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Herr Mut versteht die Welt (nicht) – Teil 7

Wir betraten das Café Kitsch kurz vor Ladenschluss. Nach einer kurzen Begrüßung halfen wir Kerstin, einzuräumen, dann gingen wir in die Küche, wo wir vor neugierigen Blicken geschützt waren, also auch keine Maske tragen mussten. Kongar hatte uns nicht begleitet, er kehrte Linz den Rücken. Er war halt ein empfindsamer Erzählgeist, die ganze Sache ging ihm erkennbar recht nahe. Das konnte ich durchaus nachvollziehen, unabhängig davon, dass sowohl Lola als auch ich besser damit umgehen konnten. Ich, weil ich schon zu viel erlebt habe, Lola, weil sie so war, wie sie war. Nicht abgebrüht, aber lebensfroh. Sie hatte eine halbe Stunde geweint, danach war es gut.
Ist nicht die schlechteste Art, mit Tragödien umzugehen.
„Und, wie lief das Treffen mit Ihrem Freund, Herr Mut?“
„Aufregend!“, erwiderte Lola, die anscheinend neuerdings Herr Mut hieß. „Mord in Linz!“
„Lola!“, rief ich unterdrückt. „Musst du gleich mit einem Scheunentor ins Haus fallen?“
„Mord?“, wiederholte Kerstin. „Davon habe ich ja gar nichts mitbekommen.“
„Weil wir dafür gesorgt haben, dass niemand es mitbekommt“, antwortete ich. „Es hätte zu viel unnötige Aufregung verursacht. Letztlich war es eine Sache zwischen Elfen und Dämonen.“
„Dämonen? Die gibt es auch?“
„Ja, natürlich. Vampire, Werwölfe, Dämonen, Geister aller Art und noch mehr, all diese Wesen existieren wirklich. Normalerweise bekommen die Menschen, die Normalsterblichen, davon nichts mit. Gar nicht mal immer, weil wir es nicht wollen, sondern oft wollen die Menschen es nicht. Das hat auch damit zu tun, dass wir anders sind als in den Filmen dargestellt. Ein Vampir fürchtet nicht die Sonne und ist keineswegs nur hinter dem Blut niedlicher Jungfrauen her. Da wird sehr viel Unsinn erzählt. Vielleicht ist das aber auch ganz gut so. Ich weiß wirklich nicht, wie die Welt aussähe, wenn die Existenz von Magie anerkannt wäre. Wahrscheinlich würden die Menschen damit klarkommen, doch das würde ein, zwei oder mehr Generationen dauern. Auch die Wissenschaftler hätten ihre Probleme damit, ihr gesamtes Weltbild zu überdenken. Wie auch immer, wir leben in einer Art Schattenwelt. Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, ist es eher andersherum. Normalsterbliche sehen die Schatten an der Wand und natürlich nur das, was genau an dieser Wand Schatten wirft.“
„Oh, Herr Mut, das war aber sehr … poetisch!“, rief Lola lachend. „Was ist denn los mit dir?“
„Ich bin ein Ideengeist, hast du das etwa vergessen?“
„Hast ja so recht!“ Sie gab mir ein Küsschen. „Und nun erzähl der Kerstin doch, was passiert ist! Sie hält es ja kaum noch aus vor Neugierde.“
Ich war mir nicht ganz sicher, ob das wirklich stimmte, doch letztlich war das ja ein Grund, warum wir sie heute besuchten, also gab ich die Geschichte zum Besten.
„Das ist ja wie in einer dieser Seifenopern“, meinte sie, als ich zu der Stelle kam, wie Laxnia ihre Tochter anrief. „Und was geschah danach?“
„Nun ja, Pruna kam tatsächlich. Am Anfang war sie sehr misstrauisch und verdächtigte uns gar, ihre Mutter als Geisel zu benutzen. Doch Laxnia konnte sie überzeugen, dass sie wirklich freiwillig da war. Und nachdem sie erzählt hatte, was geschehen war, wurde Pruna ganz still. Das muss ein großer Schock für sie gewesen sein. Sie ist dann einfach gegangen, ohne etwas zu sagen. Gestern rief uns Kassandra an, dass Pruna verschwunden ist. Sie hat einen Abschiedsbrief hinterlassen und geschrieben, dass sie genug hat. Die Blutrache wäre von ihrer Seite beendet und mit ihrer Familie möchte sie nichts mehr zu tun haben. Am besten wäre, man würde sie vergessen und auf keinen Fall nach ihr suchen. Sie möchte niemanden je wiedersehen.“
„Das ist dann aber etwas scheinheilig, finde ich“, bemerkte Kerstin. „Erst mehrere umbringen und plötzlich das große Gejammer? Ich finde das nicht gut. Viel ehrlicher wäre es doch, sie würde sich dem stellen und die Angehörigen um Entschuldigung bitten. Natürlich lässt es sich nicht wieder gutmachen, aber damit würde sie wenigstens Charakter zeigen.“
„Ein Dämon ist nicht automatisch charakterstark“, entgegnete ich.
