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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (1)

Es war ein schöner Frühlingstag, aber man kann nicht sagen, er wäre etwas Besonderes gewesen. Der letzte Tag des Aprils und der April verabschiedete sich, wie er gekommen war: etwas launisch. Mir als Ideengeist war das vergleichsweise egal, doch ich konnte nachvollziehen, dass die Linzer Geschäftsleute, am Rhein, nicht an der Donau, gegebenenfalls noch auf der Donau, das schöne Wetter herbeisehnten. Gleichwohl, fairerweise sollte erwähnt werden, dass wenn es darauf ankam, unser lieber Petrus (natürlich nur eine Sagengestalt, aber irgendwie faszinierend) ein Einsehen hatte. Das Wetter sowohl während des Altstadtfestes als auch zu Ostern war in diesem Jahr ausgesprochen angenehm, wie ich fand.
Ich schlenderte gemütlich und frohgelaunt durch das Rheintor, über den Burgplatz, dabei den Brunnen flüchtig inspizierend, auf das neue Café Reinartz zu und ging schließlich ins Café Kitsch, das um diese Zeit nicht ganz voll war. Das Frühstücksgeschäft war wohl schon vorbei, das Kaffeegeschäft noch nicht am Laufen, wobei ich mir nicht sicher war, ob am letzten Tag das Aprils viele Leute Kaffee trinken gehen wollten. Vielleicht hatten einige ja auch Angst vor den Hexen, durchaus unberechtigterweise, denn sie fliegen selten am helllichten Tag durch die Gegend. Aber wer weiß das schon?
Kerstin war, von anderen Gästen abgesehen, allein. Sie kam sofort an meinen Tisch und sagte: „Sie trinken heute Chili Bird´s Eye!“
„Nein!“
„Doch! Ist ganz ungefährlich! Ich soll Ihnen von Frau F., deren Namen ich aus Datenschutzgründen nicht nennen darf, ausrichten, dass man davon wirklich nicht herumfliegt!“
„Frau F. hat das gesagt? Wo?“
„Auf Facebook!“
„Auf Facebook?“
„Auf Facebook!“
Ich starrte Kerstin an, aber sie erwiderte den Blick mühelos.
„Die Milch schäumt bereits auf“, ergänzte sie nach einer Weile des Augenduellierens.
„Na schön. Aber wenn Frau F. und Sie sich irren und ich …“
„Tun wir nicht!“ Nach einem letzten grimmigen Blick zog sie zufrieden los, um die Trinkschokolade zuzubereiten.
Hilfe! Ich sollte wirklich diese ominöse Trinkschokolade probieren? Woher wollen die denn alle wissen, ob sie auf einen Ideengeist wie mich dieselbe Wirkung hat wie auf Menschen?
Ich übte mich in Tiefenatmung, um ruhig zu werden. Dabei blickte ich nach draußen und dachte darüber nach, was ich alles kenne, das herumfliegt. Von dem, was dies natürlicherweise tut, natürlich abgesehen.
Der Fliegende Holländer, ganz klar. UFOs. Superman. Gelegentlich Fiona. Und die Fliegenden Rheinschiffe. Diese sind weniger bekannt als der Fliegende Holländer, aber es gibt sie tatsächlich. Auch wenn ich schon ziemlich lange keins mehr gesehen habe, obwohl sie sogar unter dem Radar fliegen können, oder wie das heißt. Mit der modernen Technik kenne ich mich nicht ganz so gut aus, als ich mich das letzte Mal ernsthaft mit ihr beschäftigt habe, schickte Verne die „Nautilus“ über die Weltmeere. Vielmehr, durch die Weltmeere.
Kerstin kam mit meiner Trinkschokolade, die eigentlich ganz normal aussah. Das Glas schwebte auch nicht über dem Tablett, eigentlich ein gutes Zeichen, wie ich fand. Vielleicht würde ich den heutigen Tag doch überleben.
„Bitte schön!“, sagte Kerstin, während sie das Tablett vor mir auf den Tisch stellte. „Ihr Flugticket. Ich meine, Ihre Trinkschokolade, Herr Mut! Nur Mut!“
Ich sah sie irritiert an, aber sie grinste nur. Das machte mich unsicher. War das etwa eine Falle, die zuschnappte, sobald ich den ersten Schluck nahm? Noch sah das Ganze harmlos aus, aber die Trinkschokolade war ja auch noch säuberlich eingepackt.
Sollte ich wirklich mein Leben riskieren für eine Trinkschokolade?
„Nur Mut, Herr Mut!“, wiederholte Kerstin. „Was soll schon passieren, im schlimmsten Fall?“
„Ich fliege durch Ihr Café.“
„Dann halte ich Sie an den Füßen fest, bis Sie Ihre Herumfliegerei beenden. Aber das passiert schon nicht.“
Ich holte tief Luft und nahm den Riegel in die Hand.
Hätte ich es bloß nicht getan.

(Fortsetzung folgt)

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Herr Mut und der Osterhase

Es ist Ostern und der Sommer beginnt. Nicht ganz in dieser Reihenfolge, doch man kann schon sagen, wenn man heute in Linz, am Rhein, verweilt, dass es sommerösterlich zu werden verspricht, über die Feiertage anlässlich Osterns. Und das ist auch gut so, denn war der Winter zwar nicht hart im eigentlichen Sinne, aber vielleicht gerade deswegen schwerer zu ertragen als die meisten bisher, und als Ideengeist habe ich manchen Winter erlebt. Dieser Winter war kalt und ungemütlich und das, was sonst den Winter schön und reizvoll macht, Schnee, Kälte, lange Spaziergänge, während der Sonnenschein in der Schneedecke sich spiegelt, all das fehlte heuer. Ach ja, da merkt man schon, ich war auch viel in Österreich unterwegs, gelle? 😉

An dieser Stelle muss ich mir selbst Einhalt gebieten, denn diese Kolumne soll doch eigentlich das Positive, das Schöne am Leben hervorheben, nicht dem Gejammere dienen. Zumal Letzteres gar nicht typisch für mich ist. Ideengeister sind überwiegend positiv dem Leben gegenüber eingestellt, das ergibt sich schon zwangsläufig aus der Tatsache, dass wir Ideengeister sind. Ideen und so.

