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Auch Engel brauchen mal Urlaub

„Ah, Herr Mut!“, sagt Kerstin fröhlich, als ich das Café betrete. „Sie habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen!“
„Fröhliche Weihnachten“, erwidere ich lächelnd.
„Ja, natürlich, Ihnen auch fröhliche Weihnachten. Wie geht es Ihnen denn?“
„Ach ja, es lebt sich so“, antworte ich und setze mich an den kleinen Tisch in der Mitte des Cafés. Zwei der großen Tische sind besetzt, aber es ist ja auch noch früh. „Weihnachten ist immer so anstrengend für die Engel.“
„Ich dachte, Sie sind eine Kreativitätsmuse, kein Engel? Übrigens, möchten Sie eine Chilli-Trinkschokolade?“ Ihr Humor ist manchmal sehr witzig. Als sie meinen Blick sieht, fügt sie schnell hinzu: „Ich meinte natürlich, ob Sie einen Kaffee möchten. Vermutlich einen Brasilianer? Den belebenden?“
„Ja, den kann ich heute gut gebrauchen. Obwohl, mir geht es ja gut, im Vergleich zu den Engeln.“
Kerstin mustert mich irritiert. „Sie erwähnen die Engel bereits zum zweiten Mal. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“
„Ja, erzähle ich Ihnen gleich.“
Sie nickt und geht zu den Kaffeemühlen. Als sie mir später den Kaffee in der Stempelkanne bringt, bemerke ich: „Übrigens bin ich ein Gedankengeist, auch Ideengeist genannt. Teilweise haben wir ähnliche Aufgaben wie eine Muse, aber nur teilweise. Doch wirklich wichtig ist das nicht.“
„Aha.“ Kerstin setzt sich zu mir, da die anderen Gäste versorgt sind. Außerdem ist ja auch noch ihre Mitarbeiterin da. „Und was ist das nun mit den Engeln?“
„Die Engel“, beginne ich, „die Engel haben um diese Zeit, also zu Weihnachten und die Tage danach, richtig viel zu tun. Viele Menschen begegnen sich, die sich sonst das ganze Jahr über aus dem Weg gehen. Oder aber zumindest weniger Zeit miteinander verbringen, zwischen Abendessen und Frühstück, das dann meist schlafend oder vor dem Fernseher sitzend. Und plötzlich nehmen sie sich gegenseitig wahr. Das führt zu Konflikten, wissen Sie. Und dann sind die Engel gefragt. Sie haben die Aufgabe, das Schlimmste zu verhindern. Oft reicht es schon, wenn sie einfach daneben stehen. Ihre Anwesenheit führt dazu, dass sich Liebe ausbreitet. Doch nicht immer genügt das, manchmal ist der aufgestaute Hass so groß, so dunkel, so stark, dass die Engel von ihr wie von einer gigantischen Sturmwelle fortgespült werden. Dann kostet es ziemlich viel Kraft, wieder zu den Menschen zurückzukehren, von dem die Welle ausging. Das ist normaler Alltag für Engel, und sie können auch gut damit umgehen. Nur zur Weihnachtszeit, da ist es einfach zu viel.“
„Ja, nach Weihnachten steigt auch immer die Scheidungsrate an“, bemerkt Kerstin.
„Das auch. Aber auch die Geburtenrate, bisschen Optimismus wollen wir doch auch verbreiten, nicht wahr?“
„Ich weiß nicht. Gibt es dafür wirklich einen Grund? Ich meine, optimistisch zu sein.“
„Natürlich“, sage ich und nicke dabei. „Das Leben ist grundsätzlich schön. Von einfach war nie die Rede.“
Endlich lächelt sie. „Herr Mut, Sie haben das Schild gesehen.“
„Selbstverständlich. Hängt ja noch im Eingangsbereich. Aber der Spruch ist unabhängig davon wahr, ob er irgendwo aufgeschrieben steht oder nicht. Und mal ehrlich, gerade Sie fänden das Leben doch bestimmt sehr langweilig, wenn es keine Herausforderungen böte.“
„Das stimmt.“ Jetzt nickt sie. „Aber manchmal wünsche ich mir etwas weniger Herausforderungen.“
„Dafür haben Sie ja aber bald Urlaub, im Gegensatz zu den Engeln.“
„Haben die Engel denn nie Urlaub?“
„Nein, nie. Das ginge auch gar nicht. Die Menschen brauchen die Engel rund um die Uhr. Wissen Sie, die Hauptaufgabe der Engel besteht darin, einfach da zu sein und Liebe zu geben. Sie wurden aus Liebe geboren.“
