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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (4)

Ich musterte Lolas rote Stiefeln. Eigentlich waren es Stiefelchen. Vermutlich. Durch den langen Rock war es nicht genau zu erkennen, außer beim Gehen. Jetzt blieb sie aber stehen, damit Kerstin die Falltür hochziehen konnte.
Dann sah sie die Hexe an. „Sind Sie sicher, dass das hier richtig ist? Ich war noch nicht oft im Keller, aber da ist es einfach nur dunkel und dreckig.“
„So scheint es“, bestätigte Lola. „Aber Hexen sehen auch die Geheimtür.“
„Na gut. Ich glaube, ich erzähle Frau Niederée besser nicht, dass sich in ihrem Keller eine Geheimtür zu den Geheimgängen der Rheinhexen befindet.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte ich. „Lola, wollten Sie nicht den Gral holen?“
„Ach ja, doch.“ Sie fuhr herum und ging mit wehendem Rock in die Toilette.
Stiefeletten! Eindeutig! Rote! Und keine Strümpfe!
Herr Mut, sagte ich mir selbst, kann es sein, dass ihr Zauber bei dir wirkt?
Ich verfolgte diesen Gedanken aber nicht weiter, denn Lola kam mit etwas wieder, was sie in eine grüne Tüte mit Café Kitsch-Aufschrift gepackt hatte.
„Sehr unauffällig“, stellte ich fest.
„In Linz schon“, erwiderte sie lächelnd.
„Da haben Sie allerdings in der Tat recht, Lola.“
Kerstin verdrehte nur die Augen, das konnte ich selbst in der Dunkelheit sehen. Inzwischen war es acht Uhr abends, aber es schien nicht sicher auf den Straßen von Linz zu sein, daher war sie noch nicht nach Hause gegangen. Die Polizei war mit einer Lausprecherdurchsage durch die Stadt gefahren, mit diesem Inhalt. Zwar wusste ich, dass es sich anders verhielt, denn Geister können lebenden Menschen nicht so ohne Weiteres schaden, aber das war etwas, das wollte ich der Polizei nicht erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Kerstin meinte zwar, sie könnte einen Herrn Hüngsberg anrufen, aber ich hielt es für keine gute Idee. Sie sagte etwas von Polizei, aber das hielt ich aus erwähnten Gründen erst recht für keine gute Idee. Ich hatte meine Zweifel, dass die Polizei des 21. Jahrhunderts auf Flusspiraten auf dem Rhein in Deutschland vorbereitet waren. Jedenfalls auf diese Art von Piraten: Wikinger.
Da gefiel mir die Idee von Lola, ihrer Mentorin einen Besuch abzustatten, schon viel besser. Zumal sie irgendwo zwischen Dattenberg und Leubsdorf wohnen sollte.
„Was ist eine Mentorin?“, hatte sich Kerstin erkundigt. „Ich weiß natürlich, was eine Mentorin grundsätzlich ist, aber für eine Hexe?“
„Sie betreut mich, bis ich 100 und dann in den Bund der Rheinhexen aufgenommen werde“, erklärte Lola hilfsbereit.
„Ich bin ja mal gespannt, was sie zu Ihrer aktuellen Heldentat sagen wird“, bemerkte ich.
„Wie meinen Sie das?“ Lola starrte mich aus großen Augen an und ich beschloss, sie nicht mehr zu ängstigen. Und eine zarte, schwache Stimme in mir meinte noch, ich sollte aufpassen, ihr nicht zu verfallen.
Was ja schnell geschehen kann, bei einer so wunderschönen Verführungshexe.
Und nun standen wir hier am Kellereingang, genauer, am Kellerabgang, noch genauer, an den Stufen in ein dunkles, ungemütliches, schwarzes Loch.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Kerstin plötzlich.
„99.“
„Oh. Gut erhalten. Ich meine …“ Kerstin verstummte verlegen, bei ihr ein äußerst seltenes Phänomen.
Lola schien die Reaktion gewohnt zu sein und sagte nichts dazu. Sie holte ihr Handy hervor und schaltete die eingebaute Taschenlampe ein.
„Eine Hexe mit Handy … Das ist ungefähr so, als würde Superman mit dem Bus fahren.“
Lola sah mich strafend an. „Ich verkehre nicht nur mit Hexen, Herr Mut. Was würden meine menschlichen Freundinnen sagen, wenn sie plötzlich eine Stimme im Kopf hören würden?“
„Sie verkehren? So, so.“
„Herr Mut, so kenne ich Sie ja gar nicht!“, rief Kerstin erstaunt.
„Das liegt an mir, fürchte ich“, sagte Lola und senkte den Blick. „Ich … ich bin ja eine Verführungshexe und kann das nicht ausschalten.“
„Oh. Ich verstehe. Hoffentlich wirken Sie nur bei Männern.“
„Ja, tatsächlich. Für Frauen gibt es männliche Hexen.“
„Keine Frauen?“
Endlich verstand Lola. Leider war es dunkel, sonst hätten wir bestimmt sehen können, ob sie rot geworden war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, denn als Ideengeist hatte ich natürlich schärfere Sinne als eine Menschin wie Kerstin.