Was ich damit sagen will: Eigentlich möchte ich an dieser Stelle über meine kürzliche Begegnung mit dem Osterhasen berichten. Böse Zungen behaupten zwar, den gebe es gar nicht, doch ich weiß das besser. Erstens bin ich ein Ideengeist und zweitens habe ich erst gestern mit ihm gesprochen.

Das kam so:

Ich hatte vor, Kerstin mal wieder einen Besuch abzustatten, bevor es am Karfreitag wieder bei ihr voll wird. Deswegen wollte ich den Gründonnerstag für den Besuch nutzen. Leider kam ich nicht bis ganz zu ihr, weil ich, wie bereits erwähnt, dem Osterhasen begegnet bin. Und das ist immer fürchterlich anstrengend, weil der Osterhase ist meistens fürchterlich aufgeregt und fürchterlich im Stress, erst recht so kurz vor Ostern. Ich meine, ich kann das ja verstehen, ich wäre wohl auch im Stress, wenn ich ein paar Millionen Eier verstecken müsste.

Aber er hat es ja so gewollt. Niemand hat ihn gezwungen, diesen Job zu machen. Der Osterbär hätte ihn ja auch übernommen. Aber nein, der Osterhase musste unbedingt laut „Hier!“ schreien, als jemand für diesen Job gesucht wurde. Selbst schuld, kann ich da nur sagen.

Der Osterbär, im Café Kitsch, solange der Vorrat reicht

Wie dem auch sei, er stand unschlüssig vor „Die Kneipe“ herum, als ich auf dem Weg zu Kerstin war. Ich kam gerade von oben, über den Marktplatz, sonst wäre ich dem Osterhasen gar nicht begegnet. Und als Ideengeist konnte ich ihn nun einmal nicht übersehen, im Gegensatz zu allen Menschen. Er ist für sie nicht unsichtbar, so ist das nicht, sie könnten ihn sehen, wenn sie nur wollten. Aber sie wollen halt nicht. Weil es ihn für sie halt nicht gibt, und Menschen sind sehr gut darin, Dinge nicht zu sehen, die sie nicht sehen wollen, weil es sie nicht gibt. Ihrer Meinung nach. Da gibt es viele Dinge. Das ist wie mit den Indianern, die die Schiffe von Kolumbus zuerst auch nicht sehen konnten, weil sie Schiffe nicht kannten. Ist zwar nur eine urban legend, aber es hätte tatsächlich so passieren können.

Aber ich schweife schon wieder ab, und jetzt weiß ich gar nicht mehr, was ich sagen wollte. Ach so, ja, der Osterhase. Der stand also vor „Die Kneipe“ herum und machte einen irgendwie durstigen Eindruck.

„Was tust du denn da?“, erkundigte ich mich freundlich.

„Nachdenken.“

„Aha. Worüber denn?“

„Ob ich ein Bier trinken soll.“

„Du bekommst eh keins.“

„Und wieso nicht?“

„Weil niemand außer mir hier dich sieht?“

„Da hast du recht.“ Er ließ den Kopf hängen. „Holst du mir ein Bier?“

„Nein.“

„Wieso nicht?“

„Weil du dann schon wieder Ostereier, die mit Alkohol gefüllt sind, verteilst. Erinnerst du dich nicht mehr daran, was das vor 150 Jahren für einen Aufstand gab deswegen? Der Boss war ziemlich sauer.“

„Ach ja. Da hast du recht. Na dann mal Tschüss.“

„Tschüss.“

Traurig ging er von dannen.

„Hey, Osterhase!“, rief ich ihm hinterher.

„Ja?“ Er drehte sich nicht einmal um.

„Am Ostermontag gehen wir einen trinken, einverstanden? Bis zum nächsten Jahr wirst du deinen Rausch ja ausgeschlafen haben!“

„Supi!“, rief er erfreut. „Du bist der beste Ideengeist, den ich kenne!“

„Wie viele kennst du denn?“

„Einen!“ Und dann rannte er davon.

Ich kratzte mich am Kopf. Warum war ich eigentlich hier? Leider fiel es mir erst wieder ein, als ich wieder zu Hause war. Und als ich heute Morgen bei Kerstin vorbei schaute, war es da so voll, dass ich sie lieber nicht stören wollte.

