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Hier ist das Besondere die Norm

Eigentlich müsste es statt „die Norm“ die Normale heißen. Damit ist jetzt nicht gerade Kerstin gemeint. Nach meinen, inzwischen recht zahlreichen, Besuchen im Café Kitsch denke ich, sie würde es eher als Beleidigung empfinden, als die Normale bezeichnet zu werden. Doch irgendwie ist das dann doch wieder nicht ganz richtig, denn es kommt ja auch immer darauf an, was normal ist, also der Norm entspricht.

Und wer bestimmt, was der Norm entsprechend, also normal ist?

Nun, in der Technik ist das für Deutschland das Deutsche Institut für Normung, auch bekannt unter DIN. Dessen Arbeit ist durchaus nützlich, denn sonst wäre schon der Kauf eines Verlängerungsschlauchs für die Installation eines Wasserkrans möglicherweise eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Daher möchte ich dieses Institut an dieser Stelle ausdrücklich mal loben. Und Fehler macht ja schließlich jeder mal.

Aber was genau ist denn nun normal?

Ich würde an dieser Stelle gerne auf eine kulturhistorische Abhandlung zu diesem Thema verzichten. Als Ideengeist könnte ich durchaus eine Menge dazu sagen, resp. schreiben. Aber ich glaube, das würde den Rahmen mehr als sprengen. Vielleicht schreibe ich ja dazu mal eine Buchserie. Mal sehen. Oder ich bitte Zsolt, die Fiona dazu ein paar Abenteuer erleben zu lassen?

Es könnte an dieser Stelle sinnvoll sein, kurz darauf einzugehen, wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin. Wie so oft, ist auch diesmal Kerstin daran schuld. Ja, doch. Ist durchaus als Lob gemeint. Das war so:

Eines Tages, könnte Oktober 2018 gewesen sein, saß ich, mal wieder, im Café und trank meinen Kaffee und aß eine Schokotarte. Kerstin meinte zwar, es könnte ein Hauch zu viel Alkohol drin sein, aber das glaube ich nicht. Ich sehe das anders: Es war einfach perfekt. Nun, wie dem auch sei, sie hatte, durchaus nicht unüblich, auch andere Gäste. Und eine Frau, die zu beschreiben ich aufgrund von DSGVO nicht wage, meinte dann zu Kerstin beim Bezahlen: „Wir haben das Besondere gesucht und bei Ihnen gefunden!“ Kerstin wirkte etwas sprachlos, also habe ich darüber nachgedacht.

Dabei ist mir klar geworden: Im Café Kitsch ist das Besondere doch völlig normal? Das wird auch der Grund für Kerstins Sprachlosigkeit gewesen sein. Ich denke mal, sie überlegt sich nicht jeden Morgen beim Aufschließen, dass sie ja ein besonderes Café hat. Alles andere wäre für sie völlig unnormal. Ich meine, ein normales Café zu haben, das könnte sie gar nicht.

Wir lernen daraus: Normal ist eigentlich das, was man dafür hält.

Klingt banal? Ist es auch. Doch wie so oft, sind banale Wahrheiten die tiefgründigsten, denn sie gehören zum Alltag und machen damit unser Leben aus. So, wie viele 46 Wochen des Jahres arbeiten und in 6 Wochen das Besondere erleben: den Urlaub. Aber ihr Leben wird letztlich durch die 46 Wochen definiert, was sie in dieser Zeit tun und erleben. Lauter banale Sachen: Auto fahren, sich rasieren, duschen, Sport machen, Sex, Essen, Trinken. Und so fort. Es ist banal, ja. Aber ist es nicht gerade dadurch etwas Besonderes? Ich frage Euch: Wollt Ihr am Ende Eures Lebens, auf dem Sterbebett, ernsthaft daran denken müssen, dass Ihr grob 87% Eures Lebens in der absoluten Bedeutungslosigkeit verbracht habt? Wollt Ihr das?

Na also. Das Banale ist so banal gar nicht. Oder anders ausgedrückt: Wir werten uns und unser Leben doch ziemlich herab, wenn wir etwas als banal bezeichnen.

Normal ist eigentlich das, was man dafür hält. Es mag banal sein, in dem Sinne, dass es eine Selbstverständlichkeit hat wie die 46 Wochen unseres Lebens. Aber es ist trotzdem etwas Wichtiges und Besonderes.

Uff, damit kriege ich wieder die Kurve zum Café Kitsch. 🙂

Das, was der Gast als das Besondere am Café Kitsch bezeichnet hat, war für diesen Gast nur besonders, weil er nicht täglich damit zu tun hat. Im Gegensatz zu Kerstin, für die es völlig normal ist, anders als die meisten zu sein. Das Besondere ist für sie und bei ihr einfach nur normal.

