Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (10, finale Folge)

Das Café war leer. Das lag vermutlich an der Uhrzeit. In der Küche hörte ich jemanden werkeln, vermutlich Kerstin. Ich dirigierte meine Begleiterinnen zum Fenstertisch. Für Anfang Mai war es irgendwie kühl und der feine Nieselregen machte es nicht besser, aber dafür waren wir jetzt unter einem Dach.
„Ich komme sofort!“, rief jemand mit Kerstins Stimme aus der Küche.
„Wir haben Zeit!“, erwiderte ich.
Das war gut geeignet, Kerstin sofort aus der Küche stürmen zu lassen.
„Herr Mut! Mit Ihnen habe ich schon viel früher …“ Sie wurde augenscheinlich meiner Begleitung gewahr, denn sie blieb wie angewurzelt stehen. Lola kannte sie ja bereits, aber Linda nicht. Und sie sah durchaus ungewöhnlich aus, obwohl sie ganz gewöhnliche Jeans und einen Pullover, alles in Schwarz, trug. Aber sie sah trotzdem ungewöhnlich aus.
„Möchten Sie etwas trinken und Kuchen essen?“, fragte Kerstin, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.
Ich bestellte eine Trinkschokolade, Chili Bird´s Eye, und eine Schokotarte. Ich hatte nämlich bereits beim Eintreten gesehen, dass noch welche da war. Darauf freute ich mich bereits.
„Chili Bird´s Eye?“, wiederholte Kerstin erstaunt.
„Ja. Ich habe meine Liebe zu dieser Sorte entdeckt und außerdem denke ich, dass nichts mehr passieren könnte, wenn ich sie trinke, was mich erschüttern würde, nach den Ereignissen.“
„Genau, die Ereignisse! Auf einmal war alles fort!“
„Ja, das waren diese und weitere entzückenden Damen“, erklärte ich.
„Herr Mut, jetzt tue doch nicht so bescheiden“, sagte Lola lachend. „Du hattest durchaus einen sehr bedeutenden Anteil daran! Immerhin war es deine Idee!“
„Was war Ihre Idee?“ Verständlicherweise war Kerstin ziemlich neugierig.
„Ich schlage vor, Sie setzen sich zu uns, dann erzählen wir, wie es sich zugetragen hat.“
„Äh, ja, sicher. Was möchten die Damen denn?“
„Ich trinke einen Cappuccino“, sagte Lola. „Und ich denke, ich kann bestimmt von Herr Muts Schokotarte …“
„Nein!“
Lola starrte mich verwirrt an, dann schüttelte sie den Kopf und bestellte eine eigene Schokotarte. Bei aller Liebe, aber das wäre eindeutig zu weit gegangen.
Linda wollte nur einen Cappuccino haben.
Nachdem Kerstin alles aufgetischt hatte, setzte sie sich auf den einzigen freien Platz, neben Linda, Lola gegenüber. Für sich hatte sie einen Milchkaffee gemacht.
„Jetzt will ich aber zuerst einmal wissen, wer Ihre zweite Begleiterin ist, Herr Mut“, sagte sie dann.
„Selbstverständlich. Zu Ihrer Linken sitzt Linda Reise, sie ist eine Kampfhexe. Normalerweise hat sie auch ihr Schwert dabei, doch Lola und ich konnten sie davon überzeugen, diese geliebte Tradition für den Besuch bei Ihnen auszusetzen.“
„Eine gute Idee“, sagte Kerstin. „Ich mag keine Waffen in meinem Café.“
„Ich bin eine Waffe“, bemerkte Linda, aber sie konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
„Dann kennen Sie bestimmt auch Fiona?“
„Leider nein. Herr Mut hat von ihr erzählt und ich wäre in der Tat sehr interessiert daran, sie mal zu treffen, aber bislang wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt.“
„Nun gut. Und jetzt möchte ich wissen, was eigentlich geschehen ist, nachdem ihr beide gegangen seid.“
„Dann haben wir Pizza gegessen.“
„Herr Mut!“, rief sie. „Jetzt machen Sie es doch nicht so spannend!“
„Also gut, ich werde brav sein. Nachdem wir also wieder bei Maria waren und ihr den Plan vorgetragen haben, konnte sie sich durchaus für ihn begeistern. Es gab nur ein kleines Problem dabei, wie es sich dann zeigte: Aufgrund der Walpurgisnacht kamen nur vier Hexen statt 100.“
„Oh!“, rief Kerstin.
„Ja, so ähnlich ging es mir auch, als ich das feststellte“, nickte ich bekümmert. „Doch letztlich spielte es keine Rolle, wir mussten mit dem zurechtkommen, was da war. Also sechs Hexen und ich.“
„Ich nehme an, Linda war eine von den sechs?“
„Genau so ist es, Kerstin. Ursprünglich hatte ich nicht vor, bei der Beschwörung mitzuwirken, aber unter den geänderten Umständen sah ich mich gezwungen, meine Meinung anzupassen. Letzten Endes funktionierte alles wie geplant. Soger erklärte sich mit unserem Vorschlag einverstanden und wir haben dann ihn und seine Leute wieder in lebendige Menschen verwandelt und alles war gut.“
Kerstin starrte mich an. „Das kann doch nicht alles gewesen sein! Die ganze Aufregung für nichts?“
„Herr Mut liebt Understatement“, bemerkte Linda amüsiert. „Tatsächlich gab es schon etwas Aufregung. Zum Beispiel ist es so, dass Menschen nicht auf Geisterschiffen stehen können, sie ja nicht einmal sehen. Also plumpsten die Piraten alle der Reihe nach ins Wasser, nachdem sie zum Leben erwacht waren, denn wir haben den Zauber natürlich auf einem der Schiffe durchgeführt.“
„Und dann? Was passierte danach?“
„Nun, sie schwammen ans Ufer. Einige von ihnen auf der Linzer Seite und wurden dort von der Polizei einkassiert, die wie zufällig zur Stelle war. Die meisten schafften es allerdings, auf die Kripper Seite zu entkommen, oder sie schwammen gleich rheinabwärts, bis irgendwohin. Wenn also demnächst in Köln oder Bonn von seltsamen, offensichtlich verwirrten Menschen in Piratenkostümen berichtet wird …“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. Genau genommen, erzählte ich einfach nicht weiter.
„Und Soger? Was ist mit Soger?“, fragte Kerstin. „Und die Schiffe? Sind sie noch da?“
„Ach ja, unser Piratenkapitän“, sagte ich langsam. „Nun, er schaffte es, etwas weiter rheinaufwärts an Land zu schwimmen. Ganz bis nach Leubsdorf hat er es nicht geschafft. Aber wir haben bereits auf ihn gewartet. Er genießt jetzt die Gastfreundschaft von Maria. Zuerst hat er ein wenig getobt, aber dann hat Linda ihn freundlich überredet, das bitte zu unterlassen. Er hat es dann auch eingesehen.“ Ich sah aus dem Augenwinkel Lindas Grinsen, was vermutlich daran lag, dass ich diesen Teil etwas verkürzt wiedergegeben hatte. Ich dachte jedoch, dass sich Kerstin auch so denken konnte, wie unangenehm dieses Überreden für Soger war. „Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass Soger bei Maria Nana bleibt. Wir konnten ihm deutlich machen, was ihm alles zustoßen könnte, wenn er in dieser modernen Welt ohne Hilfe Ausflüge unternimmt. Insbesondere ein Computer mit Internet war dabei sehr hilfreich. Er wird also bei ihr einziehen, sozusagen ein Neffe aus fernen Ländern, der für einige Zeit bei ihr zu Besuch ist. So für ein halbes Jahr. Vielleicht auch länger. Dabei hat er sich an einige klare Regeln zu halten. Dadurch haben wir eine Win-Win-Situation. Er kommt nicht ins Gefängnis oder in die Psychiatrie und Maria hat jemanden für … Was die Schiffe angeht: Diese wurden von Waldfee Liane wieder dem Wald zugeführt. Sie sehen, alles in bester Ordnung.“
Kerstin starrte mich etwas irritiert an. „Welche Aufgabe hat Soger bei Maria Nana? Sie haben vergessen, den Satz zu beenden.“
„Das habe ich keineswegs vergessen“, erwiderte ich.
„Doch, ich bin mir ganz … Oh! Jetzt habe ich verstanden! Okay, alles klar. Aber eine Frage habe ich noch.“
„Noch eine?“
„Wie meinen Sie das? So viele Fragen hatte ich doch … Sie vera… scherzen ja schon wieder, Herr Mut. Können Sie dabei nicht wenigstens lächeln?“
„Ich werde mir in Zukunft Mühe geben, daran zu denken“, antwortete ich. „Was möchten Sie denn wissen?“
„Wie geht es denn mit Lola und Ihnen weiter? Oder ist Linda …?“
„Wie, was? Nein, nein! Ich heiße doch nicht Fiona. Linda wollte Sie mal kennenlernen und hat gerade keine dringenden Pläne. Was Lola und mich angeht … Nun, das ist eine schwierige Angelegenheit. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns gegenseitig mögen, dass es aber nicht gut wäre, wenn wir daraus etwas Ernstes machen würden. Das … das würde zu diversen Komplikationen führen. Wir werden … äh … eine besondere Art der Fernbeziehung nach der Art von Hexen und Ideengeistern führen. Ob wir uns dann einmal im Jahr oder einmal pro Jahrhundert treffen, wird sich zeigen.“
„Monatlich wäre mir lieber“, bemerkte Lola.
„Oh“, sagte Kerstin. „Sie haben sich geeinigt?“
„Jaaa … Herr Mut hat wirklich gute Argumente vorgebracht, und ich verstehe ja seine Bedenken wirklich und ich weiß ja auch, dass ich ihm nicht gleichgültig bin und dass alles nicht so einfach ist. Aber monatlich wäre mir dennoch lieber!“
„Nun“, sagte ich und räusperte mich. „Es wurde ja nichts darüber gesagt, wann das erste regelmäßige Treffen vorbei ist. Noch sitzen wir ja zusammen hier, nicht wahr?“
„Oh ja!“, antwortete Lola strahlend.
Ich hatte plötzlich eine Idee. Als Ideengeist konnte mir das schon mal passieren.
„Wartet hier“, sagte ich also, erhob mich und verschwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass uns gerade niemand durch das Schaufenster beobachtete. Wenige Minuten später kehrte ich wieder und hielt einen Strauß Rosen in den Händen, den ich Lola überreichte. „Ich denke, daraus kannst du viel Tee machen, meine Liebe. Solange der Tee reicht, dauert unser Treffen für diesen Monat, dieses Jahr oder Jahrhundert. Einverstanden?“
„Aber … aber … Ja, natürlich bin ich einverstanden!“ Es fiel Lola sichtbar schwer, nicht aufzuspringen und dann etwas zu machen, wovon wir die Verabredung getroffen hatten, es nicht in der Öffentlichkeit zu machen. Küssen wäre zwar eine Ausnahme gewesen, aber vielleicht doch zum jetzigen Zeitpunkt unangebracht.
„Ich denke“, sagte Kerstin, nachdem sich alle beruhigt hatten, „dann hat sich ja alles irgendwie zum Guten gewendet. Ich muss zugeben, für mich ist es ungewohnt, Hexen in meinem Café zu bewirten, aber …“
„Eigentlich nicht“, unterbrach Linda sie.
„Wie bitte? Ach so, ja, natürlich, aber sonst weiß ich es ja nicht. Jedenfalls war das alles aufregend und ich wünsche mir, dass es sich nicht oft wiederholt. Vielleicht könnte es jetzt ja für mindestens zwei Jahre ganz ruhig bleiben und alles normal laufen.“
„Und in zwei Jahren?“, erkundigte sich Linda mit großen Augen.
„In zwei Jahren darf wieder etwas Aufregendes passieren. Nicht zu aufregend, aber ein bisschen aufregend ist in Ordnung.“
„Das wäre also der 2. Mai 2021? Und bis dahin alles ganz normal?“
„Ja, so in etwa“, nickte Kerstin. „Was denken Sie, Herr Mut?“
„Nun, ich kann Ihnen das nicht versprechen. Ich bin ein Ideengeist, wir kennen die Zukunft nicht. Ich weiß nur, dass es in der Geschichte der Menschheit immer schon unterschiedliche Epochen gegeben hat. Oft war es über Jahrhunderte relativ ruhig, dann passierte wieder sehr viel, dann lange wieder nichts. Das 20. Jahrhundert war sehr unruhig, doch ich fürchte, das war nur der Anfang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was noch passieren wird, doch meine Erfahrung aus den vergangenen Jahrtausenden sagt mir, dass wir, das heißt, die Menschen, erst am Anfang großer Veränderungen stehen. Aber nehmen Sie bitte das nicht zu ernst, Kerstin, letztlich ist das nur das Gerede eines alten Geistes, der zwar bereits viel erlebt hat, aber dennoch immer wieder überrascht davon ist, zu was die Menschen fähig sind. Im Guten wie im Schlechten.“
„Oha, Herr Mut, das war ja eine ungewöhnliche Rede von Ihnen. Sollte ich mir etwa Sorgen machen?“
„Ich hoffe nicht. Und im Übrigen denke ich, dass Veränderungen nicht grundsätzlich schlecht sein müssen. Die Veränderung selbst mag auch unangenehm sein, weil das Gewohnte nicht mehr selbstverständlich ist, doch irgendwann entstehen neue Gewohnheiten, die vielleicht besser sind. Die Industrielle Revolution hat letztlich dafür gesorgt, dass es vielen Menschen besser geht als davor. Kein Grund, zufrieden zu sein, denn es gibt immer noch viel zu viele Menschen, denen es nicht gut geht. Aber es ist eine Chance. Menschen lieben den Krieg und sehnen sich nach dem Frieden, das ist ihr größter Fluch. Vielleicht schaffen sie es irgendwann, ihn aufzulösen.“
„Das wäre in der Tat schön“, sagte Kerstin.
Linda sah nicht so sicher aus. „Und ich? Ich brauche den Kampf!“
„Du bist ja auch kein Mensch, sondern eine Hexe!“, erwiderte Lola lachend.
„Ja, wie wunderbar. Aber gegen wen oder was soll ich denn kämpfen, wenn die Menschen friedlich werden?“
„Oh, da würde ich mir keine Sorgen machen, dass das allzu bald passieren könnte“, bemerkte Kerstin. „Sie werden sicher noch lange benötigt.“
„Wir werden sehen“, sagte Linda und erhob sich. „Ich werde mich jetzt noch ein wenig in der Stadt vergnügen. Und ich denke, wir werden uns begegnen. Der Kaffee war wirklich sehr gut. Was schulde ich?“
„Das geht aufs Haus“, erwiderte Kerstin lächelnd.
Nachdem Linda fort war, sah sie uns an. „Ihr macht den Eindruck, als könntet ihr auch Zweisamkeit gebrauchen.“
Ich hob die Augenbrauen, konnte aber nichts dazu sagen, da Lola mir ihre Hand auf den Mund drückte.
„Komm, Herr Mut, wir folgen dieser süßen Aufforderung, ihr Lokal doch bitte zu verlassen.“ Sie grinste.
Ich sah ein, dass sie recht hatte. Wir verabschiedeten uns also, mussten aber versprechen, dass wir vorbeischauen würden, bevor der Rosentee alle war.
Das konnten wir guten Gewissens versprechen.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (9)

