussehen das Wichtigste, irrt und kennt Frauen nicht besonders gut. Frauen lieben Humor, Geisteswitz, Aufrichtigkeit und dann, an vielleicht hundertster Stelle, auch das Aussehen.
Umgekehrt sähe die Liste en detail etwas anders aus, doch prinzipiell verhielte es sich ähnlich, nur mal so angemerkt.
Wie dem auch sei, Kongar verfügte über einige der wichtigeren Eigenschaften, und das verhalf ihm durchaus zu einigen nennenswerten Erfolgen. Wenn nur die anderen Männer nicht gewesen wären.
Ich war schon immer eher der Vernunft als dem Vergnügen zugewandt. Also, meistens. Überwiegend in meiner langen Lebenszeit. Bis auf einige, teilweise nicht sehr rühmliche, Ausnahmen, die an dieser Stelle unbedeutend sind. Des vollständigen Bildes wegen wollte ich das dennoch erwähnt haben.
Wenn jemand, und sei er auch ein Geist, so lebt wie Kongar, bleibt es nicht aus, dass man sich mit der Zeit einige Feinde ansammelt. In den meisten Fällen erledigen sich diese von selbst, weil die Feinde irgendwann sterben. Damals eher früh als spät, eingedenk der deutlich niedrigeren Lebenserwartung als heutzutage. Nicht so glücklich fügt es sich, wenn man mal Wesen verärgert, deren Leben auch über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende geht. Deren Feindschaft kann einen dann durchaus lange begleiten und für die eine oder andere Unannehmlichkeit sorgen.
Kongar hatte dieses Kunststück problemlos fertiggebracht. Und eine Auswirkung davon war, dass er mich im Jahre 2021 kontaktierte, nur knapp 2.000 Jahe nach unserer letzten Begegnung.
Ich war, wie man sich vorstellen kann, etwas verwundert. Meine Verwunderung hielt sich dennoch leidlich in Grenzen, denn trotz der langen Zeit konnte ich mich lebhaft an Kongars Art erinnern. Und, um ehrlich zu sein, fühlte ich mich immer noch freundschaftlich mit ihm verbunden. Schließlich hören sich 2.000 Jahre für einen Sterblichen sehr lang an, für einen Ideengeist aber eher wie “Oh, so lange ist es schon her?”.
Erstaunter war ich eigentlich, als der Name Linz am Rhein fiel.
Es war eine Gedankennachricht, die mich von Kongar erreichte, auf die ich nicht antworten konnte. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht genau, wie lange die Nachricht unterwegs gewesen war, als sie bei mir ankam. Stunden? Tage? Monate? Jahre?
Sie war auch nicht besonders lang: “Brauche Hilfe! Komm bitte nach Linz am Rhein! Dringend!”
Nun ist es nicht sehr sinnvoll, in einer Gedankennachricht von dringend zu sprechen, denn man weiß nie im Vorfeld, wann die Nachricht den Empfänger erreichen wird. Aber für den Fall, dass sie nur kurze Zeit unterwegs war, beschloss ich, dringend nach Linz am Rhein zu gehen. Bei dieser Gelegenheit freute ich mich auf das Wiedersehen mit Lola. Und natürlich auch mit Kerstin.
Wie vorhin erwähnt, wünschte ich schon bald, ich hätte einen ganz, ganz großen Bogen um Linz gemacht. Aber da war es bereits viel zu spät.

Herr Mut versteht die Welt (nicht)

Als ich das Café von Kerstin betrat, war sie verständlicherweise ziemlich erstaunt.
“Herr Mut, mit Ihnen habe ich gar nicht mehr gerechnet!”, rief sie.
“Ja, ich war ziemlich lange nicht mehr in Linz”, erwiderte ich. “Das tut mir ja auch leid. Aber, um ehrlich zu sein, ohne das Café gab es keinen Grund für mich, nach Linz zu kommen.”
“Das kann ich mir nicht vorstellen”, sagte sie, während sie ihre Maske zurechtzupfte. “Übrigens, ich weiß ja, dass Sie unsterblich sind und Ihnen Corona nichts anhaben kann, aber das wissen die Passanten nicht. Es wäre mir lieb, wenn Sie Ihre Maske aufsetzen würden. Das tut mir leid.”
“Mir auch. Doch keine Sorge, niemand außer Ihnen sieht mich.”
“Oh! Dann denken die Leute ja, ich führe Selbstgespräche!”
Hm. Das war natürlich auch nicht das, was ich wollte. Seufzend holte ich also meine Notfallmaske hervor und setzte sie auf. Dann wartete ich einen Augenblick ab, in dem niemand am Geschäft vorbei ging und machte mich sichtbar.
“Lola wollte sowieso gleich kommen, die kann sich nicht unsichtbar machen. Daran habe ich vorhin nicht gedacht. Ich finde es übrigens sehr schade, dass es das Café nicht mehr gibt.”
“Ich auch”, nickte sie. “Aber bei den aktuellen Auflagen geht es im Moment einfach nicht.”
“Nun, irgendwann kommen auch andere Zeiten”, sagte ich, obwohl ich es eigentlich besser wusste. Nicht dass ich in die Zukunft sehen könnte. Aber ich kenne die Menschen. Es wird noch sehr lange dauern, bis die “besseren Zeiten” kommen. Was ich Kerstin natürlich nicht verriet. Keinem Menschen verriet ich es. Mit Lola sprach ich gelegentlich darüber. Es ist ja nicht so, dass die schlechten Zeiten 2020 angefangen hätten. Sie zeichnen sich schon seit Jahrzehnten ab. Um ganz genau zu sein, Menschen und gute Zeiten schließen sich gegenseitig aus. Menschen brauchen das Drama wie die Luft zum Atmen, das haben sie in den letzten Jahrtausenden immer wieder eindrücklich gezeigt.
Doch das ist nichts, worüber ich mit Kerstin oder einem anderen Menschen sprechen würde. Mit Fiona ja, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch und weiß das alles sowieso auch ohne mich.
“Ich hoffe es”, bemerkte Kerstin. “Sprechen wir doch von etwas Schönerem! Treffen Sie sich zum ersten Mal mit Lola seit dieser Geschichte, die so viel Aufsehen erregt hat?”
“Nein, wir sehen uns häufiger. Sie ist ja inzwischen lizenzierte Hexe.”
“Lizenziert?” Kerstin wirkte verwirrt.
“Sie hat ihre Einweihung geschafft, sie ist ja letztes Jahr 100 geworden.”
“Ach so! Das war gerade nur Ihr ganz spezieller Humor!”
“So speziell ist er doch gar nicht”, protestierte ich. “Einen speziellen Humor hätte ich, wenn ich behaupten würde, ich verstünde die Welt. Das wäre sehr speziell.”
“Inwiefern?”
“Weil ich in Wahrheit die Welt eben nicht verstehe?”
“Verstehen Sie die Welt wirklich nicht? Irgendwie verstehe ich Sie grad nicht, Herr Mut.”
Ich seufzte. Anscheinend hatte ich Kerstin ungewollt etwas durcheinandergebracht. In letzter Zeit schaffte ich es häufig, die Menschen durcheinanderzubringen. Es war ja auch wirklich nicht schwer, wenn man bedenkt, welches mediale Höllenfeuer auf sie einprasselte. Nach dem Verschwinden Trumps aus dem Weißen Haus wurde es zwar minimal besser, aber inzwischen schwappt die höchste Welle der Neuzeit an Informationsüberflutung über die armen Menschen. Natürlich nicht überall auf der Erde, aber speziell in Deutschland ist es besonders schlimm. Nicht nur dort, aber dort eben besonders. Vielleicht wollen die Deutschen verhindern, jemals wieder so uninformiert zu sein wie zu Zeiten des Nationalsozialismus. Ich habe nur das Gefühl, sie übertreiben es ein wenig.
“Die Art des Umgangs mit Corona ist aus der Perspektive eines Unsterblichen etwas eigenartig”, erklärte ich. “Ich habe mich darüber auch mit anderen unterhalten. Mit Lola, zum Beispiel. Oder Toll Schreiber. Und einigen anderen … Wesen, die Corona eigentlich überhaupt nicht betrifft, weil ein Virus ihnen grundsätzlich nichts anhaben kann. Vampire, Werwölfe sind auch darunter. Eigentlich. Denn indirekt betrifft es sie dadurch, dass die Menschen ihre Art zu leben gerade verändern und plötzlich nach einem Virus ausrichten. Für Wesen wie uns ist das etwas überraschend, da wir ja wissen, dass es Viren schon länger als Menschen gibt. Dieses Corona-Virus ist ja nicht das erste seiner Art, aber das erste, das so eine Aufmerksamkeit erfährt. Und ich frage mich, was passieren würde, käme es zu einem Ausbruch mit einem richtig gefährlichen Virus, dessen Sterblichkeit bei 20 oder 50 % oder mehr liegt. Solche Viren gibt es ja durchaus. Natürlich, dann würde die Pandemie ganz anders ablaufen, denn innerhalb kurzer Zeit würde die Hälfte der Menschheit aussterben und die andere Hälfte hätte keine Zeit für mediale Panikreaktionen. Sie wäre mit dem Überleben beschäftigt. Eigentlich ist Corona ein Geschenk, denn die Menschen können das Gefühl haben, Teil einer besonderen Geschichte zu sein, wie sie diese sonst aus Katastrophenfilmen kennen, ohne sich wirklich in Gefahr zu befinden.”
“Okay”, sagte Kerstin nach einem Moment. “Ich bin etwas überrascht, das von Ihnen zu hören. Ihnen kann man ja schließlich nicht vorwerfen, zu den Querdenkern zu gehören.”
“Doch”, erwiderte ich. “Allerdings zu den echten.”
“Ja, natürlich”, sagte sie lächelnd. “Die Querdenker aus den Medien sind nicht unbedingt klassische Querdenker. Aber ich habe das Gefühl, Sie verstehen die Welt schon sehr gut!”
“Vielleicht. Vielleicht hat es aber nur damit zu tun, dass ich die Menschen schon seit Jahrtausenden begleite. In gewisser Weise wiederholt sich alles. Im Moment zum Beispiel baut sich eine Stimmung auf, die ich damals zu Beginn der Hexenverfolgung gespürt habe. Natürlich ist es nicht dasselbe, aber dieselbe Stimmung. In solchen historischen Momenten geht es immer um Sündenböcke, die eine Masse an Menschen braucht, um die Illusion zu haben, die Welt zu verstehen, um nicht das Gefühl der Hilflosigkeit und der Unsicherheit, der Ungewissheit, ertragen zu müssen. Dafür ist sehr vielen Menschen alles recht.”
“Wow! Aber sind wir nicht zu zivilisiert inzwischen?”
“Das wissen Sie doch besser, Kerstin. Denken Sie doch allein daran, was im ehemaligen Jugoslawien passiert ist, nachdem die Umklammerung der Sowjetunion wegfiel. Hatte das etwas mit Zivilisation zu tun? Oder schauen Sie sich den Nahen Osten an. Dort waren die Menschen mal viel weiter als in Europa. Und jetzt?”
“Ich verstehe durchaus. Aber bedeutet das, es gibt gar keine Hoffnung?”
“Selbstverständlich gibt es Hoffnung. Die gibt es immer. Das genau ist das Prinzip der Hoffnung. Es geht darum, dass die Menschen gerne Gewissheit und Sicherheit hätten und nicht akzeptieren wollen, dass es beides niemals geben wird. Sie sind ein Teil der Welt, nicht ihre Herren und Beherrscher. Es gibt unendlich viel außerhalb dessen, wovon die Menschen jemals auch nur wissen werden. Gleichzeitig wurden sie damit bestraft, neugierig zu sein und planen zu wollen, alles unter Kontrolle haben zu wollen.”
“Bestraft? Von wem? Von Gott?”
“Nun, ich könnte jetzt sagen, von den Göttern. Sie wissen, was ich meine. Und vielleicht stimmt das auch in gewisser Weise, obwohl die sich eher auf Fiona eingeschossen haben. Nein, eigentlich bestrafen sich die Menschen selbst damit. So, da kommt ja Lola!”
Wir schauten beide zur Eingangstür, durch die Lola tänzelnd ankam und dann schnurstracks zu Kerstin ging, um sie zu umarmen. Ich überlegte kurz, ob ich eingreifen sollte, doch dann verzichtete ich darauf. Von draußen beobachtete uns ja niemand und es gab keine Gefahr. Lola konnte weder krank werden noch irgendein Virus übertragen. Viren und Magie vertragen sich nicht besonders gut.
Danach zog mir Lola die Maske herunter und gab mir einen Kuss. Anschließend richtete sie meine Maske wieder und streifte selbst auch eine über. Schwarz, mit einer Hexe vorne drauf, die auf einem Besen durch die Gegend fliegt.
“Das ist keine FFP2-Maske, scheint mir”, bemerkte Kerstin.
“Nein, sie ist nur verhext!”
“Verhext?”
“Ja, nur für Hexen.”
“Ach so. Sie haben sich mit Herrn Muts Humor infiziert. Wenigstens ist das ungefährlich.”
“Da bin ich mir nicht so sicher”, erwiderte sie schelmisch. “Herr Muts Humor beeinflusst alle, die davon angesteckt werden. Die Welt wird bunter und chaotischer.”
“Wie bitte?!”, fragte ich.
“Ja, ich glaube, sie hat recht”, bestätigte Kerstin. “Nun, ich habe noch Chili Bird´s Eye da. Möchten Sie eine Trinkschokolade zum Mitnehmen, Herr Mut?”
“Nein! Eine Schokotarte würde ich eher nehmen.”
“Das geht leider nicht. Im Moment müssen Sie darauf verzichten. Sagen Sie beide mal, Sie sind doch nicht nur wegen mir nach Linz gekommen, oder?”
“Das stimmt”, antwortete ich zögernd. “Ein Freund von mir hat mich um einen Gefallen gebeten und wir haben die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, um Münchhausen gleich uns beide nach Linz zu ziehen.”
Die beiden schauen mich etwas irritiert an.
“Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich”, sagte schließlich Lola. “Übrigens weiß ich auch noch nicht, um was es geht. Aber ich werde es bestimmt noch erfahren.”
“In der Tat”, nickte ich. “Liebe Kerstin, ich habe mich sehr gefreut, Sie zu sehen. Ich hoffe, bis zum nächsten Mal dauert es nicht so lange.”
“Wie meinen Sie das? Ich dachte, Sie erzählen uns jetzt, um was es geht!”
“Das wäre viel zu gefährlich für Sie, Kerstin. Wenn Ihnen dadurch was zustieße, würde ich mir das bis zum Lebensende nicht verzeihen. Also für einen sehr, sehr langen Zeitraum!”
Sie war unbegeistert, das sah ich ihr an. Aber es war besser so.
Jedenfalls dachte ich das zu jenem Zeitpunkt. Wie schon gesagt, Ideengeister können nicht in die Zukunft sehen. Sonst wäre ich ganz schnell davongerannt. Oder uns alle wegteleportiert.
Stattdessen nahm das Unheil seinen Lauf.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (10, finale Folge)