Insofern war die Bemerkung des Gastes ein großes Lob, denn manchmal vergisst man leider, wie besonders das Normale eigentlich ist.

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Kitsch me

Interessiert beobachte ich die Leute, die zum ersten Mal den Namen des Cafés sehen, oft breit grinsen, manche lachen auch. Es sind nicht viele, aber es gibt Leute dabei, die finden den Namen auf eine spöttische Art und Weise lustig. Da ich Stammgast bei Kerstin bin, habe ich oft Gelegenheit, die Menschen beim Vorbeiziehen zu beobachten. Die Reaktionen sind erst einmal ziemlich ähnlich, wenn wir von denen absehen, die das Café glatt übersehen. Aber das kommt immer seltener vor, dafür häufen sich die Begebenheiten, bei denen das Café bereits bekannt ist. Und auch die Bemerkungen in der Art, dass das Café schon wieder voll und kein Platz frei sei. Aber das ist nun einmal so am Sonntag Nachmittag um drei Uhr. Montag Nachmittag um zwei gibt es noch freie Plätze und Kuchen und Kaffee, Kuchen freie Auswahl, kosten dann sogar nur fünf Euro. Warum wohl bin ich meistens am Montag da?

Aber ich weiche ab vom Thema. Ich denke nämlich gerade darüber nach, warum das Café eigentlich so heißt, wie es heißt: Café Kitsch. Schreckt „Kitsch“ die Leute nicht eher ab? Meine Beobachtung bei einigen Passanten scheint das zu bestätigen. Auf der anderen Seite gibt es viele andere, viel mehr andere, die offensichtlich begeistert sind. Die alte Weisheit, es nicht jedem recht machen zu können, gilt sicherlich auch hier, und mein Eindruck ist, dass ein kitschiges Café, verbunden mit einem gewissen Qualitätsanspruch, wie es so schön heißt, von mehr Leute geschätzt als abgelehnt wird.

Kitsch me. Genau, das ist es. Kitsch ist ja eine Philosophie, die genug hat von irgendwelchen Kunstwerken, die kein Mensch versteht, den Künstler eingeschlossen, von Kunstwerken, deren Deutungsvielfalt dazu führt, dass der werte Betrachter sich ganz doof vorkommt, weil er in einem leicht gekrümmten Strich einen leicht gekrümmten Strich sieht und keine Metapher für das Leben eines frisch gelegten Eis. Oder weil ein Fettfleck nur ein Fettfleck ist. Ein kleiner Porzellanengel weckt vielleicht Kindheitserinnerungen, lässt an Oma und Opa und besinnliche Tage bei ihnen um Weihnachten herum oder an den Adventswochenenden denken, nötigt aber keine emotionalen und verstandsmäßigen Auswringungen ab, um dann mit geheimnisvollem Gesicht zu nicken und dem Künstler, noch öfter dem Rezensenten, dem Kunstfachmann, das Gefühl zu geben, man hätte auch nur ansatzweise verstanden, was er einem gerade erklärt hat.

Nein, Kitsch ist schön einfach und oft auch einfach schön. Es macht das Leben nicht komplizierter, als es sowieso schon ist. Im Gegenteil, eigentlich macht es das Leben einfacher – und emotionaler. An einer schönen, kitschigen Wanduhr kann man sich ohne schlechtes Gewissen, die Bedeutung derselben nicht verstanden zu haben, erfreuen. Und nützlich ist sie, zumindest wenn Kitsch als Wanduhr an der Wand hängt, auch noch, außer am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung.

„Kitsch me“, sage ich also zu Kerstin, als sie kommt, um zu fragen, ob ich noch etwas möchte.

Sie sieht mich aus großen Augen an. „Soll ich Sie als Engel an die Wand hängen, Herr Mut, oder was meinen Sie?“

Ich denke kurz darüber nach, wie sich das anfühlen würde, dann schüttele ich den Kopf. „Ich glaube, auf Dauer wäre mir das doch zu langweilig. Ich habe gerade über Kitsch und Ihr Café nachgedacht, dabei kam mir der Gedanke, dass Kitsch irgendwo auch ein Synonym für Lebensfreude und Lebensgenuss ist. Kitsch me bedeutet dann so viel wie: Schenk mir Lebensfreude.“

„Das hört sich gut an“, sagt Kerstin. „Kann ich das vielleicht als Motto klauen?“

„Das müssen Sie nicht klauen. Ich bin doch ein Gedankengeist und ich schenke Ihnen ‚Kitsch me‘.“

„Oh, danke schön. Wenn Sie ein Gedankengeist sind, dann sind Sie doch irgendwie in allem hier drin, oder?“

„Ja, das bin ich“, bestätige ich. „Und jetzt möchte ich noch einen Kaffee. Keinen Kakao, auch nicht den zum Fliegen.“
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