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Herr Mut versteht die Welt (nicht) 4. Teil

Nachdem wir den Aufstieg geschafft hatten, standen wir nun vor der Haustür. Im Haus selbst war es dunkel.
„Gehört das Haus Lisa?“, erkundigte ich mich, während Kongar den Schlüssel hervorholte.
„Ja, ihrer Familie. Ich glaube, es gehört ihrer Großmutter.“
„Sieht aus, als würde sonst niemand hier wohnen“, stellte Lola fest.
„Das ist richtig, die Wohnung oben ist nicht vermietet.“
„Wieso nicht?“, hakte ich nach, während wir die edel ausgestattete Diele betraten.
„Weil sie wohl auch von der Familie genutzt wird, wenn ich Lisa richtig verstanden habe. Um ehrlich zu sein, hat mich das nicht interessiert und deswegen habe ich nicht nachgefragt.“
„Mich interessiert es auch nur, weil ich nicht möchte, dass plötzlich jemand von denen in der Tür steht“, erklärte ich. „Wir dürften gar nicht hier sein und du hättest die Polizei rufen müssen.“
„Ich weiß“, antwortete Kongar niedergeschlagen. „Aber wie hätte ich denen meine Anwesenheit erklären sollen? Die Polizei würde wissen wollen, wer ich bin.“
„Das ist ein Problem“, gab ich zu. „Manchmal habe ich den Eindruck, du weißt es selbst nicht so genau. Nun denn, wir müssen wohl zu Ende bringen, was wir begonnen haben.“
Ich ging in die Küche, die recht modern und ansehnlich eingerichtet war. Und sie war erstaunlich sauber, als wäre sie noch nie benutzt worden. Das passte zu dieser ganzen Angelegenheit, die an sich schon sehr erstaunlich war. Ich berührte die Edelstahlplatte des Blocks in der Mitte, um den herum Hocker standen und dessen Mittelpunkt ein Induktionsherd bildete. Ich fand das etwas unpraktisch, doch dann fiel mir auf, dass es sich dabei wohl nur um einen Zweitherd handelte. Vielleicht war das eine Art Koch-Raclette. Jedenfalls gab es auch einen Hauptherd, der sich vor dem Fenster befand. Der Backofen, ungewöhnlich groß, war in einen der Schränke eingebaut. Ich öffnete ihn und schaute hinein. Alles glänzte und strahlte und ich war mir immer sicherer, dass hier noch nie etwas benutzt wurde. Oder, auch gut möglich, es gab eine Putzfrau, die über magische Fähigkeiten verfügte. Möglicherweise handelte es sich dabei um die Herrin von Arbeitszwergen, gleichwohl wäre es sehr ungewöhnlich, dass sie in einem trotz allem gewöhnlichen Haus arbeiteten, wenn es denn so gewesen wäre. Arbeitszwerge sind teuer, aber ungemein effektiv und werden für gewöhnlich in Schlössern und Burgen eingesetzt.
Im Wohnzimmer sah es ähnlich gepflegt und sauber aus, wenn man von den Spuren eines Kampfes absieht, die Kongar nur unvollständig beseitigt hatte. Der Teppich wirkte, als wäre er vor Kurzem bewegt worden, und als ich ihn zur Seite zog, entdeckte ich darunter eine getrocknete Blutlache.
Ich sah Kongar an. „Da hättest du Lisa auch gleich hier liegen lassen können. Wo ist sie überhaupt?“
„In der Badewanne.“
„In der Badewanne?“ Lola und ich blickten uns an. „Wieso in der Badewanne?“
„Ich habe sie in kaltes Wasser gelegt, damit sie nicht verwest.“
Ich schloss kurz die Augen. Es gab mal eine Zeit, da fand ich Kongars Naivität sogar amüsant, aber in der Zeit vor Christus fiel er damit möglicherweise weniger auf als zu heutigen Zeiten. Ganz sicher bin ich mir dessen, dies gebe ich durchaus zu, allerdings nicht. In jedem Fall fand ich es in diesem Moment sogar erschreckend. Ich erhob mich, denn ich hockte noch in der Haltung, aus der heraus ich den Teppich zur Seite gezogen hatte, und begab mich ohne ein weiteres Wort in das Badezimmer. Dieses war für die Verhältnisse eines Einfamilienhauses ungewöhnlich groß, als wäre hier ursprünglich eine Schwimmhalle geplant worden. Auch die Badewanne hatte größere Ausmaße als Badewannen in Deutschland zu haben pflegten, und in diesem Fall war es ein ausgesprochenes Glück, sonst hätte Kongar die recht große Lisa hinein falten müssen. So fand sie bequem darin Platz. Ihre Augen waren geöffnet und allein die Tatsache, dass aus ihrem leicht geöffneten Mund keine Luftblasen aufstiegen, zeugte davon, dass sie nicht mehr unter den Lebenden weilte. Auch in dieser etwas kompromittierenden Lage ließ sich ihre ehemalige Attraktivität erkennen. Ihre blonden Haare reichten ihr vermutlich in stehender oder sitzender Haltung bis zu den Schultern und die Augen waren grün, nun allerdings leicht verschleiert. Sie wirkte schlank wie eine Läuferin.
Ich betrachtete sie nachdenklich, bis Lola zu mir trat und einen Arm um mich legte.
„Worüber denkst du nach, Herr Mut?“, erkundigte sie sich.
„Darüber, wieso sie unseren Kongar eigentlich sehen konnte, als andere Menschen hierzu nicht in der Lage waren. Ich habe davon gehört, dass es das geben soll, wenn auch recht selten.“
„Du hast schon davon gehört?“, fragte Lola überrascht.
„Ja, in der Tat. Das kann vorkommen, wenn ein Mensch eine Nahtoderfahrung gehabt hat, in deren Verlauf er lebenden Geistern wie uns begegnet ist. Ich bin allerdings noch niemandem mit dieser Gabe begegnet.“
„Leider hat sie mir den Grund ihrer Gabe nicht verraten“, erklärte Kongar. „Ich muss zugeben, ich habe sie nur einmal danach gefragt und sie gab mir eine Antwort, die ich heute als ausweichend ansehen würde. Jedoch kamen wir später nicht mehr dazu, die Frage zu erörtern.“
„Weil sie tot war?“, fragte Lola.
„Nein …“
„Ach so, ich vestehe!“
Ich verließ das Badezimmer wieder und schaute noch kurz in das Schlafzimmer, wo sich keine neuen Erkenntnisse ergaben. Ich wünschte in diesem Augenblick, ich hätte die besondere Gabe eines Sherlock Holmes oder wenigstens Hercule Poirot, doch leider gehörten dererlei Fähigkeit nicht zu den Besonderheiten eines Ideengeistes. Ideen hätte ich genug gehabt, doch die waren alle derart abwegig, dass ich sie nicht einmal zu Ende denken wollte.
„Hatte sie eigentlich Verwandte? Oder war sie verheirate?“, fragte Lola plötzlich.
„Von einem Ehemann ist mir nichts bekannt. Über ihre Familie haben wir nicht gesprochen. Aber … aber ich erinnere mich, wie sie ein Telefongespräch mit ihrer Großmutter führte.“
„Vielleicht finden wir die Nummer ja in ihrem Handy“, bemerkte ich. „Weißt du, wo es ist?“
„Ja.“ Kongar trat zu einer Kommode und reichte mir von dort das Mobiltelefon. Lola nahm es entgegen und entsperrte es. Auf meine hochgezogenen Augenbrauen hin lächelte sie. „Es gibt einige junge Hexen, die wissen, wie man ein Smartphone magisch entsperrt. Sie haben es mir gezeigt.“
„Lass das die Geheimdienste nicht wissen.“
„Ich werde mich hüten. So, was haben wir denn hier?“ Sie blätterte durch die Anrufliste. „Sehr viele Anrufe sind es nicht. Wann war das mit dem Anruf?“
„Vielleicht vor zwei Wochen?“
„Okay … Da haben wir es auch schon. Oma Anna. Ich denke, sie wird es sein. Ich rufe sie mal an.“
Ich öffnete zwar den Mund, um ihr zu sagen, dass wir uns vielleicht vorher darüber absprechen sollten, was sie ihr sagt, doch da wählte sie bereits und hielt das Handy ans Ohr. Ich schloss meinen Mund wieder und sie lächelte mir zu. Was für ein jugendlicher Übermut! Hoffentlich bringt er uns nicht in Schwierigkeiten.
„Ja, guten Tag, hier ist Lola, nicht Lisa. Bitte nicht erschrecken, ich rufe für Lisa an. Sie bat mich, Ihnen auszurichten, dass sie bitte dringend herkommen möchten. Wohin? Ach so ja, nach Linz, in das Haus.“ Sie lauschte einen Moment. „Ja, ich werde es ihr ausrichten. Ja, bis dann.“
Sie legte auf und reichte das Handy an Kongar, der sie anstarrte.
Ich starrte sie auch an. „Du hast sie angelogen!“
„Hätte ich ihr denn am Telefon sagen sollen, dass ihre Enkelin ermordet in ihrer Badewanne liegt?“
„Das wäre nicht so gut gewesen“, gab ich zu. „Was hat sie denn gesagt?“
„Dass gleich jemand kommt, sie selbst könnte nicht so schnell, weil sie aus Köln käme, aber jemand wäre in der Nähe.“
„Hat sie auch gesagt, wer?“
„Ja, sie meinte, ihre Mutter Kassandra.“
„Ihre Mutter? Also die Mutter von Lisa?“
„Nein, Lisas Urgroßmutter.“
„Die Großmutter von Lisa schickt Lisas Urgroßmutter, weil sie selbst lange braucht?“
Lola zuckte die Achseln. „Wir werden es ja gleich sehen …“ Sie unterbrach sich, weil es an der Tür klingelte. Da sie telefoniert hatte, ging sie zur Tür, während ich schnell den Teppich wieder über den Blutfleck schob.
Kurz darauf kam Lola zurück. Das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben, und als Lisas Urgroßmutter ihr folgte, wusste ich auch, wieso. Uroma Kassandra sah aus wie 40, hatte lange, schwarze Haare und dunkelbraune Augen.
Und, was wir alle drei spüren konnten, sie war definitiv keine Normalsterbliche. Vermutliche eine Elfe.
„Was ist hier los?“, fragte sie statt einer Begrüßung mit funkelnden Augen. „Wo ist Lisa?“

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Herr Mut versteht die Welt (nicht) 3. Teil

