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Herr Mut handelt fair

Trinkschokolade von Zotter

18 Sorten Trinkschokolade

Ich schaue mir mal den Riegel von der Trinkschokolade an. Weiße mit Vanille, fliegen will ich ja immer noch nicht.
Bio und fair, steht da. Zwei wichtige Schlagworte, die aus dem Marketing heute kaum noch wegzudenken sind. Finde ich eigentlich schade. Dass sie Marketinginstrumente geworden sind. Die Ideen dahinter finde ich natürlich gut. Auch wenn ich pessimistisch bin, was die generelle Umsetzbarkeit angeht. Sicher, zum Teil schon, keine Frage.
Aber was genau bedeutet überhaupt, dass etwas fair gehandelt wird?
Fair gehandelt, bedeutet das nicht, dass ich zu dem Preis, den bspw. der Arbeiter da irgendwo, wo auch immer die unterschiedlichen Rohstoffe herkommen, zum Beispiel Kakaobohnen, bekommt, auch bereit wäre, dieselbe Arbeit zu machen?
In meiner naiven Vorstellung gibt es irgendwo mindestens ein Land, in dem die Bohnen wachsen. Ob Kakao, Kaffee oder Erdnüsse, ist ja nun egal. Hauptsache, sie wachsen. Und jemand erntet sie, damit daraus Futter für unseren Kaffeevollautomaten wird. Oder damit es zu Weihnachten schön aussieht, wenn Erdnüsse die roten Schalen dekorieren. Oder eben in den hübschen Gläsern im Café Kitsch die Schokodrinks gerührt werden können.
Irgendjemand muss dafür arbeiten und die Sachen ernten. Rohstoffe heißen sie, die Sachen. Rohstoffe.
Also, was müsste man mir dafür zahlen, damit ich diese Arbeit mache? Das wäre dann ein fairer Preis, oder?
Blöderweise müssen die Bohnen dann auch noch transportiert werden. Sie werden weiterverarbeitet. Die Trinkschokolade wird irgendwie hergestellt, verpackt, verschickt, serviert. Und jedes Mal arbeiten Menschen damit, die auch fair bezahlt werden wollen. Logisch. Wenn ich zum Beispiel die Trinkschokolade verpacken müsste, würde ich das nicht umsonst machen. Wäre ja sonst schön blöd.
Mal ganz naiv gerechnet: Angenommen, der Erntehelfer bekommt zehn Euro in der Stunde, was eigentlich nicht wirklich fair ist, wenn ich bedenke, wie schwer die Arbeit ist. Aber gut, immerhin mehr als der Mindestlohn. Und leichter zu rechnen. Der Hafenarbeiter bekommt auch zehn Euro. Alle bekommen zehn Euro, die irgendetwas machen müssen, bis die Trinkschokolade vor mir steht. Das sind bestimmt mehr als zehn Menschen, das heißt, wir sind bei über 100 Euro. Für eine Trinkschokolade?! Wovon soll ich das bezahlen, wenn ich nur zehn Euro bekomme?
„Kerstin, Sie machen Verlust“, bemerke ich, als Mrs Kitsch in meine Nähe kommt.
„Wie bitte?“ Sie starrt mich entgeistert an.
„Die Trinkschokolade müsste über 100 Euro kosten, sonst machen Sie Verlust! Habe es gerade ausgerechnet.“
„Über 100 Euro für Trinkschokolade?“ Kerstin lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Ihr Blick ist schwer zu deuten. Möglicherweise überlegt sie, ob ich Drogen genommen habe, oder ob ich Hilfe benötige. Sieht irgendwie so aus. Das ist seltsam, eigentlich müsste sie doch in Panik geraten aufgrund meiner Erkenntnis. „Wie haben Sie das denn ausgerechnet, Herr Mut?“
„Nun, unter 10 Euro würde ich nicht auf einer Plantage arbeiten. Und die Trinkschokolade wird doch fair gehandelt, oder? Und wenn alle für zehn Euro arbeiten, dann kostet die Trinkschokolade am Ende über 100 Euro.“
„Äh … Herr Mut, also, wenn Sie in einer Stunde auf einer Plantage die Rohstoffe für nur einen Riegel ernten würden, dann wären Sie da bestimmt nicht lange beschäftigt.“
Ich muss nun doch lächeln. „Ja, das ist schon richtig. Wissen Sie, ich habe darüber nachgedacht, wie ein fairer Preis aussehen müsste. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, welche Mengen ein Erntearbeiter schafft und wie viele Trinkschokolade-Riegel man daraus machen kann. Aber ich glaube, ein fair gehandelter Riegel kann nicht billig sein.“
„Das ist er ja auch nicht, Herr Mut. Er hat durchaus seinen Preis. Genau darum, weil er fair und bio hergestellt wird. Weil viele Menschen davon leben wollen, und zwar zu menschenwürdigen Bedingungen. Das geht eben nicht zum Billigtarif.“
„Ich weiß. Angenommen, Deutschland würde mal nicht mehr zur Ersten Welt gehören und wäre am Anfang so einer Produktionskette … Obwohl, welche Rohstoffe hat Deutschland eigentlich zu bieten? Gedichte? Goethe lässt sich ja nicht mehr blicken, seitdem Toll Schreiber ihn so erschreckt hat. Wissenschaftler? Nun ja … Die werden ja auch vertrieben. Eigentlich … eigentlich können wir nur hoffen, dass wir niemals von irgendwelchen Rohstoffen in Deutschland abhängig werden, die wir liefern. Ich weiß nicht, ob wir dann eine gute Verhandlungsbasis hätten, um faire Preise zu fordern.“
Kerstin sieht mich nachdenklich an, schließlich meint sie: „Sie scheinen ein Kulturpessimist zu sein, Herr Mut. Gehen Sie doch einfach mal davon aus, dass alle Menschen eigentlich möchten, dass es allen anderen gut geht. Das sieht man ja schon daran, dass immer mehr Menschen faires Handeln unterstützen wollen. Natürlich ist noch sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit nötig, aber wenn wir damit nicht anfangen, wer soll es dann tun?“
„Ich gebe Ihnen ja recht, Kerstin, so grundsätzlich. Es ist nur, ich als Ideengeist habe schon so viele gute Ideen verkümmern sehen, wie Blumen am Wegesrand, da fällt es mir halt schwer, Ihren Optimismus zu teilen. Aber es ist schon richtig, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Sonst stirbt sie doch nicht zuletzt.“
„Genauso ist es, Herr Mut. Und nun muss ich mich um meinen Kuchen kümmern.“
Während sie sich erhebt, frage ich hoffnungsvoll: „Was machen Sie denn? Schokokuchen?“
Statt einer Antwort lächelt sie nur geheimnisvoll und geht in die Küche.

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Die Weihnachtsgeschichte geht weiter

Weihnachten trocknete ihre Tränen ab.

„Wieso wollen keine Menschen mehr zu mir kommen?“, fragte sie schniefend den Busfahrer.

„Ich bin nur der Busfahrer“, erwiderte jener mit einem Seitenblick auf sie.