Das Café war leer. Das lag vermutlich an der Uhrzeit. In der Küche hörte ich jemanden werkeln, vermutlich Kerstin. Ich dirigierte meine Begleiterinnen zum Fenstertisch. Für Anfang Mai war es irgendwie kühl und der feine Nieselregen machte es nicht besser, aber dafür waren wir jetzt unter einem Dach.
„Ich komme sofort!“, rief jemand mit Kerstins Stimme aus der Küche.
„Wir haben Zeit!“, erwiderte ich.
Das war gut geeignet, Kerstin sofort aus der Küche stürmen zu lassen.
„Herr Mut! Mit Ihnen habe ich schon viel früher …“ Sie wurde augenscheinlich meiner Begleitung gewahr, denn sie blieb wie angewurzelt stehen. Lola kannte sie ja bereits, aber Linda nicht. Und sie sah durchaus ungewöhnlich aus, obwohl sie ganz gewöhnliche Jeans und einen Pullover, alles in Schwarz, trug. Aber sie sah trotzdem ungewöhnlich aus.
„Möchten Sie etwas trinken und Kuchen essen?“, fragte Kerstin, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.
Ich bestellte eine Trinkschokolade, Chili Bird´s Eye, und eine Schokotarte. Ich hatte nämlich bereits beim Eintreten gesehen, dass noch welche da war. Darauf freute ich mich bereits.
„Chili Bird´s Eye?“, wiederholte Kerstin erstaunt.
„Ja. Ich habe meine Liebe zu dieser Sorte entdeckt und außerdem denke ich, dass nichts mehr passieren könnte, wenn ich sie trinke, was mich erschüttern würde, nach den Ereignissen.“
„Genau, die Ereignisse! Auf einmal war alles fort!“
„Ja, das waren diese und weitere entzückenden Damen“, erklärte ich.
„Herr Mut, jetzt tue doch nicht so bescheiden“, sagte Lola lachend. „Du hattest durchaus einen sehr bedeutenden Anteil daran! Immerhin war es deine Idee!“
„Was war Ihre Idee?“ Verständlicherweise war Kerstin ziemlich neugierig.
„Ich schlage vor, Sie setzen sich zu uns, dann erzählen wir, wie es sich zugetragen hat.“
„Äh, ja, sicher. Was möchten die Damen denn?“
„Ich trinke einen Cappuccino“, sagte Lola. „Und ich denke, ich kann bestimmt von Herr Muts Schokotarte …“
„Nein!“
Lola starrte mich verwirrt an, dann schüttelte sie den Kopf und bestellte eine eigene Schokotarte. Bei aller Liebe, aber das wäre eindeutig zu weit gegangen.
Linda wollte nur einen Cappuccino haben.
Nachdem Kerstin alles aufgetischt hatte, setzte sie sich auf den einzigen freien Platz, neben Linda, Lola gegenüber. Für sich hatte sie einen Milchkaffee gemacht.
„Jetzt will ich aber zuerst einmal wissen, wer Ihre zweite Begleiterin ist, Herr Mut“, sagte sie dann.
„Selbstverständlich. Zu Ihrer Linken sitzt Linda Reise, sie ist eine Kampfhexe. Normalerweise hat sie auch ihr Schwert dabei, doch Lola und ich konnten sie davon überzeugen, diese geliebte Tradition für den Besuch bei Ihnen auszusetzen.“
„Eine gute Idee“, sagte Kerstin. „Ich mag keine Waffen in meinem Café.“
„Ich bin eine Waffe“, bemerkte Linda, aber sie konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
„Dann kennen Sie bestimmt auch Fiona?“
„Leider nein. Herr Mut hat von ihr erzählt und ich wäre in der Tat sehr interessiert daran, sie mal zu treffen, aber bislang wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt.“
„Nun gut. Und jetzt möchte ich wissen, was eigentlich geschehen ist, nachdem ihr beide gegangen seid.“
„Dann haben wir Pizza gegessen.“
„Herr Mut!“, rief sie. „Jetzt machen Sie es doch nicht so spannend!“
„Also gut, ich werde brav sein. Nachdem wir also wieder bei Maria waren und ihr den Plan vorgetragen haben, konnte sie sich durchaus für ihn begeistern. Es gab nur ein kleines Problem dabei, wie es sich dann zeigte: Aufgrund der Walpurgisnacht kamen nur vier Hexen statt 100.“
„Oh!“, rief Kerstin.
„Ja, so ähnlich ging es mir auch, als ich das feststellte“, nickte ich bekümmert. „Doch letztlich spielte es keine Rolle, wir mussten mit dem zurechtkommen, was da war. Also sechs Hexen und ich.“
„Ich nehme an, Linda war eine von den sechs?“
„Genau so ist es, Kerstin. Ursprünglich hatte ich nicht vor, bei der Beschwörung mitzuwirken, aber unter den geänderten Umständen sah ich mich gezwungen, meine Meinung anzupassen. Letzten Endes funktionierte alles wie geplant. Soger erklärte sich mit unserem Vorschlag einverstanden und wir haben dann ihn und seine Leute wieder in lebendige Menschen verwandelt und alles war gut.“
Kerstin starrte mich an. „Das kann doch nicht alles gewesen sein! Die ganze Aufregung für nichts?“
„Herr Mut liebt Understatement“, bemerkte Linda amüsiert. „Tatsächlich gab es schon etwas Aufregung. Zum Beispiel ist es so, dass Menschen nicht auf Geisterschiffen stehen können, sie ja nicht einmal sehen. Also plumpsten die Piraten alle der Reihe nach ins Wasser, nachdem sie zum Leben erwacht waren, denn wir haben den Zauber natürlich auf einem der Schiffe durchgeführt.“
„Und dann? Was passierte danach?“
„Nun, sie schwammen ans Ufer. Einige von ihnen auf der Linzer Seite und wurden dort von der Polizei einkassiert, die wie zufällig zur Stelle war. Die meisten schafften es allerdings, auf die Kripper Seite zu entkommen, oder sie schwammen gleich rheinabwärts, bis irgendwohin. Wenn also demnächst in Köln oder Bonn von seltsamen, offensichtlich verwirrten Menschen in Piratenkostümen berichtet wird …“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. Genau genommen, erzählte ich einfach nicht weiter.
„Und Soger? Was ist mit Soger?“, fragte Kerstin. „Und die Schiffe? Sind sie noch da?“
„Ach ja, unser Piratenkapitän“, sagte ich langsam. „Nun, er schaffte es, etwas weiter rheinaufwärts an Land zu schwimmen. Ganz bis nach Leubsdorf hat er es nicht geschafft. Aber wir haben bereits auf ihn gewartet. Er genießt jetzt die Gastfreundschaft von Maria. Zuerst hat er ein wenig getobt, aber dann hat Linda ihn freundlich überredet, das bitte zu unterlassen. Er hat es dann auch eingesehen.“ Ich sah aus dem Augenwinkel Lindas Grinsen, was vermutlich daran lag, dass ich diesen Teil etwas verkürzt wiedergegeben hatte. Ich dachte jedoch, dass sich Kerstin auch so denken konnte, wie unangenehm dieses Überreden für Soger war. „Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass Soger bei Maria Nana bleibt. Wir konnten ihm deutlich machen, was ihm alles zustoßen könnte, wenn er in dieser modernen Welt ohne Hilfe Ausflüge unternimmt. Insbesondere ein Computer mit Internet war dabei sehr hilfreich. Er wird also bei ihr einziehen, sozusagen ein Neffe aus fernen Ländern, der für einige Zeit bei ihr zu Besuch ist. So für ein halbes Jahr. Vielleicht auch länger. Dabei hat er sich an einige klare Regeln zu halten. Dadurch haben wir eine Win-Win-Situation. Er kommt nicht ins Gefängnis oder in die Psychiatrie und Maria hat jemanden für … Was die Schiffe angeht: Diese wurden von Waldfee Liane wieder dem Wald zugeführt. Sie sehen, alles in bester Ordnung.“