Wir trafen uns in der Außengastronomie von Alt Linz. Drinnen ging es ja ohne Test nicht und zwei Geister und eine Hexe testen? Die Gesichter der Tester hätte ich gerne gesehen. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was für Ergebnisse dabei herausgekommen wären. Aber ganz sicher keine, die die Tester schon mal erlebt hatten. Obwohl … Es ist natürlich möglich, dass sich irgendwelche Spaßvögel aus der nichtmenschlichen Abteilung haben bereits testen lassen. So oder so, ein Test hätte bei uns einfach nichts ausgesagt und um Komplikationen aus dem Weg zu gehen, wählten wir die Außengastronomie.
Es klingt komisch, aber Geister können essen. Hexen sowieso. Sie müssen nicht, aber sie können. Eine kleine Ausnahme ist Toll Schreiber. Er kann zwar auch, wie er Fiona mal verriet, aber er muss aufpassen, denn es bekommt ihm unter Umständen nicht. Bis auf Buchstaben, natürlich. Da gibt es keine Grenze für ihn. Aber es ist halt Toll Schreiber.
Ich wählte die berühmte Currywurst, Kongar nahm Schnitzel „Spezial“ und Lola den Salatteller „Bunte Stadt“. Passend zum Ort des Geschehens.
Während wir auf das Essen warteten, musterten sich Kongar und Lola gegenseitig. Das wunderte mich nicht. Auf ihre Art sind beide besondere Vertreter ihres Geschlechts, Lola außerdem ja auch noch eine Verführungshexe. Sie wirkte ein wenig exotisch mit braunen, langen Haaren und den schwarzen Augen. Mit den vollen, roten Lippen sowieso. Kongar ist klein, kleiner als ich. Unter 1,70, denke ich. Er hat schwarze, gelockte Haare, ein schmales Gesicht. Das Kinn ist sehr ausgeprägt. Und er hat braune Augen. In den etwas über 2.000 Jahren seines Lebens haben sich sehr viele Frauen davon … beeinflussen lassen, wie er aussieht. Teilweise hatte ich das mitbekommen.
„Das ist Kongar“, erklärte ich Lola. Und ihm: „Das ist Lola, eine Verführungshexe.“
„Ich weiß“, nickte Kongar. „Die Geschichten über die Rheinpiraten habe ich gehört, so auch die über Lola.“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Darüber wird geredet?“
„In unserer Welt schon“, erwiderte er lächelnd.
Ich nahm mir vor, darauf zu achten, dass ihre Hexenkraft nicht auf ihn wirkte. Wenn es nicht schon zu spät war. Vielleicht wirkte es auch gegenseitig. Das wäre die ultimative Katastrophe gewesen.
„Also gut, warum sind wir hier, Kongar?“ Ich musste die beiden irgendwie aus der gegenseitigen Trance holen.
„Ach ja.“ Er seufzte und fummelte am Besteck herum. Dabei lag es doch schon perfekt. Er war nervös. Ziemlich nervös sogar. Das konnte nichts Gutes bedeuten, was wiederum mich etwas nervös machte. Ich hatte zu viel mit ihm erlebt, um nicht zu wissen, dass es nie ein gutes Ende nahm, wenn er nervös wurde.
„Jedenfalls“, fuhr er fort, „als ich davon hörte, beschloss ich, auch mal hierher zu kommen. Das ist jetzt einige Monate her, aber ich habe euch nicht angetroffen.“
„Du hättest ja auch damals schon eine Nachricht schicken können“, bemerkte ich.
„Ja, das ist wahr. Aber ich kam nicht dazu, denn ich bin Lisa begegnet.“
„Lisa?“, wiederholte ich.
Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich.
„Oh, eine unglückliche Liebesgeschichte!“, rief Lola begeistert.
Unser Essen wurde gebracht und Kongar wartete, bis Ute wieder außer Hörweite war.
„Sie ist tot“, sagte er dann.
„Tot?“ Schon wieder wiederholte ich ihn. Das war auf jeden Fall kein gutes Zeichen. „War sie denn ein Mensch?“
„Das weiß ich nicht so genau, denn sie konnte mich sehen.“
„Du meinst, auch, als du unsichtbar warst?“
Er nickte erneut.
„Wie ist sie denn gestorben?“
„Sie hat eine kleine Wohnung hier in Linz, irgendwo da oben. Da fand ich sie vorhin … Ist wohl schon einen halben Tag inzwischen her. Ich … ich war völlig durcheinander. Deswegen rief ich dich. Mir fiel sonst niemand ein.“
„Ich finde das interessant, dass nur unsere Freundschaft zwei Jahrtausende überdauert hat.“
Er starrte mich an. „Meistens waren es Menschen, und die sind schon lange tot. Nun auch Lisa.“
„Entschuldige. Welcher Art war denn eure Freundschaft?“
„Ich denke, wir haben uns ineinander verliebt …“
„Und wer hat sie getötet?“, erkundigte sich Lola.
„Das weiß ich nicht.“ Kongar stocherte lustlos in seinem Essen herum.
Mir fiel meine Currywurst ein und ich begann zu essen. Dafür könnte man mich für gefühllos halten, doch die Wahrheit ist, dass ich in meinem langen Leben viel zu oft dem Tod begegnet bin, als dass er für mich noch einen besonderen Schrecken hätte. Zumal ich ja weiß, dass er auch nur eine weitere Station für die Seelen ist. Kongar weiß das selbstverständlich auch, doch mir war klar, dass es Momente im Leben gibt, in denen man das vergisst. Auch wenn Lisas Seele in der Verborgenen Welt weiterlebt und in einigen Jahrhunderten wieder eine Manifestierung in der Gefrorenen Welt erleben sollte, so war das für Kongar in jener Zeit kein Trost.
„Das heißt, sie ist getötet worden?“, fragte Lola.
„Ja, sie wurde erstochen.“
„Selbstmord schließt du aus?“, hakte ich nach.
„Von hinten.“
„Das wäre dann wohl eine umständliche Art des Selbstmords“, stellte Lola fest. „Das tut mir ja so leid für dich!“
Kongar seufzte. „Es ist zum Verzweifeln, wie oft ich Pech habe mit den Frauen.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Du hast Pech? Ich denke, Lisa würde es eher so sehen, dass sie Pech hat.“
„Du weißt, wie ich das meine.“
Das stimmte, das wusste ich wirklich. Dennoch fand ich seine etwas selbstbezogene Sicht nicht angemessen, jedoch sah ich keinen Sinn in einer Diskussion. Zumal es dringendere Fragen zu klären gab.
„Wir müssen in die Wohnung und uns das selbst ansehen, wenn wir dir helfen sollen, Kongar“, sagte ich. „Du findest die Wohnung?“
„Selbstverständlich. Ich habe ja einen Schlüssel, auch wenn ich keinen bräuchte. Aber sie wollte es so. Sie meinte, das wäre romantischer.“
„Ich glaube eher, sie wollte nicht, dass du einfach in der Wohnung erscheinst. Ich denke, Menschen mögen das nicht.“ Kongar sah mich an, dann seufzte er wieder. Irgendwie tat er mir schon leid, aber das nützte jetzt gerade nichts. Auch wenn Kongar keine Gefahr von den Behörden drohte, mussten wir etwas unternehmen. Aus mehreren Gründen, denn einerseits wollte ich nicht, dass unnötig viele Menschen von seiner Existenz und damit von der Existenz der Geister erfuhren, andererseits wollte ich ausschließen, dass er mehr damit zu tun hatte, als er es zugab. Wenngleich ich diese Möglichkeit für eher unwahrscheinlich hielt, konnte ich nicht sicher sein. Schließlich wussten wir zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nichts über diese Geschichte, und es musste einen Grund dafür geben, dass Lisa ermordet wurde. Jedenfalls fand ich es interessant, dass sie keine Unsterbliche war, aber dennoch unsichtbare Geister sehen konnte. Dafür gab es sehr wohl eine mögliche Erklärung, doch diese wollte ich erst abklären.
„Hast du noch jemandem etwas erzählt?“, erkundige ich mich.
„Nein, ihr seid die Ersten.“
„Gut. Wir essen zu Ende und danach gehen wir in die Wohnung.“
Kongar nickte, sah allerdings nicht so aus, als wenn er Hunger hätte. Das war durchaus verständlich, anscheinend für Lola auch, denn sie fragte ihn, ob sie sein Essen haben dürfte und als er nickte, tausche sie die Teller und machte sich über das Schnitzel her. Wäre sie ein Mensch und keine Hexe gewesen, hätte ich gefragt, wo sie all das hintut, denn bei ihrer Größe von 165 cm und dem flachen Bauch konnte ich mir keine medizinisch begründbare Lagermöglichkeit in ihrem Körper vorstellen. Wenn ich es mir recht überlegte, konnte ich es mir auch nicht medizinisch nicht vorstellen, aber so ist das eben mit der Illusion.
Nachdem sie fertig war, bezahlten wir und machten uns auf den Weg. Wir nahmen den menschlichen Weg, wir gingen zu Fuß, da wir keine unnötige Aufmerksamkeit erregen wollten. Lola und Kongar sorgten auch so schon für mehr als genug Aufmerksamkeit allein mit ihrem Aussehen. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob sich nicht einige Leute an sie erinnerten. Zwar kamen weder sie noch ich in den Presseberichten über die seltsamen Irren aus dem Frühjahr 2019 vor, als diese wie Wikinger verkleidet in Linz ihr Unwesen trieben, aber ich schätze, einige Leute haben uns gesehen. Und Lola ist nun einmal nicht unauffällig. Sie weiß vermutlich gar nicht, wie das geht, unauffällig zu sein. Das widerspräche völlig ihrem Wesen als Verführungshexe.
Nachdem wir die Altstadt durch das Neutor verließen, blieb Kongar stehen.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte er.
„Wenn du willst, dass der Mord aufgeklärt wird, dann wirst du leider müssen“, erwiderte ich. „Ohne dich können und wollen wir das nicht tun.“
„Ich weiß“, nickte er. „Also gut, gehen wir.“
Wir überquerten die Asbacher Straße und setzten auf der anderen Seite unseren Weg fort. Und damit nahm das Unheil seinen weiteren Verlauf. Zu jenem Zeitpunkt hätte ich immer noch weglaufen können, aber wie hätte ich es ahnen sollen, was auf mich zukam?
Was auf uns zukam.