„Aber die Menschen reden während der Fahrt doch bestimmt darüber. Hast du nichts gehört auf den letzten Fahrten?“

„Doch …“, erwiderte der Busfahrer zögernd. „Sie haben etwas erwähnt …“

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass der Busfahrer ein sehr rücksichtsvoller Mensch war und Weihnachten nicht wehtun wollte. Allerdings war ihm soeben klar geworden, dass seine Rücksichtsnahme dazu geführt hatte, dass Weihnachten völlig unvorbereitet war. Hätte sie damit gerechnet, dass die Menschen nicht mehr zu ihr kommen wollen, dann wäre sie vermutlich immer noch sehr traurig gewesen, aber sie hätte auch Zeit genug gehabt, sich darauf einzustellen. Manchmal ist es vielleicht doch besser, darüber zu sprechen, was geschehen könnte, dachte daher der Busfahrer bei sich, während er zugleich überlegte, wie er es Weihnachten erklären sollte, warum die Menschen nicht mehr zu ihr kamen.

Dann traf er eine Entscheidung. „Ich glaube, ich zeige es dir einfach“, sagte er. „Wir sind jetzt doch sowieso schon unterwegs, dann bringe ich dich dahin, wohin die Menschen gehen.“

„Jetzt bin ich ja gespannt“, antwortete Weihnachten und sah sehr unglücklich aus.

Der Busfahrer gab ein neues Ziel in seinem besonderen Navigationsgerät ein. Dieses Navigationsgerät hatte damit zu tun, wieso die Fahrt zu Weihnachten kein ganzes Leben dauerte, deswegen hoffe ich, dass Ihr mir verzeiht, wenn ich es nicht beschreibe; aber Ihr wisst ja: versprochen ist versprochen.

Jedenfalls erreichte der Bus irgendwann sein Ziel und hielt vor einem kleinen, unscheinbaren Haus. Sonst gab es nichts zu sehen, denn es war dunkel. Doch selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte es nicht zu sehen gegeben, denn es gab hier nichts, nur dieses eine kleine, unscheinbare Haus.

Weihnachten betrachtete es mit großen Augen. „Hier sind all die Menschen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Aber warum nur?“

„Das weiß ich nicht.“

„Das weißt du nicht?“

„Nein.“

Weihnachten überkam das Gefühl, dass der Busfahrer nicht mehr sagen wollte oder konnte und dass sie nicht umhin kommen würde, sich selbst ein Bild zu machen. Mit klopfendem Herzen stieg sie also aus dem Bus und trat zu der schmalen, einfachen Haustür. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Menschen dieses schmucklose, ja, eigentlich sogar hässliche Haus ihrem sauberen, hellen, schönen Haus vorziehen sollten. Aber der Busfahrer hatte gesagt, sie wären alle hier.

Also trat sie ein.

Hinter der Tür war es stockfinster.

„Hallo?!“, rief Weihnachten. „Ist jemand hier?“

Sie hörte, dass sich jemand näherte und machte einen Schritt zurück, bis sie gegen die geschlossene Tür stieß.

„Willkommen!“, rief jemand begeistert. „Wir begrüßen dich in unserem Tempel des Glücks! Hier hast du eine Nummer! Damit kannst du einkaufen und am Ende, bevor du wieder gehst, bezahlst du einfach alles! Wir liefern selbstverständlich nach Hause!“

„Bezahlen? Liefern?“ Weihnachten war ziemlich verwirrt. Sie konnte immer noch nichts sehen, auch nicht denjenigen, der ihr nun etwas in die Hand drückte, was sich wie Papier anfühlte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass hier etwas sehr Ungutes geschah. Es konnte doch nicht sein, dass die Menschen wirklich freiwillig in dieses dunkle Häuschen kamen! Hier gab es doch – nichts! „Warum ist es hier so dunkel?“, fragte sie.

„Hier ist es doch nicht dunkel! Oder bist du blind? Das tut mir dann leid für dich. Es ist doch alles hell und so schön bunt! Sieh all die wunderschönen Sachen, die du kaufen kannst! Schau all die vielen Menschen, die ihre Weihnachtsgeschenke einkaufen! Und da hinten, da gibt es sogar ein Kinderkarussell! Endlich sind die Menschen glücklich, denn jetzt können sie das haben, was sie schon immer haben wollten!“

Weihnachtens Verwirrung steigerte sich, so sehr widersprach die Schilderung dieses Mannes von dem, was es hier angeblich gab, dem, was sie sehen und hören konnte. Oder vielmehr, was sie nicht sehen und hören konnte: Für sie gab es hier nur Dunkelheit und, abgesehen von seiner metallisch klingenden Stimme, Stille. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass die Menschen hierher gelockt wurden, mit Versprechungen, die nichts als leere Seifenblasen waren, bunt und groß, die aber bei der geringsten Berührung zerplatzten und das Gesicht nass machten.

„Es tut mir leid“, sagte sie und war plötzlich sehr ruhig. „Ich sehe nur Dunkelheit und hören kann ich auch nichts. Hier ist der Zettel, den brauche ich nicht.“

Sie gab dem Mann, falls es überhaupt ein Mann war, denn sie konnte ihn ja nicht sehen, den Zettel mit der Nummer zurück, dann drehte sie sich um und suchte tastend nach der Türklinke. Als sie draußen stand und den Bus sah, atmete sie tief durch und stieg in den Bus.

„Und?“, fragte der Busfahrer neugierig. „Was hast du gesehen?“

„Nichts“, antwortete Weihnachten traurig. „Gar nichts. Da ist nichts.“

„Gar nichts?“, wiederholte der Busfahrer verwirrt. „Wie meinst du das?“

„Dass dort nichts ist. Zumindest nichts für mich. Es ist dunkel und still. Fahr mich bitte wieder nach Hause.“

Während sie sich wieder rechts vom Busfahrer hinsetzte und in sich zusammensank, startete der völlig verwirrte Busfahrer den Motor und schloss die Tür. Doch als er gerade losfahren wollte, ging die Haustür auf und ein kleiner Junge kam herausgerannt.

„Wartet! Ich will mit!“

Der Busfahrer trat auf die Bremse, dann ließ er den kleinen Jungen einsteigen, der sich neben Weihnachten setzte. Diese starrte ihn erstaunt an. Nun fuhr der Bus wirklich los, aber Weihnachten fragte sich, ob das richtig sein konnte, denn der kleine Junge wohnte ja nicht bei ihr. Jedenfalls bisher nicht.

„Bist du Weihnachten?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Ja, bin ich“, erwiderte sie.

„Oh ja! Darf ich dich besuchen kommen?“

„Das machst du doch schon, jetzt gerade“, antwortete Weihnachten immer verwirrter. „Wer bist du denn?“

„Ich heiße Josh“, sagte der Junge. „Meine Eltern wollen, dass ich mit ihnen Geschenke aussuche. Und dass ich Karussell fahre.“

„Und du willst das nicht?“

„Da drin ist doch nichts. Da ist es nur dunkel und still. Ich weiß nicht, was meine Eltern da drin machen.“

Weihnachten starrte den Jungen an. Er sah dasselbe wie sie, nämlich nichts? Wie konnte das nur sein? Doch dann beschloss sie, dass es eigentlich keine Rolle spielte. Denn wenn es auch nur einen Menschen gab, der dort genau wie sie nichts sah, dann gab es vielleicht noch Hoffnung.

„Bei mir gibt es aber keine Geschenke“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich weiß. Meine Oma war oft bei dir und hat erzählt, dass bei dir alles hell ist. Und sauber. Und dass du den Menschen schöne Geschichten erzählst. Und dass du leckere Kekse hast.“

„Das ist alles wahr“, erwiderte sie lächelnd.