Kerstin starrte mich etwas irritiert an. „Welche Aufgabe hat Soger bei Maria Nana? Sie haben vergessen, den Satz zu beenden.“
„Das habe ich keineswegs vergessen“, erwiderte ich.
„Doch, ich bin mir ganz … Oh! Jetzt habe ich verstanden! Okay, alles klar. Aber eine Frage habe ich noch.“
„Noch eine?“
„Wie meinen Sie das? So viele Fragen hatte ich doch … Sie vera… scherzen ja schon wieder, Herr Mut. Können Sie dabei nicht wenigstens lächeln?“
„Ich werde mir in Zukunft Mühe geben, daran zu denken“, antwortete ich. „Was möchten Sie denn wissen?“
„Wie geht es denn mit Lola und Ihnen weiter? Oder ist Linda …?“
„Wie, was? Nein, nein! Ich heiße doch nicht Fiona. Linda wollte Sie mal kennenlernen und hat gerade keine dringenden Pläne. Was Lola und mich angeht … Nun, das ist eine schwierige Angelegenheit. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns gegenseitig mögen, dass es aber nicht gut wäre, wenn wir daraus etwas Ernstes machen würden. Das … das würde zu diversen Komplikationen führen. Wir werden … äh … eine besondere Art der Fernbeziehung nach der Art von Hexen und Ideengeistern führen. Ob wir uns dann einmal im Jahr oder einmal pro Jahrhundert treffen, wird sich zeigen.“
„Monatlich wäre mir lieber“, bemerkte Lola.
„Oh“, sagte Kerstin. „Sie haben sich geeinigt?“
„Jaaa … Herr Mut hat wirklich gute Argumente vorgebracht, und ich verstehe ja seine Bedenken wirklich und ich weiß ja auch, dass ich ihm nicht gleichgültig bin und dass alles nicht so einfach ist. Aber monatlich wäre mir dennoch lieber!“
„Nun“, sagte ich und räusperte mich. „Es wurde ja nichts darüber gesagt, wann das erste regelmäßige Treffen vorbei ist. Noch sitzen wir ja zusammen hier, nicht wahr?“
„Oh ja!“, antwortete Lola strahlend.
Ich hatte plötzlich eine Idee. Als Ideengeist konnte mir das schon mal passieren.
„Wartet hier“, sagte ich also, erhob mich und verschwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass uns gerade niemand durch das Schaufenster beobachtete. Wenige Minuten später kehrte ich wieder und hielt einen Strauß Rosen in den Händen, den ich Lola überreichte. „Ich denke, daraus kannst du viel Tee machen, meine Liebe. Solange der Tee reicht, dauert unser Treffen für diesen Monat, dieses Jahr oder Jahrhundert. Einverstanden?“
„Aber … aber … Ja, natürlich bin ich einverstanden!“ Es fiel Lola sichtbar schwer, nicht aufzuspringen und dann etwas zu machen, wovon wir die Verabredung getroffen hatten, es nicht in der Öffentlichkeit zu machen. Küssen wäre zwar eine Ausnahme gewesen, aber vielleicht doch zum jetzigen Zeitpunkt unangebracht.
„Ich denke“, sagte Kerstin, nachdem sich alle beruhigt hatten, „dann hat sich ja alles irgendwie zum Guten gewendet. Ich muss zugeben, für mich ist es ungewohnt, Hexen in meinem Café zu bewirten, aber …“
„Eigentlich nicht“, unterbrach Linda sie.
„Wie bitte? Ach so, ja, natürlich, aber sonst weiß ich es ja nicht. Jedenfalls war das alles aufregend und ich wünsche mir, dass es sich nicht oft wiederholt. Vielleicht könnte es jetzt ja für mindestens zwei Jahre ganz ruhig bleiben und alles normal laufen.“
„Und in zwei Jahren?“, erkundigte sich Linda mit großen Augen.
„In zwei Jahren darf wieder etwas Aufregendes passieren. Nicht zu aufregend, aber ein bisschen aufregend ist in Ordnung.“
„Das wäre also der 2. Mai 2021? Und bis dahin alles ganz normal?“
„Ja, so in etwa“, nickte Kerstin. „Was denken Sie, Herr Mut?“
„Nun, ich kann Ihnen das nicht versprechen. Ich bin ein Ideengeist, wir kennen die Zukunft nicht. Ich weiß nur, dass es in der Geschichte der Menschheit immer schon unterschiedliche Epochen gegeben hat. Oft war es über Jahrhunderte relativ ruhig, dann passierte wieder sehr viel, dann lange wieder nichts. Das 20. Jahrhundert war sehr unruhig, doch ich fürchte, das war nur der Anfang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was noch passieren wird, doch meine Erfahrung aus den vergangenen Jahrtausenden sagt mir, dass wir, das heißt, die Menschen, erst am Anfang großer Veränderungen stehen. Aber nehmen Sie bitte das nicht zu ernst, Kerstin, letztlich ist das nur das Gerede eines alten Geistes, der zwar bereits viel erlebt hat, aber dennoch immer wieder überrascht davon ist, zu was die Menschen fähig sind. Im Guten wie im Schlechten.“
„Oha, Herr Mut, das war ja eine ungewöhnliche Rede von Ihnen. Sollte ich mir etwa Sorgen machen?“
„Ich hoffe nicht. Und im Übrigen denke ich, dass Veränderungen nicht grundsätzlich schlecht sein müssen. Die Veränderung selbst mag auch unangenehm sein, weil das Gewohnte nicht mehr selbstverständlich ist, doch irgendwann entstehen neue Gewohnheiten, die vielleicht besser sind. Die Industrielle Revolution hat letztlich dafür gesorgt, dass es vielen Menschen besser geht als davor. Kein Grund, zufrieden zu sein, denn es gibt immer noch viel zu viele Menschen, denen es nicht gut geht. Aber es ist eine Chance. Menschen lieben den Krieg und sehnen sich nach dem Frieden, das ist ihr größter Fluch. Vielleicht schaffen sie es irgendwann, ihn aufzulösen.“
„Das wäre in der Tat schön“, sagte Kerstin.
Linda sah nicht so sicher aus. „Und ich? Ich brauche den Kampf!“
„Du bist ja auch kein Mensch, sondern eine Hexe!“, erwiderte Lola lachend.
„Ja, wie wunderbar. Aber gegen wen oder was soll ich denn kämpfen, wenn die Menschen friedlich werden?“
„Oh, da würde ich mir keine Sorgen machen, dass das allzu bald passieren könnte“, bemerkte Kerstin. „Sie werden sicher noch lange benötigt.“
„Wir werden sehen“, sagte Linda und erhob sich. „Ich werde mich jetzt noch ein wenig in der Stadt vergnügen. Und ich denke, wir werden uns begegnen. Der Kaffee war wirklich sehr gut. Was schulde ich?“
„Das geht aufs Haus“, erwiderte Kerstin lächelnd.
Nachdem Linda fort war, sah sie uns an. „Ihr macht den Eindruck, als könntet ihr auch Zweisamkeit gebrauchen.“
Ich hob die Augenbrauen, konnte aber nichts dazu sagen, da Lola mir ihre Hand auf den Mund drückte.
„Komm, Herr Mut, wir folgen dieser süßen Aufforderung, ihr Lokal doch bitte zu verlassen.“ Sie grinste.
Ich sah ein, dass sie recht hatte. Wir verabschiedeten uns also, mussten aber versprechen, dass wir vorbeischauen würden, bevor der Rosentee alle war.
Das konnten wir guten Gewissens versprechen.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (9)

