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Herr Mut und der Osterhase

Es ist Ostern und der Sommer beginnt. Nicht ganz in dieser Reihenfolge, doch man kann schon sagen, wenn man heute in Linz, am Rhein, verweilt, dass es sommerösterlich zu werden verspricht, über die Feiertage anlässlich Osterns. Und das ist auch gut so, denn war der Winter zwar nicht hart im eigentlichen Sinne, aber vielleicht gerade deswegen schwerer zu ertragen als die meisten bisher, und als Ideengeist habe ich manchen Winter erlebt. Dieser Winter war kalt und ungemütlich und das, was sonst den Winter schön und reizvoll macht, Schnee, Kälte, lange Spaziergänge, während der Sonnenschein in der Schneedecke sich spiegelt, all das fehlte heuer. Ach ja, da merkt man schon, ich war auch viel in Österreich unterwegs, gelle? 😉

An dieser Stelle muss ich mir selbst Einhalt gebieten, denn diese Kolumne soll doch eigentlich das Positive, das Schöne am Leben hervorheben, nicht dem Gejammere dienen. Zumal Letzteres gar nicht typisch für mich ist. Ideengeister sind überwiegend positiv dem Leben gegenüber eingestellt, das ergibt sich schon zwangsläufig aus der Tatsache, dass wir Ideengeister sind. Ideen und so.

Was ich damit sagen will: Eigentlich möchte ich an dieser Stelle über meine kürzliche Begegnung mit dem Osterhasen berichten. Böse Zungen behaupten zwar, den gebe es gar nicht, doch ich weiß das besser. Erstens bin ich ein Ideengeist und zweitens habe ich erst gestern mit ihm gesprochen.

Das kam so:

Ich hatte vor, Kerstin mal wieder einen Besuch abzustatten, bevor es am Karfreitag wieder bei ihr voll wird. Deswegen wollte ich den Gründonnerstag für den Besuch nutzen. Leider kam ich nicht bis ganz zu ihr, weil ich, wie bereits erwähnt, dem Osterhasen begegnet bin. Und das ist immer fürchterlich anstrengend, weil der Osterhase ist meistens fürchterlich aufgeregt und fürchterlich im Stress, erst recht so kurz vor Ostern. Ich meine, ich kann das ja verstehen, ich wäre wohl auch im Stress, wenn ich ein paar Millionen Eier verstecken müsste.

Aber er hat es ja so gewollt. Niemand hat ihn gezwungen, diesen Job zu machen. Der Osterbär hätte ihn ja auch übernommen. Aber nein, der Osterhase musste unbedingt laut „Hier!“ schreien, als jemand für diesen Job gesucht wurde. Selbst schuld, kann ich da nur sagen.

Der Osterbär, im Café Kitsch, solange der Vorrat reicht

Wie dem auch sei, er stand unschlüssig vor „Die Kneipe“ herum, als ich auf dem Weg zu Kerstin war. Ich kam gerade von oben, über den Marktplatz, sonst wäre ich dem Osterhasen gar nicht begegnet. Und als Ideengeist konnte ich ihn nun einmal nicht übersehen, im Gegensatz zu allen Menschen. Er ist für sie nicht unsichtbar, so ist das nicht, sie könnten ihn sehen, wenn sie nur wollten. Aber sie wollen halt nicht. Weil es ihn für sie halt nicht gibt, und Menschen sind sehr gut darin, Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen, weil es sie nicht gibt. Ihrer Meinung nach. Da gibt es viele Dinge. Das ist wie mit den Indianern, die die Schiffe von Kolumbus zuerst auch nicht sehen konnten, weil sie Schiffe nicht kannten. Ist zwar nur eine urban legend, aber es hätte tatsächlich so passieren können.

Aber ich schweife schon wieder ab, und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen wollte. Ach so, ja, der Osterhase. Der stand also vor „Die Kneipe“ herum und machte einen irgendwie durstigen Eindruck.

„Was tust du denn da?“, erkundigte ich mich freundlich.

„Nachdenken.“

„Aha. Worüber denn?“

„Ob ich ein Bier trinken soll.“

„Du bekommst eh keins.“

„Und wieso nicht?“

„Weil niemand außer mir hier dich sieht?“

„Da hast du recht.“ Er ließ den Kopf hängen. „Holst du mir ein Bier?“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Weil du dann schon wieder Ostereier, die mit Alkohol gefüllt sind, verteilst. Erinnerst du dich nicht mehr daran, was das vor 150 Jahren für einen Aufstand gab deswegen? Der Boss war ziemlich sauer.“

„Ach ja. Da hast du recht. Na dann mal Tschüss.“

„Tschüss.“

Traurig ging er von dannen.

„Hey, Osterhase!“, rief ich ihm hinterher.

„Ja?“ Er drehte sich nicht einmal um.

„Am Ostermontag gehen wir einen trinken, einverstanden? Bis zum nächsten Jahr wirst du deinen Rausch ja ausgeschlafen haben!“

„Supi!“, rief er erfreut. „Du bist der beste Ideengeist, den ich kenne!“

„Wie viele kennst du denn?“

„Einen!“ Und dann rannte er davon.

Ich kratzte mich am Kopf. Warum war ich eigentlich hier? Leider fiel es mir erst wieder ein, als ich wieder zu Hause war. Und als ich heute Morgen bei Kerstin vorbei schaute, war es da so voll, dass ich sie lieber nicht stören wollte.