Café Kitsch

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Herr Mut versteht die Welt (nicht) 2. Teil

Es hatte vor sehr langer Zeit begonnen. Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende, waren seit dem ersten Mal vergangen. Als ich damals Kongar kennenlernte, war er ein junger Erzähler mit einem recht bescheidenen Repertoire, was sich zwangsläufig als Folge seiner Jugend ergab. Später kamen immer weitere Geschichten hinzu, die er zu erzählen wusste. Erzählgeister leben ewig, oder zumindest sehr lange, genau wie Ideengeister, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt wurden. Wie die Geburt eines solchen Geistes, also auch meine, vonstatten geht, das weiß niemand so genau. Vielleicht, weil es auch niemanden wirklich interessiert. Es hat keine besondere Bedeutung, und Geburtstage feiern wir sowieso nicht. Den 1001. Geburtstag? Nein, das macht für uns wirklich keinen Sinn.
Nun, da ich es gewahr wurde, als Kongar plötzlich da war, konnte ich davon ausgehen, dass ich älter war. Ich wurde so was wie sein väterlicher Freund. Oder wie der ältere Bruder. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Ich begleitete ihn und erzählte ihm von der Welt. Und er hörte zu, damit er später erzählen konnte.
Kurz bevor das Christentum seinen Siegeszug antrat, also kurz vor der Zeit, zu der die Geburt Jesu datiert wurde, verloren wir uns aus den Augen. Um ehrlich zu sein, wir brauchten eine Pause voneinander. Nach etwa 30 Jahren gemeinsamer Zeit gingen wir uns gegenseitig ziemlich auf den Keks, um das mal neuzeitlich auszudrücken. Welche Ehe hält schließlich schon 30 Jahre? Sicher, das kommt vor. Und wir waren ja nicht einmal verheiratet, unsere Beziehung war rein platonisch.
Ich will nicht lügen und behaupten, ich hätte nie die Liebe mit einem Mann ausprobiert. Wenn man Jahrtausende auf der Erde weilt, gibt es wenig, was man nicht ausprobiert. Ich habe gelernt, dass die Liebe weder Geschlecht noch Alter kennt, wenngleich eine Art Gaus´sche Verteilung existiert, aus der sich erkennen lässt, dass die gegenseitige Anziehungskraft zwischen Mann und Frau am stärksten ist. Doch das hat mehr mit Statistik als Biologie zu tun. Normal im statistischen Sinne mag die Liebe zwischen unterschiedlichen Geschlechtern sein, moralisch lässt sich daraus nichts ableiten, außer vielleicht, dass unmoralisch handelt, wer glaubt, er wüsste, was richtig und was falsch ist. Das ist unmoralisch, weil dieser Irrtum viel Leid über die Menschheit gebracht hat. Jeder Krieg entsprang der Idee, die Wahrheit gepachtet zu haben, um das mal so salopp zu formulieren. Doch es gibt keine Wahrheit, deren Halbwertszeit mehr als höchstens einige Jahrhunderte beträgt. Was heute als wahr gilt, wird in 500 Jahren bereits überholt sein.
Doch zurück zu Kongar, denn er trug maßgeblichen Anteil daran, dass Lola und ich so unerwartet bei Kerstin aufgetaucht waren.
Kongar war, wie bereits angedeutet, ein Erzählgeist. Doch kein Geist lebt allein von seiner Berufung. Und Kongar liebte nicht nur das Erzählen, sondern auch die Frauen und den Wein. In dieser Reihenfolge, zumindest meistens. Das brachte ihm öfters Ärger ein, ungeachtet der Tatsache, dass seine Unsterblichkeit ihn vor schlimmeren Folgen bewahrte. Sonst wäre er schon allein in unserer gemeinsamen dreißigjährigen Zeit mindestens einmal im Jahr gestorben – hingerichtet, vom gehörnten Ehemann erschlagen, erstochen … Er war halt nicht sehr zurückhaltend, um das mal vorsichtig auszudrücken.
