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Chilli Zotter

„Kennen Sie schon Zotter?“
Ich sehe Vanesa irritiert fragend an. Dass sie Vanesa heißt, weiß ich ja von Kerstin, die mir in einer der wenigen ruhigen Minuten erzählt hat, dass sie gelegentlich aushilft, seitdem sie im Sommer nach einer Initiativbewerbung (was für ein schönes Wort) das Café kennengelernt und lieb gewonnen hat. Jedenfalls steht jetzt Vanesa neben mir und stellt seltsame Fragen. Oder jedenfalls eine seltsame Frage.
„Wen kenne ich?“
„Nicht wen, was!“, erwidert sie grinsend.
„Also, ich kenne Boomer aus dem Fernsehen, der sah immer etwas zottelig aus, aber mein Gefühl sagt mir, ihn meinst du nicht.“
Jetzt sieht sie mich irritiert an.
„Nicht so wichtig, das ist eine Fernsehserie aus der Zeit, als auf RTL die Anke Engelke noch ihr Unwesen trieb, damals ungefähr so alt wie du jetzt. Vielleicht bisschen jünger.“
„Aha. Wer ist Anke Engel?“
„Nicht so wichtig“, antworte ich lächelnd. „Ich glaube, du wolltest mir etwas mitteilen.“
Sie denkt kurz nach, dann sagt sie: „Ich wollte fragen, ob Sie Zotter schon kennen.“ Dabei deutet sie auf etwas, das auf dem Tisch steht und früher nicht da war. „Haben wir neu reinbekommen.“
Jetzt sage ich „Aha!“. Es sind kleine Karten im Visitenkartenformat auf einer Art Ständer, sodass man die einzelnen Karten umblättern kann. So ähnlich wie diese Tischkalender für Schreibtische, die aufgestellt werden. Sieht irgendwie niedlich aus. Und jetzt wird mir klar, dass Zotter eigentlich der Name einer Firma ist.
„Du willst mir Trinkschokolade verkaufen?“, frage ich Vanesa.
Sie nickt begeistert. „Genau! Wir haben richtig leckere Sorten! Zum Beispiel Chili Bird’s Eye!“
„Das klingt, als würde man die Welt aus der Vogelperspektive betrachten, wenn man das Zeug getrunken hat, weil es so scharf ist.“
„Es schmeckt kräftig“, bestätigt sie. „Aber wir mussten noch keinen Gast von der Decke holen.“
„Wie beruhigend“, murmele ich. „Gibt es auch andere Sorten?“
„Selbstverständlich. Wir haben noch weiße Schokolade mit Vanillegeschmack, Nuss-Nougat, Milch Kakao und Honig-Zimt.“
„Habt ihr auch Kakao? Einfach nur Kakao?“
„Wir haben jetzt Zotter! Aber Milch Kakao ist im Prinzip wie Kakao.“
„Wahrscheinlich heißt er deswegen so, nicht wahr?“
„Genau!“
„Ich mag keinen Kakao, aber einen Kaffee nehme ich gern. Und einen Schokokuchen.“
Sie starrt mich entgeistert an. Schließlich sagt sie: „Wir haben heute keinen Schokokuchen.“
„Wieso habt ihr keinen Schokokuchen? Ich habe letztens doch auch Schokokuchen gegessen.“
„Wir haben nicht jeden Tag jede Sorte, dann müssten wir ja zwanzig verschiedene Kuchen haben. Aber wir haben Linzer Torte. Oder ofenwarmen Apfelkuchen vom Blech. Dazu passt Zotter Honig-Zimt übrigens ganz gut.“
„Ich will aber Kaffee“, sage ich langsam. Vielleicht habe ich vorhin zu schnell gesprochen, als ich meinen Wunsch geäußert habe, Kaffee zu trinken. „Oder habt ihr Kaffee auch nicht jeden Tag?“
„Doch, den haben wir natürlich jeden Tag.“
„Siehst du. Dann nehme ich Java. Ein Kännchen, bitte. Und dazu blechwarmen Ofenkuchen. Ach, du bringst mich ganz durcheinander. Ich meinte natürlich ofenwarmen Blechkuchen.“
„Mit Sahne?“
„Schmilzt der nicht auf dem ofenwarmen Kuchen?“
„Unsere Sahne nicht“, erwidert sie indigniert. „Also, Sie nehmen ein Kännchen Java und einen warmen Apfelkuchen? Keinen Zotter?“
„Nein! Keinen Zotter! Weder mit Chili zum Fliegen noch mit Honig!“
„Okay.“ Sie entfernt sich hocherhobenen Hauptes.
Ich blicke mich um. Mittwochs um die Mittagszeit ist es nicht ganz so voll, nur an zwei weiteren Tischen sitzen Gäste, die unserer Unterhaltung offensichtlich amüsiert gefolgt sind. Eine Frau, etwa Anfang Vierzig, hebt ihr Glas in meine Richtung und sagt: „Schmeckt übrigens wirklich sehr gut, der Chilikakao.“
„Daran zweifle ich ja auch gar nicht. Und vielleicht muss man ja auch das Glas leertrinken, bevor man fliegen kann.“
„Ich finde Ihren Humor köstlich, Herr …“
„Mut“, stelle ich mich vor. „Ich bin Herr Mut.“
„Dann sollten Sie doch eigentlich kein Problem damit haben, mal etwas Neues zu probieren.“ Dann sieht sie mein Gesicht und fügt schnell hinzu: „Das haben Sie bestimmt schon oft gehört!“
„Zumindest nicht selten.“
Sie deutet auf Vanesa, die gerade vor der Mühle steht, um meinen Java zuzubereiten. „Sie haben die Arme ja ganz schön durcheinandergebracht. Ich glaube, alle, die Anke Engelke noch bei RTL erlebt haben, bekommen langsam Enkelkinder … Ups, entschuldigen Sie bitte.“
„Nichts passiert.“ Während ich das sage, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob Chili Bird’s Eye damit etwas zu tun haben könnte, aber da auch Toll Schreiber gerne solche Fettnäpfe findet und der garantiert keinen Kakao, mit oder ohne Gewürze, trinkt, liegt es vermutlich nicht daran.
Die Anfangsvierzigerin nickt und widmet sich wieder dem Buch, das sie vom Ständer mit den Ansichtsexemplaren genommen hat. Wenn ich es richtig gesehen habe, ist es dieser neue Krimi. Irgendwas mit schachmatt. Zumindest irgendwas mit Schach. Rochade, oder so ähnlich. Mich interessiert so was ja nicht.
Ich will doch bloß meinen Kaffee.
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Winzerfest – da gibt es Wein