„Kann ein Dämon das überhaupt sein?“, fragte sie.
„Selbstverständlich. So groß ist der Unterschied zwischen Dämonen und Menschen gar nicht. Manchmal fällt es mir jedenfalls sehr schwer, diese Welt zu verstehen. Das ist so ein Fall. Wie viel Leid wäre vielen erspart worden, wenn die beiden ehrlicher gewesen wären? Vermutlich werde ich es nie verstehen können, warum die Welt so ist, wie sie ist, aber ich muss wohl akzeptieren, dass sie so ist, wie sie ist.“
„Und warum wollen Sie sie nicht verändern, statt sie zu akzeptieren?“
„Das tue ich durchaus, liebe Kerstin, ich bin schließlich ein Ideengeist“, sagte ich lächelnd. „Aber auch meine Macht ist begrenzt. Ich kann und will nicht den Menschen die Entscheidungen abnehmen, dementsprechend auch nicht die Konsequenzen ihrer Entscheidungen. Das würde auch gar nicht gehen. Dennoch fällt es mir zumindest schwer, einige Entscheidungen zu verstehen.“
„Mir auch“, erwiderte Kerstin. „Mir auch, Herr Mut! Aber ist es nicht trotzdem so, dass ein Dämon gar kein Mensch ist?“
„Doch, in gewisser Weise schon“, widersprach Lola. „Dämonen und Menschen haben sehr viel gemeinsam, nicht nur ihr Aussehen. Pruna, Kassandra, auch Laxnia, sie lebten unter Menschen und wurden nicht als Dämonen beziehungsweise Elfe erkannt. Lisa bemerkte jahrelang nicht einmal, dass sie Elfenblut in ihren Adern hatte. Dämonen, Menschen, Hexen, Elfen und viele andere haben Gene, können geboren werden und sterben, mehr oder weniger. Nur die Geister, wie unser Herr Mut hier, die sind wirklich anders. Sie sind keine Menschen.“
„Manchmal schon“, bemerkte ich.
„Ja, Geister haben das Potenzial zur Menschwerdung, das ist wohl wahr. Sie sind ja auch die Blaupause für Menschen.“
„Genau so ist es“, bestätigte ich. „Nun, liebe Kerstin, wir nehmen erst einmal Abschied.“
„Werden wir uns wiedersehen?“
„Das denke ich durchaus, aber wann oder wo, das kann nur die Zukunft sagen. Vieles ist in Fluss, was früher unbeweglich wirkte, die Welt verändert sich gerade mehr, als viele es wahrhaben wollen. Aber auch ich weiß nicht, was geschehen wird. Ich weiß nur, dass es in der Menschheitsgeschichte immer mal Phasen gab, in denen es relativ ruhig war und andere Phasen mit viel Umbruch. Und die ruhige Phase ist jetzt erst einmal vorbei. Aus meiner Erfahrung heraus denke ich, das ist erst der Anfang.“
„Ja, das befürchte ich auch“, sagte Lola düster. „Aber, Kerstin, wie auch immer, was auch kommen mag, geben Sie einfach nicht auf.“
„Heißt das, wir werden uns länger nicht mehr sehen?“, fragte Kerstin.
„Nein, das heißt es nicht“, antwortete ich. „Wer weiß schon, was geschehen wird.“
Sie begleitete uns hinaus und schloss hinter uns ab.
Seufzend nahm Lola meine Hand. „Was denkst du, Herr Mut?“
„Über was?“
„Na ja, wie schlimm wird es werden mit den Menschen?“
„Wie könnte ich das denn wissen, meine Liebe? Ich bin nur ein Ideengeist, kein Prophet. Vielleicht besinnen sie sich noch rechtzeitig und die Schäden halten sich in Grenzen.“
„Glaubst du daran?“
„Ich hoffe es, Lola, ich hoffe es. Komm, wir holen uns am Anleger ein Eis, einverstanden?“
Das war sie und wir spazierten auf das Rheintor zu.

