Veröffentlicht am

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (10, finale Folge)

Das Café war leer. Das lag vermutlich an der Uhrzeit. In der Küche hörte ich jemanden werkeln, vermutlich Kerstin. Ich dirigierte meine Begleiterinnen zum Fenstertisch. Für Anfang Mai war es irgendwie kühl und der feine Nieselregen machte es nicht besser, aber dafür waren wir jetzt unter einem Dach.
„Ich komme sofort!“, rief jemand mit Kerstins Stimme aus der Küche.
„Wir haben Zeit!“, erwiderte ich.
Das war gut geeignet, Kerstin sofort aus der Küche stürmen zu lassen.
„Herr Mut! Mit Ihnen habe ich schon viel früher …“ Sie wurde augenscheinlich meiner Begleitung gewahr, denn sie blieb wie angewurzelt stehen. Lola kannte sie ja bereits, aber Linda nicht. Und sie sah durchaus ungewöhnlich aus, obwohl sie ganz gewöhnliche Jeans und einen Pullover, alles in Schwarz, trug. Aber sie sah trotzdem ungewöhnlich aus.
„Möchten Sie etwas trinken und Kuchen essen?“, fragte Kerstin, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.
Ich bestellte eine Trinkschokolade, Chili Bird´s Eye, und eine Schokotarte. Ich hatte nämlich bereits beim Eintreten gesehen, dass noch welche da war. Darauf freute ich mich bereits.
„Chili Bird´s Eye?“, wiederholte Kerstin erstaunt.
„Ja. Ich habe meine Liebe zu dieser Sorte entdeckt und außerdem denke ich, dass nichts mehr passieren könnte, wenn ich sie trinke, was mich erschüttern würde, nach den Ereignissen.“
„Genau, die Ereignisse! Auf einmal war alles fort!“
„Ja, das waren diese und weitere entzückenden Damen“, erklärte ich.
„Herr Mut, jetzt tue doch nicht so bescheiden“, sagte Lola lachend. „Du hattest durchaus einen sehr bedeutenden Anteil daran! Immerhin war es deine Idee!“
„Was war Ihre Idee?“ Verständlicherweise war Kerstin ziemlich neugierig.
„Ich schlage vor, Sie setzen sich zu uns, dann erzählen wir, wie es sich zugetragen hat.“
„Äh, ja, sicher. Was möchten die Damen denn?“
„Ich trinke einen Cappuccino“, sagte Lola. „Und ich denke, ich kann bestimmt von Herr Muts Schokotarte …“
„Nein!“
Lola starrte mich verwirrt an, dann schüttelte sie den Kopf und bestellte eine eigene Schokotarte. Bei aller Liebe, aber das wäre eindeutig zu weit gegangen.
Linda wollte nur einen Cappuccino haben.
Nachdem Kerstin alles aufgetischt hatte, setzte sie sich auf den einzigen freien Platz, neben Linda, Lola gegenüber. Für sich hatte sie einen Milchkaffee gemacht.
„Jetzt will ich aber zuerst einmal wissen, wer Ihre zweite Begleiterin ist, Herr Mut“, sagte sie dann.
„Selbstverständlich. Zu Ihrer Linken sitzt Linda Reise, sie ist eine Kampfhexe. Normalerweise hat sie auch ihr Schwert dabei, doch Lola und ich konnten sie davon überzeugen, diese geliebte Tradition für den Besuch bei Ihnen auszusetzen.“
„Eine gute Idee“, sagte Kerstin. „Ich mag keine Waffen in meinem Café.“
„Ich bin eine Waffe“, bemerkte Linda, aber sie konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
„Dann kennen Sie bestimmt auch Fiona?“
„Leider nein. Herr Mut hat von ihr erzählt und ich wäre in der Tat sehr interessiert daran, sie mal zu treffen, aber bislang wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt.“
„Nun gut. Und jetzt möchte ich wissen, was eigentlich geschehen ist, nachdem ihr beide gegangen seid.“
„Dann haben wir Pizza gegessen.“
„Herr Mut!“, rief sie. „Jetzt machen Sie es doch nicht so spannend!“
„Also gut, ich werde brav sein. Nachdem wir also wieder bei Maria waren und ihr den Plan vorgetragen haben, konnte sie sich durchaus für ihn begeistern. Es gab nur ein kleines Problem dabei, wie es sich dann zeigte: Aufgrund der Walpurgisnacht kamen nur vier Hexen statt 100.“
„Oh!“, rief Kerstin.