Das Winzerfest in Linz kündigt sich an, das ist einfach nicht zu übersehen und zu überhören. Jedenfalls, ich bin gespannt darauf, wie es wird, denn ich bin ja neu in Linz und kenne dieses Fest der Feste (sagt jedenfalls Linz) noch gar nicht. Aber wenn selbst Kerstin behauptet, das wäre das wichtigste Fest der Stadt (Sie hat es nicht zu mir gesagt, sondern zu Zsolt, aber ich glaube, sie weiß gar nicht, dass ich alles höre, was Zsolt hört, und damit es so bleibt, muss das bitte unter uns bleiben!), dann wird das wohl so sein.

Auf einem Winzerfest gibt es Wein. Klingt lustig, ist aber so. Eigentlich müsste es ja dann Weinfest heißen, denn auf einem Winzerfest müsste es eigentlich Winzer geben, aber ob die so gut schmecken wie ein Silvaner, darf bezweifelt werden. Insofern ist es vermutlich gut, dass es auf einem Winzerfest Wein gibt anstatt Winzer. Außerdem wäre es dann ja ein Grillfest … Ich glaube, wir vertiefen dieses Thema besser nicht. Sonst kriege ich noch Hausverbot bei Kerstin, und das wäre wirklich schade.

Denn da gibt es Kaffee, Kuchen – und Wein! Jedenfalls anlässlich des Winzerfestes.

Woher ich das weiß?

Hach! Das wüsstet Ihr wohl gern? Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, ich plaudere aus dem Nähkästchen und verrate meine Tricks?

Okay, war nur ein Scherz. Des Rätsels Lösung ist einfach und gar nicht so geheimnisvoll.

Sie, also die Lösung, findet sich hier: Wein im Hof.