„Bekomme ich Kekse? Und liest du mir die Geschichten vor?“

„Selbstverständlich, Josh.“ Weihnachten warf einen kurzen Blick auf den Busfahrer und sah, dass er auch lächelte.

So fuhr der Bus weiter und brachte Weihnachten nach Hause. Und als er dieses Mal vor ihrem sauberen, schönen, glänzenden Haus anhielt, war er nicht mehr leer. Sicher, ein Mensch allein hört sich nicht nach viel an, aber andererseits ist ein Mensch sehr viel mehr als niemand. Und zumindest hatte er die ganze Aufmerksamkeit von Weihnachten für sich, die ihm Kekse gab und Geschichten vorlas.

Als er in den Bus stieg und nach Hause fuhr, lächelte er glücklich.

Ein paar Tage später besuchte ich Weihnachten. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie mir, was sich zugetragen hatte.

Ich schwieg lange, denn ich musste das erst einmal verarbeiten, so unglaublich war diese Geschichte. Schließlich fragte ich: „Wirst du nächstes Jahr dann überhaupt dein Haus für die Gäste vorbereiten?“

„Selbstverständlich“, antwortete Weihnachten. „Josh wird wiederkommen und er hat gesagt, dass er seine Freunde mitbringt. Du wirst sehen, schon bald wird der Bus wieder voller Leute sein, wenn er vor meinem Haus hält!“

„Na gut“, brummte ich. „Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert. Und ich wünsche dir, dass du recht behältst.“

„Ja, ich denke schon. Und wo gehst du jetzt hin?“

„Zu Kerstin, ins Café Kitsch. Ich will wieder guten Kaffee trinken. Oder eine Trinkschokolade? Mal sehen.“

„Aha. Chilli Bird´s Eye?“

Ich sah sie nur grimmig an. Doch dann mussten wir beide lachen.

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Die Weihnachtsgeschichte

Es war einmal … eine kleine Weihnachtsgeschichte. Nennen wir sie der Einfachheit halber Weihnachten.

Weihnachten wohnte in einem ganz weit entfernten Land. Es war so weit entfernt, dass Menschen sich gewöhnlich nicht dorthin verirrten. Ja, sie kannten den Weg nicht einmal. Dennoch, einmal im Jahr geschah es, dass ein ganz großer Reisebus alle Menschen, die Weihnachten mal kennenlernen wollten, einsammelte und in dieses ganz weit entfernte Land brachte, in dem Weihnachten wohnte. Nun war es so, dass die Reise in dieses Land sehr, sehr lange dauerte. Also, um genau zu sein, sie hätte normalerweise ein ganzes Leben gedauert.

Das ging natürlich nicht, denn so viel Zeit hatten die Menschen gar nicht. Sie wollten zwar Weihnachten sehen, aber so eine lange Reise nicht einmal für Weihnachten auf sich nehmen. Das ist irgendwo ja auch verständlich, denn wer möchte schon sein Leben mit einer Reise zu Weihnachten verbringen? So komfortabel ist ein Reisebus schließlich auch nicht.

Deswegen ließ sich der Busunternehmer einen kleinen Trick einfallen. Um ehrlich zu sein, musste ich ihm versprechen, diesen Trick niemals, niemals, niemals und unter keinen Umständen und auf keinen Fall niemandem, nicht einmal unter Folter, zu verraten. Insofern bitte ich an dieser Stelle um Verständnis, dass ich diesen Trick nicht verraten werde. Sie können mich ruhig foltern, ich werde den Trick nicht verraten. Versprochen ist versprochen, nicht wahr? Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist Folgendes: Prinzessin Vespas Beinah-Ehemann könnte helfen. Vielleicht.

Wie dem auch sei, unsere Weihnachten bereitete sich jedes Jahr sorgfältig auf den anstehenden Besuch vor. Zunächst wurde das Häuschen von innen nach außen gekehrt, gefegt, geschrubbt, bis alles blitzblank sauber war und glänzte wie die Sonne. Oder so ähnlich. Danach kleidete sie sich ein. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass Weihnachten weiblich war? Also, ganz streng genommen hatte Weihnachten natürlich kein Geschlecht, aber man geht davon aus, dass sie eher weiblich als männlich war. Absolut sicher sind sich die Gelehrten da jedoch nicht. Als gesichert kann angenommen werden, dass Weihnachten bei den alljährlichen Besuchen der Menschen ein Kleid trug, jedenfalls seit Anbeginn der Aufzeichnungen. Wie es vorher war, weiß man ja naturgemäß nicht.

Üblicherweise hielt der Reisebus direkt vor Weihnachtens kleinem, strahlenden Haus, dessen Fenster und Türen weit offen standen, damit die vielen Menschen, die sich für Weihnachten interessierten, sofort eintreten konnten. Aber um ehrlich zu sein, dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass es von Jahr zu Jahr weniger Menschen waren, die der Reisebus zu Weihnachten brachte.

Und dann passierte es: Die Türen des Reisebusses öffneten sich – und niemand stieg aus.

Niemand.

Kein einziger Mensch.

Das heißt, so ganz stimmte das nicht. Wir wollen genau sein, schließlich sind wir die Chronisten eines ganz bedeutenden Ereignisses.

Einer stieg doch aus. Nämlich der Busfahrer. Aber ich denke, es sei mir verziehen, dass ich vorhin geschrieben habe, dass niemand ausgestiegen wäre, denn der Busfahrer war ja immer dabei und zählte nicht als Besucher.

Sie sahen sich an. Weihnachten, in einem sehr hübschen, knielangen roten Kleid und roten Stiefelchen, in denen sie ein bisschen wie Rotkäppchen aussah, und der Busfahrer.

Dann begann Weihnachten bitterlich zu weinen. Der Busfahrer nahm sie in die Arme und führte sie in den Bus, schloss die Türen, setzte Weihnachten ganz nach vorne, auf die rechte Seite, sich selbst hinter das Lenkrad und fuhr los.

(Teil 2)

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Trump im Haus – nicht

„Trump kommt mir nicht ins Haus!“

Finde ich grundsätzlich gut, allerdings denke ich, dass so ein Satz aus dem Kontext gerissen etwas missverständlich sein könnte, daher erlaube ich mir an dieser Stelle einige erklärende Worte. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen, ich bitte dies im Vorfeld zu entschuldigen.

Zunächst könnte man sich durchaus fragen, von wem diese Aussage stammt. Um es nicht zu spannend zu machen, sei bereits hier verraten, dass Kerstin dies gesagt hat und mit „ins Haus“ das Café Kitsch gemeint war. Interessant ist aber, dass der Satz genauso gut von Fiona hätte stammen können. Weil nämlich erst vor Kurzem eine interessante Diskussion genau zwischen ihr und meiner Wenigkeit zu einem vergleichbaren Thema stattgefunden hat.

Das kam so … Ach so, Ihr wisst ja gar nicht, wer Fiona ist, oder? Sie ist bisher nicht in Linz und insbesondere im Café aufgetaucht. Also, nicht real. Nun, die hinterlinkten Links führen zu Fiona, daher möchte ich an dieser Stelle nicht sehr ausführlich auf sie eingehen. Einige Worte halte ich aber dennoch für angebracht, damit unser „Gespräch“ besser nachvollzogen werden kann. Man muss nämlich wissen, dass Fiona und Kerstin durchaus einige Gemeinsamkeiten haben. Das ist Zufall, mag man es glauben oder nicht. Isso. Also, Fiona hat ihre eigenen Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist. Das trifft nicht immer den Mainstream, was ihr aber herzlichst egal ist. Als Kriegerin ist sie für das Gleichgewicht zuständig und muss selbst entscheiden, ob und wie sie eingreift. Das geht nicht, wenn man ständig an sich und den eigenen Entscheidungen zweifelt. Außerdem ist es nicht ihre Art.