„Ja, so ähnlich ging es mir auch, als ich das feststellte“, nickte ich bekümmert. „Doch letztlich spielte es keine Rolle, wir mussten mit dem zurechtkommen, was da war. Also sechs Hexen und ich.“
„Ich nehme an, Linda war eine von den sechs?“
„Genau so ist es, Kerstin. Ursprünglich hatte ich nicht vor, bei der Beschwörung mitzuwirken, aber unter den geänderten Umständen sah ich mich gezwungen, meine Meinung anzupassen. Letzten Endes funktionierte alles wie geplant. Soger erklärte sich mit unserem Vorschlag einverstanden und wir haben dann ihn und seine Leute wieder in lebendige Menschen verwandelt und alles war gut.“
Kerstin starrte mich an. „Das kann doch nicht alles gewesen sein! Die ganze Aufregung für nichts?“
„Herr Mut liebt Understatement“, bemerkte Linda amüsiert. „Tatsächlich gab es schon etwas Aufregung. Zum Beispiel ist es so, dass Menschen nicht auf Geisterschiffen stehen können, sie ja nicht einmal sehen. Also plumpsten die Piraten alle der Reihe nach ins Wasser, nachdem sie zum Leben erwacht waren, denn wir haben den Zauber natürlich auf einem der Schiffe durchgeführt.“
„Und dann? Was passierte danach?“
„Nun, sie schwammen ans Ufer. Einige von ihnen auf der Linzer Seite und wurden dort von der Polizei einkassiert, die wie zufällig zur Stelle war. Die meisten schafften es allerdings, auf die Kripper Seite zu entkommen, oder sie schwammen gleich rheinabwärts, bis irgendwohin. Wenn also demnächst in Köln oder Bonn von seltsamen, offensichtlich verwirrten Menschen in Piratenkostümen berichtet wird …“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. Genau genommen, erzählte ich einfach nicht weiter.
„Und Soger? Was ist mit Soger?“, fragte Kerstin. „Und die Schiffe? Sind sie noch da?“
„Ach ja, unser Piratenkapitän“, sagte ich langsam. „Nun, er schaffte es, etwas weiter rheinaufwärts an Land zu schwimmen. Ganz bis nach Leubsdorf hat er es nicht geschafft. Aber wir haben bereits auf ihn gewartet. Er genießt jetzt die Gastfreundschaft von Maria. Zuerst hat er ein wenig getobt, aber dann hat Linda ihn freundlich überredet, das bitte zu unterlassen. Er hat es dann auch eingesehen.“ Ich sah aus dem Augenwinkel Lindas Grinsen, was vermutlich daran lag, dass ich diesen Teil etwas verkürzt wiedergegeben hatte. Ich dachte jedoch, dass sich Kerstin auch so denken konnte, wie unangenehm dieses Überreden für Soger war. „Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass Soger bei Maria Nana bleibt. Wir konnten ihm deutlich machen, was ihm alles zustoßen könnte, wenn er in dieser modernen Welt ohne Hilfe Ausflüge unternimmt. Insbesondere ein Computer mit Internet war dabei sehr hilfreich. Er wird also bei ihr einziehen, sozusagen ein Neffe aus fernen Ländern, der für einige Zeit bei ihr zu Besuch ist. So für ein halbes Jahr. Vielleicht auch länger. Dabei hat er sich an einige klare Regeln zu halten. Dadurch haben wir eine Win-Win-Situation. Er kommt nicht ins Gefängnis oder in die Psychiatrie und Maria hat jemanden für … Was die Schiffe angeht: Diese wurden von Waldfee Liane wieder dem Wald zugeführt. Sie sehen, alles in bester Ordnung.“
Kerstin starrte mich etwas irritiert an. „Welche Aufgabe hat Soger bei Maria Nana? Sie haben vergessen, den Satz zu beenden.“
„Das habe ich keineswegs vergessen“, erwiderte ich.
„Doch, ich bin mir ganz … Oh! Jetzt habe ich verstanden! Okay, alles klar. Aber eine Frage habe ich noch.“
„Noch eine?“
„Wie meinen Sie das? So viele Fragen hatte ich doch … Sie vera… scherzen ja schon wieder, Herr Mut. Können Sie dabei nicht wenigstens lächeln?“
„Ich werde mir in Zukunft Mühe geben, daran zu denken“, antwortete ich. „Was möchten Sie denn wissen?“
„Wie geht es denn mit Lola und Ihnen weiter? Oder ist Linda …?“
„Wie, was? Nein, nein! Ich heiße doch nicht Fiona. Linda wollte Sie mal kennenlernen und hat gerade keine dringenden Pläne. Was Lola und mich angeht … Nun, das ist eine schwierige Angelegenheit. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns gegenseitig mögen, dass es aber nicht gut wäre, wenn wir daraus etwas Ernstes machen würden. Das … das würde zu diversen Komplikationen führen. Wir werden … äh … eine besondere Art der Fernbeziehung nach der Art von Hexen und Ideengeistern führen. Ob wir uns dann einmal im Jahr oder einmal pro Jahrhundert treffen, wird sich zeigen.“
„Monatlich wäre mir lieber“, bemerkte Lola.
„Oh“, sagte Kerstin. „Sie haben sich geeinigt?“
„Jaaa … Herr Mut hat wirklich gute Argumente vorgebracht, und ich verstehe ja seine Bedenken wirklich und ich weiß ja auch, dass ich ihm nicht gleichgültig bin und dass alles nicht so einfach ist. Aber monatlich wäre mir dennoch lieber!“
„Nun“, sagte ich und räusperte mich. „Es wurde ja nichts darüber gesagt, wann das erste regelmäßige Treffen vorbei ist. Noch sitzen wir ja zusammen hier, nicht wahr?“
„Oh ja!“, antwortete Lola strahlend.
