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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

Vermutlich wollte dieser Jemand erreichen, dass wir aufspringen und weglaufen. Irgendwohin. Üblicherweise macht das Weglaufen wenig Sinn,wenn die Piraten kommen, sie sind dann bereits überall, kommen aus allen Richtungen. In meinem langen Leben hatte ich allerlei miterlebt, daher wusste ich das ganz genau.
Dennoch geschah nichts. Oder doch, etwas geschah doch. Lola und ich sahen uns an und Kerstin bemerkte es.
„Wissen Sie etwa, was hier passiert?“, erkundigte sie sich und wirkte wütend. „Piraten in Linz? In 2019? Ich hoffe wirklich sehr, dass dies keine Werbeaktion der Stadt ist, das wäre so dumm …“
„Ich bezweifle sehr, dass das eine Werbeaktion der Stadt ist“, erwiderte ich indigniert. „Trauen Sie so was wirklich TI zu?“
„Eigentlich ja nicht“, erwiderte Kerstin. „Aber was ist es dann?“
„Piraten“, sagte Lola.
„Ja, das habe ich auch gehört. Aber in Linz gibt es keine Piraten! Und auf dem Rhein auch nicht!“
„Nicht mehr“, entgegnete ich, während ich nach draußen lauschte. Es war beunruhigend ruhig.
„Ja, natürlich. Es finden ja auch keine Hexenverbrennungen mehr statt!“
„Zum Glück!“, entfuhr es Lola.
Kerstin musterte sie misstrauisch. „Wer sind Sie überhaupt?!“
„Lola Sunny. Ich unterrichte …“
„Das sagten Sie schon! Aber wer sind Sie wirklich?“
Lola sah mich hilfeheischend an, das entging Mrs Kitsch natürlich nicht.
„Herr Mut, Sie wissen etwas und sagen es mir nicht!“
„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte ich. „Ich …ich weiß nur, dass Lola eine Hexe ist. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass ich Ihnen das nicht verraten sollte, aber im Anbetracht der Umstände …“
Sie nahm es erstaunlich gelassen auf. „Dann ist sie eben eine Hexe. Aber was hat der Lärm zu bedeuten?“
Während ich mit den Schultern zuckte, bemerkte Lola kleinlaut: „Ich fürchte, daran bin ich schuld.“
„Wie bitte?!“ Ich starrte sie an. „Was haben Sie getan?“
Kerstin sagte nichts, aber ihr stechender Blick ruhte auf der Hexe. Alle anderen Gäste beobachteten uns gespannt. Draußen ging hastigen Schrittes jemand her. Ich glaube, es war eine Mitarbeiterin von Lohner´s, war mir aber nicht ganz sicher. Sie wirkte besorgt, aber nicht so verängstigt, wie sie eigentlich hätte sein müssen, wenn es stimmte, was ich dachte, wo der Knall herrührte. Und mein Gefühl sagte mir, dass Lola dasselbe dachte. Und dass sie sogar wusste, warum das geschah, was geschah.
„Ich glaube, ich habe den Gral gefunden. Also, nicht den aus der Artus-Sage, sondern den Gral der Rheinhexen. Zuerst war es mir gar nicht klar, was es …“
„Den Gral der Rheinhexen?“, wiederholte ich entsetzt, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Was haben Sie damit getan?“
„Mitgenommen“, antwortete sie bekümmert. „Ich weiß, das war wohl dumm, aber …“
„Wo ist er jetzt?“, unterbrach ich sie streng. Verführungshexen reden gerne viel und ständig, diese hier war da wohl keine Ausnahme, aber wir befanden uns in einem Ausnahmezustand, dessen war ich mir zunehmend sicher.
Sie deutete nach hinten.
„In meiner Küche?!“, fragte Kerstin entgeistert.
„Auf dem Hof“, korrigierte die Hexe, noch bekümmerter, falls das überhaupt möglich war.
„Sie Wahnsinnige!“, rief ich aus.
„Kann mir jemand mal erklären, was daran so schlimm sein soll? Und was dieser Gral der Rhein… Rhein…“
„Rheinhexen“, sagte Lola hilfsbereit. „Der Gral der Rheinhexen. Ich … ich habe einfach nicht über die Folgen nachgedacht!“
„Haben Sie denn überhaupt nachgedacht?“, fuhr ich sie aufgebracht an.
„Herr Mut, so kenne ich Sie gar nicht!“ Kerstin sah mich äußerst erstaunt an.
Lola sagte nichts, sie sah mich nur an, aber nicht äußerst erstaunt, sondern äußerst niedergeschlagen. Ihr wurde offenbar immer klarer, was sie angerichtet hatte.
„Sie hat den Gral hergebracht“, erklärte ich ruhig.
„Ja, er liegt nun auf dem Hof. Habe ich verstanden. Und, was ist so schlimm daran?“
„Sie könnte Soger geweckt haben. Das würde jedenfalls die Fliegenden Rheinschiffe erklären, denn er befehligt diese. Und er ist … war ein Pirat. Eigentlich ein Wikinger. Wie auch immer, als Tulla den Rhein begradigen ließ, verschwanden die Fliegenden Rheinschiffe plötzlich. Es hieß, durch die vielen Veränderungen kamen die Piraten nicht mehr klar. Anscheinend haben sie 200 Jahre lang geübt, denn nun sind sie wohl da. Und daran ist nur diese Verführungshexe schuld!“ Ich starrte die braunhaarige Hexe strafend an, die unter meinem Blick immer kleiner wurde.
„Das … das wollte ich ja nicht …“, sagte sie leise.
„Jetzt mal langsam“, sagte Kerstin und ignorierte die entsetzten Gesichter der anderen Gäste, die im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass Wesen unter ihnen weilten, die nur scheinbar wie sie, also Menschen, waren. Schließlich kannte Kerstin mich ja schon lange genug. „Selbst wenn das stimmt, mit dem Gral und so, warum sollten die Piraten deswegen plötzlich hier auftauchen?“
„Weil sie schon seit über 1000 Jahren danach suchen“, erklärte ich seufzend. Das gefiel mir gar nicht, wie sich das hier entwickelte.
Dabei war es erst der Anfang.