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Herr Mut versteht die Welt (nicht) – Teil 6

Unglücklicherweise trafen wir Malu Heising, so nannte sich Pruna nämlich, nicht zu Hause an. Eine nette Nachbarin erzählte uns aber, sie wäre mit ihrem Hund unterwegs und wollte zu Fuß hoch zum Drachenfelsen. Wir nutzten die Gelegenheit, mit der Drachenfelsbahn zu fahren, auch wenn dort Maskenpflicht herrschte. Da wir schon in dem Zug die ganze Zeit die Maske aufhatten, war das jetzt auch nicht so schlimm. Dafür erlebte jetzt Kongar mal die Drachenfelsbahn. Außerdem trafen wir auf Malu Heising. Wir trafen sie natürlich nicht, aber wir sahen sie. Ganz genau sahen wir eine Frau, die wahrscheinlich Malu Heising war, eine junge Frau mit einem Deutschen Schäferhund, bereits auf dem Weg nach unten. Lola schaute schnell auf ihrem Handy nach und bestätigte, dass es sich um Malu Heising handelte, denn auf ihrer Homepage gab es ein Bild von ihr. Eine durchaus attraktive Frau von Mitte 20, zumindest dem Anschein, denn tatsächlich war sie ja sehr, sehr viel älter.
Nach dem Verlassen der Drachenfelsbahn begaben wir uns eiligst zu Fuß talwärts. Da sie es nicht eilig zu haben schien und immer wieder stehen blieb, wenn der Hund etwas Interessantes entdeckte, und Hunde entdecken sehr häufig etwas Interessantes auf so einem Waldweg, holten wir sie auf halber Strecke ein. Also kurz vor der Mittelstation.
Der Hund bemerkte uns zuerst und starrte uns an. Dadurch wurde auch Malu Heising alias Pruna aufmerksam und beobachtete uns erst neugierig, dann düster. Letzteres lag vermutlich daran, dass sie als Dämon natürlich sofort erkannte, dass wir keine Normalsterblichen waren.
Dass sie nicht bereit war, sich mit uns zu unterhalten, demonstrierte sie deutlich, indem sie sich umdrehte und einfach weiterging. Allerdings war der Hund nicht gewillt, die Nachrichten seiner Artgenossen und viele andere Düfte zu ignorieren, sodass wir sie ohne Mühe einholen konnten.
„Frau Heising, wir würden uns gerne mit Ihnen unterhalten“, begann ich das Gespräch.
„Ich mich mit Ihnen aber nicht“, erwiderte sie. „Ich rufe die Polizei, wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen.“
„Ernsthaft?“, fragte Lola. „Ausgerechnet Sie?“
Malu schwieg und beschleunigte ihre Schritte, stieß damit allerdings auf keine Gegenliebe bei ihrem Hund.
„Wir müssen wirklich miteinander reden“, versuchte ich es erneut. „Das hat keinen Sinn, vor uns davonzulaufen.“
„Hören Sie, ich habe keine Ahnung, wer Sie sind und was Sie von mir wollen …“
„Es geht um Lisa, die Ur-Ur-Urenkelin von Imni“, sagte Lola.
„Aha.“ Malu betrachtete sie. „Wer sind Sie und was geht Sie das an?“
„Ich bin Lola, eine Verführungshexe. Wir würden gerne herausfinden, was passiert ist, bevor die Situation eskaliert.“
„Nichts ist passiert.“ Malu ging weiter, in einem an die Wünsche des Hundes angepassten Tempo.
