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Herr Mut versteht die Welt (nicht) 4. Teil

Nachdem wir den Aufstieg geschafft hatten, standen wir nun vor der Haustür. Im Haus selbst war es dunkel.
„Gehört das Haus Lisa?“, erkundigte ich mich, während Kongar den Schlüssel hervorholte.
„Ja, ihrer Familie. Ich glaube, es gehört ihrer Großmutter.“
„Sieht aus, als würde sonst niemand hier wohnen“, stellte Lola fest.
„Das ist richtig, die Wohnung oben ist nicht vermietet.“
„Wieso nicht?“, hakte ich nach, während wir die edel ausgestattete Diele betraten.
„Weil sie wohl auch von der Familie genutzt wird, wenn ich Lisa richtig verstanden habe. Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht interessiert und deswegen habe ich nicht nachgefragt.“
„Mich interessiert es auch nur, weil ich nicht möchte, dass plötzlich jemand von denen in der Tür steht“, erklärte ich. „Wir dürften gar nicht hier sein und du hättest die Polizei rufen müssen.“
„Ich weiß“, antwortete Kongar niedergeschlagen. „Aber wie hätte ich denen meine Anwesenheit erklären sollen? Die Polizei würde wissen wollen, wer ich bin.“
„Das ist ein Problem“, gab ich zu. „Manchmal habe ich den Eindruck, du weißt es selbst nicht so genau. Nun denn, wir müssen wohl zu Ende bringen, was wir begonnen haben.“
Ich ging in die Küche, die recht modern und ansehnlich eingerichtet war. Und sie war erstaunlich sauber, als wäre sie noch nie benutzt worden. Das passte zu dieser ganzen Angelegenheit, die an sich schon sehr erstaunlich war. Ich berührte die Edelstahlplatte des Blocks in der Mitte, um den herum Hocker standen und dessen Mittelpunkt ein Induktionsherd bildete. Ich fand das etwas unpraktisch, doch dann fiel mir auf, dass es sich dabei wohl nur um einen Zweitherd handelte. Vielleicht war das eine Art Koch-Raclette. Jedenfalls gab es auch einen Hauptherd, der sich vor dem Fenster befand. Der Backofen, ungewöhnlich groß, war in einen der Schränke eingebaut. Ich öffnete ihn und schaute hinein. Alles glänzte und strahlte und ich war mir immer sicherer, dass hier noch nie etwas benutzt wurde. Oder, auch gut möglich, es gab eine Putzfrau, die über magische Fähigkeiten verfügte. Möglicherweise handelte es sich dabei um die Herrin von Arbeitszwergen, gleichwohl wäre es sehr ungewöhnlich, dass sie in einem trotz allem gewöhnlichen Haus arbeiteten, wenn es denn so gewesen wäre. Arbeitszwerge sind teuer, aber ungemein effektiv und werden für gewöhnlich in Schlössern und Burgen eingesetzt.
Im Wohnzimmer sah es ähnlich gepflegt und sauber aus, wenn man von den Spuren eines Kampfes absieht, die Kongar nur unvollständig beseitigt hatte. Der Teppich wirkte, als wäre er vor Kurzem bewegt worden, und als ich ihn zur Seite zog, entdeckte ich darunter eine getrocknete Blutlache.
Ich sah Kongar an. „Da hättest du Lisa auch gleich hier liegen lassen können. Wo ist sie überhaupt?“
„In der Badewanne.“
„In der Badewanne?“ Lola und ich blickten uns an. „Wieso in der Badewanne?“
„Ich habe sie in kaltes Wasser gelegt, damit sie nicht verwest.“
Ich schloss kurz die Augen. Es gab mal eine Zeit, da fand ich Kongars Naivität sogar amüsant, aber in der Zeit vor Christus fiel er damit möglicherweise weniger auf als zu heutigen Zeiten. Ganz sicher bin ich mir dessen, dies gebe ich durchaus zu, allerdings nicht. In jedem Fall fand ich es in diesem Moment sogar erschreckend. Ich erhob mich, denn ich hockte noch in der Haltung, aus der heraus ich den Teppich zur Seite gezogen hatte, und begab mich ohne ein weiteres Wort in das Badezimmer. Dieses war für die Verhältnisse eines Einfamilienhauses ungewöhnlich groß, als wäre hier ursprünglich eine Schwimmhalle geplant worden. Auch die Badewanne hatte größere Ausmaße als Badewannen in Deutschland zu haben pflegten, und in diesem Fall war es ein ausgesprochenes Glück, sonst hätte Kongar die recht große Lisa hinein falten müssen. So fand sie bequem darin Platz. Ihre Augen waren geöffnet und allein die Tatsache, dass aus ihrem leicht geöffneten Mund keine Luftblasen aufstiegen, zeugte davon, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilte. Auch in dieser etwas kompromittierenden Lage ließ sich ihre ehemalige Attraktivität erkennen. Ihre blonden Haare reichten ihr vermutlich in stehender oder sitzender Haltung bis zu den Schultern und die Augen waren grün, nun allerdings leicht verschleiert. Sie wirkte schlank wie eine Läuferin.
Ich betrachtete sie nachdenklich, bis Lola zu mir trat und einen Arm um mich legte.