Es würde nicht mehr lange bis zum Morgengrauen dauern, als ich vom Besenstiel stieg. Über all die Jahrtausende, die ich nun schon lebte, war ich davon ausgegangen, dass ich als Ideengeist keine Probleme mit den Augen habe und auch in der Dunkelheit gut sehen kann.
Doch dieser Glaube wurde nun zutiefst erschüttert.
„Wo sind all die Hexen?“, fragte ich verwundert. „Haben sie einen Unsichtbarkeitszauber benutzt?“
„Gibt es so was denn?“, fragte Maria Nana. „Ach, egal. Herr Mut, es betrübt mich zutiefst, aber mehr als die vier sichtbaren Hexen sind leider nicht gekommen. Es ist eben Walpurgisnacht.“
„Vier? Statt 100?“
„Leider ja. Doch an dem Plan ändert das nichts.“
„An dem Plan ändert das nichts?“, wiederholte ich, um Contenance bemüht, wohl vergeblich.
„Wir haben keine andere Wahl!“, rief Lola, die aussah, als hätte sie geweint, was mich sofort veranlasste, sie an mich zu drücken, was nicht nur Maria Nana ein Runzeln auf die Stirn zauberte.
„Ich stelle dir am besten die Hexen vor, die gekommen sind“, sagte Maria nach einer kurzen Pause. „Die Hexe, die dich hergebracht hat, ist Linda Reise, eine Linzer Hexe, eine Kampffee. Sie ist etwa 60 Jahre alt und niemand außer ihr weiß, wer ihre Eltern sind. Man munkelt, dass ihr Vater ein Bürgermeister von Linz war, aber das ist, wie gesagt, nur ein Gerücht.“
Ich musterte Linda Reise. Sie hatte etwa meine Größe, wirkte schlank und sportlich. Die dunkelbraunen, schulterlangen Haare umrahmten ihr ansprechendes Gesicht, die braunen Augen funkelten mich tatendurstig an. Sie trug schwarze Jeans, einen ebenfalls schwarzen Pullover und ein Schwert.
Maria zeigte nun auf eine andere Hexe, die etwas größer als ich war, kräftig gebaut und dunkelblond. Sie trug ein bodenlanges Kleid in Dunkelgrau.
„Das ist Rheinfee Hildegard, sie lebt schon seit 900 Jahren hier. Ihre Mutter war eine Flussfee, ihr Vater ein Landwirt aus Linz.“
Wir nickten einander zu, dann wandten wir uns einer kleinen Frau mit braunen, bodenlangen Haaren zu. Sie war noch kleiner als Maria, die bestimmt einen halben Kopf kleiner war als ich. Doch ich spürte, wie mächtig und alt sie sein musste. Sie trug ein grünes Kleid, das bis zu den Waden reichte und Stiefel.
„Waldfee Liane, ungefähr seit 4000 Jahren in den Wäldern am Rhein entlang heimisch.“
Das erklärte die Kraft, die ich bei ihr wahrnahm. Eine sehr mächtige und auch friedvolle Hexe. Schön.
Die vierte Hexe hatte etwas Dunkles, Unheimliches an sich. Sie trug die schwarzen Haare kurz, was ihr eher rundliches Gesicht betonte. Sie war ungefähr so groß wie Lola und mollig. Nicht dick, aber im Vergleich zur sehr zierlichen Liane deutlich figurbetonter. Sie trug einen grauen Blazer, eine blaue Bundfaltenhose und Stiefel und sah aus, als hätten Lola und Maria sie aus einer hochwohlgeborenen Gesellschaft hergerufen.
„Adelheid von Báthory“, sagte Maria.
„Báthory?“, wiederholte ich überrascht.
Sie nickte mir zu. „Meine Mutter war Elisabeth Báthory, allerdings übernahm ich nicht ihre Gepflogenheiten. Jedenfalls nicht alle, zumal ich auch kraft meiner väterlichen Herkunft, eines Linzer Hexenmeisters, nicht altere. Es freut mich, einen Ideengeist kennenzulernen.“
Oh, oh. Also tatsächlich eine Báthory. Das erklärte durchaus ihr Erscheinungsbild. Demnach war sie etwas mehr als 400 Jahre alt.
„Eine bunte Truppe“, sagte ich. „Wir haben es mit Soger und etwa 40 Piraten zu tun. Die es auf den Gral abgesehen haben, um wieder ins Leben zurückzukehren.“
„Maria hat uns bereits unterrichtet, weswegen wir hier sind“, erwiderte Adelheid. „Die Frage ist nun, wie wir vorgehen wollen.“
Statt einer Antwort zog Linda Reise geräuschvoll ihr Schwert.
„40 Piraten“, wiederholte ich.
Sie zuckte die Achseln.
„Wir können tote Geister nicht töten“, erklärte Hildegard.
„Und lebende?“, entgegnete Linda grinsend.
„Ach, geh mir doch nicht auf den Geist, du Jungspund! Was wir auch unternehmen, es muss sichergestellt werden, dass wir diese Plage ein für alle Mal los sind!“
„Genau“, stimmte ich hastig zu. „Und es gibt ja einen Plan, der mit 100 Hexen leichter auszuführen wäre. Aber vielleicht klappt es auch mit weniger, wenn ich mitmache.“
Linda musterte mich abschätzig.
„Sieh ihn nicht so an!“, rief Lola entrüstet. „Ich habe gesehen, wie er einen der Piraten ins Wasser warf.“
„Aha.“
„Schluss jetzt, streitet euch nicht“, mischte sich Maria ein. „Ich denke, wir haben keine andere Wahl. Unser Plan ist, dass wir mit der Macht des Grals die toten Piraten zu lebenden Flüchtlingen machen, die kein Unheil mehr anrichten können. Dann müssen wir nur noch ihre Schiffe verschwinden lassen.“
„Darum kümmere ich mich“, sagte die Waldfee ruhig. „Holz zu Holz. Meine Bäume werden sich freuen.“
„Sehr schön“, erwiderte Maria. „Dann wäre das auch geklärt. Noch Fragen?“
„Ich habe eine“, meldete sich Linda und ignorierte, dass ich unwillkürlich meine Augen verdrehte. „Wie überreden wir die Piraten, bei dem Ganzen mitzuspielen?“
„Das ist Herr Muts Part“, antwortete Maria. Alle sahen mich an.
Ich zog dezent die Augenbrauen hoch. „Darüber haben wir eigentlich noch gar nicht gesprochen.“
„Hast du einen anderen Vorschlag?“
Seufzend schüttelte ich den Kopf. Bedauerlicherweise hatte sie wohl recht. Wenn eine der Hexen bei Soger auftauchte, womöglich allein, würde das übel enden. Und wenn ich dabei wäre, dann könnte ich das gleich selbst übernehmen.
„Also gut, bereitet hier alles vor, während ich die Piraten hole“, sagte ich und seufzte erneut.
„In Ordnung, Herr Mut. Und bitte, geh nicht zu Fuß diesmal, das dauert zu lange.“
„Ich kann ihn fliegen!“, bot Linda an, wofür sie zu meiner großen Freude wütende Blicke von Lola erntete.
„Dich brauchen wir hier“, erwiderte Maria streng. „Herr Mut beherrscht durchaus auch andere Arten der Fortbewegung, nicht wahr? Er tut immer so bescheiden, aber er ist ein Ideengeist, er gehört zu den ältesten und mächtigsten Wesen unserer Welt.“
Ich seufzte zum dritten Mal und Maria lächelte mich an. Ich nickte schließlich und begab mich zu Soger.
Was für ein gewisses Erschrecken seinerseits sorgte, denn ich materialisierte mich unmittelbar in seiner Kajüte.
„Der Ideengeist!“, rief er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte und hob seinen Kelch vom Boden auf. „Wo hast du denn deine augenschmeichelnde Begleiterin gelassen?“
Augenschmeichelnde? Ich schloss kurz die Augen, um nichts Unbedachtes zu sagen, denn das wäre in diesem Moment nicht sehr hilfreich und unserem Plan wenig zuträglich gewesen.
„Sie bereitet sich darauf vor, euren Wunsch zu erfüllen“, erwiderte ich nach einigen Sekunden, in denen Soger seinen Kelch wieder voll gemacht hatte.
„Was gibt es da vorzubereiten? Den Gral herbringen, mir geben …“
„Das geht nicht und das wird nicht geschehen.“
Soger ließ den Kelch auf den Tisch krachen und erhob sich langsam.
„Ich habe das Gefühl, du willst mich nicht verstehen“, sagte er. „Wenn ich den Gral nicht bekomme …“
„Du hörst mir jetzt zu“, unterbrach ich ihn. „Ihr wollt gar nicht den Gral haben, sondern euer Leben zurück. Was interessiert euch da der Gral? Und weißt du, wie ihr die Macht des Grals beschwören könnt?“
„Das finden wir heraus!“
„Da irrst du dich. Es ist der Gral der Rheinhexen, nur die Rheinhexen sind in der Lage, ihn zu beschwören. Sie sind bereit, euch zu helfen, aber sie geben den Gral nicht her. Ihr bekommt euer Leben zurück, danach geht ihr wieder. Das ist unser Angebot. Wenn ihr es ablehnt, gibt es einen Krieg, in dem ich auf der Seite der Hexen und der Menschen kämpfen werde. Weißt du, was das bedeutet?“
Natürlich wusste er das. Ich sah es ihm genau an, und mir war klar, dass jeder Geist, der nicht gerade in den letzten Wochen in diesen Zustand geraten war, ganz genau wusste, zu was Ideengeister in der Lage sind, wenn man sie reizt. Ideengeister sind sehr friedfertig, denn sie wollen durch ihre Ideen wirken, aber Maria hatte es richtig erkannt, dass Ideengeister die ältesten und mächtigsten Wesen dieser Welt sind. Sie hatten diese Welt mit ihren Ideen zu dem gemacht, was sie war, eine Tatsache, die sie teilweise durchaus bereuen, doch davon unabhängig verfügen Ideengeister über weitere Kräfte, die zu nutzen sie vermieden, wenn es nicht wirklich sehr, sehr wichtig war.
Wie jetzt.
„Darfst du das überhaupt, für die Menschen kämpfen?“, fragte Soger schließlich provozierend.
„Wer soll es mir denn verbieten? Ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und reden über das Wesentliche. Die Fakten liegen auf dem Tisch, nun ist es an dir zu entscheiden. Danach kehre ich zurück zu den Hexen, und was danach geschieht, hängt einzig und allein von deiner Antwort ab. Wie also lautet deine Entscheidung?“
Ich sah ihm an, wie er mit sich kämpfte, für mich durchaus nachvollziehbarerweise. Zumindest wenn ich die Angelegenheit von seiner Warte aus betrachtete, was ich jedoch nur tat, um sein Handeln zu verstehen. Mit dem, was er tat, war ich darüber hinaus nicht einverstanden, ich missbilligte es sogar. Dies machte es mir leicht, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten so unbarmherzig aufzutreten. Ich gestehe, ich orientierte mich dabei an meiner Freundin Fiona, die das bis zur Perfektion beherrschte.
„Also gut, ich bin einverstanden“, sagte Soger schließlich. „Die Hexen erwecken uns wieder zu lebenden Menschen, danach segeln wir fort.“
„In Ordnung, so machen wir es“, antwortete ich wider besseres Wissen. Sie würden nicht davonsegeln, das stand auf jeden Fall fest. Sobald sie wieder zu gewöhnlichen Menschen verwandelt sein würden, könnten sie ihre Schiffe nicht einmal mehr sehen, geschweige denn auf ihnen fahren. Wie alle anderen Normalsterbliche auch.
Aber das verriet ich ihm an dieser Stelle lieber nicht.
Ich kehrte zu den Hexen zurück, um ihnen die neueste Entwicklung mitzuteilen, außerdem galt es zu besprechen, wie wir vorgehen wollten. Zum Beispiel stellte sich durchaus die Frage, wo die Beschwörung stattfinden sollte.
Genauer gesagt, Maria stellte diese absolut berechtigte Frage.
„Auf einem der Schiffe“, antwortete ich.
„Aber ist das nicht zu gefährlich?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Inwiefern?“
„Nun, sie könnten uns angreifen und den Gral rauben nach der Verwandlung!“
„Ganz sicher nicht“, erwiderte Linda und zog ihr Schwert.
Irgendwie erinnerte sie mich an die bereits erwähnte Fiona.
„Das wird nicht nötig sein“, sagte ich ruhig und unterdrückte ein Lächeln. „Sobald wir sie verwandelt haben, werden ihre Schiffe für sie unsichtbar und unberührbar und sie fallen ins Wasser.“
„Oh!“, rief Lola strahlend. „Du bist einfach genial, Herr Mut!“
„So weit würde ich nicht gehen, meine Liebe. Aber ich bin ein Ideengeist, und was wäre ein Ideengeist ohne Ideen?“
„Das ist wohl wahr“, bemerkte Maria und schaffte es nicht ganz, ein Grinsen aus ihrem Gesicht zu vertreiben. „Ich gebe jedenfalls zu, dein Plan klingt inzwischen recht ansprechend.“
„Wieso inzwischen?“, erkundigte sich Lola aufgebracht.
Ich legte eine Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung. Wir möchten uns jetzt lieber auf unsere Aufgabe konzentrieren, was meinst du?“
Sie atmete tief durch, dann nickte sie. „Ja, du hast natürlich recht.“
Maria musterte mich nachdenklich. Vermutlich fragte sie sich, genau wie ich, wer hier eigentlich auf wen irgendwelche Verführungszauber bewirkte. Selbstverständlich hatte ich in meinem sehr langen Leben die eine oder andere, auch großartige Liebe erlebt, insofern fand ich die Situation im Grundsatz nicht ungewöhnlich. Allerdings hatte ich es dabei noch nie mit einer Verführungshexe zu tun.
„Nun, wenn ich das richtig sehe, ist alles geklärt, was noch bleibt zu tun, ist das Tun“, sagte Adelheid von Báthory.
„Ganz recht“, bestätigte Maria mit einem Nicken. „Daher schlage ich vor, dass wir den Gral holen und dann begeben wir uns zu Soger.“ Sie erschauderte, wohl unwillkürlich.
Wir einigten uns darauf, dass sie das alleine tat, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Wir warteten zwischenzeitlich im Stadion, wenngleich wir leider nicht lange warten mussten. Leider, denn Lola kam auf die Idee, sich an mich zu drücken, was erstens bewies, dass nicht nur Ideengeister Ideen haben konnten und andere nicht nur ebenfalls Ideen, sondern sogar ausgesprochen gute Ideen haben konnten.
Ich seufzte also, als Maria wieder in unserer Mitte erschien, natürlich nur bildlich gesprochen
Danach begaben wir uns zu den Piraten.