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Herr Mut handelt fair

Trinkschokolade von Zotter

18 Sorten Trinkschokolade

Ich schaue mir mal den Riegel von der Trinkschokolade an. Weiße mit Vanille, fliegen will ich ja immer noch nicht.
Bio und fair, steht da. Zwei wichtige Schlagworte, die aus dem Marketing heute kaum noch wegzudenken sind. Finde ich eigentlich schade. Dass sie Marketinginstrumente geworden sind. Die Ideen dahinter finde ich natürlich gut. Auch wenn ich pessimistisch bin, was die generelle Umsetzbarkeit angeht. Sicher, zum Teil schon, keine Frage.
Aber was genau bedeutet überhaupt, dass etwas fair gehandelt wird?
Fair gehandelt, bedeutet das nicht, dass ich zu dem Preis, den bspw. der Arbeiter da irgendwo, wo auch immer die unterschiedlichen Rohstoffe herkommen, zum Beispiel Kakaobohnen, bekommt, auch bereit wäre, dieselbe Arbeit zu machen?
In meiner naiven Vorstellung gibt es irgendwo mindestens ein Land, in dem die Bohnen wachsen. Ob Kakao, Kaffee oder Erdnüsse, ist ja nun egal. Hauptsache, sie wachsen. Und jemand erntet sie, damit daraus Futter für unseren Kaffeevollautomaten wird. Oder damit es zu Weihnachten schön aussieht, wenn Erdnüsse die roten Schalen dekorieren. Oder eben in den hübschen Gläsern im Café Kitsch die Schokodrinks gerührt werden können.
Irgendjemand muss dafür arbeiten und die Sachen ernten. Rohstoffe heißen sie, die Sachen. Rohstoffe.
Also, was müsste man mir dafür zahlen, damit ich diese Arbeit mache? Das wäre dann ein fairer Preis, oder?
Blöderweise müssen die Bohnen dann auch noch transportiert werden. Sie werden weiterverarbeitet. Die Trinkschokolade wird irgendwie hergestellt, verpackt, verschickt, serviert. Und jedes Mal arbeiten Menschen damit, die auch fair bezahlt werden wollen. Logisch. Wenn ich zum Beispiel die Trinkschokolade verpacken müsste, würde ich das nicht umsonst machen. Wäre ja sonst schön blöd.
Mal ganz naiv gerechnet: Angenommen, der Erntehelfer bekommt zehn Euro in der Stunde, was eigentlich nicht wirklich fair ist, wenn ich bedenke, wie schwer die Arbeit ist. Aber gut, immerhin mehr als der Mindestlohn. Und leichter zu rechnen. Der Hafenarbeiter bekommt auch zehn Euro. Alle bekommen zehn Euro, die irgendetwas machen müssen, bis die Trinkschokolade vor mir steht. Das sind bestimmt mehr als zehn Menschen, das heißt, wir sind bei über 100 Euro. Für eine Trinkschokolade?! Wovon soll ich das bezahlen, wenn ich nur zehn Euro bekomme?
„Kerstin, Sie machen Verlust“, bemerke ich, als Mrs Kitsch in meine Nähe kommt.
„Wie bitte?“ Sie starrt mich entgeistert an.
„Die Trinkschokolade müsste über 100 Euro kosten, sonst machen Sie Verlust! Habe es gerade ausgerechnet.“
„Über 100 Euro für Trinkschokolade?“ Kerstin lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Ihr Blick ist schwer zu deuten. Möglicherweise überlegt sie, ob ich Drogen genommen habe, oder ob ich Hilfe benötige. Sieht irgendwie so aus. Das ist seltsam, eigentlich müsste sie doch in Panik geraten aufgrund meiner Erkenntnis. „Wie haben Sie das denn ausgerechnet, Herr Mut?“
„Nun, unter 10 Euro würde ich nicht auf einer Plantage arbeiten. Und die Trinkschokolade wird doch fair gehandelt, oder? Und wenn alle für zehn Euro arbeiten, dann kostet die Trinkschokolade am Ende über 100 Euro.“
„Äh … Herr Mut, also, wenn Sie in einer Stunde auf einer Plantage die Rohstoffe für nur einen Riegel ernten würden, dann wären Sie da bestimmt nicht lange beschäftigt.“
Ich muss nun doch lächeln. „Ja, das ist schon richtig. Wissen Sie, ich habe darüber nachgedacht, wie ein fairer Preis aussehen müsste. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, welche Mengen ein Erntearbeiter schafft und wie viele Trinkschokolade-Riegel man daraus machen kann. Aber ich glaube, ein fair gehandelter Riegel kann nicht billig sein.“
„Das ist er ja auch nicht, Herr Mut. Er hat durchaus seinen Preis. Genau darum, weil er fair und bio hergestellt wird. Weil viele Menschen davon leben wollen, und zwar zu menschenwürdigen Bedingungen. Das geht eben nicht zum Billigtarif.“
„Ich weiß. Angenommen, Deutschland würde mal nicht mehr zur Ersten Welt gehören und wäre am Anfang so einer Produktionskette … Obwohl, welche Rohstoffe hat Deutschland eigentlich zu bieten? Gedichte? Goethe lässt sich ja nicht mehr blicken, seitdem Toll Schreiber ihn so erschreckt hat. Wissenschaftler? Nun ja … Die werden ja auch vertrieben. Eigentlich … eigentlich können wir nur hoffen, dass wir niemals von irgendwelchen Rohstoffen in Deutschland abhängig werden, die wir liefern. Ich weiß nicht, ob wir dann eine gute Verhandlungsbasis hätten, um faire Preise zu fordern.“
Kerstin sieht mich nachdenklich an, schließlich meint sie: „Sie scheinen ein Kulturpessimist zu sein, Herr Mut. Gehen Sie doch einfach mal davon aus, dass alle Menschen eigentlich möchten, dass es allen anderen gut geht. Das sieht man ja schon daran, dass immer mehr Menschen faires Handeln unterstützen wollen. Natürlich ist noch sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit nötig, aber wenn wir damit nicht anfangen, wer soll es dann tun?“
„Ich gebe Ihnen ja recht, Kerstin, so grundsätzlich. Es ist nur, ich als Ideengeist habe schon so viele gute Ideen verkümmern sehen, wie Blumen am Wegesrand, da fällt es mir halt schwer, Ihren Optimismus zu teilen. Aber es ist schon richtig, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Sonst stirbt sie doch nicht zuletzt.“
„Genauso ist es, Herr Mut. Und nun muss ich mich um meinen Kuchen kümmern.“
Während sie sich erhebt, frage ich hoffnungsvoll: „Was machen Sie denn? Schokokuchen?“
Statt einer Antwort lächelt sie nur geheimnisvoll und geht in die Küche.

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Die Weihnachtsgeschichte geht weiter

Weihnachten trocknete ihre Tränen ab.

„Wieso wollen keine Menschen mehr zu mir kommen?“, fragte sie schniefend den Busfahrer.

„Ich bin nur der Busfahrer“, erwiderte jener mit einem Seitenblick auf sie.