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Café Kitsch Inside: Das Genießerfrühstück – der süße Anfang

Eine besondere Spezialität im Café Kitsch ist das Genießerfrühstück.

Zum Genießen gehört es, dass man sich die Zeit dafür nimmt. Aus diesem Grund wird das Genießerfrühstück in drei Gängen serviert. Den Anfang stellt der süße Teil dar. Dieser besteht aus hochwertiger Butter, Marmelade, aus regionalen und/oder saisonalen Rohstoffen, wie sie verfügbar sind, selbst hergestellt und dazu passendem Backwerk.

Auf Wunsch und mit Reservierung (mindestens drei Tage im Voraus) sind auch Variationen, zum Beispiel vegan, möglich.

 

 

 

 

Genießerfrühstück, kerzhafter Teil

Für den zweiten Gang bitte hier klicken

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Hier ist das Besondere die Norm

Eigentlich müsste es statt „die Norm“ die Normale heißen. Damit ist jetzt nicht gerade Kerstin gemeint. Nach meinen, inzwischen recht zahlreichen, Besuchen im Café Kitsch denke ich, sie würde es eher als Beleidigung empfinden, als die Normale bezeichnet zu werden. Doch irgendwie ist das dann doch wieder nicht ganz richtig, denn es kommt ja auch immer darauf an, was normal ist, also der Norm entspricht.

Und wer bestimmt, was der Norm entsprechend, also normal ist?

Nun, in der Technik ist das für Deutschland das Deutsche Institut für Normung, auch bekannt unter DIN. Dessen Arbeit ist durchaus nützlich, denn sonst wäre schon der Kauf eines Verlängerungsschlauchs für die Installation eines Wasserkrans möglicherweise eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Daher möchte ich dieses Institut an dieser Stelle ausdrücklich mal loben. Und Fehler macht ja schließlich jeder mal.

Aber was genau ist denn nun normal?