„Von wem? Von Gott?“
Ich zucke die Achseln. „Ist das denn wichtig, Kerstin? Gott, Allah, eine göttliche Macht oder einfach nur das pure Sein. Da mag jeder glauben, was er will. Wichtig ist nur, dass die Menschen die Verbindung zu den Engeln nicht verlieren, denn dann gewinnt die Dunkelheit, der Hass, die Wut.“
„Also der Teufel?“
„Ach, der Teufel. Wenn Sie den als Synonym für die Abwesenheit von Licht und Liebe ansehen, dann ja.“
„Also haben die Esos recht? Es ist wirklich so einfach? Man muss nur an die Liebe glauben und alles wird gut?“
„Nein, denn das Leben ist ja schön, aber von einfach war nie die Rede. Auch wenn die Liebe einfach da ist, das schon, heißt das noch nicht, dass sie von selbst wirkt. Sie ist eine Möglichkeit, die von den Menschen aktiv genutzt werden muss oder kann. Es geht um Entscheidungen. Zu sagen, ‚Ich liebe dich‘, genügt nicht, das sind zunächst nur Worte. Das ist wie mit dem Licht. Wenn Sie in einem dunklen Raum das Licht anmachen, dann passiert noch nichts. Aber Sie sehen, was da ist und können Entscheidungen treffen und dadurch handeln. Auch im Licht können Sie viele Entscheidungen treffen, die Sie später vielleicht bereuen. Und wenn Sie eine Entscheidung bereuen, haben Sie sich vielleicht nicht so gut entschieden, wie Sie sich hätten entscheiden können.“
„Aber Dinge können sich ändern, ohne dass Sie das voraussehen.“
„Das ist richtig. Die Frage ist aber, nach welchen allgemeinen Regeln treffen Sie Entscheidungen? Treffen Sie eine Entscheidung, weil Sie hundertprozentig davon überzeugt sind, richtig zu handeln? So eine Entscheidung werden Sie niemals bereuen, denn Sie wissen ja, dass Sie keine andere hätten treffen können, von der sie genauso überzeugt gewesen wären. Oder treffen Sie eine Entscheidung, weil sie bequemer ist, Sie aber wissen, dass Sie nicht hundertprozentig überzeugt sind, die beste Entscheidung getroffen zu haben? Eine solche Entscheidung werden Sie irgendwann bereuen.“
„In der Theorie klingt das alles ja schön, aber in der Praxis habe ich nicht die Zeit, bei jeder Entscheidung tiefschürfende Analysen zu machen.“
„Das brauchen Sie ja auch nicht. Wenn Sie nicht die 100-Prozent-Entscheidung getroffen haben, spüren Sie das sofort. Jeder Mensch spürt das. Viele haben viel Übung darin, dieses Gefühl wieder zu verdrängen, aber es ist da. Und wer anfängt, sich auf diese Stimme zu konzentrieren, trifft schon bald ganz automatisch die richtigen Entscheidungen. Das ist natürlich ein Lernprozess, oft genug ein ziemlich schwerer, aber das Leben ist zwar schön, aber …“
„… von einfach war nie die Rede“, ergänzt Kerstin grinsend. „Also gut, wenn ich es richtig verstanden habe, sind Engel so was wie die Leuchttürme auf diesem Weg des Lernens, wir müssen nur lernen, auf sie zu achten?“
„Etwas vereinfacht dargestellt, aber grundsätzlich ist das so, ja.“
„Nun denn, ich glaube, ich verstehe jetzt, warum auch Engel mal Urlaub brauchen. Und jedenfalls weiß ich ganz genau, warum ich Urlaub brauche!“
Ich nicke. „Ja, das sehe ich Ihnen an. Sie haben hart gearbeitet und viel erreicht. Darauf können Sie auf jeden Fall stolz sein. Es ist an der Zeit, dass Sie sich mal etwas Erholung gönnen. Das nächste Jahr wird bestimmt nicht einfach. Aber Sie wissen ja, das Leben …“
Sie erhebt sich lächelnd und geht zum dritten großen Tisch, an dem neue Gäste Platz genommen haben. Und schon bald klirren die Gläser für die Trinkschokolade, die sie aus dem Regal holt. Einer hat, wenn ich es richtig gehört habe, sogar tatsächlich Bird´s Eye Chilli bestellt. Er will wohl fliegen.