Mehr über den Autor: Zsolt Majsai

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (8)

Es war schon Mitternacht durch und somit der 1. Mai, als wir erneut bei Maria Nana vor der Tür standen. Sie sah nicht so aus, als hätte sie bereits geschlafen. Ich vermutete, dass sie nicht vorhatte, diese Nacht überhaupt schlafend zu verbringen. Dafür hatte sie auch mein vollstes Verständnis.
Sie invitierte uns ins Wohnzimmer, wo wir bereits vor einigen Stunden gesessen hatten. Lola erzählte ohne viel Umschweife, was sich ereignet hatte. Maria Nana hörte aufmerksam zu. Ab und zu betrachtete sie mich. Und als Lola von unserem Ansinnen mit dem Hexentreffen erzählte, zog sie die Augenbrauen hoch.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist“, sagte sie dann.
„Ich auch nicht!“, pflichtete ich ihr bei.
„Da es heute der 1. Mai ist.“
„Oh“, sagte ich enttäuscht.
„Es ist aber ein Notfall!“, bemerkte Lola. „Ich glaube, sie würden alle kommen.“
„Ja, das denke ich allerdings auch“, entgegnete Maria Nana nachdenklich. „Ich denke auch, dass es gerechtfertigt ist, die Lage als Notfall einzustufen.“
„Ich gebe zu bedenken, dass die Verluste den möglichen Gewinn mehr als aufwiegen könnten“, sagte ich. „Mir ist bewusst, wie kritisch die Situation ist. Doch unterm Strich wird möglicherweise weniger Schaden angerichtet, wenn die Rheinpiraten den Gral bekommen.“
„Wie meinst du das?“
Ich sah, wie die Mentorin die Augenbrauen hochzog, gab ihr aber keine Gelegenheit, sich zu äußern: „Lola, die Absicht der Piraten ist nicht, jemanden zu verletzen oder zu töten. Jedenfalls nicht primär. Sie haben vermutlich 200 Jahre verschlafen, im Wortsinn. Ihnen ist überhaupt nicht klar, wie sich die Welt weiter entwickelt hat, das hat auch unser Gespräch gezeigt, nicht wahr?“
Lola nickte.
„Sobald sie wieder zu Lebenden werden, gelten für sie wieder die ganz normalen physikalischen Gesetze. Denkst du ernsthaft, so ein Haufen Piraten kann viel Unheil anrichten, ohne die magischen Kräfte?“
„Äh … eher nicht, glaube ich.“
„Genau. Die Polizei würde sie einkassieren, oder sie schaffen es, unterzutauchen.“
„Eine schöne Theorie, Herr Mut“, sagte Maria Nana. „Leider hat sie einen kleinen Fehler.“
„Welchen denn?“
„Der Gral ist keine Batterie, dessen magische Energie sich erschöpft, wenn er ein paar Idioten ins Reich der Lebenden zurückgeholt hat. Wenn die Piraten den Gral bekämen, könnten sie ihn auch als Normalsterbliche nutzen und wären durchaus gefährlicher als gewöhnliche, nicht vorhandene Rheinpiraten. Haben Sie das bedacht, Herr Mut?“
„Hm.“
„Oh“, sagte Lola und sah mich verzweifelt an. „Das tut mir wirklich sehr leid für dich. Ich weiß ja, wie wichtig dir eine friedliche Lösung ist. Aber ich glaube, die besten Chancen, dass möglichst wenig kaputtgeht, haben wir mit Hilfe meiner Schwestern.“
„Hm.“
„Sie hat recht, Herr Mut“, unterstützte Maria Nana ihre Schülerin. „Je mehr ich darüber nachdenke, umso überzeugter bin ich.“
„Hm. Ja, ich gebe zu, diesen einen kleinen Haken habe ich nicht bedacht. Ihr Einwand ist leider durchaus berechtigt. Allerdings frage ich mich, ob es nicht möglich wäre, ihnen den Gral gar nicht auszuhändigen, sondern ihnen lediglich zu erlauben, seine Macht einmalig zu nutzen.“
„Die Lösung wäre selbstverständlich absolut perfekt, Herr Mut. Denken Sie, Sie könnten Soger von dieser Idee überzeugen?“
Ich seufzte. „Natürlich nicht. Allerdings überlege ich gerade, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, ihn trotzdem dazu zu bringen. Wenn schon nicht aus Einsicht, dann mit sanftem Druck. Oder auch nicht so sanftem Druck.“
„Ehrlich gesagt, wüsste ich nicht, wie.“
„Aber ich habe eine Idee!“, rief plötzlich Lola begeistert. „Herr Mut, du bist genial!“ Sie sprang auf und gab mir einen flüchtigen, leider nur einen flüchtigen, Kuss auf den Mund.
Maria Nana und ich starrten sie entgeistert an, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Vermutlich. So genau wusste ich das nicht, jedoch war mir das gerade auch ziemlich egal.
„Du hast eine Idee?“, fragte ich schließlich.
„Ja! Wir bringen ihn dazu, die Macht des Grals zu nutzen, sich in lebende Menschen zu verwandeln, ohne ihm den Gral zu geben!“
„Lola? Alles in Ordnung bei dir?“, erkundigte sich die Mentorin stirnrunzelnd.
„Ich denke, das ist es in der Tat“, sprang ich Lola zur Seite, als mir klar wurde, wie genial ihre Idee wirklich war. „Ich finde ihre Idee sogar sehr gut.“
„Nicht wahr?“ Lola strahlte mich an.
„Also schön, ihr beiden. Abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, was sich da zwischen euch eigentlich abspielt, muss ich wohl davon ausgehen, dass ihr gemeinschaftlich den Verstand verloren habt.“
„Keineswegs, Maria, keineswegs.“ Ich beobachtete sie kurz, um zu erfahren, wie sie auf die Vertraulichkeit reagiert, obgleich sie ja damit angefangen hatte. „Natürlich ist die Idee, wie Lola sie formuliert hat, bereits eine Minute vorher erwähnt worden. Doch ich gebe zu bedenken, dass es eine Variante gibt, mit der sie zum gewünschten Ergebnis führen könnte.“
„Aha. Und darf ich diese auch erfahren?“
„Selbstverständlich. Lola hat einfach meinen Einschub mit dem sanften Druck hinzugefügt. Und wenn wir daraus ein Konstrukt erstellen, dass nur 100 Hexen in Anwesenheit in der Lage sind, die Kraft des Grals derart zu entfalten, dass die Piraten wieder lebende Menschen werden und ferner diese 100 Hexen dabei den Gral ja halten müssen, haben wir das gewünschte Ergebnis: Der Gral ist in Sicherheit und die Piraten nur noch Normalsterbliche, die es sich aussuchen dürfen, ob sie unauffällig sich in alle Winde zerstreuen oder wir sie der Polizei übergeben.“
„Hm“, sagte Maria Nana. „Das klingt in der Tat sehr interessant. Darf ich dich auch küssen, Herr Mut?“
„Nein!“, rief Lola.
Maria Nana grinste, und ich vermutete sehr stark, dass sie gar nicht die Absicht hatte, mich zu küssen. Sie war durchaus auch attraktiv, keine Frage, doch mir wurde bewusst, dass es mir doch lieber war, wenn Lola mich küsste.
Wie tief war ich nur gesunken?
„Nun gut“, sagte Maria schließlich. „Es gibt Einiges vorzubereiten. Lola, ich brauche deine Hilfe dabei. Die Beschwörung unserer Schwestern ist anstrengend und schwierig, außerdem gefährlich für andere Wesen. Auch wenn du unsterblich bist, Herr Mut, solltest du lieber hier bleiben.“
„Ich verstehe“, erwiderte ich, obwohl mir klar war, dass die Sorge um meine Gesundheit nicht der Grund für ihre Bitte war. „Und passen 100 Hexen in dieses Haus?“
„Nein, wir werden uns im Stadion treffen. Sobald wir vollzählig sind, schicke ich jemanden, der dich holt.“
„Mich!“, rief Lola.
„Kannst du fliegen?“
„Nein …“
„Dann nicht dich. Komm jetzt, Lola!“
„Einen Moment noch!“
Ich bekam meinen zweiten Kuss, diesmal nicht ganz so flüchtig wie soeben, aber immer noch weit entfernt von dem, was ich mir, wie ich vor mir eingestehen musste, eigentlich erwünschte. Und noch etwas wurde mir bewusst: Wenn ich nicht ähnliche Macht über Verführungshexen hatte wie diese über mich, dann hatte sich Lola anscheinend in mich verliebt.
Was ich durchaus verstehen konnte, dennoch irritierte mich diese Erkenntnis ein wenig.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (7)