Ich hatte plötzlich eine Idee. Als Ideengeist konnte mir das schon mal passieren.
„Wartet hier“, sagte ich also, erhob mich und verschwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass uns gerade niemand durch das Schaufenster beobachtete. Wenige Minuten später kehrte ich wieder und hielt einen Strauß Rosen in den Händen, den ich Lola überreichte. „Ich denke, daraus kannst du viel Tee machen, meine Liebe. Solange der Tee reicht, dauert unser Treffen für diesen Monat, dieses Jahr oder Jahrhundert. Einverstanden?“
„Aber … aber … Ja, natürlich bin ich einverstanden!“ Es fiel Lola sichtbar schwer, nicht aufzuspringen und dann etwas zu machen, wovon wir die Verabredung getroffen hatten, es nicht in der Öffentlichkeit zu machen. Küssen wäre zwar eine Ausnahme gewesen, aber vielleicht doch zum jetzigen Zeitpunkt unangebracht.
„Ich denke“, sagte Kerstin, nachdem sich alle beruhigt hatten, „dann hat sich ja alles irgendwie zum Guten gewendet. Ich muss zugeben, für mich ist es ungewohnt, Hexen in meinem Café zu bewirten, aber …“
„Eigentlich nicht“, unterbrach Linda sie.
„Wie bitte? Ach so, ja, natürlich, aber sonst weiß ich es ja nicht. Jedenfalls war das alles aufregend und ich wünsche mir, dass es sich nicht oft wiederholt. Vielleicht könnte es jetzt ja für mindestens zwei Jahre ganz ruhig bleiben und alles normal laufen.“
„Und in zwei Jahren?“, erkundigte sich Linda mit großen Augen.
„In zwei Jahren darf wieder etwas Aufregendes passieren. Nicht zu aufregend, aber ein bisschen aufregend ist in Ordnung.“
„Das wäre also der 2. Mai 2021? Und bis dahin alles ganz normal?“
„Ja, so in etwa“, nickte Kerstin. „Was denken Sie, Herr Mut?“
„Nun, ich kann Ihnen das nicht versprechen. Ich bin ein Ideengeist, wir kennen die Zukunft nicht. Ich weiß nur, dass es in der Geschichte der Menschheit immer schon unterschiedliche Epochen gegeben hat. Oft war es über Jahrhunderte relativ ruhig, dann passierte wieder sehr viel, dann lange wieder nichts. Das 20. Jahrhundert war sehr unruhig, doch ich fürchte, das war nur der Anfang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was noch passieren wird, doch meine Erfahrung aus den vergangenen Jahrtausenden sagt mir, dass wir, das heißt, die Menschen, erst am Anfang großer Veränderungen stehen. Aber nehmen Sie bitte das nicht zu ernst, Kerstin, letztlich ist das nur das Gerede eines alten Geistes, der zwar bereits viel erlebt hat, aber dennoch immer wieder überrascht davon ist, zu was die Menschen fähig sind. Im Guten wie im Schlechten.“
„Oha, Herr Mut, das war ja eine ungewöhnliche Rede von Ihnen. Sollte ich mir etwa Sorgen machen?“
„Ich hoffe nicht. Und im Übrigen denke ich, dass Veränderungen nicht grundsätzlich schlecht sein müssen. Die Veränderung selbst mag auch unangenehm sein, weil das Gewohnte nicht mehr selbstverständlich ist, doch irgendwann entstehen neue Gewohnheiten, die vielleicht besser sind. Die Industrielle Revolution hat letztlich dafür gesorgt, dass es vielen Menschen besser geht als davor. Kein Grund, zufrieden zu sein, denn es gibt immer noch viel zu viele Menschen, denen es nicht gut geht. Aber es ist eine Chance. Menschen lieben den Krieg und sehnen sich nach dem Frieden, das ist ihr größter Fluch. Vielleicht schaffen sie es irgendwann, ihn aufzulösen.“
„Das wäre in der Tat schön“, sagte Kerstin.
Linda sah nicht so sicher aus. „Und ich? Ich brauche den Kampf!“
„Du bist ja auch kein Mensch, sondern eine Hexe!“, erwiderte Lola lachend.
„Ja, wie wunderbar. Aber gegen wen oder was soll ich denn kämpfen, wenn die Menschen friedlich werden?“
„Oh, da würde ich mir keine Sorgen machen, dass das allzu bald passieren könnte“, bemerkte Kerstin. „Sie werden sicher noch lange benötigt.“
„Wir werden sehen“, sagte Linda und erhob sich. „Ich werde mich jetzt noch ein wenig in der Stadt vergnügen. Und ich denke, wir werden uns begegnen. Der Kaffee war wirklich sehr gut. Was schulde ich?“
„Das geht aufs Haus“, erwiderte Kerstin lächelnd.
Nachdem Linda fort war, sah sie uns an. „Ihr macht den Eindruck, als könntet ihr auch Zweisamkeit gebrauchen.“
Ich hob die Augenbrauen, konnte aber nichts dazu sagen, da Lola mir ihre Hand auf den Mund drückte.