Es würde nicht mehr lange bis zum Morgengrauen dauern, als ich vom Besenstiel stieg. Über all die Jahrtausende, die ich nun schon lebte, war ich davon ausgegangen, dass ich als Ideengeist keine Probleme mit den Augen habe und auch in der Dunkelheit gut sehen kann.
Doch dieser Glaube wurde nun zutiefst erschüttert.
„Wo sind all die Hexen?“, fragte ich verwundert. „Haben sie einen Unsichtbarkeitszauber benutzt?“
„Gibt es so was denn?“, fragte Maria Nana. „Ach, egal. Herr Mut, es betrübt mich zutiefst, aber mehr als die vier sichtbaren Hexen sind leider nicht gekommen. Es ist eben Walpurgisnacht.“
„Vier? Statt 100?“
„Leider ja. Doch an dem Plan ändert das nichts.“
„An dem Plan ändert das nichts?“, wiederholte ich, um Contenance bemüht, wohl vergeblich.
„Wir haben keine andere Wahl!“, rief Lola, die aussah, als hätte sie geweint, was mich sofort veranlasste, sie an mich zu drücken, was nicht nur Maria Nana ein Runzeln auf die Stirn zauberte.
„Ich stelle dir am besten die Hexen vor, die gekommen sind“, sagte Maria nach einer kurzen Pause. „Die Hexe, die dich hergebracht hat, ist Linda Reise, eine Linzer Hexe, eine Kampffee. Sie ist etwa 60 Jahre alt und niemand außer ihr weiß, wer ihre Eltern sind. Man munkelt, dass ihr Vater ein Bürgermeister von Linz war, aber das ist, wie gesagt, nur ein Gerücht.“
Ich musterte Linda Reise. Sie hatte etwa meine Größe, wirkte schlank und sportlich. Die dunkelbraunen, schulterlangen Haare umrahmten ihr ansprechendes Gesicht, die braunen Augen funkelten mich tatendurstig an. Sie trug schwarze Jeans, einen ebenfalls schwarzen Pullover und ein Schwert.
Maria zeigte nun auf eine andere Hexe, die etwas größer als ich war, kräftig gebaut und dunkelblond. Sie trug ein bodenlanges Kleid in Dunkelgrau.
„Das ist Rheinfee Hildegard, sie lebt schon seit 900 Jahren hier. Ihre Mutter war eine Flussfee, ihr Vater ein Landwirt aus Linz.“
Wir nickten einander zu, dann wandten wir uns einer kleinen Frau mit braunen, bodenlangen Haaren zu. Sie war noch kleiner als Maria, die bestimmt einen halben Kopf kleiner war als ich. Doch ich spürte, wie mächtig und alt sie sein musste. Sie trug ein grünes Kleid, das bis zu den Waden reichte und Stiefel.
„Waldfee Liane, ungefähr seit 4000 Jahren in den Wäldern am Rhein entlang heimisch.“
Das erklärte die Kraft, die ich bei ihr wahrnahm. Eine sehr mächtige und auch friedvolle Hexe. Schön.
Die vierte Hexe hatte etwas Dunkles, Unheimliches an sich. Sie trug die schwarzen Haare kurz, was ihr eher rundliches Gesicht betonte. Sie war ungefähr so groß wie Lola und mollig. Nicht dick, aber im Vergleich zur sehr zierlichen Liane deutlich figurbetonter. Sie trug einen grauen Blazer, eine blaue Bundfaltenhose und Stiefel und sah aus, als hätten Lola und Maria sie aus einer hochwohlgeborenen Gesellschaft hergerufen.
„Adelheid von Báthory“, sagte Maria.
„Báthory?“, wiederholte ich überrascht.
Sie nickte mir zu. „Meine Mutter war Elisabeth Báthory, allerdings übernahm ich nicht ihre Gepflogenheiten. Jedenfalls nicht alle, zumal ich auch kraft meiner väterlichen Herkunft, eines Linzer Hexenmeisters, nicht altere. Es freut mich, einen Ideengeist kennenzulernen.“
Oh, oh. Also tatsächlich eine Báthory. Das erklärte durchaus ihr Erscheinungsbild. Demnach war sie etwas mehr als 400 Jahre alt.
„Eine bunte Truppe“, sagte ich. „Wir haben es mit Soger und etwa 40 Piraten zu tun. Die es auf den Gral abgesehen haben, um wieder ins Leben zurückzukehren.“
„Maria hat uns bereits unterrichtet, weswegen wir hier sind“, erwiderte Adelheid. „Die Frage ist nun, wie wir vorgehen wollen.“
Statt einer Antwort zog Linda Reise geräuschvoll ihr Schwert.
„40 Piraten“, wiederholte ich.
Sie zuckte die Achseln.
„Wir können tote Geister nicht töten“, erklärte Hildegard.
„Und lebende?“, entgegnete Linda grinsend.
„Ach, geh mir doch nicht auf den Geist, du Jungspund! Was wir auch unternehmen, es muss sichergestellt werden, dass wir diese Plage ein für alle Mal los sind!“
„Genau“, stimmte ich hastig zu. „Und es gibt ja einen Plan, der mit 100 Hexen leichter auszuführen wäre. Aber vielleicht klappt es auch mit weniger, wenn ich mitmache.“
Linda musterte mich abschätzig.
„Sieh ihn nicht so an!“, rief Lola entrüstet. „Ich habe gesehen, wie er einen der Piraten ins Wasser warf.“
„Aha.“
„Schluss jetzt, streitet euch nicht“, mischte sich Maria ein. „Ich denke, wir haben keine andere Wahl. Unser Plan ist, dass wir mit der Macht des Grals die toten Piraten zu lebenden Flüchtlingen machen, die kein Unheil mehr anrichten können. Dann müssen wir nur noch ihre Schiffe verschwinden lassen.“
„Darum kümmere ich mich“, sagte die Waldfee ruhig. „Holz zu Holz. Meine Bäume werden sich freuen.“
„Sehr schön“, erwiderte Maria. „Dann wäre das auch geklärt. Noch Fragen?“
„Ich habe eine“, meldete sich Linda und ignorierte, dass ich unwillkürlich meine Augen verdrehte. „Wie überreden wir die Piraten, bei dem Ganzen mitzuspielen?“
„Das ist Herr Muts Part“, antwortete Maria. Alle sahen mich an.
Ich zog dezent die Augenbrauen hoch. „Darüber haben wir eigentlich noch gar nicht gesprochen.“
„Hast du einen anderen Vorschlag?“
Seufzend schüttelte ich den Kopf. Bedauerlicherweise hatte sie wohl recht. Wenn eine der Hexen bei Soger auftauchte, womöglich allein, würde das übel enden. Und wenn ich dabei wäre, dann könnte ich das gleich selbst übernehmen.
„Also gut, bereitet hier alles vor, während ich die Piraten hole“, sagte ich und seufzte erneut.
„In Ordnung, Herr Mut. Und bitte, geh nicht zu Fuß diesmal, das dauert zu lange.“
„Ich kann ihn fliegen!“, bot Linda an, wofür sie zu meiner großen Freude wütende Blicke von Lola erntete.
„Dich brauchen wir hier“, erwiderte Maria streng. „Herr Mut beherrscht durchaus auch andere Arten der Fortbewegung, nicht wahr? Er tut immer so bescheiden, aber er ist ein Ideengeist, er gehört zu den ältesten und mächtigsten Wesen unserer Welt.“
Ich seufzte zum dritten Mal und Maria lächelte mich an. Ich nickte schließlich und begab mich zu Soger.
Was für ein gewisses Erschrecken seinerseits sorgte, denn ich materialisierte mich unmittelbar in seiner Kajüte.
„Der Ideengeist!“, rief er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte und hob seinen Kelch vom Boden auf. „Wo hast du denn deine augenschmeichelnde Begleiterin gelassen?“
Augenschmeichelnde? Ich schloss kurz die Augen, um nichts Unbedachtes zu sagen, denn das wäre in diesem Moment nicht sehr hilfreich und unserem Plan wenig zuträglich gewesen.
„Sie bereitet sich darauf vor, euren Wunsch zu erfüllen“, erwiderte ich nach einigen Sekunden, in denen Soger seinen Kelch wieder voll gemacht hatte.
„Was gibt es da vorzubereiten? Den Gral herbringen, mir geben …“
„Das geht nicht und das wird nicht geschehen.“
Soger ließ den Kelch auf den Tisch krachen und erhob sich langsam.
„Ich habe das Gefühl, du willst mich nicht verstehen“, sagte er. „Wenn ich den Gral nicht bekomme …“
„Du hörst mir jetzt zu“, unterbrach ich ihn. „Ihr wollt gar nicht den Gral haben, sondern euer Leben zurück. Was interessiert euch da der Gral? Und weißt du, wie ihr die Macht des Grals beschwören könnt?“
„Das finden wir heraus!“
„Da irrst du dich. Es ist der Gral der Rheinhexen, nur die Rheinhexen sind in der Lage, ihn zu beschwören. Sie sind bereit, euch zu helfen, aber sie geben den Gral nicht her. Ihr bekommt euer Leben zurück, danach geht ihr wieder. Das ist unser Angebot. Wenn ihr es ablehnt, gibt es einen Krieg, in dem ich auf der Seite der Hexen und der Menschen kämpfen werde. Weißt du, was das bedeutet?“
Natürlich wusste er das. Ich sah es ihm genau an, und mir war klar, dass jeder Geist, der nicht gerade in den letzten Wochen in diesen Zustand geraten war, ganz genau wusste, zu was Ideengeister in der Lage sind, wenn man sie reizt. Ideengeister sind sehr friedfertig, denn sie wollen durch ihre Ideen wirken, aber Maria hatte es richtig erkannt, dass Ideengeister die ältesten und mächtigsten Wesen dieser Welt sind. Sie hatten diese Welt mit ihren Ideen zu dem gemacht, was sie war, eine Tatsache, die sie teilweise durchaus bereuen, doch davon unabhängig verfügen Ideengeister über weitere Kräfte, die zu nutzen sie vermieden, wenn es nicht wirklich sehr, sehr wichtig war.
Wie jetzt.
„Darfst du das überhaupt, für die Menschen kämpfen?“, fragte Soger schließlich provozierend.
„Wer soll es mir denn verbieten? Ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und reden über das Wesentliche. Die Fakten liegen auf dem Tisch, nun ist es an dir zu entscheiden. Danach kehre ich zurück zu den Hexen, und was danach geschieht, hängt einzig und allein von deiner Antwort ab. Wie also lautet deine Entscheidung?“
Ich sah ihm an, wie er mit sich kämpfte, für mich durchaus nachvollziehbarerweise. Zumindest wenn ich die Angelegenheit von seiner Warte aus betrachtete, was ich jedoch nur tat, um sein Handeln zu verstehen. Mit dem, was er tat, war ich darüber hinaus nicht einverstanden, ich missbilligte es sogar. Dies machte es mir leicht, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten so unbarmherzig aufzutreten. Ich gestehe, ich orientierte mich dabei an meiner Freundin Fiona, die das bis zur Perfektion beherrschte.
„Also gut, ich bin einverstanden“, sagte Soger schließlich. „Die Hexen erwecken uns wieder zu lebenden Menschen, danach segeln wir fort.“
„In Ordnung, so machen wir es“, antwortete ich wider besseres Wissen. Sie würden nicht davonsegeln, das stand auf jeden Fall fest. Sobald sie wieder zu gewöhnlichen Menschen verwandelt sein würden, könnten sie ihre Schiffe nicht einmal mehr sehen, geschweige denn auf ihnen fahren. Wie alle anderen Normalsterbliche auch.
Aber das verriet ich ihm an dieser Stelle lieber nicht.
Ich kehrte zu den Hexen zurück, um ihnen die neueste Entwicklung mitzuteilen, außerdem galt es zu besprechen, wie wir vorgehen wollten. Zum Beispiel stellte sich durchaus die Frage, wo die Beschwörung stattfinden sollte.
Genauer gesagt, Maria stellte diese absolut berechtigte Frage.
„Auf einem der Schiffe“, antwortete ich.
„Aber ist das nicht zu gefährlich?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Inwiefern?“
„Nun, sie könnten uns angreifen und den Gral rauben nach der Verwandlung!“
„Ganz sicher nicht“, erwiderte Linda und zog ihr Schwert.
Irgendwie erinnerte sie mich an die bereits erwähnte Fiona.
„Das wird nicht nötig sein“, sagte ich ruhig und unterdrückte ein Lächeln. „Sobald wir sie verwandelt haben, werden ihre Schiffe für sie unsichtbar und unberührbar und sie fallen ins Wasser.“
„Oh!“, rief Lola strahlend. „Du bist einfach genial, Herr Mut!“
„So weit würde ich nicht gehen, meine Liebe. Aber ich bin ein Ideengeist, und was wäre ein Ideengeist ohne Ideen?“
„Das ist wohl wahr“, bemerkte Maria und schaffte es nicht ganz, ein Grinsen aus ihrem Gesicht zu vertreiben. „Ich gebe jedenfalls zu, dein Plan klingt inzwischen recht ansprechend.“
„Wieso inzwischen?“, erkundigte sich Lola aufgebracht.
Ich legte eine Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung. Wir möchten uns jetzt lieber auf unsere Aufgabe konzentrieren, was meinst du?“
Sie atmete tief durch, dann nickte sie. „Ja, du hast natürlich recht.“
Maria musterte mich nachdenklich. Vermutlich fragte sie sich, genau wie ich, wer hier eigentlich auf wen irgendwelche Verführungszauber bewirkte. Selbstverständlich hatte ich in meinem sehr langen Leben die eine oder andere, auch großartige Liebe erlebt, insofern fand ich die Situation im Grundsatz nicht ungewöhnlich. Allerdings hatte ich es dabei noch nie mit einer Verführungshexe zu tun.
„Nun, wenn ich das richtig sehe, ist alles geklärt, was noch bleibt zu tun, ist das Tun“, sagte Adelheid von Báthory.
„Ganz recht“, bestätigte Maria mit einem Nicken. „Daher schlage ich vor, dass wir den Gral holen und dann begeben wir uns zu Soger.“ Sie erschauderte, wohl unwillkürlich.
Wir einigten uns darauf, dass sie das alleine tat, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Wir warteten zwischenzeitlich im Stadion, wenngleich wir leider nicht lange warten mussten. Leider, denn Lola kam auf die Idee, sich an mich zu drücken, was erstens bewies, dass nicht nur Ideengeister Ideen haben konnten und andere nicht nur ebenfalls Ideen, sondern sogar ausgesprochen gute Ideen haben konnten.
Ich seufzte also, als Maria wieder in unserer Mitte erschien, natürlich nur bildlich gesprochen
Danach begaben wir uns zu den Piraten.