Da war ich nämlich gestern, und ratet mal, wer noch dort war! Genau, Dieter Schwamborn. Allerdings ist das nicht verwunderlich, er ist sozusagen jeden Tag da. Er ist, glaube ich, der Winzer. Oder einer. Insofern hat er vermutlich ein berechtigtes Interesse daran, dass das Winzerfest ein getarntes Weinfest ist.

Und wer war noch da? Ja, klar, ich auch, aber das schrieb ich ja bereits, das war nun wirklich nicht schwer zu erraten.

Soll ich es Euch verraten? Also gut, ich will ja mal nicht so sein.

Kerstin war auch da! Jawohl, Miss Kitsch!

Also, ich habe nicht alles mitbekommen, wollte ja nicht lauschen (Wer lacht da?!), aber einen Teil habe ich ungewollt mitgehört. Das kommt schließlich schon mal vor, an/in so einer Lokalität, da können Gespräche nicht völlig vertraulich bleiben. Das geht einfach nicht. Wenn jemand ein vertrauliches Gespräch führen will, soll er gefälligst in die Kirche gehen. Wobei, ob die NSA da auch …? Hm.

Wie auch immer, so viel habe ich verstanden, dass es um das Winzerfest ging. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber für mich klang es so, als wollte Kerstin auf dem Winzerfest, also ab dem 8.9.2017 (Ups, das ist ja schon morgen!) Wein mit Kuchen kombinieren, weil das geschmacklich irgendwie besonders gut zusammenpassen würde.

Ich habe da ja keine Ahnung, obwohl ich Wein mag und ab und zu auch gerne Kuchen. Doch so richtig kann ich es mir nicht vorstellen, wie das funktionieren soll, beides zusammen. Andererseits, so wie ich Miss Kitsch kenne, wird sie wieder etwas auf die Beine stellen (genauer gesagt, auf den Tisch), was so gut schmeckt, dass die Gäste gar nicht mehr gehen wollen. Oder können? Nun ja, wer keinen Platz während des Winzerfestes im Café Kitsch findet, kann immer noch zu Dieter Schwamborn gehen. Dort gibt es nämlich wirklich guten Wein. Und das weiß ich sicher. War ja schließlich da.
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Der Kampf um den Schokokuchen

Ein Schokokuchen ist normalerweise geeignet, Menschen friedlich zu vereinen. Natürlich nur platonisch, nur so war es gemeint.

Aber man kennt das ja: Bei einem bekannten Discounter gibt es ein – vermeintlich – unschlagbares Angebot, man denke da nur an die Zaubermaschine, die alles kochen kann, und aus vermeintlich friedlich koexistierenden Menschen, Typus Käufer, am besten, wenn alle einkaufen, wahlweise, wenn es um Zaubermaschinen geht, morgens um fünf, wenn die Welt nur scheinbar noch in Ordnung ist, werden erbitterte Feinde, die wie damals in der Steinzeit, vielleicht auch davor, sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben, um das beste Stück vom Kuchen abzubekommen.

Apropos Kuchen, das ist ja unser Stichwort hier. Mit hier meine ich das, was ich erzählen wollte. Also die Begebenheit, die sich zugetragen hat an einem Samstag in der bunten Stadt Linz. Am Rhein, zwischen Donau und Koblenz. Ich meine natürlich, zwischen Bonn und Koblenz. Sie merken schon, ich stehe immer noch unter der Wirkung der Ereignisse. Also, die Ereignisse haben sich zugetragen, nämlich in Linz am Rhein und nicht in Linz an der Donau. Die beiden Städte sind zwar verschwistert, ansonsten haben sie nicht nur geografisch wenig gemeinsam.

Darüber wollte ich aber gar nicht schreiben, sondern darüber, wie ich an jenem Samstag durch Linz schlenderte. Ich kam aus Richtung der Neustraße am Buttermarkt an, ging an der Butterfrau, die ähnlich geschwätzig war wie jeden Tag, vorbei und weiter rheinwärts, vorbei an Alt-Linz und Café Wahnsinn und steuerte zielstrebig das Rheintor an.

Dort kam ich allerdings nie an. Jedenfalls nicht an jenem Tag bei jener Gelegenheit.