Selbstverständlich hat Fiona auch zu Trump ihre eigenen Ansichten. Ich persönlich finde es interessant, dass Fiona diesen Mann für keine Störung des Gleichgewichts hält, aber gut. Sie wird es sicherlich begründen können. Letztlich hängt es auch davon ab, wie Gleichgewicht definiert wird. Aber das nur am Rande erwähnt.

Jedenfalls, als ich mal wieder bei Kerstin im Café saß und AUSNAHMSWEISE (!!!) mal eine Trinkschokolade zu mir nahm, wenn auch ganz bewusst NICHT Chilli Bird´s Eye, sondern … Halt, stopp! Ich verrate es mal besser nicht. 🙂 Wie dem auch sei, ich saß also im Café und hörte wie Kerstin oben erwähnten Satz sagte. Ich glaube, das war zu der Zeit, als Erdogan Hausverbot im Schloss Wahn bekommen hat. Es hat Kerstin sehr erleichtert zu wissen, dass sie die Möglichkeit hat, selbst scheinbar so mächtigen Leuten den Zutritt zu verwehren. Und bei der Gelegenheit wies sie gleich mal in aller Deutlichkeit darauf hin, wen sie da ganz besonders im Blick hat.

Da fiel mir sofort Fiona ein, besser gesagt, was sie vor gar nicht langer Zeit mal in einem Gespräch zu mir gesagt hat:

„Herr Mut, ich denke, Sie wissen schon, dass ich schnell dabei bin, meine Meinung allen zu sagen, ob sie es hören wollen oder nicht.“

„Ja, das ist mir allerdings bekannt“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. Schließlich war ich dem auch schon zum Opfer gefallen, gelegentlich.

„Weiß ich ja“, sagte sie grinsend. „Sie wissen bestimmt, was persona non grata ist?“

„Ja, Toll Schreiber in allen Bibliotheken.“

Sie lachte schallend auf. „Ja, außer in meinen Träumen. Egal. Ich habe auch eine solche Liste. Nicht einmal für mich persönlich, sondern fürs Büro. Monica liegt diese auch vor. Das sind Leute, mit denen ich grundsätzlich keine Geschäfte machen würde und die unser Firmengelände nicht einmal betreten dürften. Das ist natürlich eine heikle Sache. Ich meine, wie viele Firmen machen gerade mit solchen Partnern Geschäfte, die … na ja, durchaus auch als Störung des Gleichgewichts bezeichnet werden könnten. Ich persönlich bin da vorsichtig, als Kriegerin, denn wenn alle nur gut wären, hätten wir sicher kein Gleichgewicht. Aber das ist etwas, worüber ich mit niemandem öffentlich reden würde.“

„Hätten wir dann nicht das Paradies?“

Fiona starrte mich entgeistert an. „Wenn alle gut wären? Wovon träumen Sie nachts, Herr Mut? Vergessen Sie es. Der Mensch braucht das Böse wie die Luft zum Atmen. Was glauben Sie denn, warum einer wie Trump zum Beispiel so erfolgreich ist? Warum wird er, gerade er, von Frauen gewählt? Also, auch von Frauen? Von mir nicht, aber das ist ein anderes Thema. Also, von mir sowieso nicht, ich lebe ja nicht in den USA. Aber selbst wenn, würde ich ihn ganz sicher nicht wählen. Doch es gibt viele Frauen, die ihn wählen, weil er so ist, wie er ist. Endlich mal ein echter Mann! Ernsthaft, ich habe es selbst gehört. Da habe ich darüber nachgedacht, ob ich einen Fehler gemacht habe, als ich Emily gestoppt habe. Aber okay, ist vorbei.“

„Also ist Trump persona non grata bei CSE?“

„Definitiv.“

„Hm. Möglicherweise würden Sie aber auf viel Geld verzichten. Und Sie müssen ja auch an Ihre Angestellten denken.“

„Ernsthaft? Ich bin mir nicht sicher, ob es auch nur einen einzigen Mitarbeiter gebe, der dafür wäre, mit dem Geschäfte zu machen. Ich kenne ja die meisten persönlich von früher. Klar, es ist immer auch ein Abwägen, wo die Grenze liegt. Und ganz ehrlich, das große Geschäft ist meist unmoralisch. Selbst diejenigen, die mal moralisch integer angetreten sind, haben irgendwann die Moral im Straßengraben vergessen. Ab einer bestimmten Größe interessiert die Moral nicht mehr. Besser gesagt, sie ist nur noch hinderlich.“

„Oh, oh, Fiona, das ist aber sehr pessimistisch, meinen Sie nicht? Was ist denn mit Ihnen?“

Sie zuckte die Achseln. „Als Kriegerin bin ich eher kein Maßstab. Als CEO müsste ich mir natürlich überlegen, wie groß ich werden will oder kann, ohne meine Prinzipien begraben zu müssen. Eigentlich habe ich mich da bereits entschieden, aber ich bin in der glücklichen Lage, es mir leisten zu können.“

„Sind wir das nicht alle?“

„Doch“, antwortete sie lächelnd. „Aber wer weiß das schon?“

„Sie sind wirklich der schlimmste Misanthrop, den ich kenne, Fiona!“

„Da ist vermutlich was dran. Aber mal ehrlich, wundert Sie das?“

„Nicht wirklich. Also gut, Trump hat bei Ihnen Hausverbot. Das ist doch immerhin etwas.“

„Meine Moral ist ja auch nicht im Straßengraben. Sie mag etwas eigenwillig sein, okay. Aber ich war noch nie besonders angepasst.“

„Das unterschreibe ich sofort, Fiona. Sie untertreiben noch eher. Also gut, ich werde jetzt mal wieder nach Linz reisen. Für mich als Ideengeist ist es ja nicht so eine große Sache. Für Sie eigentlich doch auch nicht, durch die Verborgene Welt. Wollen Sie Kerstin nicht mal einen Besuch abstatten? Für Sie wäre Chilli Bird´s Eye bestimmt was.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Was zum Teufel ist das denn?“

„Eine von 18 Sorten Trinkschokolade. Ich habe sie noch nicht getrunken, der Name lässt mich vermuten, dass ich dann möglicherweise unter der Decke herumschwebe, obwohl Vanesa mal gesagt hat, dass sie noch keinen Gast von der Decke holen mussten. Aber vielleicht wäre ich der Erste. Als Ideengeist bin ich doch etwas … Wie soll ich es ausdrücken?“

„Abgehoben?“

„Fiona, Sie sind wirklich respektlos!“, erwiderte ich indigniert.

„Ach?“

„Und eine Diebin! Das ‚Ach?‘ ist meins!“

„Von wegen. Aber ich will Sie nicht ärgern, ich mag Sie ja, Herr Mut. Grüßen Sie Kerstin unbekannterweise von mir, wir scheinen uns ja nicht unähnlich zu sein.“

„Zumindest in mancher Hinsicht. Ich werde es ihr ausrichten.“

Das tat ich dann auch, als ich meine Trinkschokolade bestellte. Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht Chilli Bird´s Eye genommen habe?