Natürlich hatte Café Kitsch um diese Zeit schon längst zu, aber Kerstin arbeitete noch in der Küche, als wir gegen das Schaufenster klopften. Irgendwann warf sie einen Blick nach draußen und ließ uns herein.
Ich bekam sogar meine Trinkschokolade. Lola wollte einen Espresso mit Zitrone.
„Haben Sie Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Kerstin.
Lola nickte bekümmert.
„Wo ist denn der Gral?“
„Bei Maria Nana, in Sicherheit“, erklärte ich. „Ist hier in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?“
„Nichts Besonderes. Herr Hüngsberg war kurz da, ob alles in Ordnung sei. So genau wissen sie immer noch nicht, was eigentlich los ist. Immer wieder kämen Meldungen rein, seltsame Leute würden plötzlich zum Beispiel im Garten auftauchen, aber bis die Polizei anrückt, sind sie spurlos verschwunden.“
„Hoffentlich haben Sie nicht erzählt, was es wirklich ist?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht. Bin ja nicht wahnsinnig.“
„Das habe ich natürlich auch nicht angenommen.“
„Schön. Und bei Ihnen?“
In der Zwischenzeit war auch der Espresso fertig, was durch lautes Piepsen verkündet wurde. Kerstin trank nur Wasser und harrte ganz gespannt auf unsere Erzählung.
Lola seufzte.
„Wir waren bei Soger“, setzte ich an.
„Wie denn das?“
„Auf seinem Schiff. Es liegt ja im Hafen vor Anker. Lola und ich können es sehen, normale Sterbliche zum Glück nicht.“
„Lola?“ Kerstin musterte uns nachdenklich. „Also schön. Und was ist passiert?“
Ich gab in Stichworten unsere Unterhaltung mit Soger zum Besten. Kerstin hörte schweigend zu. Danach saßen wir für einen Moment alle still am Tisch neben der Tür und lauschten unseren Gedanken. Ich zumindest tat das.
„Wir müssen den Gral vernichten“, sagte Kerstin dann.
„Wie bitte?“, erwiderten Lola und ich gleichzeitig.
„Wenn wir den Gral vernichten, gibt es nichts mehr, was Soger hier hält, oder?“
„Das geht nicht“, sagte Lola.
„Wieso nicht?“
„Weil er mit dem Blut von 100 Hexen versiegelt wurde. Dieses Siegel kann man nicht einfach so brechen!“
„Und außerdem“, fügte ich hinzu, „selbst wenn wir das irgendwie schaffen würden, was an sich schon eher unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir mal an, wir kriegen das irgendwie hin, dann würde der Gral explodieren.“
„Dann legen wir ihn zum Entsiegeln in die Mülltonne, oder sonst in einen Behälter“, schlug Kerstin vor.
„Ja, die Idee klingt an sich logisch, wenn man nicht weiß, welche Macht 100 Hexen haben, also auch ihr Blut. Mangels eines Präzedenzfalls kann auch ich nur raten, aber ich schätze, die Explosion könnte Linz in Schutt und Asche legen.“
„Wie bitte?!“ Kerstin und Lola wurden ziemlich bleich.
„Siehst du das anders, Lola?“
Wenn Kerstin es aufgefallen war, dass Lola und ich uns zumindest sprachlich nähergekommen waren, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Ich … ich weiß es nicht“, antwortete Lola schließlich. „Wie du es ganz richtig sagst, ist das bisher nicht vorgekommen. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Befürchtung, dass Erpel und Leubsdorf auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.“
„Wie bitte?!“, wiederholte Kerstin.
„Die Magie, die im Blut von 100 Hexen enthalten ist, ist sehr mächtig“, erklärte ich. „Und das ist auf jeden Fall ein Problem, denn das bedeutet, dass Soger richtigliegen könnte, wenn er denkt, dass der Gral ihn und seine Leute wieder zum Leben erwecken könnte. Ob der Gral allein dafür mächtig genug wäre, weiß ich nicht, aber mit dem Siegel zusammen möglicherweise schon.“
„Das ist nicht gut“, stellte Kerstin fest. „Dann dürfen die Piraten auf keinen Fall den Gral bekommen!“
„So weit waren wir auch schon“, sagte Lola bekümmert. „Aber wie verhindern wir das?“
„Es muss doch etwas geben!“, rief Kerstin. „Wie ist es mit Knoblauch? Ich weiß, das ist eigentlich gegen Vampire, die es hoffentlich nicht auch noch gibt und wenn doch, dann sind sie hoffentlich nicht auch hinter dem Gral her, aber vielleicht hilft Knoblauch auch gegen Geister!“
„Der hilft ja nicht einmal gegen Vampire“, erwiderte ich. „Die es übrigens tatsächlich gibt. Ich glaube aber nicht, dass sie sich für den Gral interessieren. Das mit dem Knoblauch und Sonnenlicht sind urbane Legenden.“
„Schade.“
„Ja, schade.“
„Ich habe eine Idee“, sagte Lola plötzlich. „Man könnte doch sagen, das hier ist ein Notfall, oder?“
„Ja, könnte man durchaus“, antwortete ich und sah sie fragend an.
„Dann könnte ich doch mit Recht diesen Notfall ausrufen und eine außerordentliche Versammlung des Hexenbundes einberufen. Wenn das Blut von 100 Hexen so mächtig ist, müssten 100 Hexen es doch schaffen, die Piraten zu verjagen.“
„Hm“, machte ich.
„Klingt nach einem Plan“, stellte Kerstin fest. „Wie lange würde das dauern?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Lola jammernd. „Ich habe das noch nie gemacht. Ich müsste Maria fragen.“
„Dann tun Sie das, am besten schnell. Da wir nicht wissen, wie lange das dauert, könnte es knapp werden bis zum Ultimatum.“
Lola nickt, dann sah sie mich an. „Begleitest du mich?“
Ich starrte mein inzwischen leeres Glas an, seufzte und antwortete: „Ja, ist bestimmt besser.“
„Bestimmt!“, bekräftigte Kerstin lächelnd.
„Es geht nur darum, dass ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen möchte!“
„Ist mir schon klar, Lola. Ich bin mir sicher, dass Herr Mut Sie beschützen kann.“
„Ja, das kann er.“
Ich seufzte.
„Oder?“
„Ja, vermutlich. Wovor auch immer. Ich muss gestehen, mir gefällt die Idee nicht, dass sich so viele Hexen an einem Ort versammeln sollen. Und dann auch noch im kleinen Linz. Während auf dem Rhein die Rheinpiraten ankern. Das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl.“
„Für gute Ideen sind wir immer zu haben, Herr Mut“, sagte Kerstin.
Ich seufzte.
„Und hören Sie mit dem Seufzen auf. Dadurch wird nichts besser.“
„Ja, das weiß ich leider. Haben Sie eine Ahnung, wie oft man seufzen kann, wenn man seit Anbeginn der Zeit existiert? Würde mein Seufzen etwas verändern, wäre die Welt eine viel bessere!“
„So, so.“
Ich ließ das mal so stehen. Und stand auf. Auch Lola und Kerstin erhoben sich.
„Soll ich auf Sie warten?“, erkundigte sich Kerstin.
„Nein, das ist nicht sinnvoll“, erwiderte ich. „Unabhängig davon, was nun geschehen wird, ist es besser, wenn Sie nicht hineingezogen werden. Sollte es zu einem Kampf zwischen Hexen und Rheinpiraten kommen, sollten sich keine Menschen dazwischen oder in der Nähe befinden.“
„In Ordnung. Wäre es dann besser, wenn ich die Stadt verließe? Wobei ich dazu nur bereit wäre, wenn alle anderen Menschen auch die Stadt verließen, was wiederum bedeuten würde, dass ich sie davon überzeugen müsste, dass da draußen Rheinpiraten sind. Ich glaube, ich gehe doch lieber einfach nur ins Bett und hoffe, dass alles gut ist, wenn ich aufwache.“
„Wie lange wollen Sie denn schlafen?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Lola!“, entfuhr es mir. „Ein bisschen Optimismus, wenn ich bitten darf!“
Während Kerstin auflachte, sagte Lola: „In Ordnung. Schlafen Sie einfach lange genug.“
„Ist gut“, erwiderte Kerstin, immer noch lachend. „Geht jetzt und bringt irgendwie diese Piraten dazu, unsere schöne Stadt in Ruhe zu lassen. Einverstanden?“
„Ich glaube, darauf können wir uns einigen“, murmelte ich. Und seufzte.
Kerstin schüttelte den Kopf und schloss hinter uns ab. Lola nahm meine Hand und wollte nach links gehen, aber ich hielt sie davon ab.
„Was ist?“
„Wir sollten uns vom Hafen fernhalten“, sagte ich. „Lass uns oben herum gehen. Und vielleicht holen wir uns als Wegzehrung eine Pizza bei Franco. Was meinst du?“
„Ist eine gute Idee“, erwiderte Lola. „Vor allem das mit der Pizza. Wir könnten einen Ouzo trinken.“
„Einen Ouzo? Beim Italiener?“
„Dann eben Sambuca. Sei doch nicht so kleinlich, Herr Mut!“
„Wir werden sehen. Es ist schon spät. Vielleicht bekommen wir gar nichts.“
„Warum stehen wir dann noch hier herum? Komm, Herr Mut!“
Lola zog mich jetzt in die andere Richtung. Sicherheitshalber nahmen wir die Strohgasse, so hielten wir uns wirklich fern vom Rhein. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Begegnung mit einem Piraten.
Und um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Zweisamkeit mit Lola.
Irgendwie fand ich es immer weniger schlimm, dass der Tee bei mir nicht wirkte.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (6)