„Komm, Herr Mut, wir folgen dieser süßen Aufforderung, ihr Lokal doch bitte zu verlassen.“ Sie grinste.
Ich sah ein, dass sie recht hatte. Wir verabschiedeten uns also, mussten aber versprechen, dass wir vorbeischauen würden, bevor der Rosentee alle war.
Das konnten wir guten Gewissens versprechen.

Veröffentlicht am

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (7)

Natürlich hatte Café Kitsch um diese Zeit schon längst zu, aber Kerstin arbeitete noch in der Küche, als wir gegen das Schaufenster klopften. Irgendwann warf sie einen Blick nach draußen und ließ uns herein.
Ich bekam sogar meine Trinkschokolade. Lola wollte einen Espresso mit Zitrone.
„Haben Sie Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Kerstin.
Lola nickte bekümmert.
„Wo ist denn der Gral?“
„Bei Maria Nana, in Sicherheit“, erklärte ich. „Ist hier in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?“
„Nichts Besonderes. Herr Hüngsberg war kurz da, ob alles in Ordnung sei. So genau wissen sie immer noch nicht, was eigentlich los ist. Immer wieder kämen Meldungen rein, seltsame Leute würden plötzlich zum Beispiel im Garten auftauchen, aber bis die Polizei anrückt, sind sie spurlos verschwunden.“
„Hoffentlich haben Sie nicht erzählt, was es wirklich ist?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht. Bin ja nicht wahnsinnig.“
„Das habe ich natürlich auch nicht angenommen.“
„Schön. Und bei Ihnen?“
In der Zwischenzeit war auch der Espresso fertig, was durch lautes Piepsen verkündet wurde. Kerstin trank nur Wasser und harrte ganz gespannt auf unsere Erzählung.
Lola seufzte.
„Wir waren bei Soger“, setzte ich an.
„Wie denn das?“
„Auf seinem Schiff. Es liegt ja im Hafen vor Anker. Lola und ich können es sehen, normale Sterbliche zum Glück nicht.“
„Lola?“ Kerstin musterte uns nachdenklich. „Also schön. Und was ist passiert?“
Ich gab in Stichworten unsere Unterhaltung mit Soger zum Besten. Kerstin hörte schweigend zu. Danach saßen wir für einen Moment alle still am Tisch neben der Tür und lauschten unseren Gedanken. Ich zumindest tat das.
„Wir müssen den Gral vernichten“, sagte Kerstin dann.
„Wie bitte?“, erwiderten Lola und ich gleichzeitig.
„Wenn wir den Gral vernichten, gibt es nichts mehr, was Soger hier hält, oder?“
„Das geht nicht“, sagte Lola.
„Wieso nicht?“
„Weil er mit dem Blut von 100 Hexen versiegelt wurde. Dieses Siegel kann man nicht einfach so brechen!“
„Und außerdem“, fügte ich hinzu, „selbst wenn wir das irgendwie schaffen würden, was an sich schon eher unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir mal an, wir kriegen das irgendwie hin, dann würde der Gral explodieren.“
„Dann legen wir ihn zum Entsiegeln in die Mülltonne, oder sonst in einen Behälter“, schlug Kerstin vor.
„Ja, die Idee klingt an sich logisch, wenn man nicht weiß, welche Macht 100 Hexen haben, also auch ihr Blut. Mangels eines Präzedenzfalls kann auch ich nur raten, aber ich schätze, die Explosion könnte Linz in Schutt und Asche legen.“
„Wie bitte?!“ Kerstin und Lola wurden ziemlich bleich.
„Siehst du das anders, Lola?“
Wenn Kerstin es aufgefallen war, dass Lola und ich uns zumindest sprachlich nähergekommen waren, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Ich … ich weiß es nicht“, antwortete Lola schließlich. „Wie du es ganz richtig sagst, ist das bisher nicht vorgekommen. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Befürchtung, dass Erpel und Leubsdorf auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.“
„Wie bitte?!“, wiederholte Kerstin.
„Die Magie, die im Blut von 100 Hexen enthalten ist, ist sehr mächtig“, erklärte ich. „Und das ist auf jeden Fall ein Problem, denn das bedeutet, dass Soger richtigliegen könnte, wenn er denkt, dass der Gral ihn und seine Leute wieder zum Leben erwecken könnte. Ob der Gral allein dafür mächtig genug wäre, weiß ich nicht, aber mit dem Siegel zusammen möglicherweise schon.“
„Das ist nicht gut“, stellte Kerstin fest. „Dann dürfen die Piraten auf keinen Fall den Gral bekommen!“
„So weit waren wir auch schon“, sagte Lola bekümmert. „Aber wie verhindern wir das?“
„Es muss doch etwas geben!“, rief Kerstin. „Wie ist es mit Knoblauch? Ich weiß, das ist eigentlich gegen Vampire, die es hoffentlich nicht auch noch gibt und wenn doch, dann sind sie hoffentlich nicht auch hinter dem Gral her, aber vielleicht hilft Knoblauch auch gegen Geister!“
„Der hilft ja nicht einmal gegen Vampire“, erwiderte ich. „Die es übrigens tatsächlich gibt. Ich glaube aber nicht, dass sie sich für den Gral interessieren. Das mit dem Knoblauch und Sonnenlicht sind urbane Legenden.“
„Schade.“
„Ja, schade.“
„Ich habe eine Idee“, sagte Lola plötzlich. „Man könnte doch sagen, das hier ist ein Notfall, oder?“
„Ja, könnte man durchaus“, antwortete ich und sah sie fragend an.