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Hier ist das Besondere die Norm

Eigentlich müsste es statt „die Norm“ die Normale heißen. Damit ist jetzt nicht gerade Kerstin gemeint. Nach meinen, inzwischen recht zahlreichen, Besuchen im Café Kitsch denke ich, sie würde es eher als Beleidigung empfinden, als die Normale bezeichnet zu werden. Doch irgendwie ist das dann doch wieder nicht ganz richtig, denn es kommt ja auch immer darauf an, was normal ist, also der Norm entspricht.

Und wer bestimmt, was der Norm entsprechend, also normal ist?

Nun, in der Technik ist das für Deutschland das Deutsche Institut für Normung, auch bekannt unter DIN. Dessen Arbeit ist durchaus nützlich, denn sonst wäre schon der Kauf eines Verlängerungsschlauchs für die Installation eines Wasserkrans möglicherweise eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Daher möchte ich dieses Institut an dieser Stelle ausdrücklich mal loben. Und Fehler macht ja schließlich jeder mal.

Aber was genau ist denn nun normal?

Ich würde an dieser Stelle gerne auf eine kulturhistorische Abhandlung zu diesem Thema verzichten. Als Ideengeist könnte ich durchaus eine Menge dazu sagen, resp. schreiben. Aber ich glaube, das würde den Rahmen mehr als sprengen. Vielleicht schreibe ich ja dazu mal eine Buchserie. Mal sehen. Oder ich bitte Zsolt, die Fiona dazu ein paar Abenteuer erleben zu lassen?

Es könnte an dieser Stelle sinnvoll sein, kurz darauf einzugehen, wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin. Wie so oft, ist auch diesmal Kerstin daran schuld. Ja, doch. Ist durchaus als Lob gemeint. Das war so:

Eines Tages, könnte Oktober 2018 gewesen sein, saß ich, mal wieder, im Café und trank meinen Kaffee und aß eine Schokotarte. Kerstin meinte zwar, es könnte ein Hauch zu viel Alkohol drin sein, aber das glaube ich nicht. Ich sehe das anders: Es war einfach perfekt. Nun, wie dem auch sei, sie hatte, durchaus nicht unüblich, auch andere Gäste. Und eine Frau, die zu beschreiben ich aufgrund von DSGVO nicht wage, meinte dann zu Kerstin beim Bezahlen: „Wir haben das Besondere gesucht und bei Ihnen gefunden!“ Kerstin wirkte etwas sprachlos, also habe ich darüber nachgedacht.

Dabei ist mir klar geworden: Im Café Kitsch ist das Besondere doch völlig normal? Das wird auch der Grund für Kerstins Sprachlosigkeit gewesen sein. Ich denke mal, sie überlegt sich nicht jeden Morgen beim Aufschließen, dass sie ja ein besonderes Café hat. Alles andere wäre für sie völlig unnormal. Ich meine, ein normales Café zu haben, das könnte sie gar nicht.

Wir lernen daraus: Normal ist eigentlich das, was man dafür hält.

Klingt banal? Ist es auch. Doch wie so oft, sind banale Wahrheiten die tiefgründigsten, denn sie gehören zum Alltag und machen damit unser Leben aus. So, wie viele 46 Wochen des Jahres arbeiten und in 6 Wochen das Besondere erleben: den Urlaub. Aber ihr Leben wird letztlich durch die 46 Wochen definiert, was sie in dieser Zeit tun und erleben. Lauter banale Sachen: Auto fahren, sich rasieren, duschen, Sport machen, Sex, Essen, Trinken. Und so fort. Es ist banal, ja. Aber ist es nicht gerade dadurch etwas Besonderes? Ich frage Euch: Wollt Ihr am Ende Eures Lebens, auf dem Sterbebett, ernsthaft daran denken müssen, dass Ihr grob 87% Eures Lebens in der absoluten Bedeutungslosigkeit verbracht habt? Wollt Ihr das?

Na also. Das Banale ist so banal gar nicht. Oder anders ausgedrückt: Wir werten uns und unser Leben doch ziemlich herab, wenn wir etwas als banal bezeichnen.

Normal ist eigentlich das, was man dafür hält. Es mag banal sein, in dem Sinne, dass es eine Selbstverständlichkeit hat wie die 46 Wochen unseres Lebens. Aber es ist trotzdem etwas Wichtiges und Besonderes.

Uff, damit kriege ich wieder die Kurve zum Café Kitsch. 🙂

Das, was der Gast als das Besondere am Café Kitsch bezeichnet hat, war für diesen Gast nur besonders, weil er nicht täglich damit zu tun hat. Im Gegensatz zu Kerstin, für die es völlig normal ist, anders als die meisten zu sein. Das Besondere ist für sie und bei ihr einfach nur normal.

Insofern war die Bemerkung des Gastes ein großes Lob, denn manchmal vergisst man leider, wie besonders das Normale eigentlich ist.

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Hitzefrei

Hitzefrei! Also, frei von Hitze. Das sind wir inzwischen wieder. Wobei, ich frage mich schon, warum die Hitze so ein Problem sein soll. Ich meine, es ist doch normal, dass es im Sommer warm ist. Oder sogar heiß. Selbst in Deutschland. Zwischendurch hatte ich wirklich das Gefühl, die Deutschen seien von einem schönen Sommer überrascht, als wenn sie es noch nie erlebt hätten. Und die Unkenrufer sind auch da, das sei alles eine Auswirkung des Klimawandels.

Lassen wir den Klimawandel doch mal da, wo er hingehört: in der Politik. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob die heutigen „Superrechner“ wirklich in der Lage sind, zuverlässige Klimamodelle zu berechnen. Erstens dürfte die Leistung noch nicht ausreichen und zweitens, viel wichtiger, sind wir Menschen gar nicht in der Lage, alle Parameter, die für ein so komplexes (Öko-)System eine Rolle spielen, zu erkennen, zu erfassen und dann auch noch in Gleichungen zu pressen, die dann im Modell berücksichtigt werden.

Dass über sieben Milliarden Menschen die Erde beeinflussen, steht außer Frage. Doch über das Wie dürften wir nur sehr spekulative Aussagen treffen können, wenn wir das Ganze mal frei von Dogmen betrachten.

Egal, darüber wollte ich ja heute gar nicht schreiben, schließlich bin ich nur ein Ideengeist.

Jedenfalls hatten wir bisher einen ziemlich schönen Sommer, der uns jetzt plötzlich eine lange Nase dreht. Ich meine, im August eine Jacke anziehen? Das ist vielleicht nachts normal, aber zur Mittagszeit eher ungewöhnlich. Nun gut, im statistischen Mittel ist der August immer noch normal warm. Immerhin. Hier, in Linz am Rhein, ist man unbeeindruckt, so scheint es mir. Die Fähre fährt, wie immer, von einem Ufer zum anderen und zurück. Was sollte sie auch sonst machen? Es gab ja keine Handgranaten, Dinosaurierreste oder Schiffwracks zu entdecken. Ich meine, Handgranaten braucht ja kein Mensch. Oder andere Granaten. Auch keine mit Museumswert. Allerdings sind das Zutaten für eine interessante Fantasy-Story: Die Granaten stammen gar nicht aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern haben irgendwann in grauer Vorzeit den Mammut über die Regenbogenbrücke befördert, dessen Stoßzahnreste neulich gefunden wurden. In Düsseldorf. Das ist so ein Städtchen weiter rheinabwärts. Hat man ja schon mal gehört, den Namen. Linz, das ist natürlich eine andere Hausnummer. Da kann so ein Städtchen wie Düsseldorf nicht mithalten. Kein Wunder, dass sie einen Mammutzahn aus dem Hut respektive Rhein zaubern müssen, damit überhaupt jemand weiß, dass es diesen Ort gibt. Irgendwo in Deutschland, am Rhein. Ja, ja. Nötig haben die es wohl.