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Herr Mut versteht die Welt (nicht)

Als ich das Café von Kerstin betrat, war sie verständlicherweise ziemlich erstaunt.
„Herr Mut, mit Ihnen habe ich gar nicht mehr gerechnet!“, rief sie.
„Ja, ich war ziemlich lange nicht mehr in Linz“, erwiderte ich. „Das tut mir ja auch leid. Aber, um ehrlich zu sein, ohne das Café gab es keinen Grund für mich, nach Linz zu kommen.“
„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagte sie, während sie ihre Maske zurechtzupfte. „Übrigens, ich weiß ja, dass Sie unsterblich sind und Ihnen Corona nichts anhaben kann, aber das wissen die Passanten nicht. Es wäre mir lieb, wenn Sie Ihre Maske aufsetzen würden. Das tut mir leid.“
„Mir auch. Doch keine Sorge, niemand außer Ihnen sieht mich.“
„Oh! Dann denken die Leute ja, ich führe Selbstgespräche!“
Hm. Das war natürlich auch nicht das, was ich wollte. Seufzend holte ich also meine Notfallmaske hervor und setzte sie auf. Dann wartete ich einen Augenblick ab, in dem niemand am Geschäft vorbei ging und machte mich sichtbar.
„Lola wollte sowieso gleich kommen, die kann sich nicht unsichtbar machen. Daran habe ich vorhin nicht gedacht. Ich finde es übrigens sehr schade, dass es das Café nicht mehr gibt.“
„Ich auch“, nickte sie. „Aber bei den aktuellen Auflagen geht es im Moment einfach nicht.“
„Nun, irgendwann kommen auch andere Zeiten“, sagte ich, obwohl ich es eigentlich besser wusste. Nicht dass ich in die Zukunft sehen könnte. Aber ich kenne die Menschen. Es wird noch sehr lange dauern, bis die „besseren Zeiten“ kommen. Was ich Kerstin natürlich nicht verriet. Keinem Menschen verriet ich es. Mit Lola sprach ich gelegentlich darüber. Es ist ja nicht so, dass die schlechten Zeiten 2020 angefangen hätten. Sie zeichnen sich schon seit Jahrzehnten ab. Um ganz genau zu sein, Menschen und gute Zeiten schließen sich gegenseitig aus. Menschen brauchen das Drama wie die Luft zum Atmen, das haben sie in den letzten Jahrtausenden immer wieder eindrücklich gezeigt.
Doch das ist nichts, worüber ich mit Kerstin oder einem anderen Menschen sprechen würde. Mit Fiona ja, aber sie ist auch kein gewöhnlicher Mensch und weiß das alles sowieso auch ohne mich.
„Ich hoffe es“, bemerkte Kerstin. „Sprechen wir doch von etwas Schönerem! Treffen Sie sich zum ersten Mal mit Lola seit dieser Geschichte, die so viel Aufsehen erregt hat?“
„Nein, wir sehen uns häufiger. Sie ist ja inzwischen lizenzierte Hexe.“
„Lizenziert?“ Kerstin wirkte verwirrt.
„Sie hat ihre Einweihung geschafft, sie ist ja letztes Jahr 100 geworden.“
„Ach so! Das war gerade nur Ihr ganz spezieller Humor!“
„So speziell ist er doch gar nicht“, protestierte ich. „Einen speziellen Humor hätte ich, wenn ich behaupten würde, ich verstünde die Welt. Das wäre sehr speziell.“
„Inwiefern?“
„Weil ich in Wahrheit die Welt eben nicht verstehe?“
„Verstehen Sie die Welt wirklich nicht? Irgendwie verstehe ich Sie grad nicht, Herr Mut.“
Ich seufzte. Anscheinend hatte ich Kerstin ungewollt etwas durcheinandergebracht. In letzter Zeit schaffte ich es häufig, die Menschen durcheinanderzubringen. Es war ja auch wirklich nicht schwer, wenn man bedenkt, welches mediale Höllenfeuer auf sie einprasselte. Nach dem Verschwinden Trumps aus dem Weißen Haus wurde es zwar minimal besser, aber inzwischen schwappt die höchste Welle der Neuzeit an Informationsüberflutung über die armen Menschen. Natürlich nicht überall auf der Erde, aber speziell in Deutschland ist es besonders schlimm. Nicht nur dort, aber dort eben besonders. Vielleicht wollen die Deutschen verhindern, jemals wieder so uninformiert zu sein wie zu Zeiten des Nationalsozialismus. Ich habe nur das Gefühl, sie übertreiben es ein wenig.
„Die Art des Umgangs mit Corona ist aus der Perspektive eines Unsterblichen etwas eigenartig“, erklärte ich. „Ich habe mich darüber auch mit anderen unterhalten. Mit Lola, zum Beispiel. Oder Toll Schreiber. Und einigen anderen … Wesen, die Corona eigentlich überhaupt nicht betrifft, weil ein Virus ihnen grundsätzlich nichts anhaben kann. Vampire, Werwölfe sind auch darunter. Eigentlich. Denn indirekt betrifft es sie dadurch, dass die Menschen ihre Art zu leben gerade verändern und plötzlich nach einem Virus ausrichten. Für Wesen wie uns ist das etwas überraschend, da wir ja wissen, dass es Viren schon länger als Menschen gibt. Dieses Corona-Virus ist ja nicht das erste seiner Art, aber das erste, das so eine Aufmerksamkeit erfährt. Und ich frage mich, was passieren würde, käme es zu einem Ausbruch mit einem richtig gefährlichen Virus, dessen Sterblichkeit bei 20 oder 50 % oder mehr liegt. Solche Viren gibt es ja durchaus. Natürlich, dann würde die Pandemie ganz anders ablaufen, denn innerhalb kurzer Zeit würde die Hälfte der Menschheit aussterben und die andere Hälfte hätte keine Zeit für mediale Panikreaktionen. Sie wäre mit dem Überleben beschäftigt. Eigentlich ist Corona ein Geschenk, denn die Menschen können das Gefühl haben, Teil einer besonderen Geschichte zu sein, wie sie diese sonst aus Katastrophenfilmen kennen, ohne sich wirklich in Gefahr zu befinden.“
„Okay“, sagte Kerstin nach einem Moment. „Ich bin etwas überrascht, das von Ihnen zu hören. Ihnen kann man ja schließlich nicht vorwerfen, zu den Querdenkern zu gehören.“
„Doch“, erwiderte ich. „Allerdings zu den echten.“
„Ja, natürlich“, sagte sie lächelnd. „Die Querdenker aus den Medien sind nicht unbedingt klassische Querdenker. Aber ich habe das Gefühl, Sie verstehen die Welt schon sehr gut!“
„Vielleicht. Vielleicht hat es aber nur damit zu tun, dass ich die Menschen schon seit Jahrtausenden begleite. In gewisser Weise wiederholt sich alles. Im Moment zum Beispiel baut sich eine Stimmung auf, die ich damals zu Beginn der Hexenverfolgung gespürt habe. Natürlich ist es nicht dasselbe, aber dieselbe Stimmung. In solchen historischen Momenten geht es immer um Sündenböcke, die eine Masse an Menschen braucht, um die Illusion zu haben, die Welt zu verstehen, um nicht das Gefühl der Hilflosigkeit und der Unsicherheit, der Ungewissheit, ertragen zu müssen. Dafür ist sehr vielen Menschen alles recht.“
„Wow! Aber sind wir nicht zu zivilisiert inzwischen?“
„Das wissen Sie doch besser, Kerstin. Denken Sie doch allein daran, was im ehemaligen Jugoslawien passiert ist, nachdem die Umklammerung der Sowjetunion wegfiel. Hatte das etwas mit Zivilisation zu tun? Oder schauen Sie sich den Nahen Osten an. Dort waren die Menschen mal viel weiter als in Europa. Und jetzt?“
„Ich verstehe durchaus. Aber bedeutet das, es gibt gar keine Hoffnung?“
„Selbstverständlich gibt es Hoffnung. Die gibt es immer. Das genau ist das Prinzip der Hoffnung. Es geht darum, dass die Menschen gerne Gewissheit und Sicherheit hätten und nicht akzeptieren wollen, dass es beides niemals geben wird. Sie sind ein Teil der Welt, nicht ihre Herren und Beherrscher. Es gibt unendlich viel außerhalb dessen, wovon die Menschen jemals auch nur wissen werden. Gleichzeitig wurden sie damit bestraft, neugierig zu sein und planen zu wollen, alles unter Kontrolle haben zu wollen.“
„Bestraft? Von wem? Von Gott?“
„Nun, ich könnte jetzt sagen, von den Göttern. Sie wissen, was ich meine. Und vielleicht stimmt das auch in gewisser Weise, obwohl die sich eher auf Fiona eingeschossen haben. Nein, eigentlich bestrafen sich die Menschen selbst damit. So, da kommt ja Lola!“
Wir schauten beide zur Eingangstür, durch die Lola tänzelnd ankam und dann schnurstracks zu Kerstin ging, um sie zu umarmen. Ich überlegte kurz, ob ich eingreifen sollte, doch dann verzichtete ich darauf. Von draußen beobachtete uns ja niemand und es gab keine Gefahr. Lola konnte weder krank werden noch irgendein Virus übertragen. Viren und Magie vertragen sich nicht besonders gut.
Danach zog mir Lola die Maske herunter und gab mir einen Kuss. Anschließend richtete sie meine Maske wieder und streifte selbst auch eine über. Schwarz, mit einer Hexe vorne drauf, die auf einem Besen durch die Gegend fliegt.
„Das ist keine FFP2-Maske, scheint mir“, bemerkte Kerstin.
„Nein, sie ist nur verhext!“
„Verhext?“
„Ja, nur für Hexen.“
„Ach so. Sie haben sich mit Herrn Muts Humor infiziert. Wenigstens ist das ungefährlich.“
„Da bin ich mir nicht so sicher“, erwiderte sie schelmisch. „Herr Muts Humor beeinflusst alle, die davon angesteckt werden. Die Welt wird bunter und chaotischer.“
„Wie bitte?!“, fragte ich.
„Ja, ich glaube, sie hat recht“, bestätigte Kerstin. „Nun, ich habe noch Chili Bird´s Eye da. Möchten Sie eine Trinkschokolade zum Mitnehmen, Herr Mut?“
„Nein! Eine Schokotarte würde ich eher nehmen.“
„Das geht leider nicht. Im Moment müssen Sie darauf verzichten. Sagen Sie beide mal, Sie sind doch nicht nur wegen mir nach Linz gekommen, oder?“
„Das stimmt“, antwortete ich zögernd. „Ein Freund von mir hat mich um einen Gefallen gebeten und wir haben die Gelegenheit beim Schopfe ergriffen, um Münchhausen gleich uns beide nach Linz zu ziehen.“
Die beiden schauen mich etwas irritiert an.
„Nicht alles, was hinkt, ist ein Vergleich“, sagte schließlich Lola. „Übrigens weiß ich auch noch nicht, um was es geht. Aber ich werde es bestimmt noch erfahren.“
„In der Tat“, nickte ich. „Liebe Kerstin, ich habe mich sehr gefreut, Sie zu sehen. Ich hoffe, bis zum nächsten Mal dauert es nicht so lange.“
„Wie meinen Sie das? Ich dachte, Sie erzählen uns jetzt, um was es geht!“
„Das wäre viel zu gefährlich für Sie, Kerstin. Wenn Ihnen dadurch was zustieße, würde ich mir das bis zum Lebensende nicht verzeihen. Also für einen sehr, sehr langen Zeitraum!“
Sie war unbegeistert, das sah ich ihr an. Aber es war besser so.
Jedenfalls dachte ich das zu jenem Zeitpunkt. Wie schon gesagt, Ideengeister können nicht in die Zukunft sehen. Sonst wäre ich ganz schnell davongerannt. Oder uns alle wegteleportiert.
Stattdessen nahm das Unheil seinen Lauf.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (7)