„Wenn das so ist, sollte es ja kein Problem sein, uns bei der Aufklärung der Angelegenheit zu helfen“, bemerkte ich. „Das ist ja auch in Ihrem Interesse.“
„In meinem Interesse? Was wollen Sie damit andeuten?“
„Ich denke, das wissen Sie genau.“ Lola wieder. „Sie haben ein Motiv.“
„Weißt du was? Von einer Verführungshexe, die absolut keine Ahnung vom Leben der Dämonen hat, wahrscheinlich noch nicht einmal die Einweihung geschafft hat, lasse ich mir ganz sicher nichts sagen!“
Ich legte eine Hand auf Lolas Arm. „Warum bist du so aggressiv, Pruna? Ich bin ein Ideengeist, sehr viel älter als du und ich weiß sehr wohl, wie Dämonen leben. Ich kannte schon deine Vorfahren und deren Vorfahren. Es sollte eigentlich auch in deinem Interesse liegen herauszufinden, was passiert ist.“
„Es ist mir aber scheißegal, wer und wie diese Halbelfe umgebracht hat, okay? Und jetzt verpisst euch, sonst hetze ich den Hund auf euch!“
„Das wäre keine besonders gute Idee, und das weißt du auch“, erwiderte ich, inzwischen auch nur noch äußerlich ruhig. Zumal Pruna gerade verraten hatte, dass sie wahrscheinlich die Mörderin von Lisa war. Der Hund war für uns keine Bedrohung, vermutlich würde er uns nicht einmal angreifen, doch ein Kampf zwischen übernatürlichen Wesen hier, wo uns Normalsterbliche beobachten konnten, würde unnötiges Aufsehen erregen, was mit Sicherheit auch Pruna nicht wollte.
Dass ich damit richtig lag, zeigte sich auch daran, dass sie den Hund anleinte und davonrannte. Der Hund hielt das für ein Spiel und schnappte immer wieder nach der Leine, bis Pruna so schnell wurde, dass er kaum noch mitkam.
Ich seufzte.
„Deeskalation ist nicht immer die beste Wahl“, stellte Lola fest.
„Hättest du einen Kampf hier in der Öffentlichkeit besser gefunden?“, erkundigte ich mich.
„Nein, natürlich nicht. Ach, ich weiß auch nicht. Was machen wir denn jetzt? Dir ist doch bestimmt aufgefallen, dass sie es getan hat?“
„Zumindest weiß sie, was passiert ist“, nickte ich. „Ruf doch bitte Kassandra an, vielleicht hat sie Neuigkeiten für uns.“
Das hatte sie in der Tat, wie Lolas Gesichtsausdruck während des Telefonats verriet. Nachdem sie aufgelegt hatte, starrte sie uns entgeistert an.
„Meine Liebe, erzähl uns, was du gehört hast, bevor du platzt“, sagte ich freundlich.
„Laxnia ist bei Kassandra“, sagte sie. „Laxnia ist die Mutter von Pruna. Und auch von Kuna, aber die lebt ja nicht mehr.“
„Aha“, erwiderte ich. Das war in der Tat etwas erstaunlich. Wieso war die Mutter von Laxnia in Linz? Lebte sie etwa auch dort? Ich konnte es mir irgendwie nicht vorstellen, doch der einzige Weg, herauszufinden, was sie wollte, lag darin, wieder nach Linz zu fahren.
Das taten wir dann auch, allerdings nicht mit dem Zug. Genau genommen fuhren wir auch nicht, sondern nutzten unsere besonderen Möglichkeiten. Vorher vergewisserten wir uns natürlich, dass niemand uns beobachtete.
Auf diese Weise klopften wir bereits eine Minute nach dem Anruf an die Tür. Genau genommen klopfte Lola, anstatt die Klingel zu nutzen. Ich konnte nur raten, wieso, aber eine Idee hatte ich durchaus.
Laxnia war eine kleine, zierliche Frau mit langen, schwarzen Haaren. Sie saß in einem Sessel und wirkte durcheinander.
„Es ist alles meine Schuld“, sagte sie, als ich sie begrüßen wollte.
„Sie haben Lisa getötet?“, fragte ich überrascht.
„Nein, das war Pruna. Aber es ist alles meine Schuld!“
Ich setzte mich erst einmal auf die Couch und beobachtete die arme Frau. Vielleicht war mein Mitleid nicht wirklich angebracht. Es musste ja einen Grund geben, warum sie davon ausging, dass alles ihre Schuld war. Jedenfalls hatte sie vor Jahrhunderten eine Tochter verloren und die andere betätigte sich anscheinend seitdem als Racheengel. Besser gesagt, als Rachedämon. Fühlte sie sich deswegen schuldig?
„Darf ich fragen, weshalb Sie die Schuld auf sich nehmen wollen?“
Die anderen, auch Kassandra, saßen im Wohnzimmer verteilt. Alle Augen waren auf Laxnia gerichtet. Ihre sahen gerötet aus, und als sie mich nun ansah, konnte ich darin Verzweiflung und Scham erblicken.