Wie auch immer, der Rhein ist dieses Jahr etwas wankelmütig, das kann man so sagen, glaube ich. Im Januar leckte er am Viadukt und hat es da mal wirklich geschafft, die Fähre zum Stillstand zu zwingen, selbst in Linz. Und nun kommen Sandbänke zum Vorschein, von denen wussten frische Generationen nicht einmal, dass es sie gibt. Ob sie es jetzt wissen, ist eine andere Frage. Vermutlich haben sie Wichtigeres zu tun, als die Sandbänke und deren Biotope zu bewundern. Sie habe ihre eigenen Biotope. Die Vertreter der jungen Generation, meine ich.

Neulich erzählte mal im Café Kitsch ein Gast, dass diese Sandbänke, nicht die junge Generation, eine interessante Abwechslung für die Zugvögel auf ihrer Flugroute seien. Vielleicht habe ich auch nur etwas falsch verstanden, das mag sein, denn Zugvögel im August? Nun gut, einige starten tatsächlich schon im Juli, wobei ich nicht weiß, wie es dieses Jahr war. Das Wetter muss sie ja völlig durcheinander gebracht haben. Damit will ich nicht sagen, dass es ungewöhnlich heiß war dieses Jahr. Eigentlich war es die letzten Jahre ungewöhnlich kalt. Früher, da war ja bekanntlich alles besser, auch die Sommer. Ich kann mich an einen April vor über zwanzig Jahren erinnern, da waren es deutlich über dreißig Grad. Celsius, nicht Kelvin. Letzteres wäre ein wenig zu kalt. Aber nur ein wenig.

Apropos, Hitze. Ich habe mal nachgelesen. Wer von Euch erinnert sich an den Tag, als man zu Fuß durch die Donau laufen konnte? Jawohl, die Donau, dieser Fluss, der bei Linz (in Österreich!) etwas über 200 Meter breit ist oder bei Budapest 400 bis 500 Meter. Diesen Fluss konnte man zu Fuß überqueren. Interessant wäre es noch zu wissen, wo. Aber vielleicht ja überall. Immerhin, der Jahrtausendsommer ist auch schon eine Weile her, nämlich fast 500 Jahre. Er fand 1540 statt und hat dafür gesorgt, dass man in London Meerwasser sehen konnte. Dort, wo sonst die Themse fließt. Das ist sicher nicht alltäglich. In dem Jahr haben die Rosen im Oktober ein zweites Mal geblüht, nur mal am Rande erwähnt. Nur das Bewässern war wohl etwas schwierig. Es regnete in dem Jahr nämlich praktisch nicht, etwa elf Monate lang. Heutzutage bricht die Wasserversorgung schon fast zusammen, wenn es mal zwei Monate lang einen normalen Sommer mit einigen Tagen über 30 Grad gibt. Wetten, in zehn Jahren weiß niemand mehr, wie das Wetter in 2018 war. Ja, war halt ein schöner Sommer, ne?

Die Touristen hat es aber nicht davon abgehalten, nach Linz (in Deutschland!) zu kommen. Obwohl es nicht alle Schiffe bis nach Linz geschafft haben. Immerhin, „Moby Dick“ sah man auch regelmäßig. Hut-Wetter war es. Hüte gingen gut, was ja kein Wunder ist. Doch jetzt beginnt allmählich die Schal-Saison. Natürlich gibt es bei Café Kitsch auch Schals, nicht nur 18 Sorten Trinkschokolade von Zotter. 😉

So, genug philosophiert. Ich muss wieder los und Herrn Toll Schreiber suchen, bevor er etwas anstellt. Nicht dass er in irgendeiner Buchhandlung alle Buchstaben aufisst. Da muss man echt aufpassen. Schließlich möchte kein Mensch Bücher mit leeren Seiten kaufen. Wobei, bei manchen Büchern würde es niemand merken.

Aber das ist ein anderes Thema.

 

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An einem Tag im Juni

Der Sommer ist da. Also, fast. Kommt darauf an, von welcher Warte aus wir die Sache betrachten. Das Wetter ist schon sommerlich, mit allem, was dazu gehört, einschließlich Freitalbad in Wuppertal. Praktisch gesehen fahren da so gut wie nur Wagen mit sauberem Unterboden herum. Unpraktisch dabei ist nur das ganze Öl, was durch die mancherorts inbegriffene Motorwäsche auch in den Pool gelangt ist. Aber wir, zumindest was mich betrifft, wollen ja nicht meckern, denn in Linz am Rhein ist das Wasser dort geblieben, wo es hingehört: im Rhein. Dass dies nicht selbstverständlich ist, haben wir ja im Januar erst gesehen.

Im Café Kitsch, meinem Lieblingscafé in diesem malerisch bunten Ort, ist alles wie früher. Also, fast. Irgendwas ist anders. Nein, das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Am 1. März feierte das Café ja Einjähriges, nun ist nicht mehr alles das erste Mal, sondern es gibt den Vergleich mit dem Vorjahr. Als ich Kerstin mal gefragt habe, wie sie die Entwicklung findet, meinte sie, dass sie nicht unzufrieden ist. Es war viel Arbeit, viel Einsatz, das Café nach ihren Vorstellungen zu gestalten, Einiges ist ja jetzt anders als vor einem Jahr, aber es hätte sich durchaus gelohnt. Sie hat einen beachtlichen Anteil an Stammkunden aufgebaut. Manche kommen sehr regelmäßig und in kurzen Abständen, andere weniger regelmäßig oder in größeren Abständen, aber es sind sehr viele, die wiederkommen, weil es ihnen so gut gefallen hat. Dass dies nicht einfach nur so dahergeredet ist, sieht man ja auch an den Bewertungen auf Google Maps.

Ich selbst bin regelmäßig da und eigentlich auch häufig. In den letzten Monaten sah man mich allerdings eher seltener in Linz, aber das hatte mit Fiona zu tun. Im Moment werde ich da aber anscheinend nicht gebraucht, wenn doch, sagt mir Toll Schreiber sicherlich rechtzeitig Bescheid, dieser Buchstabengourmet. Und so sitze ich mal wieder im, nein, vor dem Café, denn trotz des wolkenverhangenen Himmels an diesem Junitag sitze ich draußen. Es ist warm, allerdings auch schwül. Gestern war ja Feiertag, entsprechend mehr ist an diesem Freitag in der Stadt los. Auch Touristen, vielleicht sogar aus Wuppertal. Ich sollte mal nachsehen, ob im Hafen auch Schlauchbote angelegt haben. Okay, das ist nicht nett, ich weiß. Aber wieso soll ich immer nur nett sein? Ich bin ein Feingeist, aber ein Zyniker. Und Wuppertal war halt für kurze Zeit ein Wassertal. Das stammt übrigens nicht von mir, es stand auf Youtube. Und außerdem darf ich mich mit Wuppertal beschäftigen, in gewisser Weise ist das ja meine Geburtsstadt. Glaubt Ihr nicht? Mein allererstes Erlebnis erschien in einer Anthologie, die von dem Wuppertaler Autor Christian Oelemann herausgegeben wurde. Man könnte sagen, ich sei ein Wuppertaler. Und ich mag diese Stadt durchaus und bin froh, dass sie letztlich glimpflich davongekommen ist. Mit einem augenzwinkernden Lachen lässt sich alles besser ertragen. Ich meine, hier in Linz spielt ja Wasser auch eine besondere Rolle, nicht nur im Rhein, sondern auch außerhalb. Zum Beispiel als letztes Jahr der Frühjahrströdelmarkt war und es für zehn Minuten so geregnet hat, dass die Rheinstraße sich in einen Wasserfall verwandelt hat. Anschließend war die Unterführung zur Fähre nur schwimmend zu benutzen. Zehn Minuten! Wir können das also auch.