Natürlich hatte Café Kitsch um diese Zeit schon längst zu, aber Kerstin arbeitete noch in der Küche, als wir gegen das Schaufenster klopften. Irgendwann warf sie einen Blick nach draußen und ließ uns herein.
Ich bekam sogar meine Trinkschokolade. Lola wollte einen Espresso mit Zitrone.
„Haben Sie Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Kerstin.
Lola nickte bekümmert.
„Wo ist denn der Gral?“
„Bei Maria Nana, in Sicherheit“, erklärte ich. „Ist hier in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?“
„Nichts Besonderes. Herr Hüngsberg war kurz da, ob alles in Ordnung sei. So genau wissen sie immer noch nicht, was eigentlich los ist. Immer wieder kämen Meldungen rein, seltsame Leute würden plötzlich zum Beispiel im Garten auftauchen, aber bis die Polizei anrückt, sind sie spurlos verschwunden.“
„Hoffentlich haben Sie nicht erzählt, was es wirklich ist?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht. Bin ja nicht wahnsinnig.“
„Das habe ich natürlich auch nicht angenommen.“
„Schön. Und bei Ihnen?“
In der Zwischenzeit war auch der Espresso fertig, was durch lautes Piepsen verkündet wurde. Kerstin trank nur Wasser und harrte ganz gespannt auf unsere Erzählung.
Lola seufzte.
„Wir waren bei Soger“, setzte ich an.
„Wie denn das?“
„Auf seinem Schiff. Es liegt ja im Hafen vor Anker. Lola und ich können es sehen, normale Sterbliche zum Glück nicht.“
„Lola?“ Kerstin musterte uns nachdenklich. „Also schön. Und was ist passiert?“
Ich gab in Stichworten unsere Unterhaltung mit Soger zum Besten. Kerstin hörte schweigend zu. Danach saßen wir für einen Moment alle still am Tisch neben der Tür und lauschten unseren Gedanken. Ich zumindest tat das.
„Wir müssen den Gral vernichten“, sagte Kerstin dann.
„Wie bitte?“, erwiderten Lola und ich gleichzeitig.
„Wenn wir den Gral vernichten, gibt es nichts mehr, was Soger hier hält, oder?“
„Das geht nicht“, sagte Lola.
„Wieso nicht?“
„Weil er mit dem Blut von 100 Hexen versiegelt wurde. Dieses Siegel kann man nicht einfach so brechen!“
„Und außerdem“, fügte ich hinzu, „selbst wenn wir das irgendwie schaffen würden, was an sich schon eher unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir mal an, wir kriegen das irgendwie hin, dann würde der Gral explodieren.“
„Dann legen wir ihn zum Entsiegeln in die Mülltonne, oder sonst in einen Behälter“, schlug Kerstin vor.
„Ja, die Idee klingt an sich logisch, wenn man nicht weiß, welche Macht 100 Hexen haben, also auch ihr Blut. Mangels eines Präzedenzfalls kann auch ich nur raten, aber ich schätze, die Explosion könnte Linz in Schutt und Asche legen.“
„Wie bitte?!“ Kerstin und Lola wurden ziemlich bleich.
„Siehst du das anders, Lola?“
Wenn Kerstin es aufgefallen war, dass Lola und ich uns zumindest sprachlich nähergekommen waren, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Ich … ich weiß es nicht“, antwortete Lola schließlich. „Wie du es ganz richtig sagst, ist das bisher nicht vorgekommen. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Befürchtung, dass Erpel und Leubsdorf auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.“
„Wie bitte?!“, wiederholte Kerstin.
„Die Magie, die im Blut von 100 Hexen enthalten ist, ist sehr mächtig“, erklärte ich. „Und das ist auf jeden Fall ein Problem, denn das bedeutet, dass Soger richtigliegen könnte, wenn er denkt, dass der Gral ihn und seine Leute wieder zum Leben erwecken könnte. Ob der Gral allein dafür mächtig genug wäre, weiß ich nicht, aber mit dem Siegel zusammen möglicherweise schon.“
„Das ist nicht gut“, stellte Kerstin fest. „Dann dürfen die Piraten auf keinen Fall den Gral bekommen!“
„So weit waren wir auch schon“, sagte Lola bekümmert. „Aber wie verhindern wir das?“
„Es muss doch etwas geben!“, rief Kerstin. „Wie ist es mit Knoblauch? Ich weiß, das ist eigentlich gegen Vampire, die es hoffentlich nicht auch noch gibt und wenn doch, dann sind sie hoffentlich nicht auch hinter dem Gral her, aber vielleicht hilft Knoblauch auch gegen Geister!“
„Der hilft ja nicht einmal gegen Vampire“, erwiderte ich. „Die es übrigens tatsächlich gibt. Ich glaube aber nicht, dass sie sich für den Gral interessieren. Das mit dem Knoblauch und Sonnenlicht sind urbane Legenden.“
„Schade.“
„Ja, schade.“
„Ich habe eine Idee“, sagte Lola plötzlich. „Man könnte doch sagen, das hier ist ein Notfall, oder?“
„Ja, könnte man durchaus“, antwortete ich und sah sie fragend an.
„Dann könnte ich doch mit Recht diesen Notfall ausrufen und eine außerordentliche Versammlung des Hexenbundes einberufen. Wenn das Blut von 100 Hexen so mächtig ist, müssten 100 Hexen es doch schaffen, die Piraten zu verjagen.“
„Hm“, machte ich.
„Klingt nach einem Plan“, stellte Kerstin fest. „Wie lange würde das dauern?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Lola jammernd. „Ich habe das noch nie gemacht. Ich müsste Maria fragen.“
„Dann tun Sie das, am besten schnell. Da wir nicht wissen, wie lange das dauert, könnte es knapp werden bis zum Ultimatum.“
Lola nickt, dann sah sie mich an. „Begleitest du mich?“
Ich starrte mein inzwischen leeres Glas an, seufzte und antwortete: „Ja, ist bestimmt besser.“
„Bestimmt!“, bekräftigte Kerstin lächelnd.
„Es geht nur darum, dass ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen möchte!“
„Ist mir schon klar, Lola. Ich bin mir sicher, dass Herr Mut Sie beschützen kann.“
„Ja, das kann er.“
Ich seufzte.
„Oder?“
„Ja, vermutlich. Wovor auch immer. Ich muss gestehen, mir gefällt die Idee nicht, dass sich so viele Hexen an einem Ort versammeln sollen. Und dann auch noch im kleinen Linz. Während auf dem Rhein die Rheinpiraten ankern. Das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl.“
„Für gute Ideen sind wir immer zu haben, Herr Mut“, sagte Kerstin.
Ich seufzte.
„Und hören Sie mit dem Seufzen auf. Dadurch wird nichts besser.“
„Ja, das weiß ich leider. Haben Sie eine Ahnung, wie oft man seufzen kann, wenn man seit Anbeginn der Zeit existiert? Würde mein Seufzen etwas verändern, wäre die Welt eine viel bessere!“
„So, so.“
Ich ließ das mal so stehen. Und stand auf. Auch Lola und Kerstin erhoben sich.
„Soll ich auf Sie warten?“, erkundigte sich Kerstin.
„Nein, das ist nicht sinnvoll“, erwiderte ich. „Unabhängig davon, was nun geschehen wird, ist es besser, wenn Sie nicht hineingezogen werden. Sollte es zu einem Kampf zwischen Hexen und Rheinpiraten kommen, sollten sich keine Menschen dazwischen oder in der Nähe befinden.“
„In Ordnung. Wäre es dann besser, wenn ich die Stadt verließe? Wobei ich dazu nur bereit wäre, wenn alle anderen Menschen auch die Stadt verließen, was wiederum bedeuten würde, dass ich sie davon überzeugen müsste, dass da draußen Rheinpiraten sind. Ich glaube, ich gehe doch lieber einfach nur ins Bett und hoffe, dass alles gut ist, wenn ich aufwache.“
„Wie lange wollen Sie denn schlafen?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Lola!“, entfuhr es mir. „Ein bisschen Optimismus, wenn ich bitten darf!“
Während Kerstin auflachte, sagte Lola: „In Ordnung. Schlafen Sie einfach lange genug.“
„Ist gut“, erwiderte Kerstin, immer noch lachend. „Geht jetzt und bringt irgendwie diese Piraten dazu, unsere schöne Stadt in Ruhe zu lassen. Einverstanden?“
„Ich glaube, darauf können wir uns einigen“, murmelte ich. Und seufzte.
Kerstin schüttelte den Kopf und schloss hinter uns ab. Lola nahm meine Hand und wollte nach links gehen, aber ich hielt sie davon ab.
„Was ist?“
„Wir sollten uns vom Hafen fernhalten“, sagte ich. „Lass uns oben herum gehen. Und vielleicht holen wir uns als Wegzehrung eine Pizza bei Franco. Was meinst du?“
„Ist eine gute Idee“, erwiderte Lola. „Vor allem das mit der Pizza. Wir könnten einen Ouzo trinken.“
„Einen Ouzo? Beim Italiener?“
„Dann eben Sambuca. Sei doch nicht so kleinlich, Herr Mut!“
„Wir werden sehen. Es ist schon spät. Vielleicht bekommen wir gar nichts.“
„Warum stehen wir dann noch hier herum? Komm, Herr Mut!“
Lola zog mich jetzt in die andere Richtung. Sicherheitshalber nahmen wir die Strohgasse, so hielten wir uns wirklich fern vom Rhein. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Begegnung mit einem Piraten.
Und um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Zweisamkeit mit Lola.
Irgendwie fand ich es immer weniger schlimm, dass der Tee bei mir nicht wirkte.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (6)