Sehr eigenartig, befand ich für mich.
„Kuna ist meinetwegen getötet worden“, sagte sie leise. „Ich habe Sumna erzählt, dass Kuna nicht schwimmen kann und sterblich ist.“
Ich blickte zu Kassandra, dann zu Lola. Beide wirkten ziemlich erstaunt. Ich war ja auch erstaunt, mehr als erstaunt. Wenn das stimmte, hatte Laxnia indirekt dafür gesorgt, dass ihre eigene Tochter getötet wurde.
Aber wieso denn, um Himmels willen?
„Warum haben Sie das getan, Laxnia?“, fragte ich, so ruhig, wie es mir möglich war.
Laxnia starrte ihre Hände an, die miteinander rangen. Das ließ erkennen, wie aufgebracht und nervös sie tatsächlich war.
„Ich war dumm. So dumm. Und ich habe mich geschämt.“
„Wofür haben Sie sich geschämt?“, erkundigte sich Lola erstaunt. „ Doch wohl kaum dafür, dass Ihre Tochter mit einem Elf befreundet war.“
„Nein, dafür nicht.“ Laxnia schüttelte den Kopf. „Aber Imni war ihr Halbbruder.“
Ups. Als wäre eine Bombe explodiert.
„Moment mal …“, sagte Kassandra. „Soll das heißen, mein Großvater war Kunas Vater?“
Laxnia nickte langsam und die Tränen tropften mittlerweile von ihrem Kinn. Lola erhob sich und brachte ihr Papiertaschentücher. Laxnia wischte umständlich die Tränen ab und schnäuzte sich dann.
„Das ist … das ist …“ Kassandra hatte offensichtlich Schwierigkeiten, den Satz zu vollenden.
„Wusste irgendjemand davon?“, fragte ich leise. „Imni und Kuna vermutlich nicht.“
„Nein, sie wussten es nicht. Nur Imnis Vater wusste es noch. „Ich … ich hatte solche Angst, dass es irgendjemand herausfindet. Es war so dumm von mir! Verstehen Sie, ich wollte doch nicht, dass Kuna stirbt! Niemals war das meine Absicht!“
„Aber dennoch haben Sie es Sumna erzählt, die dieses Wissen ausgenutzt hat“, bemerkte ich.
Sie nickte erneut. „Als ich dann hörte, was geschehen war, wusste ich nicht, was ich tun sollte. Kunas Vater starb wenig später, ich glaube, er konnte es nicht ertragen. Seine Tochter war getötet worden, doch niemand durfte erfahren, dass Kuna seine Tochter war.“
Sie begann nun hemmungslos zu schluchzen. Lola setzte sich nach einem Blick auf mich auf die Sessellehne und legte die Arme um sie. Ich beobachtete Kassandra, die verständlicherweise entsetzt war. Und wohl auch sehr wütend. Beides konnte ich wirklich gut nachvollziehen.
Das war eine Wendung, wie sie auch in einer griechischen Tragödie vorkommen könnte. Niemals kann man das Schicksal, in der griechischen Tragödie die Götter, austricksen. Egal, was ein Mensch tut, selbst wenn er eigentlich ein Dämon ist, die Götter erwischen ihn doch. Ödipus tötete seinen Vater doch, oder gerade, weil seine Eltern Vorkehrungen getroffen hatten, damit dies nicht geschehen konnte. Am Ende nahm er sich selbst das Augenlicht, weil er es nicht ertrug, was er getan hatte.
„Ich muss gestehen, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll“, bemerkte Kassandra. „Es ist schon so lange her, und ich glaube, Laxnia ist bestraft genug.“
„Das denke ich allerdings auch“, erwiderte ich. „Doch wir müssen uns um Pruna kümmern.“
„Ich werde ihr alles erzählen“, schluchzte Laxnia.
Ich überlegte, ob das wirklich eine gute Idee war. Doch letztlich war es wahrscheinlich sogar die einzige Möglichkeit, Pruna zu stoppen. Ich war mir nur nicht sicher, wie sie reagieren würde. Ich konnte mir allerdings nicht vorstellen, dass sie ihre eigene Mutter töten würde.
Schließlich nickte ich. „Können Sie sie anrufen und bitten, herzukommen?“
Laxnia nickte und holte ihr Handy hervor. Ihre Hände zitterten.