Ich bin jetzt fertig mit meinem Kaffee. Da Kerstin gut zu tun hat mit ihren Frühstückgenießern, belästige ich sie heute mal nicht mit meinen feingeistigen Kommentaren, sondern bezahle und verabschiede mich freundlich lächelnd. Sie lächelt zurück.
 

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Auch Engel brauchen mal Urlaub

„Ah, Herr Mut!“, sagt Kerstin fröhlich, als ich das Café betrete. „Sie habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen!“
„Fröhliche Weihnachten“, erwidere ich lächelnd.
„Ja, natürlich, Ihnen auch fröhliche Weihnachten. Wie geht es Ihnen denn?“
„Ach ja, es lebt sich so“, antworte ich und setze mich an den kleinen Tisch in der Mitte des Cafés. Zwei der großen Tische sind besetzt, aber es ist ja auch noch früh. „Weihnachten ist immer so anstrengend für die Engel.“
„Ich dachte, Sie sind eine Kreativitätsmuse, kein Engel? Übrigens, möchten Sie eine Chilli-Trinkschokolade?“ Ihr Humor ist manchmal sehr witzig. Als sie meinen Blick sieht, fügt sie schnell hinzu: „Ich meinte natürlich, ob Sie einen Kaffee möchten. Vermutlich einen Brasilianer? Den belebenden?“
„Ja, den kann ich heute gut gebrauchen. Obwohl, mir geht es ja gut, im Vergleich zu den Engeln.“
Kerstin mustert mich irritiert. „Sie erwähnen die Engel bereits zum zweiten Mal. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“
„Ja, erzähle ich Ihnen gleich.“
Sie nickt und geht zu den Kaffeemühlen. Als sie mir später den Kaffee in der Stempelkanne bringt, bemerke ich: „Übrigens bin ich ein Gedankengeist, auch Ideengeist genannt. Teilweise haben wir ähnliche Aufgaben wie eine Muse, aber nur teilweise. Doch wirklich wichtig ist das nicht.“
„Aha.“ Kerstin setzt sich zu mir, da die anderen Gäste versorgt sind. Außerdem ist ja auch noch ihre Mitarbeiterin da. „Und was ist das nun mit den Engeln?“
„Die Engel“, beginne ich, „die Engel haben um diese Zeit, also zu Weihnachten und die Tage danach, richtig viel zu tun. Viele Menschen begegnen sich, die sich sonst das ganze Jahr über aus dem Weg gehen. Oder aber zumindest weniger Zeit miteinander verbringen, zwischen Abendessen und Frühstück, das dann meist schlafend oder vor dem Fernseher sitzend. Und plötzlich nehmen sie sich gegenseitig wahr. Das führt zu Konflikten, wissen Sie. Und dann sind die Engel gefragt. Sie haben die Aufgabe, das Schlimmste zu verhindern. Oft reicht es schon, wenn sie einfach daneben stehen. Ihre Anwesenheit führt dazu, dass sich Liebe ausbreitet. Doch nicht immer genügt das, manchmal ist der aufgestaute Hass so groß, so dunkel, so stark, dass die Engel von ihr wie von einer gigantischen Sturmwelle fortgespült werden. Dann kostet es ziemlich viel Kraft, wieder zu den Menschen zurückzukehren, von dem die Welle ausging. Das ist normaler Alltag für Engel, und sie können auch gut damit umgehen. Nur zur Weihnachtszeit, da ist es einfach zu viel.“
„Ja, nach Weihnachten steigt auch immer die Scheidungsrate an“, bemerkt Kerstin.
„Das auch. Aber auch die Geburtenrate, bisschen Optimismus wollen wir doch auch verbreiten, nicht wahr?“
„Ich weiß nicht. Gibt es dafür wirklich einen Grund? Ich meine, optimistisch zu sein.“
„Natürlich“, sage ich und nicke dabei. „Das Leben ist grundsätzlich schön. Von einfach war nie die Rede.“
Endlich lächelt sie. „Herr Mut, Sie haben das Schild gesehen.“
„Selbstverständlich. Hängt ja noch im Eingangsbereich. Aber der Spruch ist unabhängig davon wahr, ob er irgendwo aufgeschrieben steht oder nicht. Und mal ehrlich, gerade Sie fänden das Leben doch bestimmt sehr langweilig, wenn es keine Herausforderungen böte.“
„Das stimmt.“ Jetzt nickt sie. „Aber manchmal wünsche ich mir etwas weniger Herausforderungen.“
„Dafür haben Sie ja aber bald Urlaub, im Gegensatz zu den Engeln.“
„Haben die Engel denn nie Urlaub?“
„Nein, nie. Das ginge auch gar nicht. Die Menschen brauchen die Engel rund um die Uhr. Wissen Sie, die Hauptaufgabe der Engel besteht darin, einfach da zu sein und Liebe zu geben. Sie wurden aus Liebe geboren.“
„Von wem? Von Gott?“
Ich zucke die Achseln. „Ist das denn wichtig, Kerstin? Gott, Allah, eine göttliche Macht oder einfach nur das pure Sein. Da mag jeder glauben, was er will. Wichtig ist nur, dass die Menschen die Verbindung zu den Engeln nicht verlieren, denn dann gewinnt die Dunkelheit, der Hass, die Wut.“
„Also der Teufel?“
„Ach, der Teufel. Wenn Sie den als Synonym für die Abwesenheit von Licht und Liebe ansehen, dann ja.“
„Also haben die Esos recht? Es ist wirklich so einfach? Man muss nur an die Liebe glauben und alles wird gut?“
„Nein, denn das Leben ist ja schön, aber von einfach war nie die Rede. Auch wenn die Liebe einfach da ist, das schon, heißt das noch nicht, dass sie von selbst wirkt. Sie ist eine Möglichkeit, die von den Menschen aktiv genutzt werden muss oder kann. Es geht um Entscheidungen. Zu sagen, ‚Ich liebe dich‘, genügt nicht, das sind zunächst nur Worte. Das ist wie mit dem Licht. Wenn Sie in einem dunklen Raum das Licht anmachen, dann passiert noch nichts. Aber Sie sehen, was da ist und können Entscheidungen treffen und dadurch handeln. Auch im Licht können Sie viele Entscheidungen treffen, die Sie später vielleicht bereuen. Und wenn Sie eine Entscheidung bereuen, haben Sie sich vielleicht nicht so gut entschieden, wie Sie sich hätten entscheiden können.“
„Aber Dinge können sich ändern, ohne dass Sie das voraussehen.“
„Das ist richtig. Die Frage ist aber, nach welchen allgemeinen Regeln treffen Sie Entscheidungen? Treffen Sie eine Entscheidung, weil Sie hundertprozentig davon überzeugt sind, richtig zu handeln? So eine Entscheidung werden Sie niemals bereuen, denn Sie wissen ja, dass Sie keine andere hätten treffen können, von der sie genauso überzeugt gewesen wären. Oder treffen Sie eine Entscheidung, weil sie bequemer ist, Sie aber wissen, dass Sie nicht hundertprozentig überzeugt sind, die beste Entscheidung getroffen zu haben? Eine solche Entscheidung werden Sie irgendwann bereuen.“
„In der Theorie klingt das alles ja schön, aber in der Praxis habe ich nicht die Zeit, bei jeder Entscheidung tiefschürfende Analysen zu machen.“
„Das brauchen Sie ja auch nicht. Wenn Sie nicht die 100-Prozent-Entscheidung getroffen haben, spüren Sie das sofort. Jeder Mensch spürt das. Viele haben viel Übung darin, dieses Gefühl wieder zu verdrängen, aber es ist da. Und wer anfängt, sich auf diese Stimme zu konzentrieren, trifft schon bald ganz automatisch die richtigen Entscheidungen. Das ist natürlich ein Lernprozess, oft genug ein ziemlich schwerer, aber das Leben ist zwar schön, aber …“
„… von einfach war nie die Rede“, ergänzt Kerstin grinsend. „Also gut, wenn ich es richtig verstanden habe, sind Engel so was wie die Leuchttürme auf diesem Weg des Lernens, wir müssen nur lernen, auf sie zu achten?“
„Etwas vereinfacht dargestellt, aber grundsätzlich ist das so, ja.“
„Nun denn, ich glaube, ich verstehe jetzt, warum auch Engel mal Urlaub brauchen. Und jedenfalls weiß ich ganz genau, warum ich Urlaub brauche!“
Ich nicke. „Ja, das sehe ich Ihnen an. Sie haben hart gearbeitet und viel erreicht. Darauf können Sie auf jeden Fall stolz sein. Es ist an der Zeit, dass Sie sich mal etwas Erholung gönnen. Das nächste Jahr wird bestimmt nicht einfach. Aber Sie wissen ja, das Leben …“
Sie erhebt sich lächelnd und geht zum dritten großen Tisch, an dem neue Gäste Platz genommen haben. Und schon bald klirren die Gläser für die Trinkschokolade, die sie aus dem Regal holt. Einer hat, wenn ich es richtig gehört habe, sogar tatsächlich Bird´s Eye Chilli bestellt. Er will wohl fliegen.
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Kitsch me