Die meisten Menschen hatten noch nie eine Begegnung mit einem Geist, zumindest glauben sie das. In Wirklichkeit haben sie sogar sehr häufig solche Begegnungen, und damit meine ich nicht nur Ideengeister wie mich. Damit meine ich echte Geister. Es gibt sehr viele Geister, vor allem Naturgeister, die man allerdings selten in einer Stadt antrifft. Aber es gibt auch in Städten Geister, wenngleich viel seltener, als manche Menschen es gerne glauben würden. Damit sind die sogenannten erdgebundenen Geister gemeint, die aus irgendeinem Grund sich nicht aus ihrem diesseitigen Leben lösen können, jedenfalls nicht vollständig.
Und dann gibt es noch die Geister, die sich lösen könnten, wenn sie denn wollten. Aber sie wollen halt nicht.
Zu dieser Sorte, und zwar zu der unangenehmsten, gehörten die Piraten auf den Fliegenden Rheinschiffen. Die Seelen von Wikingern, dereinst auf der Suche nach plünderungswerten Schätzen, gelangten sie mal auf den Rhein, damals noch ohne zu fliegen. Das mit dem Fliegen kam erst hinzu, als sie zu Geistern wurden, nicht direkt freiwillig, wie das meistens so ist.
Als Ideengeist habe ich keinen Grund, irgendjemanden zu fürchten. Höchstens eine schlechte Idee, aber das ist ein anderes Thema. Allerdings musste ich an schlechte Ideen denken, während wir nach Linz zurückwanderten, diesmal ganz normal, will heißen, auf der Straße, an den Schienen entlang. Die B42, auf der anderen Seite der Gleise gelegen, wurde gelegentlich von einem Auto befahren, oder von einem LKW von DHL. Von diesen gab es viele, aber das war um diese Zeit normal, glaube ich. Meinte mich so zu erinnern. Um ehrlich zu sein, war es mir eigentlich egal, denn ich dachte über das bevorstehende Treffen mit Soger nach. Das konnte ja durchaus unangenehm werden.
„Sie sind so still, Herr Mut!“, stellte die mit wehendem Rock neben mir hereilende Lola fest.
„Wundert dich das?“
„Nein … nicht wirklich. Duzen wir uns jetzt? Ich habe nichts dagegen!“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, murmelte ich. „Es war ein Versehen. Um ehrlich zu sein, habe ich auch nichts dagegen. Ich duze nur sehr selten jemanden. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, ob ich von diesem Prinzip bei Ihnen abweichen sollte.“
„Offenbar nicht.“
Ich schwieg. Erstens erreichten wir Dattenberg, zweitens wusste ich nicht so recht, was ich darauf antworten sollte. Es war nun einmal ihre Hexenkraft, die mich so verwirrte. Trotz des Tees. Nun ja, der Grund war ja bekannt und nicht überraschend, andererseits empfand ich es als durchaus ungerecht, dass ihr Zauber bei mir wirkte, der Tee jedoch nicht. Da hatte jemand nicht wirklich gut nachgedacht.
Von Dattenberg gingen wir hinunter zu den Anlegestellen. Natürlich lag hier keins der Piratenschiffe an. Zumindest für gewöhnliche, will heißen, lebende Menschen. Ich glaube, Fiona könnte das sogar richtig erklären, mit Verborgener Welt und Gefrorener Welt, aber sie hat damit ja ständig zu tun. Ich nicht. Genauer gesagt, habe ich damit eigentlich noch öfter zu tun, nämlich andauernd und in jeder Sekunde, aber für mich ist das als Ideengeist der absolute Normalzustand.
Wie auch immer, Lola und ich konnten zumindest eins der Piratenschiffe sehen, das an der Stelle ankerte, wo normalerweise die Kreuzfahrtschiffe anlegen.
Davor stand ein Pirat herum, sah allerdings mehr wie ein Wikinger aus. Was durchaus nachvollziehbar war. Er musterte uns jedenfalls grimmig, als wir auf ihn zuhielten.
„Was wollt ihr hier?“, blaffte er uns an.
Lola drückte meine Hand und sich an mich. Das brachte mich etwas aus der Fassung, zum Glück konnte ich dennoch halbwegs verständlich antworten: „Reden. Mit Soger.“
„Was bist du denn für einer? Kannst du nicht reden wie ein normaler Mensch?!“
„Doch. Mit Soger.“ So ein Mist! So konnte das nicht weitergehen! Ich sah Lola an. „Sie bringen mich ja noch um den Verstand!“, flüsterte ich aufgebracht.
„Das … das tut mir leid … Ich mache es ja nicht mit Absicht, sagte ich doch schon …“
„Ja, weiß ich! Machen Sie es einfach gar nicht, weder mit Absicht noch ohne!“
Oh je, Herr Mut. Das ist wahrlich keine Glanzleistung, dachte ich.
„Was habt ihr da zu flüstern?!“, fuhr uns der Pirat dazwischen. „Verschwindet!“
„Das geht nicht“, erwiderte ich. „Das heißt, natürlich geht das, aber es ist wichtig, dass wir mit Soger reden. Es geht um den Gral.“
„Was wisst ihr vom Gral?!“
„Das erzählen wir Soger, denke ich.“
„So, das denkst du?“ Er zog sein Schwert und trat näher. „Und wenn ich dich einen Kopf kürzer mache?“
„Das magst du gerne versuchen, aber es geht alles schneller, wenn du es lässt. Ich bin ein Ideengeist, du kannst mich nicht umbringen.“
„Du bist ein Ideengeist?“ Er musterte mich neugierig. „Das glaube ich dir nicht!“
„Wieso denn nicht?“
„Weil du nicht wie ein Ideengeist aussiehst!“
„Aha. Wie vielen Ideengeistern bist du denn schon begegnet, wenn ich fragen darf?“
Er stutzte, dann zuckte er die Achseln. „Keinem. Du bist jedenfalls kein Ideengeist, also verschwinde! Sie kann bleiben!“ Er starrte die Verführungshexe lächelnd an.
„Du sollst das abstellen!“, flüsterte ich ihr aufgebracht zu.
„Kann ich nicht!“, flüsterte sie genauso aufgebracht zurück.
„Himmel steh mir bei!“, entfuhr es mir, dabei müsste ich es eigentlich besser wissen.
„Herr Mut, daran glaubst du?“
„Nein! Sei jetzt still!“ Ich wandte mich an den Piraten, der immer wütender wirkte. „Hör zu, du Pirat, ich habe keine Zeit für so was. Ich muss mit Soger reden! Lässt du uns durch?“
„Nein!“
„Na schön. Du wurdest gewarnt.“ Ich trat zu ihm, hob ihn hoch und warf ihn ins Wasser. Seltsam, dass niemand einem Ideengeist zutraut, Kraft zu haben. Nur weil sie fast immer sehr friedfertig sind? Ha! Ideengeister sind keine Musen, sie sind ganz besondere Geister, sie gehören zu den ältesten Geistern überhaupt. Das hat seinen Grund.
„Herr Mut! Was tust du da?“
„Ich habe es schon getan“, erwiderte ich und nahm ihre Hand. „Komm mit! Mir reicht es!“
Wir betraten das wankende, knarrende Schiff. Zum Glück hatte ich keinen empfindlichen Magen. Hoffentlich Lola auch nicht. Ich starrte sie forschend an. Sie wirkte nicht anders als immer. Ob das gut war, dessen war ich mir nicht ganz sicher.
Doch es gab jetzt Wichtigeres.
Wir fanden Soger in seiner Kabine, nachdem wir einigen Wikingergeistern aus dem Weg gegangen waren. Für Geister waren diese Burschen erstaunlich unbedarft. Na ja, wer weiß, was sie in den letzten 200 Jahren getrieben hatten. Oder eben auch nicht getrieben.
Soger war allein. Er stand vor einem runden Tisch und hielt einen Becher in der Hand. Die schulterlangen Haare lagen auf den breiten Schultern. Er trug ein graues Seidenhemd, eine weite, schwarze Hose und hohe Stiefel, ebenfalls schwarz.
„Was ist?“, blaffte er, ohne sich umzudrehen.
„Wir müssen mit dir reden“, erwiderte ich.
Jetzt fuhr er herum.
„Wer seid ihr denn?“
Er hatte graue Augen. Eigentlich sah er nicht schlecht aus.
Könnte Lola ihre Kräfte nicht mal auf ihn konzentrieren? Und nur auf ihn? Das würde unsere Aufgabe möglicherweise sehr erleichtern.
„Mein Name ist Herr Mut, ich bin ein Ideengeist. Meine Begleiterin heißt Lola.“
Der Pirat unternahm Lola einer sehr gründlichen visuellen Untersuchung. Die schien es unangenehm zu finden und drückte meine Hand.
„Ein Ideengeist und eine Hexe? Auf meinem Schiff?“
„Gut erkannt!“, lobte ich ihn. „Es geht um den Gral.“
„Um den Gral? Was wisst ihr davon?“
„Ich habe ihn gefunden“, antwortete Lola. Am liebsten hätte ich ihr den Mund zugehalten. Wieso überließ sie das Reden nicht mir?
„Du hast den Gral gefunden?“ Soger kam näher. Er wirkte ausgesprochen interessiert, aber nicht mehr an ihren körperlichen Vorzügen. Er war doch nicht etwa immun gegen ihre Kräfte? Das hätte ich ausgesprochen unfair gefunden. „Wo ist er?“
„An einem sicheren Ort“, übernahm ich wieder die Gesprächsführung.
„Dich habe ich nicht gefragt!“
„Das ist mir schon klar, aber du wirst mit mir reden müssen. Ich bin ein Ideengeist und sie steht unter meinem Schutz. Du weißt, was ein Ideengeist ist?“
„Ja“, antwortete er mürrisch.
„Hervorragend. Du bekommst den Gral nicht. Er gehört den Hexen. Also könnt ihr wieder absegeln.“
„Aha.“ Er kam näher, bis wir uns beinahe berührten. Auch wenn ich keine Angst hatte, empfand ich es als unangenehm. „Und du kleiner, lächerlicher Ideengeist willst mir vorschreiben, was ich zu tun habe? Was bringt dich auf die wahnwitzige Idee, mich würde interessieren, was du denkst, fühlst, glaubst, sagst?! Was?!“
Er schien etwas cholerisch veranlagt zu sein.
Ich trat einen Schritt zurück, insbesondere wegen seiner feuchten Aussprache, wenn er sich aufregte.
„Nun, wie ich schon sagte, bin ich ein Ideengeist. Du kannst mir nichts antun.“
„Glaubst du?“ Er verzog den Mund zu einem grimmigen Lächeln und ging zum Tisch, um sein Glas aufzufüllen, das er vorhin auf den Tisch gestellt hatte. „Nun, du magst recht haben, dir kann ich nichts antun. Aber wie sieht es aus mit deiner kleinen Freundin? Oder den Menschen in Linz? Vielleicht lasse ich die einen nach dem anderen herkommen und kielholen. Ich bin gespannt, wie lange es dauert, bis du mir sagst, was ich wissen will. Und mit ihr fangen wir an!“ Er deutete auf Lola, die nachdrücklich heller im Gesicht wurde. Sehr viel heller.
„Du lässt deine Geisterpfoten von ihr oder es gibt was auf Selbige!“, erwiderte ich aufgebracht.
„Oh, mir scheint, sie verfehlt ihre Wirkung auf dich nicht. Nun, und wie ist es mit den Menschen in dieser Stadt? Wie heißt sie noch? Ach, ist mir egal. Irgendeine Stadt halt. Würdest du dabei zusehen, wie sie den Hintern meines Schiffs küssen? Das wäre ein Spaß! Bei uns selbstverständlich nur längsschiffs!“
„Das wagst du nicht!“
„Finde es doch heraus!“
„Mir scheint, du bist dir nicht im Klaren darüber, dass du dich im 21. Jahrhundert befindest.“
Er zuckte die Achseln. „Was hat das schon zu bedeuten? Wir sind Geister!“
„Oh ja, nur glaubt niemand mehr an euch. Die Menschen sind aufgeklärt, sie glauben an die Vernunft und an die Wissenschaft, nicht an irgendeinen Geisterhokuspokus!“
Lola starrte mich von der Seite ungläubig an.
„Ach ja? Ich bin vorhin mal durch die Stadt gegangen, das sah nicht so aus, als würde niemand an uns glauben! Vielleicht sind einige inzwischen so vernünftig und ungläubig geworden, aber die meisten haben uns gesehen!“
Das wäre nicht gut, wenn das stimmte. Menschen, die Geister sehen können, sind von Geistern manipulierbar. Ich befürchtete, mich soeben zu weit aus dem Fenster gelehnt zu haben, als ich die Menschen vernünftig und wissenschaftsgläubig nannte. Im Grunde wusste ich es ja auch besser. Aber dieser Pirat sollte eben etwas anderes glauben.
„Also schön!“, sagte Soger. „Ich gebe euch eine Gelegenheit, die Menschen zu retten! Bis morgen, wenn die Sonne wieder untergeht, warte ich noch! Bringt mir bis dahin den Gral, dann geschieht niemandem etwas! Andernfalls …“
Ich dachte nach. Mir gefiel das Ultimatum nicht wirklich, aber es verschaffte uns Zeit, einen funktionierenden Plan auszuarbeiten. Für einen Ideengeist ist ein fast ganzer Tag eine kleine Ewigkeit. Es gab allerdings einen besonderen Grund, warum mir das Ultimatum, vielmehr Sogers Hartnäckigkeit, nicht gefiel.
„Warum willst du überhaupt den Gral haben? Für dich ist er doch wertlos.“
„Ist er das?“ Er hielt das volle Glas hoch, dann trank er es in einem Zug leer. „Nun, da irrst du dich, großer Ideengeist! Dieser Gral wurde einst von sehr mächtigen Hexen geschmiedet im Feuer der Ewigen Jugend. Lange habe auch ich gedacht, es wäre nett, ihn zu haben. Doch inzwischen weiß ich, welche Macht er tatsächlich besitzt. Ideengeist, dieser Gral wird uns das Leben schenken! Wir werden wieder leben, nicht mehr als Geister, die kaum jemand fürchtet, über den Rhein jagen, nein, wir werden echte, lebende Piraten, heldenhafte Wikinger, deren Namen in wehklagenden Liedern erklingen werden, in den Kehlen derer, die eine Begegnung mit uns überleben, und davon wird es wahrlich nicht viele geben!“
Er war wahnsinnig geworden. Können Geister überhaupt wahnsinnig werden? Offenbar schon.
Es wäre eine Katastrophe. Er und seine Leute hätten nicht die geringste Chance gegen die moderne Technik der Bundeswehr und der Polizei, doch würde es ein Blutvergießen ohnegleichen geben. Das konnte ich nicht zulassen.
„Komm, Lola.“ Ich nahm die Hand der Verführungshexe und verließ mit ihr das Schiff. Glücklicherweise war sie gar nicht in der Lage, etwas zu sagen, so erschüttert und verängstigt war sie. Das war auch besser so.
Sie sagte immer noch nichts, als ich mit ihr zum Café Kitsch ging. Es wurde Zeit für Chili Bird´s Eye. War sowieso alles fast egal.