Mehr über den Autor: Zsolt Majsai

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (8)

Es war schon Mitternacht durch und somit der 1. Mai, als wir erneut bei Maria Nana vor der Tür standen. Sie sah nicht so aus, als hätte sie bereits geschlafen. Ich vermutete, dass sie nicht vorhatte, diese Nacht überhaupt schlafend zu verbringen. Dafür hatte sie auch mein vollstes Verständnis.
Sie invitierte uns ins Wohnzimmer, wo wir bereits vor einigen Stunden gesessen hatten. Lola erzählte ohne viel Umschweife, was sich ereignet hatte. Maria Nana hörte aufmerksam zu. Ab und zu betrachtete sie mich. Und als Lola von unserem Ansinnen mit dem Hexentreffen erzählte, zog sie die Augenbrauen hoch.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist“, sagte sie dann.
„Ich auch nicht!“, pflichtete ich ihr bei.
„Da es heute der 1. Mai ist.“
„Oh“, sagte ich enttäuscht.
„Es ist aber ein Notfall!“, bemerkte Lola. „Ich glaube, sie würden alle kommen.“
„Ja, das denke ich allerdings auch“, entgegnete Maria Nana nachdenklich. „Ich denke auch, dass es gerechtfertigt ist, die Lage als Notfall einzustufen.“
„Ich gebe zu bedenken, dass die Verluste den möglichen Gewinn mehr als aufwiegen könnten“, sagte ich. „Mir ist bewusst, wie kritisch die Situation ist. Doch unterm Strich wird möglicherweise weniger Schaden angerichtet, wenn die Rheinpiraten den Gral bekommen.“
„Wie meinst du das?“
Ich sah, wie die Mentorin die Augenbrauen hochzog, gab ihr aber keine Gelegenheit, sich zu äußern: „Lola, die Absicht der Piraten ist nicht, jemanden zu verletzen oder zu töten. Jedenfalls nicht primär. Sie haben vermutlich 200 Jahre verschlafen, im Wortsinn. Ihnen ist überhaupt nicht klar, wie sich die Welt weiter entwickelt hat, das hat auch unser Gespräch gezeigt, nicht wahr?“
Lola nickte.
„Sobald sie wieder zu Lebenden werden, gelten für sie wieder die ganz normalen physikalischen Gesetze. Denkst du ernsthaft, so ein Haufen Piraten kann viel Unheil anrichten, ohne die magischen Kräfte?“
„Äh … eher nicht, glaube ich.“
„Genau. Die Polizei würde sie einkassieren, oder sie schaffen es, unterzutauchen.“
„Eine schöne Theorie, Herr Mut“, sagte Maria Nana. „Leider hat sie einen kleinen Fehler.“
„Welchen denn?“
„Der Gral ist keine Batterie, dessen magische Energie sich erschöpft, wenn er ein paar Idioten ins Reich der Lebenden zurückgeholt hat. Wenn die Piraten den Gral bekämen, könnten sie ihn auch als Normalsterbliche nutzen und wären durchaus gefährlicher als gewöhnliche, nicht vorhandene Rheinpiraten. Haben Sie das bedacht, Herr Mut?“
„Hm.“
„Oh“, sagte Lola und sah mich verzweifelt an. „Das tut mir wirklich sehr leid für dich. Ich weiß ja, wie wichtig dir eine friedliche Lösung ist. Aber ich glaube, die besten Chancen, dass möglichst wenig kaputtgeht, haben wir mit Hilfe meiner Schwestern.“
„Hm.“
„Sie hat recht, Herr Mut“, unterstützte Maria Nana ihre Schülerin. „Je mehr ich darüber nachdenke, umso überzeugter bin ich.“
„Hm. Ja, ich gebe zu, diesen einen kleinen Haken habe ich nicht bedacht. Ihr Einwand ist leider durchaus berechtigt. Allerdings frage ich mich, ob es nicht möglich wäre, ihnen den Gral gar nicht auszuhändigen, sondern ihnen lediglich zu erlauben, seine Macht einmalig zu nutzen.“
„Die Lösung wäre selbstverständlich absolut perfekt, Herr Mut. Denken Sie, Sie könnten Soger von dieser Idee überzeugen?“
Ich seufzte. „Natürlich nicht. Allerdings überlege ich gerade, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, ihn trotzdem dazu zu bringen. Wenn schon nicht aus Einsicht, dann mit sanftem Druck. Oder auch nicht so sanftem Druck.“
„Ehrlich gesagt, wüsste ich nicht, wie.“
„Aber ich habe eine Idee!“, rief plötzlich Lola begeistert. „Herr Mut, du bist genial!“ Sie sprang auf und gab mir einen flüchtigen, leider nur einen flüchtigen, Kuss auf den Mund.
Maria Nana und ich starrten sie entgeistert an, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Vermutlich. So genau wusste ich das nicht, jedoch war mir das gerade auch ziemlich egal.
„Du hast eine Idee?“, fragte ich schließlich.
„Ja! Wir bringen ihn dazu, die Macht des Grals zu nutzen, sich in lebende Menschen zu verwandeln, ohne ihm den Gral zu geben!“
„Lola? Alles in Ordnung bei dir?“, erkundigte sich die Mentorin stirnrunzelnd.
„Ich denke, das ist es in der Tat“, sprang ich Lola zur Seite, als mir klar wurde, wie genial ihre Idee wirklich war. „Ich finde ihre Idee sogar sehr gut.“
„Nicht wahr?“ Lola strahlte mich an.
„Also schön, ihr beiden. Abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, was sich da zwischen euch eigentlich abspielt, muss ich wohl davon ausgehen, dass ihr gemeinschaftlich den Verstand verloren habt.“
„Keineswegs, Maria, keineswegs.“ Ich beobachtete sie kurz, um zu erfahren, wie sie auf die Vertraulichkeit reagiert, obgleich sie ja damit angefangen hatte. „Natürlich ist die Idee, wie Lola sie formuliert hat, bereits eine Minute vorher erwähnt worden. Doch ich gebe zu bedenken, dass es eine Variante gibt, mit der sie zum gewünschten Ergebnis führen könnte.“
„Aha. Und darf ich diese auch erfahren?“
„Selbstverständlich. Lola hat einfach meinen Einschub mit dem sanften Druck hinzugefügt. Und wenn wir daraus ein Konstrukt erstellen, dass nur 100 Hexen in Anwesenheit in der Lage sind, die Kraft des Grals derart zu entfalten, dass die Piraten wieder lebende Menschen werden und ferner diese 100 Hexen dabei den Gral ja halten müssen, haben wir das gewünschte Ergebnis: Der Gral ist in Sicherheit und die Piraten nur noch Normalsterbliche, die es sich aussuchen dürfen, ob sie unauffällig sich in alle Winde zerstreuen oder wir sie der Polizei übergeben.“
„Hm“, sagte Maria Nana. „Das klingt in der Tat sehr interessant. Darf ich dich auch küssen, Herr Mut?“
„Nein!“, rief Lola.
Maria Nana grinste, und ich vermutete sehr stark, dass sie gar nicht die Absicht hatte, mich zu küssen. Sie war durchaus auch attraktiv, keine Frage, doch mir wurde bewusst, dass es mir doch lieber war, wenn Lola mich küsste.
Wie tief war ich nur gesunken?
„Nun gut“, sagte Maria schließlich. „Es gibt Einiges vorzubereiten. Lola, ich brauche deine Hilfe dabei. Die Beschwörung unserer Schwestern ist anstrengend und schwierig, außerdem gefährlich für andere Wesen. Auch wenn du unsterblich bist, Herr Mut, solltest du lieber hier bleiben.“
„Ich verstehe“, erwiderte ich, obwohl mir klar war, dass die Sorge um meine Gesundheit nicht der Grund für ihre Bitte war. „Und passen 100 Hexen in dieses Haus?“
„Nein, wir werden uns im Stadion treffen. Sobald wir vollzählig sind, schicke ich jemanden, der dich holt.“
„Mich!“, rief Lola.
„Kannst du fliegen?“
„Nein …“
„Dann nicht dich. Komm jetzt, Lola!“
„Einen Moment noch!“
Ich bekam meinen zweiten Kuss, diesmal nicht ganz so flüchtig wie soeben, aber immer noch weit entfernt von dem, was ich mir, wie ich vor mir eingestehen musste, eigentlich erwünschte. Und noch etwas wurde mir bewusst: Wenn ich nicht ähnliche Macht über Verführungshexen hatte wie diese über mich, dann hatte sich Lola anscheinend in mich verliebt.
Was ich durchaus verstehen konnte, dennoch irritierte mich diese Erkenntnis ein wenig.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (7)

Natürlich hatte Café Kitsch um diese Zeit schon längst zu, aber Kerstin arbeitete noch in der Küche, als wir gegen das Schaufenster klopften. Irgendwann warf sie einen Blick nach draußen und ließ uns herein.
Ich bekam sogar meine Trinkschokolade. Lola wollte einen Espresso mit Zitrone.
„Haben Sie Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Kerstin.
Lola nickte bekümmert.
„Wo ist denn der Gral?“
„Bei Maria Nana, in Sicherheit“, erklärte ich. „Ist hier in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?“