Schuld daran war, wie kann es anders sein, Kerstin vom Café Kitsch.

Sie hatte Schokokuchen gebacken. Vielleicht war es auch Elisa, das weiß ich nicht. War mir in dem Moment auch egal. Ich hatte die Witterung aufgenommen und folgte der Spur ins Café, an einer verdutzten Kerstin vorbei und auf die Kundin zu, die gerade das letzte Stück des Kuchens für sich reklamieren wollte.

„Halt! Das geht nicht!“, rief ich.

Die Kundin, Kerstin und eine Mitarbeiterin, die ich noch gar nicht kannte, starrten mich verblüfft an.

„Was geht nicht?“, erkundigte sich dann die Kundin.

„Der Schokokuchen! Den nehme ich!“

„Das glaube ich nicht, werter Herr, denn ich war zuerst da, und ich will diesen Kuchen haben!“

„Werte Dame, Sie können sich ja einen anderen Kuchen aussuchen! Schauen Sie mal, es gibt versunkenen Apfelkuchen, es gibt den rohveganen Kuchen, dann zwei Sorten Käsekuchen … Das ist doch eine reichhaltige Auswahl, finden Sie nicht?“

„Ich will aber den Schokokuchen!“

„Ich auch! Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen Kuchen aussuchen!“

Die werte Dame schnappte nach Luft. So was war ihr wahrscheinlich noch niemals untergekommen, aber ich dachte nicht daran, meinen – meinen! – Schokokuchen kampflos zu überlassen.

„Vielleicht darf ich ja einen Vorschlag machen“, mischte sich in diesem Moment Kerstin ein.

„Ich bin nicht sicher, ob mir der Vorschlag gefallen wird“, erwiderte ich finster. „Wahrscheinlich eher nicht.“

„Das können Sie gar nicht wissen, wenn Sie den Vorschlag nicht gehört haben, Herr Mut“, sagte Kerstin kühl. „Vanesa, holst du bitte zwei Muffinformen?“

„Was haben Sie vor, Kerstin? Wollen Sie meinen Schokokuchen amputieren?“

„Ich habe vor, eine salomonische Lösung zu erarbeiten. Sehen Sie, das ist ein großes Stück Kuchen, daraus kann ich gut zwei herrliche Muffins machen. Ich denke, Sie werden beide sehr zufrieden sein! Warten Sie bitte hier.“

Sprach und ging mit dem Schokokuchen und den Muffinformen. Warum Vanesa die zuerst holen musste, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ich blickte Vanesa fragend an, aber diese zuckte nur verwirrt die Schulter.

Ich blickte mich um und erst jetzt wurde mir bewusst, dass bis auf einen Tisch alle besetzt waren und entsprechend viele Leute die Szene beobachtet hatten. Genauer gesagt, sie beobachteten die Szene immer noch, denn sie ging ja weiter, auch wenn gerade Pausenmodus aktiviert war.

Bis Kerstin zurückkam.

Sie trug in jeder Hand einen Teller mit einem Schokomuffin darauf und ich hätte schwören können, dass die beiden Muffins zusammen deutlich größer waren als der Schokokuchen, ehemals, als es ihn noch gab, bevor er zu Schokomuffins metamorphiert wurde. Oder so ähnlich.

„Was haben Sie getan?“, fragte ich misstrauisch.

„Betriebsgeheimnis. Also, ich denke, das wird Ihnen beiden schmecken. Und sehen Sie mal, die Muffins sind wirklich groß, oder?“

„Das stimmt“, antwortete die Kundin. Sie sah mich an. „Was halten Sie davon, Herr Mut, wenn wir uns gemeinsam an den kleinen Tisch setzen, der noch frei ist, und unsere Schokomuffins verspeisen?“

Ich dachte nach. Der Schokokuchen war ja nun dank Kerstin nicht mehr existent bzw. quantenverschränkt reinkarniert in den beiden Muffins. Insofern war es irgendwie schon logisch, wenn sie am selben Tisch verspeist wurden. Und die Kundin sah eigentlich ganz nett aus. Also, bevor das hier falsch verstanden wird: Ich meinte natürlich nicht ihr Aussehen, sondern so überhaupt, also, vom Gesamteindruck her. Ich bin keiner, der die Leute nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt.