„Dann könnte ich doch mit Recht diesen Notfall ausrufen und eine außerordentliche Versammlung des Hexenbundes einberufen. Wenn das Blut von 100 Hexen so mächtig ist, müssten 100 Hexen es doch schaffen, die Piraten zu verjagen.“
„Hm“, machte ich.
„Klingt nach einem Plan“, stellte Kerstin fest. „Wie lange würde das dauern?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Lola jammernd. „Ich habe das noch nie gemacht. Ich müsste Maria fragen.“
„Dann tun Sie das, am besten schnell. Da wir nicht wissen, wie lange das dauert, könnte es knapp werden bis zum Ultimatum.“
Lola nickt, dann sah sie mich an. „Begleitest du mich?“
Ich starrte mein inzwischen leeres Glas an, seufzte und antwortete: „Ja, ist bestimmt besser.“
„Bestimmt!“, bekräftigte Kerstin lächelnd.
„Es geht nur darum, dass ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen möchte!“
„Ist mir schon klar, Lola. Ich bin mir sicher, dass Herr Mut Sie beschützen kann.“
„Ja, das kann er.“
Ich seufzte.
„Oder?“
„Ja, vermutlich. Wovor auch immer. Ich muss gestehen, mir gefällt die Idee nicht, dass sich so viele Hexen an einem Ort versammeln sollen. Und dann auch noch im kleinen Linz. Während auf dem Rhein die Rheinpiraten ankern. Das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl.“
„Für gute Ideen sind wir immer zu haben, Herr Mut“, sagte Kerstin.
Ich seufzte.
„Und hören Sie mit dem Seufzen auf. Dadurch wird nichts besser.“
„Ja, das weiß ich leider. Haben Sie eine Ahnung, wie oft man seufzen kann, wenn man seit Anbeginn der Zeit existiert? Würde mein Seufzen etwas verändern, wäre die Welt eine viel bessere!“
„So, so.“
Ich ließ das mal so stehen. Und stand auf. Auch Lola und Kerstin erhoben sich.
„Soll ich auf Sie warten?“, erkundigte sich Kerstin.
„Nein, das ist nicht sinnvoll“, erwiderte ich. „Unabhängig davon, was nun geschehen wird, ist es besser, wenn Sie nicht hineingezogen werden. Sollte es zu einem Kampf zwischen Hexen und Rheinpiraten kommen, sollten sich keine Menschen dazwischen oder in der Nähe befinden.“
„In Ordnung. Wäre es dann besser, wenn ich die Stadt verließe? Wobei ich dazu nur bereit wäre, wenn alle anderen Menschen auch die Stadt verließen, was wiederum bedeuten würde, dass ich sie davon überzeugen müsste, dass da draußen Rheinpiraten sind. Ich glaube, ich gehe doch lieber einfach nur ins Bett und hoffe, dass alles gut ist, wenn ich aufwache.“
„Wie lange wollen Sie denn schlafen?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Lola!“, entfuhr es mir. „Ein bisschen Optimismus, wenn ich bitten darf!“
Während Kerstin auflachte, sagte Lola: „In Ordnung. Schlafen Sie einfach lange genug.“
„Ist gut“, erwiderte Kerstin, immer noch lachend. „Geht jetzt und bringt irgendwie diese Piraten dazu, unsere schöne Stadt in Ruhe zu lassen. Einverstanden?“
„Ich glaube, darauf können wir uns einigen“, murmelte ich. Und seufzte.
Kerstin schüttelte den Kopf und schloss hinter uns ab. Lola nahm meine Hand und wollte nach links gehen, aber ich hielt sie davon ab.
„Was ist?“
„Wir sollten uns vom Hafen fernhalten“, sagte ich. „Lass uns oben herum gehen. Und vielleicht holen wir uns als Wegzehrung eine Pizza bei Franco. Was meinst du?“
„Ist eine gute Idee“, erwiderte Lola. „Vor allem das mit der Pizza. Wir könnten einen Ouzo trinken.“
„Einen Ouzo? Beim Italiener?“
„Dann eben Sambuca. Sei doch nicht so kleinlich, Herr Mut!“
„Wir werden sehen. Es ist schon spät. Vielleicht bekommen wir gar nichts.“
„Warum stehen wir dann noch hier herum? Komm, Herr Mut!“
Lola zog mich jetzt in die andere Richtung. Sicherheitshalber nahmen wir die Strohgasse, so hielten wir uns wirklich fern vom Rhein. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Begegnung mit einem Piraten.
Und um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Zweisamkeit mit Lola.
Irgendwie fand ich es immer weniger schlimm, dass der Tee bei mir nicht wirkte.