„Nichts Besonderes. Herr Hüngsberg war kurz da, ob alles in Ordnung sei. So genau wissen sie immer noch nicht, was eigentlich los ist. Immer wieder kämen Meldungen rein, seltsame Leute würden plötzlich zum Beispiel im Garten auftauchen, aber bis die Polizei anrückt, sind sie spurlos verschwunden.“
„Hoffentlich haben Sie nicht erzählt, was es wirklich ist?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht. Bin ja nicht wahnsinnig.“
„Das habe ich natürlich auch nicht angenommen.“
„Schön. Und bei Ihnen?“
In der Zwischenzeit war auch der Espresso fertig, was durch lautes Piepsen verkündet wurde. Kerstin trank nur Wasser und harrte ganz gespannt auf unsere Erzählung.
Lola seufzte.
„Wir waren bei Soger“, setzte ich an.
„Wie denn das?“
„Auf seinem Schiff. Es liegt ja im Hafen vor Anker. Lola und ich können es sehen, normale Sterbliche zum Glück nicht.“
„Lola?“ Kerstin musterte uns nachdenklich. „Also schön. Und was ist passiert?“
Ich gab in Stichworten unsere Unterhaltung mit Soger zum Besten. Kerstin hörte schweigend zu. Danach saßen wir für einen Moment alle still am Tisch neben der Tür und lauschten unseren Gedanken. Ich zumindest tat das.
„Wir müssen den Gral vernichten“, sagte Kerstin dann.
„Wie bitte?“, erwiderten Lola und ich gleichzeitig.
„Wenn wir den Gral vernichten, gibt es nichts mehr, was Soger hier hält, oder?“
„Das geht nicht“, sagte Lola.
„Wieso nicht?“
„Weil er mit dem Blut von 100 Hexen versiegelt wurde. Dieses Siegel kann man nicht einfach so brechen!“
„Und außerdem“, fügte ich hinzu, „selbst wenn wir das irgendwie schaffen würden, was an sich schon eher unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir mal an, wir kriegen das irgendwie hin, dann würde der Gral explodieren.“
„Dann legen wir ihn zum Entsiegeln in die Mülltonne, oder sonst in einen Behälter“, schlug Kerstin vor.
„Ja, die Idee klingt an sich logisch, wenn man nicht weiß, welche Macht 100 Hexen haben, also auch ihr Blut. Mangels eines Präzedenzfalls kann auch ich nur raten, aber ich schätze, die Explosion könnte Linz in Schutt und Asche legen.“
„Wie bitte?!“ Kerstin und Lola wurden ziemlich bleich.
„Siehst du das anders, Lola?“
Wenn Kerstin es aufgefallen war, dass Lola und ich uns zumindest sprachlich nähergekommen waren, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Ich … ich weiß es nicht“, antwortete Lola schließlich. „Wie du es ganz richtig sagst, ist das bisher nicht vorgekommen. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Befürchtung, dass Erpel und Leubsdorf auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.“
„Wie bitte?!“, wiederholte Kerstin.
„Die Magie, die im Blut von 100 Hexen enthalten ist, ist sehr mächtig“, erklärte ich. „Und das ist auf jeden Fall ein Problem, denn das bedeutet, dass Soger richtigliegen könnte, wenn er denkt, dass der Gral ihn und seine Leute wieder zum Leben erwecken könnte. Ob der Gral allein dafür mächtig genug wäre, weiß ich nicht, aber mit dem Siegel zusammen möglicherweise schon.“
„Das ist nicht gut“, stellte Kerstin fest. „Dann dürfen die Piraten auf keinen Fall den Gral bekommen!“
„So weit waren wir auch schon“, sagte Lola bekümmert. „Aber wie verhindern wir das?“
„Es muss doch etwas geben!“, rief Kerstin. „Wie ist es mit Knoblauch? Ich weiß, das ist eigentlich gegen Vampire, die es hoffentlich nicht auch noch gibt und wenn doch, dann sind sie hoffentlich nicht auch hinter dem Gral her, aber vielleicht hilft Knoblauch auch gegen Geister!“
„Der hilft ja nicht einmal gegen Vampire“, erwiderte ich. „Die es übrigens tatsächlich gibt. Ich glaube aber nicht, dass sie sich für den Gral interessieren. Das mit dem Knoblauch und Sonnenlicht sind urbane Legenden.“
„Schade.“
„Ja, schade.“
„Ich habe eine Idee“, sagte Lola plötzlich. „Man könnte doch sagen, das hier ist ein Notfall, oder?“
„Ja, könnte man durchaus“, antwortete ich und sah sie fragend an.
„Dann könnte ich doch mit Recht diesen Notfall ausrufen und eine außerordentliche Versammlung des Hexenbundes einberufen. Wenn das Blut von 100 Hexen so mächtig ist, müssten 100 Hexen es doch schaffen, die Piraten zu verjagen.“
„Hm“, machte ich.
„Klingt nach einem Plan“, stellte Kerstin fest. „Wie lange würde das dauern?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Lola jammernd. „Ich habe das noch nie gemacht. Ich müsste Maria fragen.“
„Dann tun Sie das, am besten schnell. Da wir nicht wissen, wie lange das dauert, könnte es knapp werden bis zum Ultimatum.“
Lola nickt, dann sah sie mich an. „Begleitest du mich?“
Ich starrte mein inzwischen leeres Glas an, seufzte und antwortete: „Ja, ist bestimmt besser.“
„Bestimmt!“, bekräftigte Kerstin lächelnd.
„Es geht nur darum, dass ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen möchte!“
„Ist mir schon klar, Lola. Ich bin mir sicher, dass Herr Mut Sie beschützen kann.“
„Ja, das kann er.“
Ich seufzte.
„Oder?“
„Ja, vermutlich. Wovor auch immer. Ich muss gestehen, mir gefällt die Idee nicht, dass sich so viele Hexen an einem Ort versammeln sollen. Und dann auch noch im kleinen Linz. Während auf dem Rhein die Rheinpiraten ankern. Das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl.“
„Für gute Ideen sind wir immer zu haben, Herr Mut“, sagte Kerstin.
Ich seufzte.
„Und hören Sie mit dem Seufzen auf. Dadurch wird nichts besser.“
„Ja, das weiß ich leider. Haben Sie eine Ahnung, wie oft man seufzen kann, wenn man seit Anbeginn der Zeit existiert? Würde mein Seufzen etwas verändern, wäre die Welt eine viel bessere!“
„So, so.“
Ich ließ das mal so stehen. Und stand auf. Auch Lola und Kerstin erhoben sich.
„Soll ich auf Sie warten?“, erkundigte sich Kerstin.
„Nein, das ist nicht sinnvoll“, erwiderte ich. „Unabhängig davon, was nun geschehen wird, ist es besser, wenn Sie nicht hineingezogen werden. Sollte es zu einem Kampf zwischen Hexen und Rheinpiraten kommen, sollten sich keine Menschen dazwischen oder in der Nähe befinden.“
„In Ordnung. Wäre es dann besser, wenn ich die Stadt verließe? Wobei ich dazu nur bereit wäre, wenn alle anderen Menschen auch die Stadt verließen, was wiederum bedeuten würde, dass ich sie davon überzeugen müsste, dass da draußen Rheinpiraten sind. Ich glaube, ich gehe doch lieber einfach nur ins Bett und hoffe, dass alles gut ist, wenn ich aufwache.“
„Wie lange wollen Sie denn schlafen?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Lola!“, entfuhr es mir. „Ein bisschen Optimismus, wenn ich bitten darf!“
Während Kerstin auflachte, sagte Lola: „In Ordnung. Schlafen Sie einfach lange genug.“
„Ist gut“, erwiderte Kerstin, immer noch lachend. „Geht jetzt und bringt irgendwie diese Piraten dazu, unsere schöne Stadt in Ruhe zu lassen. Einverstanden?“
„Ich glaube, darauf können wir uns einigen“, murmelte ich. Und seufzte.
Kerstin schüttelte den Kopf und schloss hinter uns ab. Lola nahm meine Hand und wollte nach links gehen, aber ich hielt sie davon ab.
„Was ist?“
„Wir sollten uns vom Hafen fernhalten“, sagte ich. „Lass uns oben herum gehen. Und vielleicht holen wir uns als Wegzehrung eine Pizza bei Franco. Was meinst du?“
„Ist eine gute Idee“, erwiderte Lola. „Vor allem das mit der Pizza. Wir könnten einen Ouzo trinken.“
„Einen Ouzo? Beim Italiener?“
„Dann eben Sambuca. Sei doch nicht so kleinlich, Herr Mut!“
„Wir werden sehen. Es ist schon spät. Vielleicht bekommen wir gar nichts.“
„Warum stehen wir dann noch hier herum? Komm, Herr Mut!“
Lola zog mich jetzt in die andere Richtung. Sicherheitshalber nahmen wir die Strohgasse, so hielten wir uns wirklich fern vom Rhein. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Begegnung mit einem Piraten.
Und um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Zweisamkeit mit Lola.
Irgendwie fand ich es immer weniger schlimm, dass der Tee bei mir nicht wirkte.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (6)