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Herr Mut versteht die Welt (nicht) 5. Teil

Lola reichte Kassandra ein Glas mit Wasser, das sie mit zitternden Händen nahm und dabei „Danke“ murmelte. Sie tat mir wirklich leid, auch wenn ich ihren Schmerz nicht nachfühlen konnte, da ich noch nie ein Kind hatte, geschweige denn Ururenkel. Aber ich kann mir dennoch vorstellen, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren.
„Wie ist das denn passiert?“, fragte sie nach einem Moment des Schweigens, währenddessen wir auf anderen Möbeln im Wohnzimmer saßen. Lola und ich nebeneinander auf dem Sofa, Kongar in einem der Sessel.
„Jemand hat sie ermordet“, antwortete Letzterer wenig einfühlsam.
Kassandra hob langsam den Kopf. „Ermordet? Von wem?“
„Wir haben gehofft, dass Sie uns vielleicht helfen können, das herauszufinden.“ Diesmal übernahm ich das Reden. Ich traute mir im Gegensatz zu Kongar ein gewisses Einfühlungsvermögen zu.
„Demnach waren Sie es nicht?“
„Nein, das kann ich Ihnen versichern, niemand aus unserer Reihe war das.“ Bei Kongar war ich zwar nicht restlos überzeugt, doch ich glaubte ihm dennoch.
„Und wer sind Sie überhaupt?“ Kassandra sah mich nun misstrauisch an.
„Mein Name ist Herr Mut und …“
„Der Herr Mut?“, unterbrach sie mich. „Der die Rheinpiraten überlistet hat?“
„Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Ja, der bin ich. Und ich vermute, dass sie mit den Rheinhexen zu tun haben?“
„Ich bin eine Elfe“, antwortete sie. Sie musterte jetzt die beiden anderen.
„Lola ist eine Verführungshexe, sie war auch an der Angelegenheit mit den Rheinpiraten beteiligt“, stellte ich sie vor. Kassandra nickte. „Und Kongar schließlich gehört zu den Erzählgeistern. Ich kenne ihn schon sehr lange.“
„Nun“, sagte Kassandra nach einem weiteren, diesmal längeren Moment des Schweigens. „Wieso sitzen wir hier? Vor allem interessiert mich, wieso Sie hier sitzen.“
Ich erzählte kurz das Notwendigste und ließ alles aus, was meiner Ansicht nach eher für Verwirrung denn für Klarheit gesorgt hätte. Ob Kassandra diese Ansicht geteilt hätte, war mir nicht bekannt, doch darauf wollte ich es lieber gar nicht erst ankommen lassen. Sie hatte gerade vom Tod ihrer Urenkelin erfahren, eine solche Nachricht vermag, sehr verständlicherweise, das Urteilsvermögen zu trüben.
„Haben Sie eine Idee, wer und warum Lisa getötet haben könnte?“, erkundigte ich mich schließlich.
„Ja, die habe ich“, antwortete sie langsam. „Lisa wusste nichts von ihren besonderen Fähigkeiten, nichts von ihrer Herkunft.“
„Das kann ich mir nur schwer vorstellen“, bemerkte Lola. „Ihr muss doch aufgefallen sein, dass Sie viel zu jung aussehen!“
„Das stimmt. Uns war es wichtig, sie vor den … besonderen Gefahren, die sich aus unserer Herkunft ergaben, zu beschützen. Wir sind uns nur selten persönlich begegnet, und bei solchen Anlässen war ich geschminkt.“
„Geschminkt?“, wiederholte Kongar.
„Auf alt getrimmt“, erklärte Lola. „Wenn ich Sie richtig verstanden habe, hat es aber nichts genützt. Vielleicht sogar im Gegenteil.“
Unglaublich! Von Kongar hätte mich so viel Mangel an Einfühlungsvermögen ja nicht gewundert, aber von Lola? Das klang fast so, als wäre sie wütend. Aber weswegen? Doch dann wurde es mir klar. Sie war wütend, weil Lisa getäuscht und bevormundet wurde, ohne selbst entscheiden zu können. Dadurch war sie möglicherweise unvorbereitet in eine Falle getappt, die tödlich für sie endete.
„Das wäre nicht passiert, wenn sie nicht ihm begegnet wäre“, erwiderte Kassandra und deutete wütend auf Kongar.