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Herr Mut vermisst die Schokotarte

Als Ideengeist betrifft mich die Gefährdung durch ein Virus nicht, da Ideen nicht durch ein Virus zerstört werden können. Und Toll Schreiber ist für Viren ebenfalls uninteressant, er ist höchstens selbst eine Art Virus, da er sich von Buchstaben ernährt. Es wäre höchstens zu argumentieren, dass es von seiner Art nicht viele gibt, genau genommen weiß ich nur von ihm, insofern die Bücher keine bedrohte Art sind. Jedenfalls nicht durch jemanden, der Buchstaben wortwörtlich, nun ja, nicht verschlingt, aber irgendwie schon verspeist.

Also, was ich sagen will, Herr Schreiber und ich sind nicht direkt von dem Virus betroffen, aber indirekt natürlich schon, denn allein durch Linz zu gehen, ist nicht wirklich aufregend. Ich persönlich finde es am schlimmsten, dass auch das Café Kitsch geschlossen ist. Ich frage mich ernsthaft, wie lange ich auf meine heißgeliebte Schokotarte verzichten muss.

Ich glaube, ich mag dieses Virus wirklich nicht. Auf die Trinkschokolade Chili Bird´s Eye kann ich ja noch verzichten, zumal wenn ich bedenke, welche Auswirkungen sie letztes Jahr hatte.

Aber die Schokotarte? Nein, das geht wirklich nicht.

Ich bin dafür, dass wir dieses Virus jetzt mal abschaffen.

Natürlich weiß ich auch, dass es so einfach nicht gehen wird. Und da ich in meinem langen Leben wirklich richtig, richtig viel gesehen habe, darunter auch sehr unschöne Sachen, wünsche ich allen Menschen, dass diese herausfordernde Zeit eine Zeit wird, die Ihr, die Menschen, nutzt, um mal innezuhalten, durchzuatmen und nachzudenken, was wirklich wichtig ist.

Und nun treffe ich mich mit Herrn Schreiber auf eine Schachpartie. Ich gehe davon aus, dass wir dabei über Aktuelles sprechen werden. Sollte ausnahmsweise mal Herr Schreiber auch etwas Sinnvolles zu diesem Thema beisteuern, werde ich Euch darüber unterrichten.

Bis dahin, bleibt schön gesund. Wir lesen uns.

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1000 Türen

Als Ideengeist werde ich ab und zu gebeten, eine Schulklasse zu unterrichten. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte ich den Schülern die Geschichte von den 1000 Türen.