Man konnte nicht sagen, er wäre ein Schönling gewesen. Gewiss, eine gewisse Attraktivität war ihm durchaus zueigen, doch es gab viele sehr viel attraktivere Geister männlichen Geschlechts. Und natürlich auch männliche Menschen gab es auch einige, die, wäre es nur nach dem Aussehen gegangen, vor ihm hätten bevorzugt werden müssen. Doch wer glaubt, Frauen wäre das Aussehen das Wichtigste, irrt und kennt Frauen nicht besonders gut. Frauen lieben Humor, Geisteswitz, Aufrichtigkeit und dann, an vielleicht hundertster Stelle, auch das Aussehen.
Umgekehrt sähe die Liste en detail etwas anders aus, doch prinzipiell verhielte es sich ähnlich, nur mal so angemerkt.
Wie dem auch sei, Kongar verfügte über einige der wichtigeren Eigenschaften, und das verhalf ihm durchaus zu einigen nennenswerten Erfolgen. Wenn nur die anderen Männer nicht gewesen wären.
Ich war schon immer eher der Vernunft als dem Vergnügen zugewandt. Also, meistens. Überwiegend in meiner langen Lebenszeit. Bis auf einige, teilweise nicht sehr rühmliche, Ausnahmen, die an dieser Stelle unbedeutend sind. Des vollständigen Bildes wegen wollte ich das dennoch erwähnt haben.
Wenn jemand, und sei er auch ein Geist, so lebt wie Kongar, bleibt es nicht aus, dass man sich mit der Zeit einige Feinde ansammelt. In den meisten Fällen erledigen sich diese von selbst, weil die Feinde irgendwann sterben. Damals eher früh als spät, eingedenk der deutlich niedrigeren Lebenserwartung als heutzutage. Nicht so glücklich fügt es sich, wenn man mal Wesen verärgert, deren Leben auch über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende geht. Deren Feindschaft kann einen dann durchaus lange begleiten und für die eine oder andere Unannehmlichkeit sorgen.
Kongar hatte dieses Kunststück problemlos fertiggebracht. Und eine Auswirkung davon war, dass er mich im Jahre 2021 kontaktierte, nur knapp 2.000 Jahe nach unserer letzten Begegnung.
Ich war, wie man sich vorstellen kann, etwas verwundert. Meine Verwunderung hielt sich dennoch leidlich in Grenzen, denn trotz der langen Zeit konnte ich mich lebhaft an Kongars Art erinnern. Und, um ehrlich zu sein, fühlte ich mich immer noch freundschaftlich mit ihm verbunden. Schließlich hören sich 2.000 Jahre für einen Sterblichen sehr lang an, für einen Ideengeist aber eher wie „Oh, so lange ist es schon her?“.
Erstaunter war ich eigentlich, als der Name Linz am Rhein fiel.
Es war eine Gedankennachricht, die mich von Kongar erreichte, auf die ich nicht antworten konnte. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht genau, wie lange die Nachricht unterwegs gewesen war, als sie bei mir ankam. Stunden? Tage? Monate? Jahre?
Sie war auch nicht besonders lang: „Brauche Hilfe! Komm bitte nach Linz am Rhein! Dringend!“
Nun ist es nicht sehr sinnvoll, in einer Gedankennachricht von dringend zu sprechen, denn man weiß nie im Vorfeld, wann die Nachricht den Empfänger erreichen wird. Aber für den Fall, dass sie nur kurze Zeit unterwegs war, beschloss ich, dringend nach Linz am Rhein zu gehen. Bei dieser Gelegenheit freute ich mich auf das Wiedersehen mit Lola. Und natürlich auch mit Kerstin.
Wie vorhin erwähnt, wünschte ich schon bald, ich hätte einen ganz, ganz großen Bogen um Linz gemacht. Aber da war es bereits viel zu spät.