Die meisten Menschen hatten noch nie eine Begegnung mit einem Geist, zumindest glauben sie das. In Wirklichkeit haben sie sogar sehr häufig solche Begegnungen, und damit meine ich nicht nur Ideengeister wie mich. Damit meine ich echte Geister. Es gibt sehr viele Geister, vor allem Naturgeister, die man allerdings selten in einer Stadt antrifft. Aber es gibt auch in Städten Geister, wenngleich viel seltener, als manche Menschen es gerne glauben würden. Damit sind die sogenannten erdgebundenen Geister gemeint, die aus irgendeinem Grund sich nicht aus ihrem diesseitigen Leben lösen können, jedenfalls nicht vollständig.
Und dann gibt es noch die Geister, die sich lösen könnten, wenn sie denn wollten. Aber sie wollen halt nicht.
Zu dieser Sorte, und zwar zu der unangenehmsten, gehörten die Piraten auf den Fliegenden Rheinschiffen. Die Seelen von Wikingern, dereinst auf der Suche nach plünderungswerten Schätzen, gelangten sie mal auf den Rhein, damals noch ohne zu fliegen. Das mit dem Fliegen kam erst hinzu, als sie zu Geistern wurden, nicht direkt freiwillig, wie das meistens so ist.
Als Ideengeist habe ich keinen Grund, irgendjemanden zu fürchten. Höchstens eine schlechte Idee, aber das ist ein anderes Thema. Allerdings musste ich an schlechte Ideen denken, während wir nach Linz zurückwanderten, diesmal ganz normal, will heißen, auf der Straße, an den Schienen entlang. Die B42, auf der anderen Seite der Gleise gelegen, wurde gelegentlich von einem Auto befahren, oder von einem LKW von DHL. Von diesen gab es viele, aber das war um diese Zeit normal, glaube ich. Meinte mich so zu erinnern. Um ehrlich zu sein, war es mir eigentlich egal, denn ich dachte über das bevorstehende Treffen mit Soger nach. Das konnte ja durchaus unangenehm werden.
„Sie sind so still, Herr Mut!“, stellte die mit wehendem Rock neben mir hereilende Lola fest.
„Wundert dich das?“
„Nein … nicht wirklich. Duzen wir uns jetzt? Ich habe nichts dagegen!“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, murmelte ich. „Es war ein Versehen. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nichts dagegen. Ich duze nur sehr selten jemanden. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich von diesem Prinzip bei Ihnen abweichen sollte.“
„Offenbar nicht.“
Ich schwieg. Erstens erreichten wir Dattenberg, zweitens wusste ich nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Es war nun einmal ihre Hexenkraft, die mich so verwirrte. Trotz des Tees. Nun ja, der Grund war ja bekannt und nicht überraschend, andererseits empfand ich es als durchaus ungerecht, dass ihr Zauber bei mir wirkte, der Tee jedoch nicht. Da hatte jemand nicht wirklich gut nachgedacht.
Von Dattenberg gingen wir hinunter zu den Anlegestellen. Natürlich lag hier keins der Piratenschiffe an. Zumindest für gewöhnliche, will heißen, lebende Menschen. Ich glaube, Fiona könnte das sogar richtig erklären, mit Verborgener Welt und Gefrorener Welt, aber sie hat damit ja ständig zu tun. Ich nicht. Genauer gesagt, habe ich damit eigentlich noch öfter zu tun, nämlich andauernd und in jeder Sekunde, aber für mich ist das als Ideengeist der absolute Normalzustand.
Wie auch immer, Lola und ich konnten zumindest eins der Piratenschiffe sehen, das an der Stelle ankerte, wo normalerweise die Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Davor stand ein Pirat herum, sah allerdings mehr wie ein Wikinger aus. Was durchaus nachvollziehbar war. Er musterte uns jedenfalls grimmig, als wir auf ihn zuhielten.
„Was wollt ihr hier?“, blaffte er uns an.
Lola drückte meine Hand und sich an mich. Das brachte mich etwas aus der Fassung, zum Glück konnte ich dennoch halbwegs verständlich antworten: „Reden. Mit Soger.“
„Was bist du denn für einer? Kannst du nicht reden wie ein normaler Mensch?!“
„Doch. Mit Soger.“ So ein Mist! So konnte das nicht weitergehen! Ich sah Lola an. „Sie bringen mich ja noch um den Verstand!“, flüsterte ich aufgebracht.
„Das … das tut mir leid … Ich mache es ja nicht mit Absicht, sagte ich doch schon …“
„Ja, weiß ich! Machen Sie es einfach gar nicht, weder mit Absicht noch ohne!“
Oh je, Herr Mut. Das ist wahrlich keine Glanzleistung, dachte ich.
„Was habt ihr da zu flüstern?!“, fuhr uns der Pirat dazwischen. „Verschwindet!“
„Das geht nicht“, erwiderte ich. „Das heißt, natürlich geht das, aber es ist wichtig, dass wir mit Soger reden. Es geht um den Gral.“
„Was wisst ihr vom Gral?!“
„Das erzählen wir Soger, denke ich.“
„So, das denkst du?“ Er zog sein Schwert und trat näher. „Und wenn ich dich einen Kopf kürzer mache?“
„Das magst du gerne versuchen, aber es geht alles schneller, wenn du es lässt. Ich bin ein Ideengeist, du kannst mich nicht umbringen.“
„Du bist ein Ideengeist?“ Er musterte mich neugierig. „Das glaube ich dir nicht!“
„Wieso denn nicht?“
„Weil du nicht wie ein Ideengeist aussiehst!“
„Aha. Wie vielen Ideengeistern bist du denn schon begegnet, wenn ich fragen darf?“
Er stutzte, dann zuckte er die Achseln. „Keinem. Du bist jedenfalls kein Ideengeist, also verschwinde! Sie kann bleiben!“ Er starrte die Verführungshexe lächelnd an.
„Du sollst das abstellen!“, flüsterte ich ihr aufgebracht zu.
„Kann ich nicht!“, flüsterte sie genauso aufgebracht zurück.
„Himmel steh mir bei!“, entfuhr es mir, dabei müsste ich es eigentlich besser wissen.
„Herr Mut, daran glaubst du?“
„Nein! Sei jetzt still!“ Ich wandte mich an den Piraten, der immer wütender wirkte. „Hör zu, du Pirat, ich habe keine Zeit für so was. Ich muss mit Soger reden! Lässt du uns durch?“
„Nein!“
„Na schön. Du wurdest gewarnt.“ Ich trat zu ihm, hob ihn hoch und warf ihn ins Wasser. Seltsam, dass niemand einem Ideengeist zutraut, Kraft zu haben. Nur weil sie fast immer sehr friedfertig sind? Ha! Ideengeister sind keine Musen, sie sind ganz besondere Geister, sie gehören zu den ältesten Geistern überhaupt. Das hat seinen Grund.
„Herr Mut! Was tust du da?“
„Ich habe es schon getan“, erwiderte ich und nahm ihre Hand. „Komm mit! Mir reicht es!“
Wir betraten das wankende, knarrende Schiff. Zum Glück hatte ich keinen empfindlichen Magen. Hoffentlich Lola auch nicht. Ich starrte sie forschend an. Sie wirkte nicht anders als immer. Ob das gut war, dessen war ich mir nicht ganz sicher.
Doch es gab jetzt Wichtigeres.
Wir fanden Soger in seiner Kabine, nachdem wir einigen Wikingergeistern aus dem Weg gegangen waren. Für Geister waren diese Burschen erstaunlich unbedarft. Na ja, wer weiß, was sie in den letzten 200 Jahren getrieben hatten. Oder eben auch nicht getrieben.
Soger war allein. Er stand vor einem runden Tisch und hielt einen Becher in der Hand. Die schulterlangen Haare lagen auf den breiten Schultern. Er trug ein graues Seidenhemd, eine weite, schwarze Hose und hohe Stiefel, ebenfalls schwarz.
„Was ist?“, blaffte er, ohne sich umzudrehen.
„Wir müssen mit dir reden“, erwiderte ich.
Jetzt fuhr er herum.
„Wer seid ihr denn?“
Er hatte graue Augen. Eigentlich sah er nicht schlecht aus.
Könnte Lola ihre Kräfte nicht mal auf ihn konzentrieren? Und nur auf ihn? Das würde unsere Aufgabe möglicherweise sehr erleichtern.
„Mein Name ist Herr Mut, ich bin ein Ideengeist. Meine Begleiterin heißt Lola.“
Der Pirat unternahm Lola einer sehr gründlichen visuellen Untersuchung. Die schien es unangenehm zu finden und drückte meine Hand.
„Ein Ideengeist und eine Hexe? Auf meinem Schiff?“
„Gut erkannt!“, lobte ich ihn. „Es geht um den Gral.“
„Um den Gral? Was wisst ihr davon?“
„Ich habe ihn gefunden“, antwortete Lola. Am liebsten hätte ich ihr den Mund zugehalten. Wieso überließ sie das Reden nicht mir?
„Du hast den Gral gefunden?“ Soger kam näher. Er wirkte ausgesprochen interessiert, aber nicht mehr an ihren körperlichen Vorzügen. Er war doch nicht etwa immun gegen ihre Kräfte? Das hätte ich ausgesprochen unfair gefunden. „Wo ist er?“
„An einem sicheren Ort“, übernahm ich wieder die Gesprächsführung.
„Dich habe ich nicht gefragt!“
„Das ist mir schon klar, aber du wirst mit mir reden müssen. Ich bin ein Ideengeist und sie steht unter meinem Schutz. Du weißt, was ein Ideengeist ist?“
„Ja“, antwortete er mürrisch.
„Hervorragend. Du bekommst den Gral nicht. Er gehört den Hexen. Also könnt ihr wieder absegeln.“
„Aha.“ Er kam näher, bis wir uns beinahe berührten. Auch wenn ich keine Angst hatte, empfand ich es als unangenehm. „Und du kleiner, lächerlicher Ideengeist willst mir vorschreiben, was ich zu tun habe? Was bringt dich auf die wahnwitzige Idee, mich würde interessieren, was du denkst, fühlst, glaubst, sagst?! Was?!“
Er schien etwas cholerisch veranlagt zu sein.
Ich trat einen Schritt zurück, insbesondere wegen seiner feuchten Aussprache, wenn er sich aufregte.
„Nun, wie ich schon sagte, bin ich ein Ideengeist. Du kannst mir nichts antun.“
„Glaubst du?“ Er verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und ging zum Tisch, um sein Glas aufzufüllen, das er vorhin auf den Tisch gestellt hatte. „Nun, du magst recht haben, dir kann ich nichts antun. Aber wie sieht es aus mit deiner kleinen Freundin? Oder den Menschen in Linz? Vielleicht lasse ich die einen nach dem anderen herkommen und kielholen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis du mir sagst, was ich wissen will. Und mit ihr fangen wir an!“ Er deutete auf Lola, die nachdrücklich heller im Gesicht wurde. Sehr viel heller.
„Du lässt deine Geisterpfoten von ihr oder es gibt was auf Selbige!“, erwiderte ich aufgebracht.
„Oh, mir scheint, sie verfehlt ihre Wirkung auf dich nicht. Nun, und wie ist es mit den Menschen in dieser Stadt? Wie heißt sie noch? Ach, ist mir egal. Irgendeine Stadt halt. Würdest du dabei zusehen, wie sie den Hintern meines Schiffs küssen? Das wäre ein Spaß! Bei uns selbstverständlich nur längsschiffs!“
„Das wagst du nicht!“
„Finde es doch heraus!“
„Mir scheint, du bist dir nicht im Klaren darüber, dass du dich im 21. Jahrhundert befindest.“
Er zuckte die Achseln. „Was hat das schon zu bedeuten? Wir sind Geister!“
„Oh ja, nur glaubt niemand mehr an euch. Die Menschen sind aufgeklärt, sie glauben an die Vernunft und an die Wissenschaft, nicht an irgendeinen Geisterhokuspokus!“
Lola starrte mich von der Seite ungläubig an.
„Ach ja? Ich bin vorhin mal durch die Stadt gegangen, das sah nicht so aus, als würde niemand an uns glauben! Vielleicht sind einige inzwischen so vernünftig und ungläubig geworden, aber die meisten haben uns gesehen!“
Das wäre nicht gut, wenn das stimmte. Menschen, die Geister sehen können, sind von Geistern manipulierbar. Ich befürchtete, mich soeben zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben, als ich die Menschen vernünftig und wissenschaftsgläubig nannte. Im Grunde wusste ich es ja auch besser. Aber dieser Pirat sollte eben etwas anderes glauben.
„Also schön!“, sagte Soger. „Ich gebe euch eine Gelegenheit, die Menschen zu retten! Bis morgen, wenn die Sonne wieder untergeht, warte ich noch! Bringt mir bis dahin den Gral, dann geschieht niemandem etwas! Andernfalls …“
Ich dachte nach. Mir gefiel das Ultimatum nicht wirklich, aber es verschaffte uns Zeit, einen funktionierenden Plan auszuarbeiten. Für einen Ideengeist ist ein fast ganzer Tag eine kleine Ewigkeit. Es gab allerdings einen besonderen Grund, warum mir das Ultimatum, vielmehr Sogers Hartnäckigkeit, nicht gefiel.
„Warum willst du überhaupt den Gral haben? Für dich ist er doch wertlos.“
„Ist er das?“ Er hielt das volle Glas hoch, dann trank er es in einem Zug leer. „Nun, da irrst du dich, großer Ideengeist! Dieser Gral wurde einst von sehr mächtigen Hexen geschmiedet im Feuer der Ewigen Jugend. Lange habe auch ich gedacht, es wäre nett, ihn zu haben. Doch inzwischen weiß ich, welche Macht er tatsächlich besitzt. Ideengeist, dieser Gral wird uns das Leben schenken! Wir werden wieder leben, nicht mehr als Geister, die kaum jemand fürchtet, über den Rhein jagen, nein, wir werden echte, lebende Piraten, heldenhafte Wikinger, deren Namen in wehklagenden Liedern erklingen werden, in den Kehlen derer, die eine Begegnung mit uns überleben, und davon wird es wahrlich nicht viele geben!“
Er war wahnsinnig geworden. Können Geister überhaupt wahnsinnig werden? Offenbar schon.
Es wäre eine Katastrophe. Er und seine Leute hätten nicht die geringste Chance gegen die moderne Technik der Bundeswehr und der Polizei, doch würde es ein Blutvergießen ohnegleichen geben. Das konnte ich nicht zulassen.
„Komm, Lola.“ Ich nahm die Hand der Verführungshexe und verließ mit ihr das Schiff. Glücklicherweise war sie gar nicht in der Lage, etwas zu sagen, so erschüttert und verängstigt war sie. Das war auch besser so.
Sie sagte immer noch nichts, als ich mit ihr zum Café Kitsch ging. Es wurde Zeit für Chili Bird´s Eye. War sowieso alles fast egal.