„Aber die Menschen reden während der Fahrt doch bestimmt darüber. Hast du nichts gehört auf den letzten Fahrten?“

„Doch …“, erwiderte der Busfahrer zögernd. „Sie haben etwas erwähnt …“

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass der Busfahrer ein sehr rücksichtsvoller Mensch war und Weihnachten nicht wehtun wollte. Allerdings war ihm soeben klar geworden, dass seine Rücksichtsnahme dazu geführt hatte, dass Weihnachten völlig unvorbereitet war. Hätte sie damit gerechnet, dass die Menschen nicht mehr zu ihr kommen wollen, dann wäre sie vermutlich immer noch sehr traurig gewesen, aber sie hätte auch Zeit genug gehabt, sich darauf einzustellen. Manchmal ist es vielleicht doch besser, darüber zu sprechen, was geschehen könnte, dachte daher der Busfahrer bei sich, während er zugleich überlegte, wie er es Weihnachten erklären sollte, warum die Menschen nicht mehr zu ihr kamen.

Dann traf er eine Entscheidung. „Ich glaube, ich zeige es dir einfach“, sagte er. „Wir sind jetzt doch sowieso schon unterwegs, dann bringe ich dich dahin, wohin die Menschen gehen.“

„Jetzt bin ich ja gespannt“, antwortete Weihnachten und sah sehr unglücklich aus.

Der Busfahrer gab ein neues Ziel in seinem besonderen Navigationsgerät ein. Dieses Navigationsgerät hatte damit zu tun, wieso die Fahrt zu Weihnachten kein ganzes Leben dauerte, deswegen hoffe ich, dass Ihr mir verzeiht, wenn ich es nicht beschreibe; aber Ihr wisst ja: versprochen ist versprochen.

Jedenfalls erreichte der Bus irgendwann sein Ziel und hielt vor einem kleinen, unscheinbaren Haus. Sonst gab es nichts zu sehen, denn es war dunkel. Doch selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte es nicht zu sehen gegeben, denn es gab hier nichts, nur dieses eine kleine, unscheinbare Haus.

Weihnachten betrachtete es mit großen Augen. „Hier sind all die Menschen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Aber warum nur?“

„Das weiß ich nicht.“

„Das weißt du nicht?“

„Nein.“

Weihnachten überkam das Gefühl, dass der Busfahrer nicht mehr sagen wollte oder konnte und dass sie nicht umhin kommen würde, sich selbst ein Bild zu machen. Mit klopfendem Herzen stieg sie also aus dem Bus und trat zu der schmalen, einfachen Haustür. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Menschen dieses schmucklose, ja, eigentlich sogar hässliche Haus ihrem sauberen, hellen, schönen Haus vorziehen sollten. Aber der Busfahrer hatte gesagt, sie wären alle hier.

Also trat sie ein.

Hinter der Tür war es stockfinster.

„Hallo?!“, rief Weihnachten. „Ist jemand hier?“

Sie hörte, dass sich jemand näherte und machte einen Schritt zurück, bis sie gegen die geschlossene Tür stieß.

„Willkommen!“, rief jemand begeistert. „Wir begrüßen dich in unserem Tempel des Glücks! Hier hast du eine Nummer! Damit kannst du einkaufen und am Ende, bevor du wieder gehst, bezahlst du einfach alles! Wir liefern selbstverständlich nach Hause!“

„Bezahlen? Liefern?“ Weihnachten war ziemlich verwirrt. Sie konnte immer noch nichts sehen, auch nicht denjenigen, der ihr nun etwas in die Hand drückte, was sich wie Papier anfühlte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass hier etwas sehr Ungutes geschah. Es konnte doch nicht sein, dass die Menschen wirklich freiwillig in dieses dunkle Häuschen kamen! Hier gab es doch – nichts! „Warum ist es hier so dunkel?“, fragte sie.

„Hier ist es doch nicht dunkel! Oder bist du blind? Das tut mir dann leid für dich. Es ist doch alles hell und so schön bunt! Sieh all die wunderschönen Sachen, die du kaufen kannst! Schau all die vielen Menschen, die ihre Weihnachtsgeschenke einkaufen! Und da hinten, da gibt es sogar ein Kinderkarussell! Endlich sind die Menschen glücklich, denn jetzt können sie das haben, was sie schon immer haben wollten!“

Weihnachtens Verwirrung steigerte sich, so sehr widersprach die Schilderung dieses Mannes von dem, was es hier angeblich gab, dem, was sie sehen und hören konnte. Oder vielmehr, was sie nicht sehen und hören konnte: Für sie gab es hier nur Dunkelheit und, abgesehen von seiner metallisch klingenden Stimme, Stille. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass die Menschen hierher gelockt wurden, mit Versprechungen, die nichts als leere Seifenblasen waren, bunt und groß, die aber bei der geringsten Berührung zerplatzten und das Gesicht nass machten.

„Es tut mir leid“, sagte sie und war plötzlich sehr ruhig. „Ich sehe nur Dunkelheit und hören kann ich auch nichts. Hier ist der Zettel, den brauche ich nicht.“

Sie gab dem Mann, falls es überhaupt ein Mann war, denn sie konnte ihn ja nicht sehen, den Zettel mit der Nummer zurück, dann drehte sie sich um und suchte tastend nach der Türklinke. Als sie draußen stand und den Bus sah, atmete sie tief durch und stieg in den Bus.

„Und?“, fragte der Busfahrer neugierig. „Was hast du gesehen?“

„Nichts“, antwortete Weihnachten traurig. „Gar nichts. Da ist nichts.“

„Gar nichts?“, wiederholte der Busfahrer verwirrt. „Wie meinst du das?“

„Dass dort nichts ist. Zumindest nichts für mich. Es ist dunkel und still. Fahr mich bitte wieder nach Hause.“

Während sie sich wieder rechts vom Busfahrer hinsetzte und in sich zusammensank, startete der völlig verwirrte Busfahrer den Motor und schloss die Tür. Doch als er gerade losfahren wollte, ging die Haustür auf und ein kleiner Junge kam herausgerannt.