Interessiert beobachte ich die Leute, die zum ersten Mal den Namen des Cafés sehen, oft breit grinsen, manche lachen auch. Es sind nicht viele, aber es gibt Leute dabei, die finden den Namen auf eine spöttische Art und Weise lustig. Da ich Stammgast bei Kerstin bin, habe ich oft Gelegenheit, die Menschen beim Vorbeiziehen zu beobachten. Die Reaktionen sind erst einmal ziemlich ähnlich, wenn wir von denen absehen, die das Café glatt übersehen. Aber das kommt immer seltener vor, dafür häufen sich die Begebenheiten, bei denen das Café bereits bekannt ist. Und auch die Bemerkungen in der Art, dass das Café schon wieder voll und kein Platz frei sei. Aber das ist nun einmal so am Sonntag Nachmittag um drei Uhr. Montag Nachmittag um zwei gibt es noch freie Plätze und Kuchen und Kaffee, Kuchen freie Auswahl, kosten dann sogar nur fünf Euro. Warum wohl bin ich meistens am Montag da?

Aber ich weiche ab vom Thema. Ich denke nämlich gerade darüber nach, warum das Café eigentlich so heißt, wie es heißt: Café Kitsch. Schreckt „Kitsch“ die Leute nicht eher ab? Meine Beobachtung bei einigen Passanten scheint das zu bestätigen. Auf der anderen Seite gibt es viele andere, viel mehr andere, die offensichtlich begeistert sind. Die alte Weisheit, es nicht jedem recht machen zu können, gilt sicherlich auch hier, und mein Eindruck ist, dass ein kitschiges Café, verbunden mit einem gewissen Qualitätsanspruch, wie es so schön heißt, von mehr Leute geschätzt als abgelehnt wird.

Kitsch me. Genau, das ist es. Kitsch ist ja eine Philosophie, die genug hat von irgendwelchen Kunstwerken, die kein Mensch versteht, den Künstler eingeschlossen, von Kunstwerken, deren Deutungsvielfalt dazu führt, dass der werte Betrachter sich ganz doof vorkommt, weil er in einem leicht gekrümmten Strich einen leicht gekrümmten Strich sieht und keine Metapher für das Leben eines frisch gelegten Eis. Oder weil ein Fettfleck nur ein Fettfleck ist. Ein kleiner Porzellanengel weckt vielleicht Kindheitserinnerungen, lässt an Oma und Opa und besinnliche Tage bei ihnen um Weihnachten herum oder an den Adventswochenenden denken, nötigt aber keine emotionalen und verstandsmäßigen Auswringungen ab, um dann mit geheimnisvollem Gesicht zu nicken und dem Künstler, noch öfter dem Rezensenten, dem Kunstfachmann, das Gefühl zu geben, man hätte auch nur ansatzweise verstanden, was er einem gerade erklärt hat.

Nein, Kitsch ist schön einfach und oft auch einfach schön. Es macht das Leben nicht komplizierter, als es sowieso schon ist. Im Gegenteil, eigentlich macht es das Leben einfacher – und emotionaler. An einer schönen, kitschigen Wanduhr kann man sich ohne schlechtes Gewissen, die Bedeutung derselben nicht verstanden zu haben, erfreuen. Und nützlich ist sie, zumindest wenn Kitsch als Wanduhr an der Wand hängt, auch noch, außer am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung.

„Kitsch me“, sage ich also zu Kerstin, als sie kommt, um zu fragen, ob ich noch etwas möchte.

Sie sieht mich aus großen Augen an. „Soll ich Sie als Engel an die Wand hängen, Herr Mut, oder was meinen Sie?“

Ich denke kurz darüber nach, wie sich das anfühlen würde, dann schüttele ich den Kopf. „Ich glaube, auf Dauer wäre mir das doch zu langweilig. Ich habe gerade über Kitsch und Ihr Café nachgedacht, dabei kam mir der Gedanke, dass Kitsch irgendwo auch ein Synonym für Lebensfreude und Lebensgenuss ist. Kitsch me bedeutet dann so viel wie: Schenk mir Lebensfreude.“

„Das hört sich gut an“, sagt Kerstin. „Kann ich das vielleicht als Motto klauen?“

„Das müssen Sie nicht klauen. Ich bin doch ein Gedankengeist und ich schenke Ihnen ‚Kitsch me‘.“

„Oh, danke schön. Wenn Sie ein Gedankengeist sind, dann sind Sie doch irgendwie in allem hier drin, oder?“

„Ja, das bin ich“, bestätige ich. „Und jetzt möchte ich noch einen Kaffee. Keinen Kakao, auch nicht den zum Fliegen.“
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