Ein Mensch wachte auf. Er konnte sich an gar nichts erinnern. Er wusste nicht seinen Namen, er wusste nicht, wo er war, er wusste nicht, wie er dorthin gekommen war. Er wusste auch nicht, ob es ihn vor seinem Aufwachen überhaupt gegeben hat. Nicht dass er sich das überhaupt gefragt hätte.
Er konnte nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren.
Er verweilte bei diesem Spüren. Sich spüren. Er spürte einen Körper. Er spürte Füße und Hände und bewegte diese. Dann spürte er Arme und Beine und bewegte auch diese. Da merkte er, dass Arme und Beine zu einem Oberkörper gehörten. Mit den Händen tastete er diesen ab und fand einen Hals. Dieser Hals endete am Kopf, den er nun auch betastete. Er spürte nun sein Kinn, seinen Mund, seine Nase und seine Ohren. Schließlich fand er seine Augen und öffnete diese.
Immer noch konnte er nichts sehen.
Er konnte nichts hören.
Er konnte nichts riechen.
Er konnte nichts schmecken.
Er konnte sich spüren und entdeckte seine Gedanken.
Und er fragte sich, wer er war. Er fragte, was er war. Er fragte sich, wozu die Hände gut waren. Doch dann erkannte er, dass er die Hände brauchte, um sich zu erkennen. So hatte er seinen Oberkörper entdeckt und seinen Kopf.
Da wusste er: Hände waren gut.
Und er fragte sich, wozu Füße gut waren. Es gelang ihm nicht, seinen Füßen eine Bedeutung zu geben, daher konzentrierte er sich auf den Rest von sich.
Er betastete erneut seinen Kopf und verweilte bei dem Mund. Er öffnete ihn und sagte:
„Ich.“
Das gefiel ihm, daher wiederholte er es einige Male: „Ich. Ich. Ich.“
Dann merkte er aber, dass es langweilig wurde. Er konnte etwas sagen, doch das bewirkte irgendwie nichts. Wozu also war es gut?
Er betastete als Nächstes seine Ohren und stellte fest, dass er das hören konnte, nicht nur spüren. Ohren waren also gut, sie konnten etwas: Sie konnten hören.
Er sagte wieder: „Ich.“ Das konnte er nun nicht nur sagen, sondern auch hören.
Das gefiel ihm.
Er betastete seine Augen. Das konnte er hören und spüren. Er konnte es so sehr spüren, dass er „Aua!“ rief und sich aufsetzte.
Er wusste jetzt, dass er den Oberkörper bewegen konnte. Und dass es nicht gut war, die offenen Augen zu berühren. Also schloss er sie und berührte sie vorsichtig. Das war nicht nicht gut, aber er war sich nicht sicher, ob es gut war.
Er drehte seinen Oberkörper. So konnte er feststellen, dass auch die Füße sich bewegen ließen. Doch als er sie auch zur Seite bewegte, sanken sie weiter nach unten als sein Oberkörper, bis sie doch wieder etwas Festes berührten.
Der Mensch wollte nun wissen, was er noch konnte. Irgendwann fand er heraus, dass er aufstehen konnte. Und sich wieder hinsetzen. Und wieder aufstehen.
Das machte er einige Male, bis es langweilig wurde.
„Was soll ich denn tun?“, fragte er sich.
Er bewegte die Hände und stellte fest, dass seine Füße doch ähnlich waren wie die Hände. Und so fand er heraus, dass er auch die Füße bewegen konnte.
Er ging.
Bis er gegen etwas stieß.
„Aua!“, rief er und setzte sich erschrocken hin.
Nach einer Weile wurde das Herumsitzen langweilig und er beschloss herauszufinden, was sich vor ihm befand. Er streckte daher vorsichtig die Hände aus, bis er etwas spüren konnte. Es war hart und glatt.
Er stand auf und bewegte sich tastend in einer Richtung. Vor ihm befand sich etwas Hartes und Glattes, aber neben ihm befand sich anscheinend nichts. Daher drehte er sich in diese Richtung, sodass er nur noch mit einer Hand das Harte und Glatte spüren konnte.
Dann ging er los.
Bis er wieder gegen etwas Hartes und Glattes stieß. Allerdings nur mit der freien Hand. So konnte er spüren, dass sich das Harte und Glatte sowohl vor ihm als auch neben ihm auf einer Seite befand.
Auf der anderen Seite befand sich nichts, also drehte er sich wieder und ging so weiter, dass eine seiner Hände das Harte und Glatte spüren konnte. Die andere Hand streckte er nach vorne aus, denn er wollte nicht, dass er wieder „Aua!“ schreien musste.
„Ich.“ war gut, „Aua!“ war nicht gut, das hatte er erkannt.
Dann schrie er: „Aua!“
Er war gegen etwas gestoßen, allerdings nicht mit der nach vorne ausgestreckten Hand, sondern mit den Beinen.
Nachdem er „Aua!“ nicht mehr spüren konnte, beugte er sich vor. Mit einer Hand hielt er neben sich das Glatte und Harte fest, mit der anderen Hand ertastete er den Grund von „Aua!“.
Ihm wurde klar, dass er an dieser Stelle aufgewacht war.
Nun konnte er das, worauf er aufgewacht war, tastend umgehen. Dahinter spürte er dann an der Seite wieder das Glatte und Harte und ging weiter.
Er streckte eine Hand nach vorne aus und mit den Füßen prüfte er jeden seiner Schritte, um nicht wieder „Aua!“ zu haben.
Auf diese Weise fand er wieder etwas Hartes und Glattes und drehte sich zu einer Seite. Nach drei weiteren Drehungen fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich dorthin, wo er vorhin schon gesessen hatte, und sagte leise: „Ich.“
Nach einer Weile des Herumsitzens kam ihm ein weiterer Gedanke. Er beugte sich nun solange vor, bis er etwas Hartes und Glattes spüren konnte. Mit den Händen und Füßen berührte er dieses Glatte und Harte und bewegte sich vorwärts, bis er mit dem Kopf gegen etwas anderes Hartes und Glattes stieß.
„Aua!“
Nach einer Weile drehte er sich zu einer Seite und ging weiter. Eine Hand streckte er dabei nach vorne, das erschwerte das Vorankommen ein wenig. Aber nun konnte er das Harte und Glatte spüren, ohne „Aua!“ schreien zu müssen.
Er drehte sich zweimal, dann fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er setzte sich daneben und sagte: „Raum. Ich. Aua.“
Nun wusste er schon ziemlich viel, zumindest im Vergleich zu vorhin, als er aufgewacht war. Er wusste, dass er war. Er wusste, dass es Raum gab. Und er wusste, dass dieser Raum Grenzen hatte. Diese Grenzen nicht zu erkennen, bedeutete „Aua!“.
Er überlegte sich, dass dies ja schon eine Menge war.
Dann dachte er darüber nach, was er denn jetzt machen sollte. Sitzen bleiben? Das war gut gegen „Aua!“, aber irgendwie auch langweilig. Langweilig war nicht so schlimm wie „Aua!“, jedenfalls zuerst. Später war er sich dessen nicht mehr so sicher. „Aua!“ hörte nämlich auf, langweilig nicht. Vielleicht war „Aua!“ doch weniger schlimm als langweilig. Er konnte ja bisschen vorsichtig sein. Vorsichtig war gut, langweilig nicht.
Jedenfalls so seine Überlegung.
Dann erinnerte er sich daran, dass er lauter „Aua!“ schreien musste, wenn er auf Hände und Füßen ging und zuerst sein Kopf gegen das Harte und Glatte stieß, als wenn er nur auf Füßen ging. Das war auf jeden Fall weniger „Aua!“. Daraus schloss er, dass nur die Füße zum Gehen gedacht waren. Die Hände hatten demnach eine andere Bedeutung.
Er ging nun los, die Hände ausgestreckt. Dabei zählte er die Schritte. Als seine Hände das Glatte und Harte berührten, blieb er stehen. 42. Nun ging er 42 Schritte zurück und kam dort an, wo er aufgewacht war. Ohne „Aua!“.
Das war gut. Er freute sich.
Er drehte sich nach einer Seite und ging wieder los. Dabei zählte er. Bei 21 stieß er gegen das Harte und Glatte und schrie ganz laut „Aua!“, weil er die Hände nicht ausgestreckt hatte. Er war ja noch weit weg von 42.
Er ging 21 Schritte zurück. So fand er wieder die Stelle, wo er aufgewacht war. Jetzt drehte er sich zweimal, sodass er das 21-Schritt-“Aua!“ hinter sich hatte. Er ging nun 20 Schritte und streckte die Hände aus.
Da war das Glatte und Harte.
Wieder was gelernt.
Er drehte sich zu der Seite, sodass er das 42-Harte-und-Glatte im Rücken hatte, streckte die Hände aus und machte einen Schritt.
Da war das Harte und Glatte.
Jetzt wusste er alles über den Raum, in dem er sich befand.
Bis auf eine Sache.
Gab es über ihm auch etwas Hartes und Glattes?
Er streckte die Hände nach oben, doch da war nichts.
Er dachte nach. Dann ging er zu der Stelle, wo er aufgewacht war, stellte sich darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Da war immer noch nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben, doch da war nichts.
Möglicherweise gab es da etwas in 42 Schritten, doch wie sollte er das bloß herausfinden?
Nachdem er eine etwas längere Weile nachgedacht hatte, kam ihm eine Idee. Er stieg von der Stelle, auf der er aufgewacht war, und tastete sie ab. Er stellte fest, dass sie länger als hoch war. Auch länger als breit.
Er versuchte, sie an einer Stelle anzuheben. Das ging. Er hob sie so lange an, bis sie höher als lang oder breit war.
Dann kletterte er darauf und streckte die Hände nach oben aus.
Doch da war nichts.
Er sprang mit ausgestreckten Händen nach oben und berührte etwas Hartes und Glattes.
Doch das sehr große „Aua!“ danach hatte mit diesem Harten und Glatten nichts zu tun, nur mit dem Harten und Glatten unter ihm.
Wenigstens wusste er jetzt, dass auch über ihm etwas Hartes und Glattes war. Dieses Wissen führte außerdem zu der Erkenntnis, dass es auch sehr große „Aua!“ geben konnte. Nicht jede Grenze war gleich großes „Aua!“. Das schien wichtig zu sein.
Nach einer Weile setzte er sich auf. Das „Aua!“ war nun nicht mehr so groß und wurde schnell noch kleiner.
Das tat jedenfalls gut, wie er herausfand.
Er saß eine Weile auf dem Harten und Glatten herum und fragte sich, was er denn nun tun sollte.
Schließlich sagte er sich: „Raum. Ich. Aua! Grenzen.“ Aber war da vielleicht noch mehr? Er kannte bisher nur die Grenzen von Raum und die Stelle, wo er aufgewacht war.
Er stand auf und ging rückwärts, bis er das Glatte und Harte fand. Dann suchte er die Stelle, wo er aufgewacht war. Seltsamerweise berührte diese Stelle nicht das Harte und Glatte, was sie vorher noch getan hatte. Das verstand er nicht wirklich, beschloss aber, nicht weiter darüber nachzudenken.
Er drehte sich nun zu einer Seite, aber nicht mehr so weit, wie bisher, sondern nur halb so weit. Dadurch konnte er das Harte und Glatte neben sich nicht mehr berühren, als er losging, dafür konnte er nach 46 Schritten das Harte und Glatte mit beiden Händen spüren. Eigentlich konnte er zwei unterschiedliche Glatte und Harte spüren.
Nun ging er 46 Schritte zurück und drehte sich wieder, aber nicht nur halb. Dann ging er wieder 46 Schritte und spürte wieder zweimal das Glatte und Harte.
Allerdings war das alles, was er auf diese Weise herausfand.
Nun ging er nicht zurück, sondern stellte sich so, dass er auf einer Seite das Harte und Glatte spüren konnte, aber nicht nur mit der Hand, sondern mit einem Arm und einem Bein. Dann ging er los, so, dass er immer das Harte und Glatte mit einem Arm und einem Bein spüren konnte.
Irgendwann stieß er gegen etwas Hartes. Es war nicht glatt und das „Aua!“ nur klein.
Nachdem dieses „Aua!“ weg war, tastete er dieses Harte ab. Dabei wurde ihm klar, wofür die Hände gut waren.
Das gefiel ihm.
Das neue Harte war gebogen. Einmal. Wie das Harte und Glatte an der Stelle, wo er sich drehen musste. Es war aber viel kleiner, so klein, dass es kaum größer war als eine seiner Hände.
Nachdem er sich eine Weile mit dem neuen Harten beschäftigt hatte, wurde es langweilig. Und er ging weiter.
Nach einer Weile fand er wieder etwas Hartes, das genauso zu sein schien, wie das Harte, was er zuletzt gefunden hatte.
Eine ganze Weile später hatte er sehr viele dieser neuen Harten gefunden. Genau 1000 Stück. Das wunderte ihn ein wenig, weil er dafür sehr viel mehr als 42 Schritte gehen musste, ohne das Harte und Glatte zum Drehen zu finden.
Das fand er etwas eigenartig.
Er dachte nach und fand heraus, dass Grenzen nicht immer da sind, wo er glaubte, dass sie sind. Entweder sind sie näher, das gibt „Aua!“, oder sie sind manchmal ganz weg.
Vielleicht.
Er überlegte, ob er sich drehen sollte, um dorthin zurückzukehren, wo er aufgewacht war. Doch dann wurde ihm klar, dass er gar nicht mehr wusste, wo das war. Die 42 konnte ihm da nicht mehr helfen.
Es war eine völlig neue Situation.
Und weil die 1000 Harten, nicht Glatten, aber Gebogenen, auch neu waren, beschloss er herauszufinden, wozu das gut war.
Er betastete das tausendste Harte, nicht Glatte, aber Gebogene. Er drückte dagegen und zog daran. Natürlich vorsichtig, wegen möglichem „Aua!“. Dann etwas kräftiger.
Aber es geschah: nichts.
Er dachte nach.
Jetzt hatte er in alle möglichen Richtungen gedrückt und gezogen, aber …
Plötzlich erkannte er, dass es noch mehr Richtungen gab, nicht nur die, in die er gehen konnte.
Und auf einmal bewegte sich das Harte, nicht Glatte, Gebogene.
Allerdings nicht nur das.
Sondern auch ein Teil des Harten und Glatten. Von ihm weg.
Und auf einmal wusste er auch, wozu die Augen gut waren.
Sie machten „Aua!“, ohne dass er sie berührte.
Auch dieses „Aua!“ wurde nach einer Weile weniger, vor allem, wenn er blinzelte.
Und auf einmal verstand er, dass die Augen zum Sehen gut waren.
Er drehte den Kopf und konnte den Raum sehen. Und die Stelle, wo er aufgewacht war. Und das Harte und Glatte dahinter. Allerdings lag die Stelle irgendwie durcheinander da auf dem Harten und Glatten unten. Er hatte den Verdacht, dass das damit zu haben könnte, dass er gesprungen war, um das Harte und Glatte über ihm zu finden, was er ja auch geschafft hatte.
Nun konnte er es auch sehen.
Sehen war also was Gutes.
Wer sehen kann, hat möglicherweise weniger „Aua!“, stellte er für sich fest.
Er drehte den Kopf wieder nach vorne und überlegte, was er jetzt tun sollte. Er konnte zwar sehen, aber er verstand nicht, was er sah. Zu beiden Seiten und nach unten war Glattes und Hartes. Vor ihm war auch Glattes und Hartes, aber anders. Viele kleine Glatte und Harte, jedes etwa so hoch wie seine Hand lang. Und sie waren auch nicht aufeinander, sondern versetzt. Sie waren so breit, dass sein Fuß vielleicht genau darauf passte.
Er probierte es aus.
Ja, es passte. Er konnte sogar beide Füße nebeneinander stellen, wie er herausfand.
Es gab viele von diesem Harten und Glatten, auf die er beide Füße stellen konnte.
Nur das Glatte und Harte oben gab es nicht mehr.
Also ging er los.