„Doch, das … das gibt es natürlich auch. Und Männer für Männer auch. Immerhin sind 33 % aller Menschen homosexuell.“
„33 %? Nicht 10 %?“
„Liebe Frau Litterst, wie sollen Menschen wissen können, wie viele Menschen tatsächlich homosexuell sind?“
„Davon habe ich keine Ahnung. Aber wie wissen es Hexen?“
„Wir … wir spüren es ja. Ich merke es sofort, wenn ein Mann immun gegen meine Verführungskünste ist.“
„Ach so. Ich schlage vor, wir beenden dieses Thema. Ihre Mentorin wartet.“
„Sie weiß doch gar nicht, dass wir kommen!“
Ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass Kerstin die Augen verdrehte. Dann zeigte sie stumm auf das dunkle, feuchte, dreckige Loch. Also auf den Keller.
„Wollen Sie vorgehen, Herr Mut?“, fragte Lola. „Ich leuchte Ihnen auch!“
„Nein, ist schon gut. Gehen Sie ruhig vor.“
Lola verabschiedete sich mit einem Nicken von Kerstin. Ich bekam eine Umarmung von ihr, zum ersten Mal. Aber die Situation war ja auch zum ersten Mal eine so außergewöhnliche. Da ging das schon mal.
Um alle Spuren zu verwischen, ließ Kerstin die Falltür wieder herab. Nicht ganz, denn sie war nie ganz zu, aber doch so, dass es noch dunkler wurde. Eigentlich ging das ja gar nicht, aber es war trotzdem so.
„Mist, mein Akku ist leer“, jammerte Lola.
„Ich bin begeistert“, erwiderte ich und holte mein eigenes Handy hervor. „Nehmen Sie das. Lola, müssten Sie als Hexe und Anwärterin für den Hexenbund nicht auch Licht zaubern können?“
„Doch“, hauchte sie.
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Warum nicht?“
Sie errötete. Schon wieder. Diesmal war ich mir ganz sicher.
„Schon gut, ich ahne es. Los, gehen Sie einfach vor, einverstanden?“
Sie nickte und wandte sich hinter der Treppe nach rechts. Für Menschen war da nichts, höchstens uneinladender Dreck, aber für eine Hexe gab es da eine Tür. Zu meiner Freude beherrschte Lola wenigstens solche elementaren Hexenkünste, wie eine magische Tür zu sehen und zu öffnen. Sonst hätten wir jetzt ganz schön im Dunkeln getappt. Wortwörtlich.
Während sich hinter uns die Tür wieder schloss, wanderten wir durch die recht enge Höhle, die aber wenigstens einen einigermaßen ebenen Boden hatte. In meinem langen Leben hatte ich schon ganz andere enge Höhlen erlebt. Das hier war sozusagen ein Spaziergang. Na ja, fast. Vor allem, weil der knöchellange, schwarze Rock von Lola recht eng um ihre Hüften anlag. Darin hatte er was gemeinsam mit der Höhle. Im Engsein.
Oh, Herr Mut, du drehst ja völlig ab …
Ich beschloss, dass es keine gute Idee war, sich in Lola zu verlieben. Nicht dass ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich war in meinem langen Leben ja oft verliebt gewesen, meistens in Menschen, was automatisch zu einer gewissen Halbwertszeit der jeweiligen Beziehung führte. Aber Lola war eine Verführungshexe, ich verliebte mich ja nicht wirklich in sie, ich reagierte lediglich auf ihre Zauberkraft. Natürlich war sie auch ungezaubert hübsch, aber das allein hätte sicher nicht ausgereicht, damit ich mich in sie verliebe. Und ihre Naivität, auf eine gewisse Art durchaus charmant und wirksam bei Männern, die gerne den Beschützer spielen, fand ich persönlich nicht sehr ansprechend. Mir waren intelligente, selbstbewusste Frauen lieber. Ohne magische Einwirkungen hätte ich mich noch eher in Fiona verlieben können, wobei ich von der lieber die Finger ließ. Sie war mir dann doch eine Nummer zu selbstbewusst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht daran glaubte, ich käme für sie überhaupt in dieser Hinsicht infrage. Auch wenn sie Herrn Schreiber quasi geküsst hatte, aber das war eine besondere Situation gewesen.
Wie jetzt auch.
Hm.
Plötzlich blieb Lola stehen. „Wir sind da“, sagte sie. „Also, nicht da, aber beinahe. Wir können jetzt nach draußen.“
Als ich nickte, öffnete sie eine Tür und wir traten aus der Dunkelheit in die Dunkelheit hinaus. Während sie mir mein Handy reichte, sah ich mich um. Dann erkannte ich den Ort.
„Wie passend“, stellte ich fest.
„Nicht wahr?“ Sie strahlte förmlich.
Ich sagte lieber nichts weiter zu. Hexen, die eine Tür zu ihrem gemeinsamen geheimen Höhlensystem direkt hinter einer Kirche bauen, die auch noch St. Walburgis heißt, was soll ich dazu noch sagen?
Lola drehte sich lachend um und ging los. Ich folgte ihr kopfschüttelnd.
Aber auf jeden Fall saß dieser Rock wirklich sehr eng um ihre Hüften.