Veröffentlicht am

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (6)

Die meisten Menschen hatten noch nie eine Begegnung mit einem Geist, zumindest glauben sie das. In Wirklichkeit haben sie sogar sehr häufig solche Begegnungen, und damit meine ich nicht nur Ideengeister wie mich. Damit meine ich echte Geister. Es gibt sehr viele Geister, vor allem Naturgeister, die man allerdings selten in einer Stadt antrifft. Aber es gibt auch in Städten Geister, wenngleich viel seltener, als manche Menschen es gerne glauben würden. Damit sind die sogenannten erdgebundenen Geister gemeint, die aus irgendeinem Grund sich nicht aus ihrem diesseitigen Leben lösen können, jedenfalls nicht vollständig.
Und dann gibt es noch die Geister, die sich lösen könnten, wenn sie denn wollten. Aber sie wollen halt nicht.
Zu dieser Sorte, und zwar zu der unangenehmsten, gehörten die Piraten auf den Fliegenden Rheinschiffen. Die Seelen von Wikingern, dereinst auf der Suche nach plünderungswerten Schätzen, gelangten sie mal auf den Rhein, damals noch ohne zu fliegen. Das mit dem Fliegen kam erst hinzu, als sie zu Geistern wurden, nicht direkt freiwillig, wie das meistens so ist.
Als Ideengeist habe ich keinen Grund, irgendjemanden zu fürchten. Höchstens eine schlechte Idee, aber das ist ein anderes Thema. Allerdings musste ich an schlechte Ideen denken, während wir nach Linz zurückwanderten, diesmal ganz normal, will heißen, auf der Straße, an den Schienen entlang. Die B42, auf der anderen Seite der Gleise gelegen, wurde gelegentlich von einem Auto befahren, oder von einem LKW von DHL. Von diesen gab es viele, aber das war um diese Zeit normal, glaube ich. Meinte mich so zu erinnern. Um ehrlich zu sein, war es mir eigentlich egal, denn ich dachte über das bevorstehende Treffen mit Soger nach. Das konnte ja durchaus unangenehm werden.
„Sie sind so still, Herr Mut!“, stellte die mit wehendem Rock neben mir hereilende Lola fest.
„Wundert dich das?“
„Nein … nicht wirklich. Duzen wir uns jetzt? Ich habe nichts dagegen!“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, murmelte ich. „Es war ein Versehen. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nichts dagegen. Ich duze nur sehr selten jemanden. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich von diesem Prinzip bei Ihnen abweichen sollte.“
„Offenbar nicht.“
Ich schwieg. Erstens erreichten wir Dattenberg, zweitens wusste ich nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Es war nun einmal ihre Hexenkraft, die mich so verwirrte. Trotz des Tees. Nun ja, der Grund war ja bekannt und nicht überraschend, andererseits empfand ich es als durchaus ungerecht, dass ihr Zauber bei mir wirkte, der Tee jedoch nicht. Da hatte jemand nicht wirklich gut nachgedacht.
Von Dattenberg gingen wir hinunter zu den Anlegestellen. Natürlich lag hier keins der Piratenschiffe an. Zumindest für gewöhnliche, will heißen, lebende Menschen. Ich glaube, Fiona könnte das sogar richtig erklären, mit Verborgener Welt und Gefrorener Welt, aber sie hat damit ja ständig zu tun. Ich nicht. Genauer gesagt, habe ich damit eigentlich noch öfter zu tun, nämlich andauernd und in jeder Sekunde, aber für mich ist das als Ideengeist der absolute Normalzustand.
Wie auch immer, Lola und ich konnten zumindest eins der Piratenschiffe sehen, das an der Stelle ankerte, wo normalerweise die Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Davor stand ein Pirat herum, sah allerdings mehr wie ein Wikinger aus. Was durchaus nachvollziehbar war. Er musterte uns jedenfalls grimmig, als wir auf ihn zuhielten.
„Was wollt ihr hier?“, blaffte er uns an.
Lola drückte meine Hand und sich an mich. Das brachte mich etwas aus der Fassung, zum Glück konnte ich dennoch halbwegs verständlich antworten: „Reden. Mit Soger.“
„Was bist du denn für einer? Kannst du nicht reden wie ein normaler Mensch?!“
„Doch. Mit Soger.“ So ein Mist! So konnte das nicht weitergehen! Ich sah Lola an. „Sie bringen mich ja noch um den Verstand!“, flüsterte ich aufgebracht.
„Das … das tut mir leid … Ich mache es ja nicht mit Absicht, sagte ich doch schon …“
„Ja, weiß ich! Machen Sie es einfach gar nicht, weder mit Absicht noch ohne!“
Oh je, Herr Mut. Das ist wahrlich keine Glanzleistung, dachte ich.