Obwohl, davon unabhängig sah sie durchaus nicht schlecht aus. Und vom Alter her passte sie als geschätzte Endvierzigerin auch gut zu mir.

Dies bestätigte sich dann während des Gesprächs, das seinen Beginn beim Muffinessen nahm, sich beim Spaziergang fortsetzte und dann … (Kamera schwenkt zum Kaminfeuer)
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Toll Schreiber im Café Kitsch

 

Letztes Wochenende war ich im Café Kitsch, weil ich mal wieder einen leckeren Kuchen essen wollte. Es ist keineswegs so, dass es nur im Café Kitsch guten Kuchen gibt, aber dort kann man sich immer darauf verlassen, keine Fertigprodukte vorgesetzt zu bekommen.

Das hat auch Herr Toll Schreiber festgestellt. Er war nämlich dabei, eine Idee von mir. Seit langer Zeit meine schlechteste Idee. Für gewöhnlich nehme ich Herrn Toll Schreiber nicht mit, wenn ich irgendwohin gehe, denn er kann sich so schlecht beherrschen, wenn er Bücher sieht. Manchmal begnügt er sich mit Zeitschriften, aber da ist viel Ungenießbares dabei. Behauptet er jedenfalls, und ich bin geneigt, ihm zu glauben.

Jedenfalls dachte ich: Welchen Versuchungen könnte er schon in einem Café ausgesetzt sein? Was ich nicht bedacht habe, war die Tatsache, dass im Café Kitsch auch Bücher ausliegen. Jawohl, Bücher in einem Café. Und warum eigentlich nicht? Ich finde die Idee (Im Gegensatz zu meiner Idee, Toll Schreiber mitzunehmen!) jedenfalls gut. Es erinnert mich an alte Tage, als man noch ins Café ging, weil es zum Lifestyle gehört hat, und nicht, um in drei Minuten einen schwabbeligen Käsekuchen hinunterzuwürgen und einen Allerweltscappuccino hinterherzugießen. Ich gebe zu, nicht alle Cafés sind so. Es gibt sie noch, die Juwelen in der Gastronomielandschaft, wo jemand einkehrt und schon beim Eintreten von einer Stimmung empfangen wird, die zum Verweilen und Genießen einlädt.

Und ohne Bücher wäre das Ambiente einfach – unvollständig.

Doch daran habe ich leider nicht gedacht, als ich mit Toll Schreiber das Café betrat. Als ich dabei jedoch die Bücher erblickte, die auf jedem Tisch lagen, wurde mir anders. Ich packte Toll Schreiber am Arm und wollte mit ihm das Lokal wieder verlassen, aber es war bereits zu spät.

„Bücher!“, rief er.

„Zum Lesen! Herr Schreiber, nur zum Lesen!“

„Und warum liegen sie dann auf den Tischen?“

„Damit die Gäste schmökern und sich unterhalten können. Doch das geht nur, wenn Buchstaben in den Büchern sind. Und damit schließt sich von selbst aus, dass Sie diese Bücher in die Hand nehmen. Wir sollten daher besser gehen, denn dieser Versuchung möchte ich Sie nicht aussetzen.“

Toll Schreiber öffnete den Mund, vermutlich um zu protestieren, doch er kam nicht dazu, denn Frau Litterst, die stilecht mit ihrem Schürzchen sich dem Inventar anpasste, sprach uns an und führte uns zu dem Tisch am Fenster.

„Darf ich Ihnen heute eine Zitronen-Lavendel-Tarte empfehlen, die Herren?“, fragte sie dabei. „Und ich würde Ihnen gerne etwas zu unserem Kaffee erzählen.“

„Das mit dem Kaffee weiß ich schon!“, sagte ich schnell.

„Ach ja, Herr Mut, ich habe Sie erst gar nicht erkannt. Aber Ihr Begleiter weiß es vielleicht noch nicht …“

„Er isst keinen Kaffee und trinkt keinen Kuchen“, erwiderte ich und wunderte mich über das unverschämte Grinsen Toll Schreibers. Frau Litterst wirkte irritiert.

„Das ist Toll Schreiber“, erklärte ich.