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Der Kampf um den Schokokuchen

Ein Schokokuchen ist normalerweise geeignet, Menschen friedlich zu vereinen. Natürlich nur platonisch, nur so war es gemeint.

Aber man kennt das ja: Bei einem bekannten Discounter gibt es ein – vermeintlich – unschlagbares Angebot, man denke da nur an die Zaubermaschine, die alles kochen kann, und aus vermeintlich friedlich koexistierenden Menschen, Typus Käufer, am besten, wenn alle einkaufen, wahlweise, wenn es um Zaubermaschinen geht, morgens um fünf, wenn die Welt nur scheinbar noch in Ordnung ist, werden erbitterte Feinde, die wie damals in der Steinzeit, vielleicht auch davor, sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben, um das beste Stück vom Kuchen abzubekommen.

Apropos Kuchen, das ist ja unser Stichwort hier. Mit hier meine ich das, was ich erzählen wollte. Also die Begebenheit, die sich zugetragen hat an einem Samstag in der bunten Stadt Linz. Am Rhein, zwischen Donau und Koblenz. Ich meine natürlich, zwischen Bonn und Koblenz. Sie merken schon, ich stehe immer noch unter der Wirkung der Ereignisse. Also, die Ereignisse haben sich zugetragen, nämlich in Linz am Rhein und nicht in Linz an der Donau. Die beiden Städte sind zwar verschwistert, ansonsten haben sie nicht nur geografisch wenig gemeinsam.

Darüber wollte ich aber gar nicht schreiben, sondern darüber, wie ich an jenem Samstag durch Linz schlenderte. Ich kam aus Richtung der Neustraße am Buttermarkt an, ging an der Butterfrau, die ähnlich geschwätzig war wie jeden Tag, vorbei und weiter rheinwärts, vorbei an Alt-Linz und Café Wahnsinn und steuerte zielstrebig das Rheintor an.

Dort kam ich allerdings nie an. Jedenfalls nicht an jenem Tag bei jener Gelegenheit.

Schuld daran war, wie kann es anders sein, Kerstin vom Café Kitsch.

Sie hatte Schokokuchen gebacken. Vielleicht war es auch Elisa, das weiß ich nicht. War mir in dem Moment auch egal. Ich hatte die Witterung aufgenommen und folgte der Spur ins Café, an einer verdutzten Kerstin vorbei und auf die Kundin zu, die gerade das letzte Stück des Kuchens für sich reklamieren wollte.

„Halt! Das geht nicht!“, rief ich.

Die Kundin, Kerstin und eine Mitarbeiterin, die ich noch gar nicht kannte, starrten mich verblüfft an.

„Was geht nicht?“, erkundigte sich dann die Kundin.

„Der Schokokuchen! Den nehme ich!“

„Das glaube ich nicht, werter Herr, denn ich war zuerst da, und ich will diesen Kuchen haben!“

„Werte Dame, Sie können sich ja einen anderen Kuchen aussuchen! Schauen Sie mal, es gibt versunkenen Apfelkuchen, es gibt den rohveganen Kuchen, dann zwei Sorten Käsekuchen … Das ist doch eine reichhaltige Auswahl, finden Sie nicht?“

„Ich will aber den Schokokuchen!“

„Ich auch! Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen Kuchen aussuchen!“

Die werte Dame schnappte nach Luft. So was war ihr wahrscheinlich noch niemals untergekommen, aber ich dachte nicht daran, meinen – meinen! – Schokokuchen kampflos zu überlassen.