„Wartet! Ich will mit!“

Der Busfahrer trat auf die Bremse, dann ließ er den kleinen Jungen einsteigen, der sich neben Weihnachten setzte. Diese starrte ihn erstaunt an. Nun fuhr der Bus wirklich los, aber Weihnachten fragte sich, ob das richtig sein konnte, denn der kleine Junge wohnte ja nicht bei ihr. Jedenfalls bisher nicht.

„Bist du Weihnachten?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Ja, bin ich“, erwiderte sie.

„Oh ja! Darf ich dich besuchen kommen?“

„Das machst du doch schon, jetzt gerade“, antwortete Weihnachten immer verwirrter. „Wer bist du denn?“

„Ich heiße Josh“, sagte der Junge. „Meine Eltern wollen, dass ich mit ihnen Geschenke aussuche. Und dass ich Karussell fahre.“

„Und du willst das nicht?“

„Da drin ist doch nichts. Da ist es nur dunkel und still. Ich weiß nicht, was meine Eltern da drin machen.“

Weihnachten starrte den Jungen an. Er sah dasselbe wie sie, nämlich nichts? Wie konnte das nur sein? Doch dann beschloss sie, dass es eigentlich keine Rolle spielte. Denn wenn es auch nur einen Menschen gab, der dort genau wie sie nichts sah, dann gab es vielleicht noch Hoffnung.

„Bei mir gibt es aber keine Geschenke“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich weiß. Meine Oma war oft bei dir und hat erzählt, dass bei dir alles hell ist. Und sauber. Und dass du den Menschen schöne Geschichten erzählst. Und dass du leckere Kekse hast.“

„Das ist alles wahr“, erwiderte sie lächelnd.

„Bekomme ich Kekse? Und liest du mir die Geschichten vor?“

„Selbstverständlich, Josh.“ Weihnachten warf einen kurzen Blick auf den Busfahrer und sah, dass er auch lächelte.

So fuhr der Bus weiter und brachte Weihnachten nach Hause. Und als er dieses Mal vor ihrem sauberen, schönen, glänzenden Haus anhielt, war er nicht mehr leer. Sicher, ein Mensch allein hört sich nicht nach viel an, aber andererseits ist ein Mensch sehr viel mehr als niemand. Und zumindest hatte er die ganze Aufmerksamkeit von Weihnachten für sich, die ihm Kekse gab und Geschichten vorlas.

Als er in den Bus stieg und nach Hause fuhr, lächelte er glücklich.

Ein paar Tage später besuchte ich Weihnachten. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie mir, was sich zugetragen hatte.

Ich schwieg lange, denn ich musste das erst einmal verarbeiten, so unglaublich war diese Geschichte. Schließlich fragte ich: „Wirst du nächstes Jahr dann überhaupt dein Haus für die Gäste vorbereiten?“

„Selbstverständlich“, antwortete Weihnachten. „Josh wird wiederkommen und er hat gesagt, dass er seine Freunde mitbringt. Du wirst sehen, schon bald wird der Bus wieder voller Leute sein, wenn er vor meinem Haus hält!“

„Na gut“, brummte ich. „Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert. Und ich wünsche dir, dass du recht behältst.“

„Ja, ich denke schon. Und wo gehst du jetzt hin?“

„Zu Kerstin, ins Café Kitsch. Ich will wieder guten Kaffee trinken. Oder eine Trinkschokolade? Mal sehen.“

„Aha. Chilli Bird´s Eye?“

Ich sah sie nur grimmig an. Doch dann mussten wir beide lachen.

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Die Weihnachtsgeschichte

Es war einmal … eine kleine Weihnachtsgeschichte. Nennen wir sie der Einfachheit halber Weihnachten.

Weihnachten wohnte in einem ganz weit entfernten Land. Es war so weit entfernt, dass Menschen sich gewöhnlich nicht dorthin verirrten. Ja, sie kannten den Weg nicht einmal. Dennoch, einmal im Jahr geschah es, dass ein ganz großer Reisebus alle Menschen, die Weihnachten mal kennenlernen wollten, einsammelte und in dieses ganz weit entfernte Land brachte, in dem Weihnachten wohnte. Nun war es so, dass die Reise in dieses Land sehr, sehr lange dauerte. Also, um genau zu sein, sie hätte normalerweise ein ganzes Leben gedauert.

Das ging natürlich nicht, denn so viel Zeit hatten die Menschen gar nicht. Sie wollten zwar Weihnachten sehen, aber so eine lange Reise nicht einmal für Weihnachten auf sich nehmen. Das ist irgendwo ja auch verständlich, denn wer möchte schon sein Leben mit einer Reise zu Weihnachten verbringen? So komfortabel ist ein Reisebus schließlich auch nicht.

Deswegen ließ sich der Busunternehmer einen kleinen Trick einfallen. Um ehrlich zu sein, musste ich ihm versprechen, diesen Trick niemals, niemals, niemals und unter keinen Umständen und auf keinen Fall niemandem, nicht einmal unter Folter, zu verraten. Insofern bitte ich an dieser Stelle um Verständnis, dass ich diesen Trick nicht verraten werde. Sie können mich ruhig foltern, ich werde den Trick nicht verraten. Versprochen ist versprochen, nicht wahr? Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist Folgendes: Prinzessin Vespas Beinah-Ehemann könnte helfen. Vielleicht.

Wie dem auch sei, unsere Weihnachten bereitete sich jedes Jahr sorgfältig auf den anstehenden Besuch vor. Zunächst wurde das Häuschen von innen nach außen gekehrt, gefegt, geschrubbt, bis alles blitzblank sauber war und glänzte wie die Sonne. Oder so ähnlich. Danach kleidete sie sich ein. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass Weihnachten weiblich war? Also, ganz streng genommen hatte Weihnachten natürlich kein Geschlecht, aber man geht davon aus, dass sie eher weiblich als männlich war. Absolut sicher sind sich die Gelehrten da jedoch nicht. Als gesichert kann angenommen werden, dass Weihnachten bei den alljährlichen Besuchen der Menschen ein Kleid trug, jedenfalls seit Anbeginn der Aufzeichnungen. Wie es vorher war, weiß man ja naturgemäß nicht.