Ich würde an dieser Stelle gerne auf eine kulturhistorische Abhandlung zu diesem Thema verzichten. Als Ideengeist könnte ich durchaus eine Menge dazu sagen, resp. schreiben. Aber ich glaube, das würde den Rahmen mehr als sprengen. Vielleicht schreibe ich ja dazu mal eine Buchserie. Mal sehen. Oder ich bitte Zsolt, die Fiona dazu ein paar Abenteuer erleben zu lassen?

Es könnte an dieser Stelle sinnvoll sein, kurz darauf einzugehen, wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin. Wie so oft, ist auch diesmal Kerstin daran schuld. Ja, doch. Ist durchaus als Lob gemeint. Das war so:

Eines Tages, könnte Oktober 2018 gewesen sein, saß ich, mal wieder, im Café und trank meinen Kaffee und aß eine Schokotarte. Kerstin meinte zwar, es könnte ein Hauch zu viel Alkohol drin sein, aber das glaube ich nicht. Ich sehe das anders: Es war einfach perfekt. Nun, wie dem auch sei, sie hatte, durchaus nicht unüblich, auch andere Gäste. Und eine Frau, die zu beschreiben ich aufgrund von DSGVO nicht wage, meinte dann zu Kerstin beim Bezahlen: „Wir haben das Besondere gesucht und bei Ihnen gefunden!“ Kerstin wirkte etwas sprachlos, also habe ich darüber nachgedacht.

Dabei ist mir klar geworden: Im Café Kitsch ist das Besondere doch völlig normal? Das wird auch der Grund für Kerstins Sprachlosigkeit gewesen sein. Ich denke mal, sie überlegt sich nicht jeden Morgen beim Aufschließen, dass sie ja ein besonderes Café hat. Alles andere wäre für sie völlig unnormal. Ich meine, ein normales Café zu haben, das könnte sie gar nicht.

Wir lernen daraus: Normal ist eigentlich das, was man dafür hält.

Klingt banal? Ist es auch. Doch wie so oft, sind banale Wahrheiten die tiefgründigsten, denn sie gehören zum Alltag und machen damit unser Leben aus. So, wie viele 46 Wochen des Jahres arbeiten und in 6 Wochen das Besondere erleben: den Urlaub. Aber ihr Leben wird letztlich durch die 46 Wochen definiert, was sie in dieser Zeit tun und erleben. Lauter banale Sachen: Auto fahren, sich rasieren, duschen, Sport machen, Sex, Essen, Trinken. Und so fort. Es ist banal, ja. Aber ist es nicht gerade dadurch etwas Besonderes? Ich frage Euch: Wollt Ihr am Ende Eures Lebens, auf dem Sterbebett, ernsthaft daran denken müssen, dass Ihr grob 87% Eures Lebens in der absoluten Bedeutungslosigkeit verbracht habt? Wollt Ihr das?

Na also. Das Banale ist so banal gar nicht. Oder anders ausgedrückt: Wir werten uns und unser Leben doch ziemlich herab, wenn wir etwas als banal bezeichnen.

Normal ist eigentlich das, was man dafür hält. Es mag banal sein, in dem Sinne, dass es eine Selbstverständlichkeit hat wie die 46 Wochen unseres Lebens. Aber es ist trotzdem etwas Wichtiges und Besonderes.

Uff, damit kriege ich wieder die Kurve zum Café Kitsch. 🙂

Das, was der Gast als das Besondere am Café Kitsch bezeichnet hat, war für diesen Gast nur besonders, weil er nicht täglich damit zu tun hat. Im Gegensatz zu Kerstin, für die es völlig normal ist, anders als die meisten zu sein. Das Besondere ist für sie und bei ihr einfach nur normal.

Insofern war die Bemerkung des Gastes ein großes Lob, denn manchmal vergisst man leider, wie besonders das Normale eigentlich ist.

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Kitsch me

Interessiert beobachte ich die Leute, die zum ersten Mal den Namen des Cafés sehen, oft breit grinsen, manche lachen auch. Es sind nicht viele, aber es gibt Leute dabei, die finden den Namen auf eine spöttische Art und Weise lustig. Da ich Stammgast bei Kerstin bin, habe ich oft Gelegenheit, die Menschen beim Vorbeiziehen zu beobachten. Die Reaktionen sind erst einmal ziemlich ähnlich, wenn wir von denen absehen, die das Café glatt übersehen. Aber das kommt immer seltener vor, dafür häufen sich die Begebenheiten, bei denen das Café bereits bekannt ist. Und auch die Bemerkungen in der Art, dass das Café schon wieder voll und kein Platz frei sei. Aber das ist nun einmal so am Sonntag Nachmittag um drei Uhr. Montag Nachmittag um zwei gibt es noch freie Plätze und Kuchen und Kaffee, Kuchen freie Auswahl, kosten dann sogar nur fünf Euro. Warum wohl bin ich meistens am Montag da?