„Vielleicht darf ich ja einen Vorschlag machen“, mischte sich in diesem Moment Kerstin ein.

„Ich bin nicht sicher, ob mir der Vorschlag gefallen wird“, erwiderte ich finster. „Wahrscheinlich eher nicht.“

„Das können Sie gar nicht wissen, wenn Sie den Vorschlag nicht gehört haben, Herr Mut“, sagte Kerstin kühl. „Vanesa, holst du bitte zwei Muffinformen?“

„Was haben Sie vor, Kerstin? Wollen Sie meinen Schokokuchen amputieren?“

„Ich habe vor, eine salomonische Lösung zu erarbeiten. Sehen Sie, das ist ein großes Stück Kuchen, daraus kann ich gut zwei herrliche Muffins machen. Ich denke, Sie werden beide sehr zufrieden sein! Warten Sie bitte hier.“

Sprach und ging mit dem Schokokuchen und den Muffinformen. Warum Vanesa die zuerst holen musste, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ich blickte Vanesa fragend an, aber diese zuckte nur verwirrt die Schulter.

Ich blickte mich um und erst jetzt wurde mir bewusst, dass bis auf einen Tisch alle besetzt waren und entsprechend viele Leute die Szene beobachtet hatten. Genauer gesagt, sie beobachteten die Szene immer noch, denn sie ging ja weiter, auch wenn gerade Pausenmodus aktiviert war.

Bis Kerstin zurückkam.

Sie trug in jeder Hand einen Teller mit einem Schokomuffin darauf und ich hätte schwören können, dass die beiden Muffins zusammen deutlich größer waren als der Schokokuchen, ehemals, als es ihn noch gab, bevor er zu Schokomuffins metamorphiert wurde. Oder so ähnlich.

„Was haben Sie getan?“, fragte ich misstrauisch.

„Betriebsgeheimnis. Also, ich denke, das wird Ihnen beiden schmecken. Und sehen Sie mal, die Muffins sind wirklich groß, oder?“

„Das stimmt“, antwortete die Kundin. Sie sah mich an. „Was halten Sie davon, Herr Mut, wenn wir uns gemeinsam an den kleinen Tisch setzen, der noch frei ist, und unsere Schokomuffins verspeisen?“

Ich dachte nach. Der Schokokuchen war ja nun dank Kerstin nicht mehr existent bzw. quantenverschränkt reinkarniert in den beiden Muffins. Insofern war es irgendwie schon logisch, wenn sie am selben Tisch verspeist wurden. Und die Kundin sah eigentlich ganz nett aus. Also, bevor das hier falsch verstanden wird: Ich meinte natürlich nicht ihr Aussehen, sondern so überhaupt, also, vom Gesamteindruck her. Ich bin keiner, der die Leute nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt.

Obwohl, davon unabhängig sah sie durchaus nicht schlecht aus. Und vom Alter her passte sie als geschätzte Endvierzigerin auch gut zu mir.

Dies bestätigte sich dann während des Gesprächs, das seinen Beginn beim Muffinessen nahm, sich beim Spaziergang fortsetzte und dann … (Kamera schwenkt zum Kaminfeuer)

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Herr Mut stellt sich vor

Guten Tag. Ich möchte mich vorstellen.

Mein Name ist Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mein erster öffentlicher Auftritt. Sie kennen mich noch nicht? Das macht nichts. In Zukunft werden Sie Gelegenheit haben, mich an dieser Stelle kennen zu lernen, denn Frau Litterst, die Inhaberin dieses wundervollen Cafés in Linz am Rhein (nicht in Österreich!!), hat mich gebeten, Gastbeiträge in ihrem Blog zu schreiben.

Dieser Bitte komme ich selbstverständlich mit Freuden nach!

Doch zunächst einmal möchte ich mich vorstellen. Wie bereits erwähnt, ist mein Name Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mehr erster öffentlicher Auftritt. Aber ich glaube, das sagte ich bereits.

Nun muss ich aber erst einmal gehen und einen Kaffee aus dieser ganz besonderen Stempelkanne im Café Kitsch trinken. Sehen wir uns in Linz? Am Rhein, nicht an der Donau, ergo in Deutschland, nicht in Österreich!