„Worüber denkst du nach, Herr Mut?“, erkundigte sie sich.
„Darüber, wieso sie unseren Kongar eigentlich sehen konnte, als andere Menschen hierzu nicht in der Lage waren. Ich habe davon gehört, dass es das geben soll, wenn auch recht selten.“
„Du hast schon davon gehört?“, fragte Lola überrascht.
„Ja, in der Tat. Das kann vorkommen, wenn ein Mensch eine Nahtoderfahrung gehabt hat, in deren Verlauf er lebenden Geistern wie uns begegnet ist. Ich bin allerdings noch niemandem mit dieser Gabe begegnet.“
„Leider hat sie mir den Grund ihrer Gabe nicht verraten“, erklärte Kongar. „Ich muss zugeben, ich habe sie nur einmal danach gefragt und sie gab mir eine Antwort, die ich heute als ausweichend ansehen würde. Jedoch kamen wir später nicht mehr dazu, die Frage zu erörtern.“
„Weil sie tot war?“, fragte Lola.
„Nein …“
„Ach so, ich vestehe!“
Ich verließ das Badezimmer wieder und schaute noch kurz in das Schlafzimmer, wo sich keine neuen Erkenntnisse ergaben. Ich wünschte in diesem Augenblick, ich hätte die besondere Gabe eines Sherlock Holmes oder wenigstens Hercule Poirot, doch leider gehörten dererlei Fähigkeit nicht zu den Besonderheiten eines Ideengeistes. Ideen hätte ich genug gehabt, doch die waren alle derart abwegig, dass ich sie nicht einmal zu Ende denken wollte.
„Hatte sie eigentlich Verwandte? Oder war sie verheirate?“, fragte Lola plötzlich.
„Von einem Ehemann ist mir nichts bekannt. Über ihre Familie haben wir nicht gesprochen. Aber … aber ich erinnere mich, wie sie ein Telefongespräch mit ihrer Großmutter führte.“
„Vielleicht finden wir die Nummer ja in ihrem Handy“, bemerkte ich. „Weißt du, wo es ist?“
„Ja.“ Kongar trat zu einer Kommode und reichte mir von dort das Mobiltelefon. Lola nahm es entgegen und entsperrte es. Auf meine hochgezogenen Augenbrauen hin lächelte sie. „Es gibt einige junge Hexen, die wissen, wie man ein Smartphone magisch entsperrt. Sie haben es mir gezeigt.“
„Lass das die Geheimdienste nicht wissen.“
„Ich werde mich hüten. So, was haben wir denn hier?“ Sie blätterte durch die Anrufliste. „Sehr viele Anrufe sind es nicht. Wann war das mit dem Anruf?“
„Vielleicht vor zwei Wochen?“
„Okay … Da haben wir es auch schon. Oma Anna. Ich denke, sie wird es sein. Ich rufe sie mal an.“
Ich öffnete zwar den Mund, um ihr zu sagen, dass wir uns vielleicht vorher darüber absprechen sollten, was sie ihr sagt, doch da wählte sie bereits und hielt das Handy ans Ohr. Ich schloss meinen Mund wieder und sie lächelte mir zu. Was für ein jugendlicher Übermut! Hoffentlich bringt er uns nicht in Schwierigkeiten.
„Ja, guten Tag, hier ist Lola, nicht Lisa. Bitte nicht erschrecken, ich rufe für Lisa an. Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass sie bitte dringend herkommen möchten. Wohin? Ach so ja, nach Linz, in das Haus.“ Sie lauschte einen Moment. „Ja, ich werde es ihr ausrichten. Ja, bis dann.“
Sie legte auf und reichte das Handy an Kongar, der sie anstarrte.
Ich starrte sie auch an. „Du hast sie angelogen!“
„Hätte ich ihr denn am Telefon sagen sollen, dass ihre Enkelin ermordet in ihrer Badewanne liegt?“
„Das wäre nicht so gut gewesen“, gab ich zu. „Was hat sie denn gesagt?“
„Dass gleich jemand kommt, sie selbst könnte nicht so schnell, weil sie aus Köln käme, aber jemand wäre in der Nähe.“
„Hat sie auch gesagt, wer?“
„Ja, sie meinte, ihre Mutter Kassandra.“
„Ihre Mutter? Also die Mutter von Lisa?“
„Nein, Lisas Urgroßmutter.“
„Die Großmutter von Lisa schickt Lisas Urgroßmutter, weil sie selbst lange braucht?“
Lola zuckte die Achseln. „Wir werden es ja gleich sehen …“ Sie unterbrach sich, weil es an der Tür klingelte. Da sie telefoniert hatte, ging sie zur Tür, während ich schnell den Teppich wieder über den Blutfleck schob.
Kurz darauf kam Lola zurück. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, und als Lisas Urgroßmutter ihr folgte, wusste ich auch, wieso. Uroma Kassandra sah aus wie 40, hatte lange, schwarze Haare und dunkelbraune Augen.
Und, was wir alle drei spüren konnten, sie war definitiv keine Normalsterbliche. Vermutliche eine Elfe.
„Was ist hier los?“, fragte sie statt einer Begrüßung mit funkelnden Augen. „Wo ist Lisa?“