„Was habt ihr da zu flüstern?!“, fuhr uns der Pirat dazwischen. „Verschwindet!“
„Das geht nicht“, erwiderte ich. „Das heißt, natürlich geht das, aber es ist wichtig, dass wir mit Soger reden. Es geht um den Gral.“
„Was wisst ihr vom Gral?!“
„Das erzählen wir Soger, denke ich.“
„So, das denkst du?“ Er zog sein Schwert und trat näher. „Und wenn ich dich einen Kopf kürzer mache?“
„Das magst du gerne versuchen, aber es geht alles schneller, wenn du es lässt. Ich bin ein Ideengeist, du kannst mich nicht umbringen.“
„Du bist ein Ideengeist?“ Er musterte mich neugierig. „Das glaube ich dir nicht!“
„Wieso denn nicht?“
„Weil du nicht wie ein Ideengeist aussiehst!“
„Aha. Wie vielen Ideengeistern bist du denn schon begegnet, wenn ich fragen darf?“
Er stutzte, dann zuckte er die Achseln. „Keinem. Du bist jedenfalls kein Ideengeist, also verschwinde! Sie kann bleiben!“ Er starrte die Verführungshexe lächelnd an.
„Du sollst das abstellen!“, flüsterte ich ihr aufgebracht zu.
„Kann ich nicht!“, flüsterte sie genauso aufgebracht zurück.
„Himmel steh mir bei!“, entfuhr es mir, dabei müsste ich es eigentlich besser wissen.
„Herr Mut, daran glaubst du?“
„Nein! Sei jetzt still!“ Ich wandte mich an den Piraten, der immer wütender wirkte. „Hör zu, du Pirat, ich habe keine Zeit für so was. Ich muss mit Soger reden! Lässt du uns durch?“
„Nein!“
„Na schön. Du wurdest gewarnt.“ Ich trat zu ihm, hob ihn hoch und warf ihn ins Wasser. Seltsam, dass niemand einem Ideengeist zutraut, Kraft zu haben. Nur weil sie fast immer sehr friedfertig sind? Ha! Ideengeister sind keine Musen, sie sind ganz besondere Geister, sie gehören zu den ältesten Geistern überhaupt. Das hat seinen Grund.
„Herr Mut! Was tust du da?“
„Ich habe es schon getan“, erwiderte ich und nahm ihre Hand. „Komm mit! Mir reicht es!“
Wir betraten das wankende, knarrende Schiff. Zum Glück hatte ich keinen empfindlichen Magen. Hoffentlich Lola auch nicht. Ich starrte sie forschend an. Sie wirkte nicht anders als immer. Ob das gut war, dessen war ich mir nicht ganz sicher.
Doch es gab jetzt Wichtigeres.
Wir fanden Soger in seiner Kabine, nachdem wir einigen Wikingergeistern aus dem Weg gegangen waren. Für Geister waren diese Burschen erstaunlich unbedarft. Na ja, wer weiß, was sie in den letzten 200 Jahren getrieben hatten. Oder eben auch nicht getrieben.
Soger war allein. Er stand vor einem runden Tisch und hielt einen Becher in der Hand. Die schulterlangen Haare lagen auf den breiten Schultern. Er trug ein graues Seidenhemd, eine weite, schwarze Hose und hohe Stiefel, ebenfalls schwarz.
„Was ist?“, blaffte er, ohne sich umzudrehen.
„Wir müssen mit dir reden“, erwiderte ich.
Jetzt fuhr er herum.
„Wer seid ihr denn?“
Er hatte graue Augen. Eigentlich sah er nicht schlecht aus.
Könnte Lola ihre Kräfte nicht mal auf ihn konzentrieren? Und nur auf ihn? Das würde unsere Aufgabe möglicherweise sehr erleichtern.
„Mein Name ist Herr Mut, ich bin ein Ideengeist. Meine Begleiterin heißt Lola.“
Der Pirat unternahm Lola einer sehr gründlichen visuellen Untersuchung. Die schien es unangenehm zu finden und drückte meine Hand.
„Ein Ideengeist und eine Hexe? Auf meinem Schiff?“
„Gut erkannt!“, lobte ich ihn. „Es geht um den Gral.“
„Um den Gral? Was wisst ihr davon?“
„Ich habe ihn gefunden“, antwortete Lola. Am liebsten hätte ich ihr den Mund zugehalten. Wieso überließ sie das Reden nicht mir?
„Du hast den Gral gefunden?“ Soger kam näher. Er wirkte ausgesprochen interessiert, aber nicht mehr an ihren körperlichen Vorzügen. Er war doch nicht etwa immun gegen ihre Kräfte? Das hätte ich ausgesprochen unfair gefunden. „Wo ist er?“
„An einem sicheren Ort“, übernahm ich wieder die Gesprächsführung.
„Dich habe ich nicht gefragt!“
„Das ist mir schon klar, aber du wirst mit mir reden müssen. Ich bin ein Ideengeist und sie steht unter meinem Schutz. Du weißt, was ein Ideengeist ist?“
„Ja“, antwortete er mürrisch.
„Hervorragend. Du bekommst den Gral nicht. Er gehört den Hexen. Also könnt ihr wieder absegeln.“
„Aha.“ Er kam näher, bis wir uns beinahe berührten. Auch wenn ich keine Angst hatte, empfand ich es als unangenehm. „Und du kleiner, lächerlicher Ideengeist willst mir vorschreiben, was ich zu tun habe? Was bringt dich auf die wahnwitzige Idee, mich würde interessieren, was du denkst, fühlst, glaubst, sagst?! Was?!“
Er schien etwas cholerisch veranlagt zu sein.