Herr Mut vermisst die Schokotarte

Als Ideengeist betrifft mich die Gefährdung durch ein Virus nicht, da Ideen nicht durch ein Virus zerstört werden können. Und Toll Schreiber ist für Viren ebenfalls uninteressant, er ist höchstens selbst eine Art Virus, da er sich von Buchstaben ernährt. Es wäre höchstens zu argumentieren, dass es von seiner Art nicht viele gibt, genau genommen weiß ich nur von ihm, insofern die Bücher keine bedrohte Art sind. Jedenfalls nicht durch jemanden, der Buchstaben wortwörtlich, nun ja, nicht verschlingt, aber irgendwie schon verspeist.

Also, was ich sagen will, Herr Schreiber und ich sind nicht direkt von dem Virus betroffen, aber indirekt natürlich schon, denn allein durch Linz zu gehen, ist nicht wirklich aufregend. Ich persönlich finde es am schlimmsten, dass auch das Café Kitsch geschlossen ist. Ich frage mich ernsthaft, wie lange ich auf meine heißgeliebte Schokotarte verzichten muss.

Ich glaube, ich mag dieses Virus wirklich nicht. Auf die Trinkschokolade Chili Bird´s Eye kann ich ja noch verzichten, zumal wenn ich bedenke, welche Auswirkungen sie letztes Jahr hatte.

Aber die Schokotarte? Nein, das geht wirklich nicht.

Ich bin dafür, dass wir dieses Virus jetzt mal abschaffen.

Natürlich weiß ich auch, dass es so einfach nicht gehen wird. Und da ich in meinem langen Leben wirklich richtig, richtig viel gesehen habe, darunter auch sehr unschöne Sachen, wünsche ich allen Menschen, dass diese herausfordernde Zeit eine Zeit wird, die Ihr, die Menschen, nutzt, um mal innezuhalten, durchzuatmen und nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Und nun treffe ich mich mit Herrn Schreiber auf eine Schachpartie. Ich gehe davon aus, dass wir dabei über Aktuelles sprechen werden. Sollte ausnahmsweise mal Herr Schreiber auch etwas Sinnvolles zu diesem Thema beisteuern, werde ich Euch darüber unterrichten.

Bis dahin, bleibt schön gesund. Wir lesen uns.

1000 Türen

Als Ideengeist werde ich ab und zu gebeten, eine Schulklasse zu unterrichten. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich den Schülern die Geschichte von den 1000 Türen.

