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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

Vermutlich wollte dieser Jemand erreichen, dass wir aufspringen und weglaufen. Irgendwohin. Üblicherweise macht das Weglaufen wenig Sinn,wenn die Piraten kommen, sie sind dann bereits überall, kommen aus allen Richtungen. In meinem langen Leben hatte ich allerlei miterlebt, daher wusste ich das ganz genau.
Dennoch geschah nichts. Oder doch, etwas geschah doch. Lola und ich sahen uns an und Kerstin bemerkte es.
„Wissen Sie etwa, was hier passiert?“, erkundigte sie sich und wirkte wütend. „Piraten in Linz? In 2019? Ich hoffe wirklich sehr, dass dies keine Werbeaktion der Stadt ist, das wäre so dumm …“
„Ich bezweifle sehr, dass das eine Werbeaktion der Stadt ist“, erwiderte ich indigniert. „Trauen Sie so was wirklich TI zu?“
„Eigentlich ja nicht“, erwiderte Kerstin. „Aber was ist es dann?“
„Piraten“, sagte Lola.
„Ja, das habe ich auch gehört. Aber in Linz gibt es keine Piraten! Und auf dem Rhein auch nicht!“
„Nicht mehr“, entgegnete ich, während ich nach draußen lauschte. Es war beunruhigend ruhig.
„Ja, natürlich. Es finden ja auch keine Hexenverbrennungen mehr statt!“
„Zum Glück!“, entfuhr es Lola.
Kerstin musterte sie misstrauisch. „Wer sind Sie überhaupt?!“
„Lola Sunny. Ich unterrichte …“
„Das sagten Sie schon! Aber wer sind Sie wirklich?“
Lola sah mich hilfeheischend an, das entging Mrs Kitsch natürlich nicht.
„Herr Mut, Sie wissen etwas und sagen es mir nicht!“
„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte ich. „Ich …ich weiß nur, dass Lola eine Hexe ist. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass ich Ihnen das nicht verraten sollte, aber im Anbetracht der Umstände …“
Sie nahm es erstaunlich gelassen auf. „Dann ist sie eben eine Hexe. Aber was hat der Lärm zu bedeuten?“
Während ich mit den Schultern zuckte, bemerkte Lola kleinlaut: „Ich fürchte, daran bin ich schuld.“
„Wie bitte?!“ Ich starrte sie an. „Was haben Sie getan?“
Kerstin sagte nichts, aber ihr stechender Blick ruhte auf der Hexe. Alle anderen Gäste beobachteten uns gespannt. Draußen ging hastigen Schrittes jemand her. Ich glaube, es war eine Mitarbeiterin von Lohner´s, war mir aber nicht ganz sicher. Sie wirkte besorgt, aber nicht so verängstigt, wie sie eigentlich hätte sein müssen, wenn es stimmte, was ich dachte, wo der Knall herrührte. Und mein Gefühl sagte mir, dass Lola dasselbe dachte. Und dass sie sogar wusste, warum das geschah, was geschah.
„Ich glaube, ich habe den Gral gefunden. Also, nicht den aus der Artus-Sage, sondern den Gral der Rheinhexen. Zuerst war es mir gar nicht klar, was es …“
„Den Gral der Rheinhexen?“, wiederholte ich entsetzt, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Was haben Sie damit getan?“
„Mitgenommen“, antwortete sie bekümmert. „Ich weiß, das war wohl dumm, aber …“
„Wo ist er jetzt?“, unterbrach ich sie streng. Verführungshexen reden gerne viel und ständig, diese hier war da wohl keine Ausnahme, aber wir befanden uns in einem Ausnahmezustand, dessen war ich mir zunehmend sicher.
Sie deutete nach hinten.
„In meiner Küche?!“, fragte Kerstin entgeistert.
„Auf dem Hof“, korrigierte die Hexe, noch bekümmerter, falls das überhaupt möglich war.
„Sie Wahnsinnige!“, rief ich aus.
„Kann mir jemand mal erklären, was daran so schlimm sein soll? Und was dieser Gral der Rhein… Rhein…“
„Rheinhexen“, sagte Lola hilfsbereit. „Der Gral der Rheinhexen. Ich … ich habe einfach nicht über die Folgen nachgedacht!“
„Haben Sie denn überhaupt nachgedacht?“, fuhr ich sie aufgebracht an.
„Herr Mut, so kenne ich Sie gar nicht!“ Kerstin sah mich äußerst erstaunt an.
Lola sagte nichts, sie sah mich nur an, aber nicht äußerst erstaunt, sondern äußerst niedergeschlagen. Ihr wurde offenbar immer klarer, was sie angerichtet hatte.
„Sie hat den Gral hergebracht“, erklärte ich ruhig.
„Ja, er liegt nun auf dem Hof. Habe ich verstanden. Und, was ist so schlimm daran?“
„Sie könnte Soger geweckt haben. Das würde jedenfalls die Fliegenden Rheinschiffe erklären, denn er befehligt diese. Und er ist … war ein Pirat. Eigentlich ein Wikinger. Wie auch immer, als Tulla den Rhein begradigen ließ, verschwanden die Fliegenden Rheinschiffe plötzlich. Es hieß, durch die vielen Veränderungen kamen die Piraten nicht mehr klar. Anscheinend haben sie 200 Jahre lang geübt, denn nun sind sie wohl da. Und daran ist nur diese Verführungshexe schuld!“ Ich starrte die braunhaarige Hexe strafend an, die unter meinem Blick immer kleiner wurde.
„Das … das wollte ich ja nicht …“, sagte sie leise.
„Jetzt mal langsam“, sagte Kerstin und ignorierte die entsetzten Gesichter der anderen Gäste, die im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass Wesen unter ihnen weilten, die nur scheinbar wie sie, also Menschen, waren. Schließlich kannte Kerstin mich ja schon lange genug. „Selbst wenn das stimmt, mit dem Gral und so, warum sollten die Piraten deswegen plötzlich hier auftauchen?“
„Weil sie schon seit über 1000 Jahren danach suchen“, erklärte ich seufzend. Das gefiel mir gar nicht, wie sich das hier entwickelte.
Dabei war es erst der Anfang.

1 Gedanke zu „Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

  1. Piraten in Linz?

    Da bin ich aber mal sehr gespannt!
    Übrigens auch auf die Verführungshexe!!

    besten Gruß
    Herr Weiß

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