Üblicherweise hielt der Reisebus direkt vor Weihnachtens kleinem, strahlenden Haus, dessen Fenster und Türen weit offen standen, damit die vielen Menschen, die sich für Weihnachten interessierten, sofort eintreten konnten. Aber um ehrlich zu sein, dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass es von Jahr zu Jahr weniger Menschen waren, die der Reisebus zu Weihnachten brachte.

Und dann passierte es: Die Türen des Reisebusses öffneten sich – und niemand stieg aus.

Niemand.

Kein einziger Mensch.

Das heißt, so ganz stimmte das nicht. Wir wollen genau sein, schließlich sind wir die Chronisten eines ganz bedeutenden Ereignisses.

Einer stieg doch aus. Nämlich der Busfahrer. Aber ich denke, es sei mir verziehen, dass ich vorhin geschrieben habe, dass niemand ausgestiegen wäre, denn der Busfahrer war ja immer dabei und zählte nicht als Besucher.

Sie sahen sich an. Weihnachten, in einem sehr hübschen, knielangen roten Kleid und roten Stiefelchen, in denen sie ein bisschen wie Rotkäppchen aussah, und der Busfahrer.

Dann begann Weihnachten bitterlich zu weinen. Der Busfahrer nahm sie in die Arme und führte sie in den Bus, schloss die Türen, setzte Weihnachten ganz nach vorne, auf die rechte Seite, sich selbst hinter das Lenkrad und fuhr los.

(Teil 2)

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Hier ist das Besondere die Norm

Eigentlich müsste es statt „die Norm“ die Normale heißen. Damit ist jetzt nicht gerade Kerstin gemeint. Nach meinen, inzwischen recht zahlreichen, Besuchen im Café Kitsch denke ich, sie würde es eher als Beleidigung empfinden, als die Normale bezeichnet zu werden. Doch irgendwie ist das dann doch wieder nicht ganz richtig, denn es kommt ja auch immer darauf an, was normal ist, also der Norm entspricht.

Und wer bestimmt, was der Norm entsprechend, also normal ist?

Nun, in der Technik ist das für Deutschland das Deutsche Institut für Normung, auch bekannt unter DIN. Dessen Arbeit ist durchaus nützlich, denn sonst wäre schon der Kauf eines Verlängerungsschlauchs für die Installation eines Wasserkrans möglicherweise eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Daher möchte ich dieses Institut an dieser Stelle ausdrücklich mal loben. Und Fehler macht ja schließlich jeder mal.

Aber was genau ist denn nun normal?

Ich würde an dieser Stelle gerne auf eine kulturhistorische Abhandlung zu diesem Thema verzichten. Als Ideengeist könnte ich durchaus eine Menge dazu sagen, resp. schreiben. Aber ich glaube, das würde den Rahmen mehr als sprengen. Vielleicht schreibe ich ja dazu mal eine Buchserie. Mal sehen. Oder ich bitte Zsolt, die Fiona dazu ein paar Abenteuer erleben zu lassen?

Es könnte an dieser Stelle sinnvoll sein, kurz darauf einzugehen, wie ich überhaupt auf dieses Thema gekommen bin. Wie so oft, ist auch diesmal Kerstin daran schuld. Ja, doch. Ist durchaus als Lob gemeint. Das war so:

Eines Tages, könnte Oktober 2018 gewesen sein, saß ich, mal wieder, im Café und trank meinen Kaffee und aß eine Schokotarte. Kerstin meinte zwar, es könnte ein Hauch zu viel Alkohol drin sein, aber das glaube ich nicht. Ich sehe das anders: Es war einfach perfekt. Nun, wie dem auch sei, sie hatte, durchaus nicht unüblich, auch andere Gäste. Und eine Frau, die zu beschreiben ich aufgrund von DSGVO nicht wage, meinte dann zu Kerstin beim Bezahlen: „Wir haben das Besondere gesucht und bei Ihnen gefunden!“ Kerstin wirkte etwas sprachlos, also habe ich darüber nachgedacht.

Dabei ist mir klar geworden: Im Café Kitsch ist das Besondere doch völlig normal? Das wird auch der Grund für Kerstins Sprachlosigkeit gewesen sein. Ich denke mal, sie überlegt sich nicht jeden Morgen beim Aufschließen, dass sie ja ein besonderes Café hat. Alles andere wäre für sie völlig unnormal. Ich meine, ein normales Café zu haben, das könnte sie gar nicht.

Wir lernen daraus: Normal ist eigentlich das, was man dafür hält.

Klingt banal? Ist es auch. Doch wie so oft, sind banale Wahrheiten die tiefgründigsten, denn sie gehören zum Alltag und machen damit unser Leben aus. So, wie viele 46 Wochen des Jahres arbeiten und in 6 Wochen das Besondere erleben: den Urlaub. Aber ihr Leben wird letztlich durch die 46 Wochen definiert, was sie in dieser Zeit tun und erleben. Lauter banale Sachen: Auto fahren, sich rasieren, duschen, Sport machen, Sex, Essen, Trinken. Und so fort. Es ist banal, ja. Aber ist es nicht gerade dadurch etwas Besonderes? Ich frage Euch: Wollt Ihr am Ende Eures Lebens, auf dem Sterbebett, ernsthaft daran denken müssen, dass Ihr grob 87% Eures Lebens in der absoluten Bedeutungslosigkeit verbracht habt? Wollt Ihr das?

Na also. Das Banale ist so banal gar nicht. Oder anders ausgedrückt: Wir werten uns und unser Leben doch ziemlich herab, wenn wir etwas als banal bezeichnen.