Ein Mensch wachte auf. Er konnte sich an gar nichts erinnern. Er wusste nicht seinen Namen, er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war. Er wusste auch nicht, ob es ihn vor seinem Aufwachen überhaupt gegeben hat. Nicht dass er sich das überhaupt gefragt hätte.
Er konnte nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren.
Er verweilte bei diesem Spüren. Sich spüren. Er spürte einen Körper. Er spürte Füße und Hände und bewegte diese. Dann spürte er Arme und Beine und bewegte auch diese. Da merkte er, dass Arme und Beine zu einem Oberkörper gehörten. Mit den Händen tastete er diesen ab und fand einen Hals. Dieser Hals endete am Kopf, den er nun auch betastete. Er spürte nun sein Kinn, seinen Mund, seine Nase und seine Ohren. Schließlich fand er seine Augen und öffnete diese.
Immer noch konnte er nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren und entdeckte seine Gedanken.
Und er fragte sich, wer er war. Er fragte, was er war. Er fragte sich, wozu die Hände gut waren. Doch dann erkannte er, dass er die Hände brauchte, um sich zu erkennen. So hatte er seinen Oberkörper entdeckt und seinen Kopf.
Da wusste er: Hände waren gut.
Und er fragte sich, wozu Füße gut waren. Es gelang ihm nicht, seinen Füßen eine Bedeutung zu geben, daher konzentrierte er sich auf den Rest von sich.
Er betastete erneut seinen Kopf und verweilte bei dem Mund. Er öffnete ihn und sagte:
„Ich.“
Das gefiel ihm, daher wiederholte er es einige Male: „Ich. Ich. Ich.“
Dann merkte er aber, dass es langweilig wurde. Er konnte etwas sagen, doch das bewirkte irgendwie nichts. Wozu also war es gut?
Er betastete als Nächstes seine Ohren und stellte fest, dass er das hören konnte, nicht nur spüren. Ohren waren also gut, sie konnten etwas: Sie konnten hören.
Er sagte wieder: „Ich.“ Das konnte er nun nicht nur sagen, sondern auch hören.
Das gefiel ihm.
Er betastete seine Augen. Das konnte er hören und spüren. Er konnte es so sehr spüren, dass er „Aua!“ rief und sich aufsetzte.
Er wusste jetzt, dass er den Oberkörper bewegen konnte. Und dass es nicht gut war, die offenen Augen zu berühren. Also schloss er sie und berührte sie vorsichtig. Das war nicht nicht gut, aber er war sich nicht sicher, ob es gut war.
Er drehte seinen Oberkörper. So konnte er feststellen, dass auch die Füße sich bewegen ließen. Doch als er sie auch zur Seite bewegte, sanken sie weiter nach unten als sein Oberkörper, bis sie doch wieder etwas Festes berührten.
Der Mensch wollte nun wissen, was er noch konnte. Irgendwann fand er heraus, dass er aufstehen konnte. Und sich wieder hinsetzen. Und wieder aufstehen.
Das machte er einige Male, bis es langweilig wurde.
„Was soll ich denn tun?“, fragte er sich.
Er bewegte die Hände und stellte fest, dass seine Füße doch ähnlich waren wie die Hände. Und so fand er heraus, dass er auch die Füße bewegen konnte.
Er ging.
Bis er gegen etwas stieß.
„Aua!“, rief er und setzte sich erschrocken hin.
Nach einer Weile wurde das Herumsitzen langweilig und er beschloss herauszufinden, was sich vor ihm befand. Er streckte daher vorsichtig die Hände aus, bis er etwas spüren konnte. Es war hart und glatt.
Er stand auf und bewegte sich tastend in einer Richtung. Vor ihm befand sich etwas Hartes und Glattes, aber neben ihm befand sich anscheinend nichts. Daher drehte er sich in diese Richtung, sodass er nur noch mit einer Hand das Harte und Glatte spüren konnte.
Dann ging er los.
Bis er wieder gegen etwas Hartes und Glattes stieß. Allerdings nur mit der freien Hand. So konnte er spüren, dass sich das Harte und Glatte sowohl vor ihm als auch neben ihm auf einer Seite befand.
Auf der anderen Seite befand sich nichts, also drehte er sich wieder und ging so weiter, dass eine seiner Hände das Harte und Glatte spüren konnte. Die andere Hand streckte er nach vorne aus, denn er wollte nicht, dass er wieder „Aua!“ schreien musste.
„Ich.“ war gut, „Aua!“ war nicht gut, das hatte er erkannt.
Dann schrie er: „Aua!“
Er war gegen etwas gestoßen, allerdings nicht mit der nach vorne ausgestreckten Hand, sondern mit den Beinen.
Nachdem er „Aua!“ nicht mehr spüren konnte, beugte er sich vor. Mit einer Hand hielt er neben sich das Glatte und Harte fest, mit der anderen Hand ertastete er den Grund von „Aua!“.
Ihm wurde klar, dass er an dieser Stelle aufgewacht war.
Nun konnte er das, worauf er aufgewacht war, tastend umgehen. Dahinter spürte er dann an der Seite wieder das Glatte und Harte und ging weiter.
Er streckte eine Hand nach vorne aus und mit den Füßen prüfte er jeden seiner Schritte, um nicht wieder „Aua!“ zu haben.
Auf diese Weise fand er wieder etwas Hartes und Glattes und drehte sich zu einer Seite. Nach drei weiteren Drehungen fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich dorthin, wo er vorhin schon gesessen hatte, und sagte leise: „Ich.“
Nach einer Weile des Herumsitzens kam ihm ein weiterer Gedanke. Er beugte sich nun solange vor, bis er etwas Hartes und Glattes spüren konnte. Mit den Händen und Füßen berührte er dieses Glatte und Harte und bewegte sich vorwärts, bis er mit dem Kopf gegen etwas anderes Hartes und Glattes stieß.
„Aua!“
Nach einer Weile drehte er sich zu einer Seite und ging weiter. Eine Hand streckte er dabei nach vorne, das erschwerte das Vorankommen ein wenig. Aber nun konnte er das Harte und Glatte spüren, ohne „Aua!“ schreien zu müssen.
Er drehte sich zweimal, dann fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich daneben und sagte: „Raum. Ich. Aua.“
Nun wusste er schon ziemlich viel, zumindest im Vergleich zu vorhin, als er aufgewacht war. Er wusste, dass er war. Er wusste, dass es Raum gab. Und er wusste, dass dieser Raum Grenzen hatte. Diese Grenzen nicht zu erkennen, bedeutete „Aua!“.
Er überlegte sich, dass dies ja schon eine Menge war.
Dann dachte er darüber nach, was er denn jetzt machen sollte. Sitzen bleiben? Das war gut gegen „Aua!“, aber irgendwie auch langweilig. Langweilig war nicht so schlimm wie „Aua!“, jedenfalls zuerst. Später war er sich dessen nicht mehr so sicher. „Aua!“ hörte nämlich auf, langweilig nicht. Vielleicht war „Aua!“ doch weniger schlimm als langweilig. Er konnte ja bisschen vorsichtig sein. Vorsichtig war gut, langweilig nicht.
Jedenfalls so seine Überlegung.
Dann erinnerte er sich daran, dass er lauter „Aua!“ schreien musste, wenn er auf Hände und Füßen ging und zuerst sein Kopf gegen das Harte und Glatte stieß, als wenn er nur auf Füßen ging. Das war auf jeden Fall weniger „Aua!“. Daraus schloss er, dass nur die Füße zum Gehen gedacht waren. Die Hände hatten demnach eine andere Bedeutung.
Er ging nun los, die Hände ausgestreckt. Dabei zählte er die Schritte. Als seine Hände das Glatte und Harte berührten, blieb er stehen. 42. Nun ging er 42 Schritte zurück und kam dort an, wo er aufgewacht war. Ohne „Aua!“.
Das war gut. Er freute sich.
Er drehte sich nach einer Seite und ging wieder los. Dabei zählte er. Bei 21 stieß er gegen das Harte und Glatte und schrie ganz laut „Aua!“, weil er die Hände nicht ausgestreckt hatte. Er war ja noch weit weg von 42.
Er ging 21 Schritte zurück. So fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war. Jetzt drehte er sich zweimal, sodass er das 21-Schritt-“Aua!“ hinter sich hatte. Er ging nun 20 Schritte und streckte die Hände aus.
Da war das Glatte und Harte.
Wieder was gelernt.
Er drehte sich zu der Seite, sodass er das 42-Harte-und-Glatte im Rücken hatte, streckte die Hände aus und machte einen Schritt.
Da war das Harte und Glatte.
Jetzt wusste er alles über den Raum, in dem er sich befand.
Bis auf eine Sache.
Gab es über ihm auch etwas Hartes und Glattes?
Er streckte die Hände nach oben, doch da war nichts.
Er dachte nach. Dann ging er zu der Stelle, wo er aufgewacht war, stellte sich darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Da war immer noch nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben, doch da war nichts.
Möglicherweise gab es da etwas in 42 Schritten, doch wie sollte er das bloß herausfinden?
Nachdem er eine etwas längere Weile nachgedacht hatte, kam ihm eine Idee. Er stieg von der Stelle, auf der er aufgewacht war, und tastete sie ab. Er stellte fest, dass sie länger als hoch war. Auch länger als breit.
Er versuchte, sie an einer Stelle anzuheben. Das ging. Er hob sie so lange an, bis sie höher als lang oder breit war.
Dann kletterte er darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Doch da war nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben und berührte etwas Hartes und Glattes.
Doch das sehr große „Aua!“ danach hatte mit diesem Harten und Glatten nichts zu tun, nur mit dem Harten und Glatten unter ihm.
Wenigstens wusste er jetzt, dass auch über ihm etwas Hartes und Glattes war. Dieses Wissen führte außerdem zu der Erkenntnis, dass es auch sehr große „Aua!“ geben konnte. Nicht jede Grenze war gleich großes „Aua!“. Das schien wichtig zu sein.
Nach einer Weile setzte er sich auf. Das „Aua!“ war nun nicht mehr so groß und wurde schnell noch kleiner.
Das tat jedenfalls gut, wie er herausfand.
Er saß eine Weile auf dem Harten und Glatten herum und fragte sich, was er denn nun tun sollte.
Schließlich sagte er sich: „Raum. Ich. Aua! Grenzen.“ Aber war da vielleicht noch mehr? Er kannte bisher nur die Grenzen von Raum und die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er stand auf und ging rückwärts, bis er das Glatte und Harte fand. Dann suchte er die Stelle, wo er aufgewacht war. Seltsamerweise berührte diese Stelle nicht das Harte und Glatte, was sie vorher noch getan hatte. Das verstand er nicht wirklich, beschloss aber, nicht weiter darüber nachzudenken.
Er drehte sich nun zu einer Seite, aber nicht mehr so weit, wie bisher, sondern nur halb so weit. Dadurch konnte er das Harte und Glatte neben sich nicht mehr berühren, als er losging, dafür konnte er nach 46 Schritten das Harte und Glatte mit beiden Händen spüren. Eigentlich konnte er zwei unterschiedliche Glatte und Harte spüren.
Nun ging er 46 Schritte zurück und drehte sich wieder, aber nicht nur halb. Dann ging er wieder 46 Schritte und spürte wieder zweimal das Glatte und Harte.
Allerdings war das alles, was er auf diese Weise herausfand.
Nun ging er nicht zurück, sondern stellte sich so, dass er auf einer Seite das Harte und Glatte spüren konnte, aber nicht nur mit der Hand, sondern mit einem Arm und einem Bein. Dann ging er los, so, dass er immer das Harte und Glatte mit einem Arm und einem Bein spüren konnte.
Irgendwann stieß er gegen etwas Hartes. Es war nicht glatt und das „Aua!“ nur klein.
Nachdem dieses „Aua!“ weg war, tastete er dieses Harte ab. Dabei wurde ihm klar, wofür die Hände gut waren.
Das gefiel ihm.
Das neue Harte war gebogen. Einmal. Wie das Harte und Glatte an der Stelle, wo er sich drehen musste. Es war aber viel kleiner, so klein, dass es kaum größer war als eine seiner Hände.
Nachdem er sich eine Weile mit dem neuen Harten beschäftigt hatte, wurde es langweilig. Und er ging weiter.
Nach einer Weile fand er wieder etwas Hartes, das genauso zu sein schien, wie das Harte, was er zuletzt gefunden hatte.
Eine ganze Weile später hatte er sehr viele dieser neuen Harten gefunden. Genau 1000 Stück. Das wunderte ihn ein wenig, weil er dafür sehr viel mehr als 42 Schritte gehen musste, ohne das Harte und Glatte zum Drehen zu finden.
Das fand er etwas eigenartig.
Er dachte nach und fand heraus, dass Grenzen nicht immer da sind, wo er glaubte, dass sie sind. Entweder sind sie näher, das gibt „Aua!“, oder sie sind manchmal ganz weg.
Vielleicht.
Er überlegte, ob er sich drehen sollte, um dorthin zurückzukehren, wo er aufgewacht war. Doch dann wurde ihm klar, dass er gar nicht mehr wusste, wo das war. Die 42 konnte ihm da nicht mehr helfen.
Es war eine völlig neue Situation.
Und weil die 1000 Harten, nicht Glatten, aber Gebogenen, auch neu waren, beschloss er herauszufinden, wozu das gut war.
Er betastete das tausendste Harte, nicht Glatte, aber Gebogene. Er drückte dagegen und zog daran. Natürlich vorsichtig, wegen möglichem „Aua!“. Dann etwas kräftiger.
Aber es geschah: nichts.
Er dachte nach.
Jetzt hatte er in alle möglichen Richtungen gedrückt und gezogen, aber …
Plötzlich erkannte er, dass es noch mehr Richtungen gab, nicht nur die, in die er gehen konnte.
Und auf einmal bewegte sich das Harte, nicht Glatte, Gebogene.
Allerdings nicht nur das.
Sondern auch ein Teil des Harten und Glatten. Von ihm weg.
Und auf einmal wusste er auch, wozu die Augen gut waren.
Sie machten „Aua!“, ohne dass er sie berührte.
Auch dieses „Aua!“ wurde nach einer Weile weniger, vor allem, wenn er blinzelte.
Und auf einmal verstand er, dass die Augen zum Sehen gut waren.
Er drehte den Kopf und konnte den Raum sehen. Und die Stelle, wo er aufgewacht war. Und das Harte und Glatte dahinter. Allerdings lag die Stelle irgendwie durcheinander da auf dem Harten und Glatten unten. Er hatte den Verdacht, dass das damit zu haben könnte, dass er gesprungen war, um das Harte und Glatte über ihm zu finden, was er ja auch geschafft hatte.
Nun konnte er es auch sehen.
Sehen war also was Gutes.
Wer sehen kann, hat möglicherweise weniger „Aua!“, stellte er für sich fest.
Er drehte den Kopf wieder nach vorne und überlegte, was er jetzt tun sollte. Er konnte zwar sehen, aber er verstand nicht, was er sah. Zu beiden Seiten und nach unten war Glattes und Hartes. Vor ihm war auch Glattes und Hartes, aber anders. Viele kleine Glatte und Harte, jedes etwa so hoch wie seine Hand lang. Und sie waren auch nicht aufeinander, sondern versetzt. Sie waren so breit, dass sein Fuß vielleicht genau darauf passte.
Er probierte es aus.
Ja, es passte. Er konnte sogar beide Füße nebeneinander stellen, wie er herausfand.
Es gab viele von diesem Harten und Glatten, auf die er beide Füße stellen konnte.
Nur das Glatte und Harte oben gab es nicht mehr.
Also ging er los.