Die meisten Menschen hatten noch nie eine Begegnung mit einem Geist, zumindest glauben sie das. In Wirklichkeit haben sie sogar sehr häufig solche Begegnungen, und damit meine ich nicht nur Ideengeister wie mich. Damit meine ich echte Geister. Es gibt sehr viele Geister, vor allem Naturgeister, die man allerdings selten in einer Stadt antrifft. Aber es gibt auch in Städten Geister, wenngleich viel seltener, als manche Menschen es gerne glauben würden. Damit sind die sogenannten erdgebundenen Geister gemeint, die aus irgendeinem Grund sich nicht aus ihrem diesseitigen Leben lösen können, jedenfalls nicht vollständig.
Und dann gibt es noch die Geister, die sich lösen könnten, wenn sie denn wollten. Aber sie wollen halt nicht.
Zu dieser Sorte, und zwar zu der unangenehmsten, gehörten die Piraten auf den Fliegenden Rheinschiffen. Die Seelen von Wikingern, dereinst auf der Suche nach plünderungswerten Schätzen, gelangten sie mal auf den Rhein, damals noch ohne zu fliegen. Das mit dem Fliegen kam erst hinzu, als sie zu Geistern wurden, nicht direkt freiwillig, wie das meistens so ist.
Als Ideengeist habe ich keinen Grund, irgendjemanden zu fürchten. Höchstens eine schlechte Idee, aber das ist ein anderes Thema. Allerdings musste ich an schlechte Ideen denken, während wir nach Linz zurückwanderten, diesmal ganz normal, will heißen, auf der Straße, an den Schienen entlang. Die B42, auf der anderen Seite der Gleise gelegen, wurde gelegentlich von einem Auto befahren, oder von einem LKW von DHL. Von diesen gab es viele, aber das war um diese Zeit normal, glaube ich. Meinte mich so zu erinnern. Um ehrlich zu sein, war es mir eigentlich egal, denn ich dachte über das bevorstehende Treffen mit Soger nach. Das konnte ja durchaus unangenehm werden.
„Sie sind so still, Herr Mut!“, stellte die mit wehendem Rock neben mir hereilende Lola fest.
„Wundert dich das?“
„Nein … nicht wirklich. Duzen wir uns jetzt? Ich habe nichts dagegen!“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, murmelte ich. „Es war ein Versehen. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nichts dagegen. Ich duze nur sehr selten jemanden. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich von diesem Prinzip bei Ihnen abweichen sollte.“
„Offenbar nicht.“
Ich schwieg. Erstens erreichten wir Dattenberg, zweitens wusste ich nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Es war nun einmal ihre Hexenkraft, die mich so verwirrte. Trotz des Tees. Nun ja, der Grund war ja bekannt und nicht überraschend, andererseits empfand ich es als durchaus ungerecht, dass ihr Zauber bei mir wirkte, der Tee jedoch nicht. Da hatte jemand nicht wirklich gut nachgedacht.
Von Dattenberg gingen wir hinunter zu den Anlegestellen. Natürlich lag hier keins der Piratenschiffe an. Zumindest für gewöhnliche, will heißen, lebende Menschen. Ich glaube, Fiona könnte das sogar richtig erklären, mit Verborgener Welt und Gefrorener Welt, aber sie hat damit ja ständig zu tun. Ich nicht. Genauer gesagt, habe ich damit eigentlich noch öfter zu tun, nämlich andauernd und in jeder Sekunde, aber für mich ist das als Ideengeist der absolute Normalzustand.
Wie auch immer, Lola und ich konnten zumindest eins der Piratenschiffe sehen, das an der Stelle ankerte, wo normalerweise die Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Davor stand ein Pirat herum, sah allerdings mehr wie ein Wikinger aus. Was durchaus nachvollziehbar war. Er musterte uns jedenfalls grimmig, als wir auf ihn zuhielten.
„Was wollt ihr hier?“, blaffte er uns an.
Lola drückte meine Hand und sich an mich. Das brachte mich etwas aus der Fassung, zum Glück konnte ich dennoch halbwegs verständlich antworten: „Reden. Mit Soger.“
„Was bist du denn für einer? Kannst du nicht reden wie ein normaler Mensch?!“
„Doch. Mit Soger.“ So ein Mist! So konnte das nicht weitergehen! Ich sah Lola an. „Sie bringen mich ja noch um den Verstand!“, flüsterte ich aufgebracht.
„Das … das tut mir leid … Ich mache es ja nicht mit Absicht, sagte ich doch schon …“
„Ja, weiß ich! Machen Sie es einfach gar nicht, weder mit Absicht noch ohne!“
Oh je, Herr Mut. Das ist wahrlich keine Glanzleistung, dachte ich.
„Was habt ihr da zu flüstern?!“, fuhr uns der Pirat dazwischen. „Verschwindet!“
„Das geht nicht“, erwiderte ich. „Das heißt, natürlich geht das, aber es ist wichtig, dass wir mit Soger reden. Es geht um den Gral.“
„Was wisst ihr vom Gral?!“
„Das erzählen wir Soger, denke ich.“
„So, das denkst du?“ Er zog sein Schwert und trat näher. „Und wenn ich dich einen Kopf kürzer mache?“
„Das magst du gerne versuchen, aber es geht alles schneller, wenn du es lässt. Ich bin ein Ideengeist, du kannst mich nicht umbringen.“
„Du bist ein Ideengeist?“ Er musterte mich neugierig. „Das glaube ich dir nicht!“
„Wieso denn nicht?“
„Weil du nicht wie ein Ideengeist aussiehst!“
„Aha. Wie vielen Ideengeistern bist du denn schon begegnet, wenn ich fragen darf?“
Er stutzte, dann zuckte er die Achseln. „Keinem. Du bist jedenfalls kein Ideengeist, also verschwinde! Sie kann bleiben!“ Er starrte die Verführungshexe lächelnd an.
„Du sollst das abstellen!“, flüsterte ich ihr aufgebracht zu.
„Kann ich nicht!“, flüsterte sie genauso aufgebracht zurück.
„Himmel steh mir bei!“, entfuhr es mir, dabei müsste ich es eigentlich besser wissen.
„Herr Mut, daran glaubst du?“
„Nein! Sei jetzt still!“ Ich wandte mich an den Piraten, der immer wütender wirkte. „Hör zu, du Pirat, ich habe keine Zeit für so was. Ich muss mit Soger reden! Lässt du uns durch?“
„Nein!“
„Na schön. Du wurdest gewarnt.“ Ich trat zu ihm, hob ihn hoch und warf ihn ins Wasser. Seltsam, dass niemand einem Ideengeist zutraut, Kraft zu haben. Nur weil sie fast immer sehr friedfertig sind? Ha! Ideengeister sind keine Musen, sie sind ganz besondere Geister, sie gehören zu den ältesten Geistern überhaupt. Das hat seinen Grund.
„Herr Mut! Was tust du da?“
„Ich habe es schon getan“, erwiderte ich und nahm ihre Hand. „Komm mit! Mir reicht es!“
Wir betraten das wankende, knarrende Schiff. Zum Glück hatte ich keinen empfindlichen Magen. Hoffentlich Lola auch nicht. Ich starrte sie forschend an. Sie wirkte nicht anders als immer. Ob das gut war, dessen war ich mir nicht ganz sicher.
Doch es gab jetzt Wichtigeres.
Wir fanden Soger in seiner Kabine, nachdem wir einigen Wikingergeistern aus dem Weg gegangen waren. Für Geister waren diese Burschen erstaunlich unbedarft. Na ja, wer weiß, was sie in den letzten 200 Jahren getrieben hatten. Oder eben auch nicht getrieben.
Soger war allein. Er stand vor einem runden Tisch und hielt einen Becher in der Hand. Die schulterlangen Haare lagen auf den breiten Schultern. Er trug ein graues Seidenhemd, eine weite, schwarze Hose und hohe Stiefel, ebenfalls schwarz.
„Was ist?“, blaffte er, ohne sich umzudrehen.
„Wir müssen mit dir reden“, erwiderte ich.
Jetzt fuhr er herum.
„Wer seid ihr denn?“
Er hatte graue Augen. Eigentlich sah er nicht schlecht aus.
Könnte Lola ihre Kräfte nicht mal auf ihn konzentrieren? Und nur auf ihn? Das würde unsere Aufgabe möglicherweise sehr erleichtern.
„Mein Name ist Herr Mut, ich bin ein Ideengeist. Meine Begleiterin heißt Lola.“
Der Pirat unternahm Lola einer sehr gründlichen visuellen Untersuchung. Die schien es unangenehm zu finden und drückte meine Hand.
„Ein Ideengeist und eine Hexe? Auf meinem Schiff?“
„Gut erkannt!“, lobte ich ihn. „Es geht um den Gral.“
„Um den Gral? Was wisst ihr davon?“
„Ich habe ihn gefunden“, antwortete Lola. Am liebsten hätte ich ihr den Mund zugehalten. Wieso überließ sie das Reden nicht mir?
„Du hast den Gral gefunden?“ Soger kam näher. Er wirkte ausgesprochen interessiert, aber nicht mehr an ihren körperlichen Vorzügen. Er war doch nicht etwa immun gegen ihre Kräfte? Das hätte ich ausgesprochen unfair gefunden. „Wo ist er?“
„An einem sicheren Ort“, übernahm ich wieder die Gesprächsführung.
„Dich habe ich nicht gefragt!“
„Das ist mir schon klar, aber du wirst mit mir reden müssen. Ich bin ein Ideengeist und sie steht unter meinem Schutz. Du weißt, was ein Ideengeist ist?“
„Ja“, antwortete er mürrisch.
„Hervorragend. Du bekommst den Gral nicht. Er gehört den Hexen. Also könnt ihr wieder absegeln.“
„Aha.“ Er kam näher, bis wir uns beinahe berührten. Auch wenn ich keine Angst hatte, empfand ich es als unangenehm. „Und du kleiner, lächerlicher Ideengeist willst mir vorschreiben, was ich zu tun habe? Was bringt dich auf die wahnwitzige Idee, mich würde interessieren, was du denkst, fühlst, glaubst, sagst?! Was?!“
Er schien etwas cholerisch veranlagt zu sein.
Ich trat einen Schritt zurück, insbesondere wegen seiner feuchten Aussprache, wenn er sich aufregte.
„Nun, wie ich schon sagte, bin ich ein Ideengeist. Du kannst mir nichts antun.“
„Glaubst du?“ Er verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und ging zum Tisch, um sein Glas aufzufüllen, das er vorhin auf den Tisch gestellt hatte. „Nun, du magst recht haben, dir kann ich nichts antun. Aber wie sieht es aus mit deiner kleinen Freundin? Oder den Menschen in Linz? Vielleicht lasse ich die einen nach dem anderen herkommen und kielholen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis du mir sagst, was ich wissen will. Und mit ihr fangen wir an!“ Er deutete auf Lola, die nachdrücklich heller im Gesicht wurde. Sehr viel heller.
„Du lässt deine Geisterpfoten von ihr oder es gibt was auf Selbige!“, erwiderte ich aufgebracht.
„Oh, mir scheint, sie verfehlt ihre Wirkung auf dich nicht. Nun, und wie ist es mit den Menschen in dieser Stadt? Wie heißt sie noch? Ach, ist mir egal. Irgendeine Stadt halt. Würdest du dabei zusehen, wie sie den Hintern meines Schiffs küssen? Das wäre ein Spaß! Bei uns selbstverständlich nur längsschiffs!“
„Das wagst du nicht!“
„Finde es doch heraus!“
„Mir scheint, du bist dir nicht im Klaren darüber, dass du dich im 21. Jahrhundert befindest.“
Er zuckte die Achseln. „Was hat das schon zu bedeuten? Wir sind Geister!“
„Oh ja, nur glaubt niemand mehr an euch. Die Menschen sind aufgeklärt, sie glauben an die Vernunft und an die Wissenschaft, nicht an irgendeinen Geisterhokuspokus!“
Lola starrte mich von der Seite ungläubig an.
„Ach ja? Ich bin vorhin mal durch die Stadt gegangen, das sah nicht so aus, als würde niemand an uns glauben! Vielleicht sind einige inzwischen so vernünftig und ungläubig geworden, aber die meisten haben uns gesehen!“
Das wäre nicht gut, wenn das stimmte. Menschen, die Geister sehen können, sind von Geistern manipulierbar. Ich befürchtete, mich soeben zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben, als ich die Menschen vernünftig und wissenschaftsgläubig nannte. Im Grunde wusste ich es ja auch besser. Aber dieser Pirat sollte eben etwas anderes glauben.
„Also schön!“, sagte Soger. „Ich gebe euch eine Gelegenheit, die Menschen zu retten! Bis morgen, wenn die Sonne wieder untergeht, warte ich noch! Bringt mir bis dahin den Gral, dann geschieht niemandem etwas! Andernfalls …“
Ich dachte nach. Mir gefiel das Ultimatum nicht wirklich, aber es verschaffte uns Zeit, einen funktionierenden Plan auszuarbeiten. Für einen Ideengeist ist ein fast ganzer Tag eine kleine Ewigkeit. Es gab allerdings einen besonderen Grund, warum mir das Ultimatum, vielmehr Sogers Hartnäckigkeit, nicht gefiel.
„Warum willst du überhaupt den Gral haben? Für dich ist er doch wertlos.“
„Ist er das?“ Er hielt das volle Glas hoch, dann trank er es in einem Zug leer. „Nun, da irrst du dich, großer Ideengeist! Dieser Gral wurde einst von sehr mächtigen Hexen geschmiedet im Feuer der Ewigen Jugend. Lange habe auch ich gedacht, es wäre nett, ihn zu haben. Doch inzwischen weiß ich, welche Macht er tatsächlich besitzt. Ideengeist, dieser Gral wird uns das Leben schenken! Wir werden wieder leben, nicht mehr als Geister, die kaum jemand fürchtet, über den Rhein jagen, nein, wir werden echte, lebende Piraten, heldenhafte Wikinger, deren Namen in wehklagenden Liedern erklingen werden, in den Kehlen derer, die eine Begegnung mit uns überleben, und davon wird es wahrlich nicht viele geben!“
Er war wahnsinnig geworden. Können Geister überhaupt wahnsinnig werden? Offenbar schon.
Es wäre eine Katastrophe. Er und seine Leute hätten nicht die geringste Chance gegen die moderne Technik der Bundeswehr und der Polizei, doch würde es ein Blutvergießen ohnegleichen geben. Das konnte ich nicht zulassen.
„Komm, Lola.“ Ich nahm die Hand der Verführungshexe und verließ mit ihr das Schiff. Glücklicherweise war sie gar nicht in der Lage, etwas zu sagen, so erschüttert und verängstigt war sie. Das war auch besser so.
Sie sagte immer noch nichts, als ich mit ihr zum Café Kitsch ging. Es wurde Zeit für Chili Bird´s Eye. War sowieso alles fast egal.

