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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (1)

Es war ein schöner Frühlingstag, aber man kann nicht sagen, er wäre etwas Besonderes gewesen. Der letzte Tag des Aprils und der April verabschiedete sich, wie er gekommen war: etwas launisch. Mir als Ideengeist war das vergleichsweise egal, doch ich konnte nachvollziehen, dass die Linzer Geschäftsleute, am Rhein, nicht an der Donau, gegebenenfalls noch auf der Donau, das schöne Wetter herbeisehnten. Gleichwohl, fairerweise sollte erwähnt werden, dass wenn es darauf ankam, unser lieber Petrus (natürlich nur eine Sagengestalt, aber irgendwie faszinierend) ein Einsehen hatte. Das Wetter sowohl während des Altstadtfestes als auch zu Ostern war in diesem Jahr ausgesprochen angenehm, wie ich fand.
Ich schlenderte gemütlich und frohgelaunt durch das Rheintor, über den Burgplatz, dabei den Brunnen flüchtig inspizierend, auf das neue Café Reinartz zu und ging schließlich ins Café Kitsch, das um diese Zeit nicht ganz voll war. Das Frühstücksgeschäft war wohl schon vorbei, das Kaffeegeschäft noch nicht am Laufen, wobei ich mir nicht sicher war, ob am letzten Tag das Aprils viele Leute Kaffee trinken gehen wollten. Vielleicht hatten einige ja auch Angst vor den Hexen, durchaus unberechtigterweise, denn sie fliegen selten am helllichten Tag durch die Gegend. Aber wer weiß das schon?
Kerstin war, von anderen Gästen abgesehen, allein. Sie kam sofort an meinen Tisch und sagte: „Sie trinken heute Chili Bird´s Eye!“
„Nein!“
„Doch! Ist ganz ungefährlich! Ich soll Ihnen von Frau F., deren Namen ich aus Datenschutzgründen nicht nennen darf, ausrichten, dass man davon wirklich nicht herumfliegt!“
„Frau F. hat das gesagt? Wo?“
„Auf Facebook!“
„Auf Facebook?“
„Auf Facebook!“
Ich starrte Kerstin an, aber sie erwiderte den Blick mühelos.
„Die Milch schäumt bereits auf“, ergänzte sie nach einer Weile des Augenduellierens.
„Na schön. Aber wenn Frau F. und Sie sich irren und ich …“
„Tun wir nicht!“ Nach einem letzten grimmigen Blick zog sie zufrieden los, um die Trinkschokolade zuzubereiten.
Hilfe! Ich sollte wirklich diese ominöse Trinkschokolade probieren? Woher wollen die denn alle wissen, ob sie auf einen Ideengeist wie mich dieselbe Wirkung hat wie auf Menschen?
Ich übte mich in Tiefenatmung, um ruhig zu werden. Dabei blickte ich nach draußen und dachte darüber nach, was ich alles kenne, das herumfliegt. Von dem, was dies natürlicherweise tut, natürlich abgesehen.
Der Fliegende Holländer, ganz klar. UFOs. Superman. Gelegentlich Fiona. Und die Fliegenden Rheinschiffe. Diese sind weniger bekannt als der Fliegende Holländer, aber es gibt sie tatsächlich. Auch wenn ich schon ziemlich lange keins mehr gesehen habe, obwohl sie sogar unter dem Radar fliegen können, oder wie das heißt. Mit der modernen Technik kenne ich mich nicht ganz so gut aus, als ich mich das letzte Mal ernsthaft mit ihr beschäftigt habe, schickte Verne die „Nautilus“ über die Weltmeere. Vielmehr, durch die Weltmeere.
Kerstin kam mit meiner Trinkschokolade, die eigentlich ganz normal aussah. Das Glas schwebte auch nicht über dem Tablett, eigentlich ein gutes Zeichen, wie ich fand. Vielleicht würde ich den heutigen Tag doch überleben.
„Bitte schön!“, sagte Kerstin, während sie das Tablett vor mir auf den Tisch stellte. „Ihr Flugticket. Ich meine, Ihre Trinkschokolade, Herr Mut! Nur Mut!“
Ich sah sie irritiert an, aber sie grinste nur. Das machte mich unsicher. War das etwa eine Falle, die zuschnappte, sobald ich den ersten Schluck nahm? Noch sah das Ganze harmlos aus, aber die Trinkschokolade war ja auch noch säuberlich eingepackt.
Sollte ich wirklich mein Leben riskieren für eine Trinkschokolade?
„Nur Mut, Herr Mut!“, wiederholte Kerstin. „Was soll schon passieren, im schlimmsten Fall?“
„Ich fliege durch Ihr Café.“
„Dann halte ich Sie an den Füßen fest, bis Sie Ihre Herumfliegerei beenden. Aber das passiert schon nicht.“
Ich holte tief Luft und nahm den Riegel in die Hand.
Hätte ich es bloß nicht getan.

(Fortsetzung folgt)