„Jetzt bin ich auch noch schuld?!“
„Nein, bist du nicht“, sagte ich. „Kassandra, das wissen Sie auch. Das Risiko, dass Lisa irgendwie herausfindet, dass bei ihr einiges anders als bei anderen Menschen ist, war von Anfang an hoch. Eigentlich ist es eher ein Wunder, dass es so lange gutgegangen ist. Wie alt war sie?“
„37.“
„37 Jahre als übernatürliches Wesen gelebt, ohne davon zu wissen …“
„Wir haben auf sie aufgepasst!“
Ich seufzte und sagte lieber nichts dazu. Doch Lola konnte das nicht, sich beherrschen.
„Das klingt für mich eher wie ein Goldener Käfig“, sagte sie, scheinbar ruhig. Doch ich kannte sie besser. „Es war nicht richtig und nun hat es sie das Leben gekostet.“
Kassandra schluchzte auf. Meinen erstaunten Blick quittierte Lola mit blitzenden Augen. Sie war eindeutig wütend.
„Leider können wir an den Ereignissen nun nichts mehr ändern“, fuhr sie fort. „Aber es ist Ihre Pflicht, uns bei der Aufklärung des Mordes zu helfen!“
„Wir können nicht die Polizei rufen“, erwiderte Kassandra schniefend.
„Davon hat ja auch niemand gesprochen“, übernahm ich das Gespräch wieder. „Zumindest jetzt noch nicht. War … ist Lisa bei irgendeinem Einwohnermeldeamt gemeldet? Oder sonst irgendwie offiziell gemeldet?“
Kassandra nickte. „Das war notwendig, da ihr sonst etwas aufgefallen wäre. Auch Anna, meine Tochter, besorgte sich eine Identität, nachdem Lisa zur Welt kam.“
„Sie nicht?“
„Nein. Ich bin jetzt 124 Jahre alt, das wäre schwierig geworden.“
„Im Kaiserreich gab es doch auch schon Geburtenverzeichnisse“, meinte Kongar.
„Ich glaube, sie sah es eher als schwierig an, einem Menschen zu erklären, wieso eine 90-Jährige wie 40 aussieht“, klärte ich Kongar auf. Ich fand es etwas seltsam, dass er das nicht von selbst erkannte, denn auch wenn er einige Fehler hatte, gehörte Begriffsstutzigkeit für gewöhnlich nicht dazu. Es konnte nur an den Ereignissen liegen, die ihn wohl mehr mitnahmen, als ich erst dachte.
„Das ist verständlich“, sagte Kongar und nickte. „Ich bin wohl nicht ganz hier.“
„Durchaus nachvollziehbar“, bemerkte Lola. „Nun, wie gehen wir vor? Sie haben vorhin angedeutet, Sie hätten eine Idee, wer der Täter ist?“
„Ich denke eher an eine Täterin“, antwortete Kassandra langsam.
„Demnach sogar an eine ganz bestimmte?“, erkundigte ich mich.
„Ja, so ist es. Aber um das zu erklären, muss ich etwas weiter ausholen. Sie alle wissen bestimmt, dass es neben den Menschen noch weitere Wesen gibt, zum Beispiel Hexen. In den Wäldern lebten außerdem sehr viele Elfen. Und es gibt Dämonen. Dämonen sind selten böse, wie in der Menschenwelt erzählt wird.“
„So selten wie Menschen“, bemerkte ich.
„Nun, vermutlich haben Sie recht, Herr Mut. Ich mag das nicht beurteilen. Was ich aber weiß, ist, dass es vor einigen Jahrhunderten in den nahen Wäldern die Dämonen vom Geschlecht Limerg und die Elfen vom Geschlecht Kamlile friedlich nebeneinander lebten und man sogar von Freundschaft sprechen konnte. Als ich geboren wurde, gab es diese Freundschaft allerdings schon lange nur in den Erzählungen. Sie währte lange und endete abrupt. Das geschah so: Die Dämonin Kuna und der Elf Imni verliebten sich ineinander. So was kam damals durchaus vor und war an sich nichts Ungewöhnliches. Leider wurde ihnen das Glück nicht gegönnt und es war sogar mein Volk, das für die Zerwürfnis verantwortlich war. Sumna, eine Elfe, die zuvor mit Imni verlobt war. Imni löste diese Verlobung aus Gründen, die mir nicht bekannt sind, und verliebte sich später in Kuna. Nach meinem Wissen war Kuna aber nicht der Grund für die Trennung.“
„Sumna war eifersüchtig?“, fragte Lola.