Herr Mut vermisst die Schokotarte

Als Ideengeist betrifft mich die Gefährdung durch ein Virus nicht, da Ideen nicht durch ein Virus zerstört werden können. Und Toll Schreiber ist für Viren ebenfalls uninteressant, er ist höchstens selbst eine Art Virus, da er sich von Buchstaben ernährt. Es wäre höchstens zu argumentieren, dass es von seiner Art nicht viele gibt, genau genommen weiß ich nur von ihm, insofern die Bücher keine bedrohte Art sind. Jedenfalls nicht durch jemanden, der Buchstaben wortwörtlich, nun ja, nicht verschlingt, aber irgendwie schon verspeist.

Also, was ich sagen will, Herr Schreiber und ich sind nicht direkt von dem Virus betroffen, aber indirekt natürlich schon, denn allein durch Linz zu gehen, ist nicht wirklich aufregend. Ich persönlich finde es am schlimmsten, dass auch das Café Kitsch geschlossen ist. Ich frage mich ernsthaft, wie lange ich auf meine heißgeliebte Schokotarte verzichten muss.

Ich glaube, ich mag dieses Virus wirklich nicht. Auf die Trinkschokolade Chili Bird´s Eye kann ich ja noch verzichten, zumal wenn ich bedenke, welche Auswirkungen sie letztes Jahr hatte.

Aber die Schokotarte? Nein, das geht wirklich nicht.

Ich bin dafür, dass wir dieses Virus jetzt mal abschaffen.

Natürlich weiß ich auch, dass es so einfach nicht gehen wird. Und da ich in meinem langen Leben wirklich richtig, richtig viel gesehen habe, darunter auch sehr unschöne Sachen, wünsche ich allen Menschen, dass diese herausfordernde Zeit eine Zeit wird, die Ihr, die Menschen, nutzt, um mal innezuhalten, durchzuatmen und nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Und nun treffe ich mich mit Herrn Schreiber auf eine Schachpartie. Ich gehe davon aus, dass wir dabei über Aktuelles sprechen werden. Sollte ausnahmsweise mal Herr Schreiber auch etwas Sinnvolles zu diesem Thema beisteuern, werde ich Euch darüber unterrichten.

Bis dahin, bleibt schön gesund. Wir lesen uns.