Aber ich weiche ab vom Thema. Ich denke nämlich gerade darüber nach, warum das Café eigentlich so heißt, wie es heißt: Café Kitsch. Schreckt „Kitsch“ die Leute nicht eher ab? Meine Beobachtung bei einigen Passanten scheint das zu bestätigen. Auf der anderen Seite gibt es viele andere, viel mehr andere, die offensichtlich begeistert sind. Die alte Weisheit, es nicht jedem recht machen zu können, gilt sicherlich auch hier, und mein Eindruck ist, dass ein kitschiges Café, verbunden mit einem gewissen Qualitätsanspruch, wie es so schön heißt, von mehr Leute geschätzt als abgelehnt wird.

Kitsch me. Genau, das ist es. Kitsch ist ja eine Philosophie, die genug hat von irgendwelchen Kunstwerken, die kein Mensch versteht, den Künstler eingeschlossen, von Kunstwerken, deren Deutungsvielfalt dazu führt, dass der werte Betrachter sich ganz doof vorkommt, weil er in einem leicht gekrümmten Strich einen leicht gekrümmten Strich sieht und keine Metapher für das Leben eines frisch gelegten Eis. Oder weil ein Fettfleck nur ein Fettfleck ist. Ein kleiner Porzellanengel weckt vielleicht Kindheitserinnerungen, lässt an Oma und Opa und besinnliche Tage bei ihnen um Weihnachten herum oder an den Adventswochenenden denken, nötigt aber keine emotionalen und verstandsmäßigen Auswringungen ab, um dann mit geheimnisvollem Gesicht zu nicken und dem Künstler, noch öfter dem Rezensenten, dem Kunstfachmann, das Gefühl zu geben, man hätte auch nur ansatzweise verstanden, was er einem gerade erklärt hat.

Nein, Kitsch ist schön einfach und oft auch einfach schön. Es macht das Leben nicht komplizierter, als es sowieso schon ist. Im Gegenteil, eigentlich macht es das Leben einfacher – und emotionaler. An einer schönen, kitschigen Wanduhr kann man sich ohne schlechtes Gewissen, die Bedeutung derselben nicht verstanden zu haben, erfreuen. Und nützlich ist sie, zumindest wenn Kitsch als Wanduhr an der Wand hängt, auch noch, außer am Sonntagmorgen nach der Zeitumstellung.

„Kitsch me“, sage ich also zu Kerstin, als sie kommt, um zu fragen, ob ich noch etwas möchte.

Sie sieht mich aus großen Augen an. „Soll ich Sie als Engel an die Wand hängen, Herr Mut, oder was meinen Sie?“

Ich denke kurz darüber nach, wie sich das anfühlen würde, dann schüttele ich den Kopf. „Ich glaube, auf Dauer wäre mir das doch zu langweilig. Ich habe gerade über Kitsch und Ihr Café nachgedacht, dabei kam mir der Gedanke, dass Kitsch irgendwo auch ein Synonym für Lebensfreude und Lebensgenuss ist. Kitsch me bedeutet dann so viel wie: Schenk mir Lebensfreude.“

„Das hört sich gut an“, sagt Kerstin. „Kann ich das vielleicht als Motto klauen?“

„Das müssen Sie nicht klauen. Ich bin doch ein Gedankengeist und ich schenke Ihnen ‚Kitsch me‘.“

„Oh, danke schön. Wenn Sie ein Gedankengeist sind, dann sind Sie doch irgendwie in allem hier drin, oder?“

„Ja, das bin ich“, bestätige ich. „Und jetzt möchte ich noch einen Kaffee. Keinen Kakao, auch nicht den zum Fliegen.“
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