Kassandra nickte. „Ja, leider. So sehr, dass sie eines Tages Kuna unter einem Vorwand an das Rheinufer lockte und ins Wasser stieß. Kuna konnte nicht schwimmen und ertrank.“
„Ein Dämon, der ertrank?“, hakte ich nach.
„Das war durchaus möglich, Herr Mut. Nicht alle nichtmenschlichen Wesen sind unsterblich wie Sie.“
Das stimmte in der Tat. Dämonen können ein sehr langes Leben haben, doch je nachdem, welcher Art sie sind, können sie leicht sterben. Es gibt natürlich auch Dämonen, denen könnte das Wasser nichts anhaben, doch offenbar handelte es sich bei den Limergs um sehr einfache Dämonen.
„Die Dämonen waren sehr aufgebracht“, fuhr Kassandra mit ihrer Erzählung fort. „Sie forderten die Auslieferung Sumnas, doch die Elfen lehnten das ab. Eigentlich waren die meisten Dämonen dafür, die Angelegenheit anders zu regeln. Sie wollten zwar die Bestrafung Sumnas, wozu die Elfen sogar bereit waren, denn sie fanden es schrecklich, was sie getan hatte. Doch einige wenige Dämonen, angetrieben von Pruna, Kunas Schwester, hetzten und erreichten so, dass irgendwann keine Vernunft mehr möglich war. Seitdem sind die beiden Familien verfeindet und es gibt immer wieder Morde im Namen der Blutrache.“
Wir schwiegen.
„Ich nehme an, Sie gehören der Familie der Kamlile an“, sagte ich schließlich.
„Imni war mein Vater.“
„Ups“, sagte Lola. „Das heißt, Lisa stammte in direkter Linie von einem der beteiligten Elfen ab. Demnach verdächtigen Sie einen Dämon?“
„Ja“, nickte Kassandra. „Ich glaube, dass Pruna für den Mord verantwortlich ist.“
„Pruna lebt noch?“, fragte ich überrascht.
„In der Tat, sie lebt noch, im Gegensatz zu meinem Vater. Sie lebt sogar hier in der Nähe, nämlich in Königswinter, wo sie als Fitness-Coach arbeitet.“
„Okay“, erwiderte Lola. „Das ist in der Tat interessant. Oder was meinst du, Herr Mut?“
„Ja, das ist es. Wir sollten ihr einen Besuch abstatten.“
„Würden Sie das übernehmen?“, erkundigte sich Kassandra. „Aus Gründen, die nicht erklärt werden müssen, möchte ich nicht dabei sein.“
„Selbstverständlich“, bestätigte ich. „Wir werden uns mit ihr unterhalten und versuchen, in Erfahrung zu bringen, ob sie tatsächlich mit der Angelegenheit zu tun hat. Gewiss ist das ja keineswegs, wenngleich ich zugeben muss, es ist naheliegend, in der Tat.“ Ich seufzte. „Sollten Sie mit Ihrer Vermutung richtigliegen, Kassandra, weiß ich noch nicht, wie wir damit umgehen sollen. Wir sind weder Richter noch Polizisten, zumal diese weltliche Institutionen dann sowieso nicht zuständig wären.“
„Sie wird endlich sterben müssen“, sagte Kassandra kalt. „Während Sie in Königswinter sind, sorge ich dafür, dass hier aufgeräumt wird. Und wir werden uns besprechen.“
Ich seufzte erneut, diesmal aber nur innerlich. Das hörte sich wenig erfreulich an, aber ich wusste, dass meine Möglichkeiten des Eingreifens nur sehr beschränkt waren. Tatsache war jedenfalls, wenn Pruna wirklich für den Tod von Lisa verantwortlich war, dann würde es auch mir schwerfallen, Gründe zu finden, sie ungeschoren davonkommen zu lassen. Die menschlichen Gerichtsbarkeiten wären dafür jedoch nicht zuständig, aus unterschiedlichen Gründen.
Aus Erfahrungen meines langen Lebens wusste ich leider, dass derartige Situationen für niemanden gut endeten. Es war leider unwahrscheinlich, dass sich das ausgerechnet in diesem Fall anders verhielte.
Wir brachen also auf und fuhren mit dem Zug nach Königswinter. Wir hätten auch eine andere, schnellere Art der Fortbewegung wählen können, doch wir entschieden uns für den Zug, weil wir die Gelegenheit nutzen wollten zu einer Besprechung.