„Oh!“, sagte sie nur und nahm blitzschnell das Buch vom Tisch, obwohl darauf „Lies mich“ und nicht „Iss mich“ stand. „Ich habe noch ein altes, ausgelesenes Buch von einem Studenten hier. Er hat es vergessen, vielleicht mit Absicht.“

„Wie schmeckt es denn?“, erkundigte sich Toll Schreiber neugierig.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Frau Litterst und eilte davon, um das Buch zu holen. Dachte ich jedenfalls. Tatsächlich kam sie mit zwei Kaffees, meiner Tarte, einem Milchkännchen und dem Buch wieder.

„Aber Toll Schreiber trinkt doch keinen Kaffee“, sagte ich, während ich den Kuchen probierte. Er schmeckte genau in der richtigen Mischung nach Lavendel und Zitrone, wobei Zitrone nicht dominant, aber doch deutlich den Geschmack des Lavendels überragte. Dagegen hatte ich auch nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil.

„Dann trinke ich ihn“, erklärte sie und setzte sich mir schräg gegenüber neben Toll Schreiber. „Ich wollte sowieso schon immer mal wissen, wie Sie beide zusammen aussehen.“

„Nun wissen Sie es“, sagte ich und beobachtete Toll Schreiber, um rechtzeitig einschreiten zu können, falls er allzu offensichtlich von seinem Buch aß. Aber zum Glück wusste er, manchmal jedenfalls, wie man sich als Toll Schreiber in der Öffentlichkeit benehmen sollte. Er verhielt sich auf jeden Fall sehr unauffällig.

„Ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht. Irgendwie habe ich Sie beide mir etwas anders vorgestellt.“

„Das kommt durchaus öfter vor“, erwiderte ich etwas indigniert. „Das liegt daran, dass wir Gedankengeister sind. Jeder nimmt uns anders wahr.“

„Gedankengeister?“, wiederholte sie. „Was habe ich mir darunter vorzustellen?“

„Wir sind so was wie kreative Musen. Wobei es von uns sehr viele gibt. Unendlich viele, um genau zu sein.“

Ich sah ihr an, dass sie nicht wirklich zufrieden mit meiner Antwort war, aber ungewohnterweise hakte sie nicht nach.

„Nun“, sagte sie, weil weitere Gäste zur Tür hereinkamen. „Ich lasse Sie allein. Herr Schreiber, ich hoffe, Sie sind satt geworden. Und selbstverständlich sind Sie meine Gäste.“

Ich öffnete schon den Mund, um zu protestieren, entschied mich dann aber anders. Vermutlich war sie einfach nur froh, dass Toll Schreiber sich mit dem einen Buch zufrieden gab.

Als wir etwas später das Café verließen, um die Rheinstraße nach oben zu gehen, waren alle anderen Tisch besetzt und Frau Litterst und Elisa gut beschäftigt.

Ungefähr in der Höhe der Metzgerei Berg sagte Toll Schreiber: „Eigentlich könnte ich noch etwas essen. Gibt es hier auch eine Buchhandlung?“

 

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Herr Mut im Paternoster

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Herr Mut stellt sich vor

Guten Tag. Ich möchte mich vorstellen.

Mein Name ist Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mein erster öffentlicher Auftritt. Sie kennen mich noch nicht? Das macht nichts. In Zukunft werden Sie Gelegenheit haben, mich an dieser Stelle kennen zu lernen, denn Frau Litterst, die Inhaberin dieses wundervollen Cafés in Linz am Rhein (nicht in Österreich!!), hat mich gebeten, Gastbeiträge in ihrem Blog zu schreiben.

Dieser Bitte komme ich selbstverständlich mit Freuden nach!

Doch zunächst einmal möchte ich mich vorstellen. Wie bereits erwähnt, ist mein Name Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mehr erster öffentlicher Auftritt. Aber ich glaube, das sagte ich bereits.

Nun muss ich aber erst einmal gehen und einen Kaffee aus dieser ganz besonderen Stempelkanne im Café Kitsch trinken. Sehen wir uns in Linz? Am Rhein, nicht an der Donau, ergo in Deutschland, nicht in Österreich!

 

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Herr Mut im Paternoster