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Herr Mut handelt fair

Trinkschokolade von Zotter

18 Sorten Trinkschokolade

Ich schaue mir mal den Riegel von der Trinkschokolade an. Weiße mit Vanille, fliegen will ich ja immer noch nicht.
Bio und fair, steht da. Zwei wichtige Schlagworte, die aus dem Marketing heute kaum noch wegzudenken sind. Finde ich eigentlich schade. Dass sie Marketinginstrumente geworden sind. Die Ideen dahinter finde ich natürlich gut. Auch wenn ich pessimistisch bin, was die generelle Umsetzbarkeit angeht. Sicher, zum Teil schon, keine Frage.
Aber was genau bedeutet überhaupt, dass etwas fair gehandelt wird?
Fair gehandelt, bedeutet das nicht, dass ich zu dem Preis, den bspw. der Arbeiter da irgendwo, wo auch immer die unterschiedlichen Rohstoffe herkommen, zum Beispiel Kakaobohnen, bekommt, auch bereit wäre, dieselbe Arbeit zu machen?
In meiner naiven Vorstellung gibt es irgendwo mindestens ein Land, in dem die Bohnen wachsen. Ob Kakao, Kaffee oder Erdnüsse, ist ja nun egal. Hauptsache, sie wachsen. Und jemand erntet sie, damit daraus Futter für unseren Kaffeevollautomaten wird. Oder damit es zu Weihnachten schön aussieht, wenn Erdnüsse die roten Schalen dekorieren. Oder eben in den hübschen Gläsern im Café Kitsch die Schokodrinks gerührt werden können.
Irgendjemand muss dafür arbeiten und die Sachen ernten. Rohstoffe heißen sie, die Sachen. Rohstoffe.
Also, was müsste man mir dafür zahlen, damit ich diese Arbeit mache? Das wäre dann ein fairer Preis, oder?
Blöderweise müssen die Bohnen dann auch noch transportiert werden. Sie werden weiterverarbeitet. Die Trinkschokolade wird irgendwie hergestellt, verpackt, verschickt, serviert. Und jedes Mal arbeiten Menschen damit, die auch fair bezahlt werden wollen. Logisch. Wenn ich zum Beispiel die Trinkschokolade verpacken müsste, würde ich das nicht umsonst machen. Wäre ja sonst schön blöd.
Mal ganz naiv gerechnet: Angenommen, der Erntehelfer bekommt zehn Euro in der Stunde, was eigentlich nicht wirklich fair ist, wenn ich bedenke, wie schwer die Arbeit ist. Aber gut, immerhin mehr als der Mindestlohn. Und leichter zu rechnen. Der Hafenarbeiter bekommt auch zehn Euro. Alle bekommen zehn Euro, die irgendetwas machen müssen, bis die Trinkschokolade vor mir steht. Das sind bestimmt mehr als zehn Menschen, das heißt, wir sind bei über 100 Euro. Für eine Trinkschokolade?! Wovon soll ich das bezahlen, wenn ich nur zehn Euro bekomme?
„Kerstin, Sie machen Verlust“, bemerke ich, als Mrs Kitsch in meine Nähe kommt.
„Wie bitte?“ Sie starrt mich entgeistert an.
„Die Trinkschokolade müsste über 100 Euro kosten, sonst machen Sie Verlust! Habe es gerade ausgerechnet.“
„Über 100 Euro für Trinkschokolade?“ Kerstin lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Ihr Blick ist schwer zu deuten. Möglicherweise überlegt sie, ob ich Drogen genommen habe, oder ob ich Hilfe benötige. Sieht irgendwie so aus. Das ist seltsam, eigentlich müsste sie doch in Panik geraten aufgrund meiner Erkenntnis. „Wie haben Sie das denn ausgerechnet, Herr Mut?“
„Nun, unter 10 Euro würde ich nicht auf einer Plantage arbeiten. Und die Trinkschokolade wird doch fair gehandelt, oder? Und wenn alle für zehn Euro arbeiten, dann kostet die Trinkschokolade am Ende über 100 Euro.“
„Äh … Herr Mut, also, wenn Sie in einer Stunde auf einer Plantage die Rohstoffe für nur einen Riegel ernten würden, dann wären Sie da bestimmt nicht lange beschäftigt.“
Ich muss nun doch lächeln. „Ja, das ist schon richtig. Wissen Sie, ich habe darüber nachgedacht, wie ein fairer Preis aussehen müsste. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, welche Mengen ein Erntearbeiter schafft und wie viele Trinkschokolade-Riegel man daraus machen kann. Aber ich glaube, ein fair gehandelter Riegel kann nicht billig sein.“
„Das ist er ja auch nicht, Herr Mut. Er hat durchaus seinen Preis. Genau darum, weil er fair und bio hergestellt wird. Weil viele Menschen davon leben wollen, und zwar zu menschenwürdigen Bedingungen. Das geht eben nicht zum Billigtarif.“
„Ich weiß. Angenommen, Deutschland würde mal nicht mehr zur Ersten Welt gehören und wäre am Anfang so einer Produktionskette … Obwohl, welche Rohstoffe hat Deutschland eigentlich zu bieten? Gedichte? Goethe lässt sich ja nicht mehr blicken, seitdem Toll Schreiber ihn so erschreckt hat. Wissenschaftler? Nun ja … Die werden ja auch vertrieben. Eigentlich … eigentlich können wir nur hoffen, dass wir niemals von irgendwelchen Rohstoffen in Deutschland abhängig werden, die wir liefern. Ich weiß nicht, ob wir dann eine gute Verhandlungsbasis hätten, um faire Preise zu fordern.“
Kerstin sieht mich nachdenklich an, schließlich meint sie: „Sie scheinen ein Kulturpessimist zu sein, Herr Mut. Gehen Sie doch einfach mal davon aus, dass alle Menschen eigentlich möchten, dass es allen anderen gut geht. Das sieht man ja schon daran, dass immer mehr Menschen faires Handeln unterstützen wollen. Natürlich ist noch sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit nötig, aber wenn wir damit nicht anfangen, wer soll es dann tun?“
„Ich gebe Ihnen ja recht, Kerstin, so grundsätzlich. Es ist nur, ich als Ideengeist habe schon so viele gute Ideen verkümmern sehen, wie Blumen am Wegesrand, da fällt es mir halt schwer, Ihren Optimismus zu teilen. Aber es ist schon richtig, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Sonst stirbt sie doch nicht zuletzt.“
„Genauso ist es, Herr Mut. Und nun muss ich mich um meinen Kuchen kümmern.“
Während sie sich erhebt, frage ich hoffnungsvoll: „Was machen Sie denn? Schokokuchen?“
Statt einer Antwort lächelt sie nur geheimnisvoll und geht in die Küche.