Normal ist eigentlich das, was man dafür hält. Es mag banal sein, in dem Sinne, dass es eine Selbstverständlichkeit hat wie die 46 Wochen unseres Lebens. Aber es ist trotzdem etwas Wichtiges und Besonderes.

Uff, damit kriege ich wieder die Kurve zum Café Kitsch. 🙂

Das, was der Gast als das Besondere am Café Kitsch bezeichnet hat, war für diesen Gast nur besonders, weil er nicht täglich damit zu tun hat. Im Gegensatz zu Kerstin, für die es völlig normal ist, anders als die meisten zu sein. Das Besondere ist für sie und bei ihr einfach nur normal.

Insofern war die Bemerkung des Gastes ein großes Lob, denn manchmal vergisst man leider, wie besonders das Normale eigentlich ist.

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Auch Engel brauchen mal Urlaub

„Ah, Herr Mut!“, sagt Kerstin fröhlich, als ich das Café betrete. „Sie habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen!“
„Fröhliche Weihnachten“, erwidere ich lächelnd.
„Ja, natürlich, Ihnen auch fröhliche Weihnachten. Wie geht es Ihnen denn?“
„Ach ja, es lebt sich so“, antworte ich und setze mich an den kleinen Tisch in der Mitte des Cafés. Zwei der großen Tische sind besetzt, aber es ist ja auch noch früh. „Weihnachten ist immer so anstrengend für die Engel.“
„Ich dachte, Sie sind eine Kreativitätsmuse, kein Engel? Übrigens, möchten Sie eine Chilli-Trinkschokolade?“ Ihr Humor ist manchmal sehr witzig. Als sie meinen Blick sieht, fügt sie schnell hinzu: „Ich meinte natürlich, ob Sie einen Kaffee möchten. Vermutlich einen Brasilianer? Den belebenden?“
„Ja, den kann ich heute gut gebrauchen. Obwohl, mir geht es ja gut, im Vergleich zu den Engeln.“
Kerstin mustert mich irritiert. „Sie erwähnen die Engel bereits zum zweiten Mal. Gibt es einen besonderen Grund dafür?“
„Ja, erzähle ich Ihnen gleich.“
Sie nickt und geht zu den Kaffeemühlen. Als sie mir später den Kaffee in der Stempelkanne bringt, bemerke ich: „Übrigens bin ich ein Gedankengeist, auch Ideengeist genannt. Teilweise haben wir ähnliche Aufgaben wie eine Muse, aber nur teilweise. Doch wirklich wichtig ist das nicht.“
„Aha.“ Kerstin setzt sich zu mir, da die anderen Gäste versorgt sind. Außerdem ist ja auch noch ihre Mitarbeiterin da. „Und was ist das nun mit den Engeln?“
„Die Engel“, beginne ich, „die Engel haben um diese Zeit, also zu Weihnachten und die Tage danach, richtig viel zu tun. Viele Menschen begegnen sich, die sich sonst das ganze Jahr über aus dem Weg gehen. Oder aber zumindest weniger Zeit miteinander verbringen, zwischen Abendessen und Frühstück, das dann meist schlafend oder vor dem Fernseher sitzend. Und plötzlich nehmen sie sich gegenseitig wahr. Das führt zu Konflikten, wissen Sie. Und dann sind die Engel gefragt. Sie haben die Aufgabe, das Schlimmste zu verhindern. Oft reicht es schon, wenn sie einfach daneben stehen. Ihre Anwesenheit führt dazu, dass sich Liebe ausbreitet. Doch nicht immer genügt das, manchmal ist der aufgestaute Hass so groß, so dunkel, so stark, dass die Engel von ihr wie von einer gigantischen Sturmwelle fortgespült werden. Dann kostet es ziemlich viel Kraft, wieder zu den Menschen zurückzukehren, von dem die Welle ausging. Das ist normaler Alltag für Engel, und sie können auch gut damit umgehen. Nur zur Weihnachtszeit, da ist es einfach zu viel.“
„Ja, nach Weihnachten steigt auch immer die Scheidungsrate an“, bemerkt Kerstin.
„Das auch. Aber auch die Geburtenrate, bisschen Optimismus wollen wir doch auch verbreiten, nicht wahr?“
„Ich weiß nicht. Gibt es dafür wirklich einen Grund? Ich meine, optimistisch zu sein.“
„Natürlich“, sage ich und nicke dabei. „Das Leben ist grundsätzlich schön. Von einfach war nie die Rede.“
Endlich lächelt sie. „Herr Mut, Sie haben das Schild gesehen.“
„Selbstverständlich. Hängt ja noch im Eingangsbereich. Aber der Spruch ist unabhängig davon wahr, ob er irgendwo aufgeschrieben steht oder nicht. Und mal ehrlich, gerade Sie fänden das Leben doch bestimmt sehr langweilig, wenn es keine Herausforderungen böte.“
„Das stimmt.“ Jetzt nickt sie. „Aber manchmal wünsche ich mir etwas weniger Herausforderungen.“
„Dafür haben Sie ja aber bald Urlaub, im Gegensatz zu den Engeln.“
„Haben die Engel denn nie Urlaub?“
„Nein, nie. Das ginge auch gar nicht. Die Menschen brauchen die Engel rund um die Uhr. Wissen Sie, die Hauptaufgabe der Engel besteht darin, einfach da zu sein und Liebe zu geben. Sie wurden aus Liebe geboren.“
„Von wem? Von Gott?“
Ich zucke die Achseln. „Ist das denn wichtig, Kerstin? Gott, Allah, eine göttliche Macht oder einfach nur das pure Sein. Da mag jeder glauben, was er will. Wichtig ist nur, dass die Menschen die Verbindung zu den Engeln nicht verlieren, denn dann gewinnt die Dunkelheit, der Hass, die Wut.“
„Also der Teufel?“
„Ach, der Teufel. Wenn Sie den als Synonym für die Abwesenheit von Licht und Liebe ansehen, dann ja.“
„Also haben die Esos recht? Es ist wirklich so einfach? Man muss nur an die Liebe glauben und alles wird gut?“
„Nein, denn das Leben ist ja schön, aber von einfach war nie die Rede. Auch wenn die Liebe einfach da ist, das schon, heißt das noch nicht, dass sie von selbst wirkt. Sie ist eine Möglichkeit, die von den Menschen aktiv genutzt werden muss oder kann. Es geht um Entscheidungen. Zu sagen, ‚Ich liebe dich‘, genügt nicht, das sind zunächst nur Worte. Das ist wie mit dem Licht. Wenn Sie in einem dunklen Raum das Licht anmachen, dann passiert noch nichts. Aber Sie sehen, was da ist und können Entscheidungen treffen und dadurch handeln. Auch im Licht können Sie viele Entscheidungen treffen, die Sie später vielleicht bereuen. Und wenn Sie eine Entscheidung bereuen, haben Sie sich vielleicht nicht so gut entschieden, wie Sie sich hätten entscheiden können.“
„Aber Dinge können sich ändern, ohne dass Sie das voraussehen.“
„Das ist richtig. Die Frage ist aber, nach welchen allgemeinen Regeln treffen Sie Entscheidungen? Treffen Sie eine Entscheidung, weil Sie hundertprozentig davon überzeugt sind, richtig zu handeln? So eine Entscheidung werden Sie niemals bereuen, denn Sie wissen ja, dass Sie keine andere hätten treffen können, von der sie genauso überzeugt gewesen wären. Oder treffen Sie eine Entscheidung, weil sie bequemer ist, Sie aber wissen, dass Sie nicht hundertprozentig überzeugt sind, die beste Entscheidung getroffen zu haben? Eine solche Entscheidung werden Sie irgendwann bereuen.“
„In der Theorie klingt das alles ja schön, aber in der Praxis habe ich nicht die Zeit, bei jeder Entscheidung tiefschürfende Analysen zu machen.“
„Das brauchen Sie ja auch nicht. Wenn Sie nicht die 100-Prozent-Entscheidung getroffen haben, spüren Sie das sofort. Jeder Mensch spürt das. Viele haben viel Übung darin, dieses Gefühl wieder zu verdrängen, aber es ist da. Und wer anfängt, sich auf diese Stimme zu konzentrieren, trifft schon bald ganz automatisch die richtigen Entscheidungen. Das ist natürlich ein Lernprozess, oft genug ein ziemlich schwerer, aber das Leben ist zwar schön, aber …“
„… von einfach war nie die Rede“, ergänzt Kerstin grinsend. „Also gut, wenn ich es richtig verstanden habe, sind Engel so was wie die Leuchttürme auf diesem Weg des Lernens, wir müssen nur lernen, auf sie zu achten?“
„Etwas vereinfacht dargestellt, aber grundsätzlich ist das so, ja.“
„Nun denn, ich glaube, ich verstehe jetzt, warum auch Engel mal Urlaub brauchen. Und jedenfalls weiß ich ganz genau, warum ich Urlaub brauche!“
Ich nicke. „Ja, das sehe ich Ihnen an. Sie haben hart gearbeitet und viel erreicht. Darauf können Sie auf jeden Fall stolz sein. Es ist an der Zeit, dass Sie sich mal etwas Erholung gönnen. Das nächste Jahr wird bestimmt nicht einfach. Aber Sie wissen ja, das Leben …“
Sie erhebt sich lächelnd und geht zum dritten großen Tisch, an dem neue Gäste Platz genommen haben. Und schon bald klirren die Gläser für die Trinkschokolade, die sie aus dem Regal holt. Einer hat, wenn ich es richtig gehört habe, sogar tatsächlich Bird´s Eye Chilli bestellt. Er will wohl fliegen.
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Herr Mut im Paternoster