Die Klasse war lange still, nachdem ich die Erzählung beendet hatte. Das wunderte mich nicht, diese Reaktion kannte ich ja schließlich. Immer, wenn ich diese Geschichte erzählte, reagierten die Leute so.
Ich wartete geduldig, bis eins der Kinder die Hand hob.
Als ich nickte, fragte es: „Was ist hinter den anderen Türen?“
„Das weiß ich nicht“, antwortete ich. „Die Türen sind für Menschen, nicht für Ideengeister. Es liegt an euch, das herauszufinden. Ich persönlich denke, dass es sehr unterschiedliche Dinge sein können. Vielleicht gute, vielleicht schlechte. Der einzige Weg, das herauszufinden, ist, die Türen zu öffnen.“

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Das Flüstern

Als Ideengeist habe ich eine Menge erlebt. Wirklich sehr, sehr viel. Seit Jahrtausenden begleite ich die Menschen und könnte sicherlich viel dazu erzählen, was der Menschheit widerfahren ist – und was nicht, auch wenn es in den Geschichtsbüchern steht.

Doch ich gebe zu, das, was die Menschen derzeit erleben, ist etwas, das in dem Ausmaß, in der Bedeutung, darin, welche Auswirkungen es bereits hat und vermutlich noch haben wird, nicht so häufig vorgekommen ist bisher.

Ich kann nur sagen, es ist nicht das erste Mal, dass die Lebensgewohnheiten fast aller Menschen grundlegend verändert wird. Aber es ist selten. Ich bin kein Prophet, doch es ist bereits heute ganz klar, vieles wird sich verändern.

Ist das denn schlimm?

Nein, nicht unbedingt. Sicher, oft gab es Veränderungen, die waren nicht schön, doch häufig entwickelte sich etwas Gutes daraus. Ein Beispiel dafür ist der code civil. Fragt man die französischen Adligen, werden sie mir zustimmen, dass er sie ziemlich kopflos werden ließ. Denn den code civil, der bis heute das Justizsystem der Menschen maßgeblich beeinflusst, würde es ohne die Französische Revolution vielleicht nicht geben. Jedenfalls nicht in der Form, wie wir ihn kennen.

Derzeit geht ein Virus um die Welt. Eigentlich sind es viele, doch als Ideengeist darf ich da nicht zu sehr aus dem Nähkästchen plaudern, denn es ist uns nicht erlaubt, Euch Menschen zu viel zu verraten.

Aber ich darf Euch, das ist ja meine ureigene Aufgabe als Ideengeist, Anregungen geben. Ideen, sozusagen.

Die Erde hat sich überhitzt. Nicht wirklich, aber im übertragenen Sinne schon. Es hat also auch etwas Gutes, wenn die Menschen mal innehalten, nachdenken, in sich hinein horchen. Es spielt dabei nicht wirklich eine Rolle, warum sie es tun, wenn sie es nur tun. Dann ist es nicht wirklich von Bedeutung, ob das Virus wirklich so gefährlich ist, ob es Panikmache ist oder nicht, ob es eine Verschwörung ist oder nicht. Woher wollt Ihr wissen, dass es nicht mit Absicht so geschieht, wie es geschieht? Dass nicht mit Absicht diese Unsicherheit dabei ist, um Euch mal darauf aufmerksam zu machen, dass in Eurem Leben keine Sicherheit existiert? Das hat es noch nie und wird es auch nie.

Das Gefühl von Sicherheit ist trügerisch. Sehr trügerisch. Wie schnell sich das ändern kann, erlebt Ihr gerade. Und dafür genügt so ein kleines Virus, etwas DNA. So klein, dass noch nie jemand wirklich ein Virus gesehen hat.

Und dennoch vermag es die Erde zum Schweigen zu bringen. Und dennoch vermag es so viel Stille zu erzeugen, dass Ihr die Vögel wieder hören könnt. Es erzeugt so viel Stille, dass Ihr Euch selbst wieder hören könnt.

Ihr müsst dazu nicht einmal mehr schreien. Ein Flüstern genügt.

Hört hin, was Ihr Euch zu sagen habt. Nutzt diese Chance.

Jetzt.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

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Herr Mut ziert sich

Kerstin schaute mich fragend an, während ich fragend alles anschaute.
„Wie sieht es denn hier aus?“, entfuhr es mir unwillkürlich.
„Wie meinen Sie das? Und überhaupt, wo waren Sie die ganze Zeit?“
„Ach. Hier und da. Ich meine, hier sieht irgendwie alles anders aus!“
„Ja, das stimmt. Möchten Sie eine Trinkschokolade? Chili Bird´s Eye?“
Kerstin hatte manchmal schon einen schrägen Humor. Ich beschloss, darauf nicht einzugehen und setzte mich an den Tisch neben der Heizung.
„Götterdrink bitte“, sagte ich dann nur. „Und eine Schokotarte.“
„Mit oder ohne Sahne?“
„Ohne bitte.“
Während die Trinkschokolade vorbereitet wurde, machte sie meinen Teller mit der Schokotarte fertig und brachte ihn mir. Dann setzte sie sich auf die andere Seite des Tisches.
„Ich meine das ernst, Herr Mut. Wo waren Sie denn? Seit der Geschichte mit diesen komischen Geisterpiraten habe ich Sie nicht gesehen! Außerdem, wollten Sie nicht die Geschichte zu Ende schreiben?“
„Doch, schon“, murmelte ich mit vollem Mund. Ich liebte die Schokotarte! „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich tun sollte.“
„Wieso denn nicht?!“, fragte sie entgeistert. „Die Leute warten doch darauf!“
„Ja, schon. Aber ich mache keine so gute Figur dabei.“
„Okaaay … Das finde ich allerdings nicht. Wir haben doch sozusagen gewonnen, und daran waren Sie ja beteiligt.“
„Ja, schon. Aber das mit Lola …“
„Oh, das meinen Sie!“, rief sie breit grinsend aus. „Das war doch süß!“
„Süß?!“ Ich musste daran denken, wie Fiona jetzt ausrasten würde. Aber ich war ja nicht Fiona. Zum Glück. Obwohl sie die Piraten wahrscheinlich mit links erledigt hätte, mit ihren Feuerbällen und so. Na gut, sie hätte es vielleicht mit ihrem Mundwerk versucht und es geschafft.
Aber sie war nun einmal nicht dabei.
„Entschuldigung“, erwiderte Kerstin, immer noch grinsend. „Also ich bestehe darauf, dass Sie das zu Ende niederschreiben, und zwar möglichst zeitnah. Schaffen Sie das?“
„Ich glaube schon.“ Ich sah sie aus großen Augen an. Dass sie es wagte, mit einem Ideengeist so zu reden? Aber eigentlich hatte sie ja recht. „Ja, gut, ich mache das. Zeitnah.“
„Sehr schön“, sagte sie zufrieden und erhob sich. „Entschuldigen Sie, Herr Mut, ich muss mich um meine neuen Gäste kümmern. Genießen Sie die Tarte und die Trinkschokolade.“
„Danke“, murmelte ich, dann war sie auch schon weg.
Seufzend starrte ich mein Zotter-Glas an. Das wird bestimmt peinlich werden. Vielleicht sollte ich die Sache mit Lola einfach weglassen. War ja für die Geschichte eigentlich nicht so wichtig.
Erneut seufzend trank ich den Götterdrink aus, aß das letzte Stück von der Schokotarte, bezahlte und ging aufgewühlt aus dem Café. Die Erinnerung an Lola setzte alles in Bewegung.
Vielleicht sollte ich sie einfach mal besuchen?