Die Klasse war lange still, nachdem ich die Erzählung beendet hatte. Das wunderte mich nicht, diese Reaktion kannte ich ja schließlich. Immer, wenn ich diese Geschichte erzählte, reagierten die Leute so.
Ich wartete geduldig, bis eins der Kinder die Hand hob.
Als ich nickte, fragte es: „Was ist hinter den anderen Türen?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete ich. „Die Türen sind für Menschen, nicht für Ideengeister. Es liegt an euch, das herauszufinden. Ich persönlich denke, dass es sehr unterschiedliche Dinge sein können. Vielleicht gute, vielleicht schlechte. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, die Türen zu öffnen.“

Das Flüstern

Als Ideengeist habe ich eine Menge erlebt. Wirklich sehr, sehr viel. Seit Jahrtausenden begleite ich die Menschen und könnte sicherlich viel dazu erzählen, was der Menschheit widerfahren ist – und was nicht, auch wenn es in den Geschichtsbüchern steht.

Doch ich gebe zu, das, was die Menschen derzeit erleben, ist etwas, das in dem Ausmaß, in der Bedeutung, darin, welche Auswirkungen es bereits hat und vermutlich noch haben wird, nicht so häufig vorgekommen ist bisher.

Ich kann nur sagen, es ist nicht das erste Mal, dass die Lebensgewohnheiten fast aller Menschen grundlegend verändert wird. Aber es ist selten. Ich bin kein Prophet, doch es ist bereits heute ganz klar, vieles wird sich verändern.

Ist das denn schlimm?

Nein, nicht unbedingt. Sicher, oft gab es Veränderungen, die waren nicht schön, doch häufig entwickelte sich etwas Gutes daraus. Ein Beispiel dafür ist der code civil. Fragt man die französischen Adligen, werden sie mir zustimmen, dass er sie ziemlich kopflos werden ließ. Denn den code civil, der bis heute das Justizsystem der Menschen maßgeblich beeinflusst, würde es ohne die Französische Revolution vielleicht nicht geben. Jedenfalls nicht in der Form, wie wir ihn kennen.

Derzeit geht ein Virus um die Welt. Eigentlich sind es viele, doch als Ideengeist darf ich da nicht zu sehr aus dem Nähkästchen plaudern, denn es ist uns nicht erlaubt, Euch Menschen zu viel zu verraten.

Aber ich darf Euch, das ist ja meine ureigene Aufgabe als Ideengeist, Anregungen geben. Ideen, sozusagen.

Die Erde hat sich überhitzt. Nicht wirklich, aber im übertragenen Sinne schon. Es hat also auch etwas Gutes, wenn die Menschen mal innehalten, nachdenken, in sich hinein horchen. Es spielt dabei nicht wirklich eine Rolle, warum sie es tun, wenn sie es nur tun. Dann ist es nicht wirklich von Bedeutung, ob das Virus wirklich so gefährlich ist, ob es Panikmache ist oder nicht, ob es eine Verschwörung ist oder nicht. Woher wollt Ihr wissen, dass es nicht mit Absicht so geschieht, wie es geschieht? Dass nicht mit Absicht diese Unsicherheit dabei ist, um Euch mal darauf aufmerksam zu machen, dass in Eurem Leben keine Sicherheit existiert? Das hat es noch nie und wird es auch nie.

Das Gefühl von Sicherheit ist trügerisch. Sehr trügerisch. Wie schnell sich das ändern kann, erlebt Ihr gerade. Und dafür genügt so ein kleines Virus, etwas DNA. So klein, dass noch nie jemand wirklich ein Virus gesehen hat.

Und dennoch vermag es die Erde zum Schweigen zu bringen. Und dennoch vermag es so viel Stille zu erzeugen, dass Ihr die Vögel wieder hören könnt. Es erzeugt so viel Stille, dass Ihr Euch selbst wieder hören könnt.

Ihr müsst dazu nicht einmal mehr schreien. Ein Flüstern genügt.

Hört hin, was Ihr Euch zu sagen habt. Nutzt diese Chance.

Jetzt.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

Herr Mut ziert sich

Kerstin schaute mich fragend an, während ich fragend alles anschaute.
“Wie sieht es denn hier aus?”, entfuhr es mir unwillkürlich.
“Wie meinen Sie das? Und überhaupt, wo waren Sie die ganze Zeit?”
“Ach. Hier und da. Ich meine, hier sieht irgendwie alles anders aus!”
“Ja, das stimmt. Möchten Sie eine Trinkschokolade? Chili Bird´s Eye?”
Kerstin hatte manchmal schon einen schrägen Humor. Ich beschloss, darauf nicht einzugehen und setzte mich an den Tisch neben der Heizung.
“Götterdrink bitte”, sagte ich dann nur. “Und eine Schokotarte.”
“Mit oder ohne Sahne?”
“Ohne bitte.”
Während die Trinkschokolade vorbereitet wurde, machte sie meinen Teller mit der Schokotarte fertig und brachte ihn mir. Dann setzte sie sich auf die andere Seite des Tisches.
“Ich meine das ernst, Herr Mut. Wo waren Sie denn? Seit der Geschichte mit diesen komischen Geisterpiraten habe ich Sie nicht gesehen! Außerdem, wollten Sie nicht die Geschichte zu Ende schreiben?”
“Doch, schon”, murmelte ich mit vollem Mund. Ich liebte die Schokotarte! “Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich tun sollte.”
“Wieso denn nicht?!”, fragte sie entgeistert. “Die Leute warten doch darauf!”
“Ja, schon. Aber ich mache keine so gute Figur dabei.”
“Okaaay … Das finde ich allerdings nicht. Wir haben doch sozusagen gewonnen, und daran waren Sie ja beteiligt.”
“Ja, schon. Aber das mit Lola …”
“Oh, das meinen Sie!”, rief sie breit grinsend aus. “Das war doch süß!”
“Süß?!” Ich musste daran denken, wie Fiona jetzt ausrasten würde. Aber ich war ja nicht Fiona. Zum Glück. Obwohl sie die Piraten wahrscheinlich mit links erledigt hätte, mit ihren Feuerbällen und so. Na gut, sie hätte es vielleicht mit ihrem Mundwerk versucht und es geschafft.
Aber sie war nun einmal nicht dabei.
“Entschuldigung”, erwiderte Kerstin, immer noch grinsend. “Also ich bestehe darauf, dass Sie das zu Ende niederschreiben, und zwar möglichst zeitnah. Schaffen Sie das?”
“Ich glaube schon.” Ich sah sie aus großen Augen an. Dass sie es wagte, mit einem Ideengeist so zu reden? Aber eigentlich hatte sie ja recht. “Ja, gut, ich mache das. Zeitnah.”
“Sehr schön”, sagte sie zufrieden und erhob sich. “Entschuldigen Sie, Herr Mut, ich muss mich um meine neuen Gäste kümmern. Genießen Sie die Tarte und die Trinkschokolade.”
“Danke”, murmelte ich, dann war sie auch schon weg.
Seufzend starrte ich mein Zotter-Glas an. Das wird bestimmt peinlich werden. Vielleicht sollte ich die Sache mit Lola einfach weglassen. War ja für die Geschichte eigentlich nicht so wichtig.
Erneut seufzend trank ich den Götterdrink aus, aß das letzte Stück von der Schokotarte, bezahlte und ging aufgewühlt aus dem Café. Die Erinnerung an Lola setzte alles in Bewegung.
Vielleicht sollte ich sie einfach mal besuchen?