Ich trat einen Schritt zurück, insbesondere wegen seiner feuchten Aussprache, wenn er sich aufregte.
„Nun, wie ich schon sagte, bin ich ein Ideengeist. Du kannst mir nichts antun.“
„Glaubst du?“ Er verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und ging zum Tisch, um sein Glas aufzufüllen, das er vorhin auf den Tisch gestellt hatte. „Nun, du magst recht haben, dir kann ich nichts antun. Aber wie sieht es aus mit deiner kleinen Freundin? Oder den Menschen in Linz? Vielleicht lasse ich die einen nach dem anderen herkommen und kielholen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis du mir sagst, was ich wissen will. Und mit ihr fangen wir an!“ Er deutete auf Lola, die nachdrücklich heller im Gesicht wurde. Sehr viel heller.
„Du lässt deine Geisterpfoten von ihr oder es gibt was auf Selbige!“, erwiderte ich aufgebracht.
„Oh, mir scheint, sie verfehlt ihre Wirkung auf dich nicht. Nun, und wie ist es mit den Menschen in dieser Stadt? Wie heißt sie noch? Ach, ist mir egal. Irgendeine Stadt halt. Würdest du dabei zusehen, wie sie den Hintern meines Schiffs küssen? Das wäre ein Spaß! Bei uns selbstverständlich nur längsschiffs!“
„Das wagst du nicht!“
„Finde es doch heraus!“
„Mir scheint, du bist dir nicht im Klaren darüber, dass du dich im 21. Jahrhundert befindest.“
Er zuckte die Achseln. „Was hat das schon zu bedeuten? Wir sind Geister!“
„Oh ja, nur glaubt niemand mehr an euch. Die Menschen sind aufgeklärt, sie glauben an die Vernunft und an die Wissenschaft, nicht an irgendeinen Geisterhokuspokus!“
Lola starrte mich von der Seite ungläubig an.
„Ach ja? Ich bin vorhin mal durch die Stadt gegangen, das sah nicht so aus, als würde niemand an uns glauben! Vielleicht sind einige inzwischen so vernünftig und ungläubig geworden, aber die meisten haben uns gesehen!“
Das wäre nicht gut, wenn das stimmte. Menschen, die Geister sehen können, sind von Geistern manipulierbar. Ich befürchtete, mich soeben zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben, als ich die Menschen vernünftig und wissenschaftsgläubig nannte. Im Grunde wusste ich es ja auch besser. Aber dieser Pirat sollte eben etwas anderes glauben.
„Also schön!“, sagte Soger. „Ich gebe euch eine Gelegenheit, die Menschen zu retten! Bis morgen, wenn die Sonne wieder untergeht, warte ich noch! Bringt mir bis dahin den Gral, dann geschieht niemandem etwas! Andernfalls …“
Ich dachte nach. Mir gefiel das Ultimatum nicht wirklich, aber es verschaffte uns Zeit, einen funktionierenden Plan auszuarbeiten. Für einen Ideengeist ist ein fast ganzer Tag eine kleine Ewigkeit. Es gab allerdings einen besonderen Grund, warum mir das Ultimatum, vielmehr Sogers Hartnäckigkeit, nicht gefiel.
„Warum willst du überhaupt den Gral haben? Für dich ist er doch wertlos.“
„Ist er das?“ Er hielt das volle Glas hoch, dann trank er es in einem Zug leer. „Nun, da irrst du dich, großer Ideengeist! Dieser Gral wurde einst von sehr mächtigen Hexen geschmiedet im Feuer der Ewigen Jugend. Lange habe auch ich gedacht, es wäre nett, ihn zu haben. Doch inzwischen weiß ich, welche Macht er tatsächlich besitzt. Ideengeist, dieser Gral wird uns das Leben schenken! Wir werden wieder leben, nicht mehr als Geister, die kaum jemand fürchtet, über den Rhein jagen, nein, wir werden echte, lebende Piraten, heldenhafte Wikinger, deren Namen in wehklagenden Liedern erklingen werden, in den Kehlen derer, die eine Begegnung mit uns überleben, und davon wird es wahrlich nicht viele geben!“
Er war wahnsinnig geworden. Können Geister überhaupt wahnsinnig werden? Offenbar schon.
Es wäre eine Katastrophe. Er und seine Leute hätten nicht die geringste Chance gegen die moderne Technik der Bundeswehr und der Polizei, doch würde es ein Blutvergießen ohnegleichen geben. Das konnte ich nicht zulassen.
„Komm, Lola.“ Ich nahm die Hand der Verführungshexe und verließ mit ihr das Schiff. Glücklicherweise war sie gar nicht in der Lage, etwas zu sagen, so erschüttert und verängstigt war sie. Das war auch besser so.
Sie sagte immer noch nichts, als ich mit ihr zum Café Kitsch ging. Es wurde Zeit für Chili Bird´s Eye. War sowieso alles fast egal.

Veröffentlicht am

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.