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Der Kampf um den Schokokuchen

Ein Schokokuchen ist normalerweise geeignet, Menschen friedlich zu vereinen. Natürlich nur platonisch, nur so war es gemeint.

Aber man kennt das ja: Bei einem bekannten Discounter gibt es ein – vermeintlich – unschlagbares Angebot, man denke da nur an die Zaubermaschine, die alles kochen kann, und aus vermeintlich friedlich koexistierenden Menschen, Typus Käufer, am besten, wenn alle einkaufen, wahlweise, wenn es um Zaubermaschinen geht, morgens um fünf, wenn die Welt nur scheinbar noch in Ordnung ist, werden erbitterte Feinde, die wie damals in der Steinzeit, vielleicht auch davor, sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben, um das beste Stück vom Kuchen abzubekommen.

Apropos Kuchen, das ist ja unser Stichwort hier. Mit hier meine ich das, was ich erzählen wollte. Also die Begebenheit, die sich zugetragen hat an einem Samstag in der bunten Stadt Linz. Am Rhein, zwischen Donau und Koblenz. Ich meine natürlich, zwischen Bonn und Koblenz. Sie merken schon, ich stehe immer noch unter der Wirkung der Ereignisse. Also, die Ereignisse haben sich zugetragen, nämlich in Linz am Rhein und nicht in Linz an der Donau. Die beiden Städte sind zwar verschwistert, ansonsten haben sie nicht nur geografisch wenig gemeinsam.

Darüber wollte ich aber gar nicht schreiben, sondern darüber, wie ich an jenem Samstag durch Linz schlenderte. Ich kam aus Richtung der Neustraße am Buttermarkt an, ging an der Butterfrau, die ähnlich geschwätzig war wie jeden Tag, vorbei und weiter rheinwärts, vorbei an Alt-Linz und Café Wahnsinn und steuerte zielstrebig das Rheintor an.

Dort kam ich allerdings nie an. Jedenfalls nicht an jenem Tag bei jener Gelegenheit.

Schuld daran war, wie kann es anders sein, Kerstin vom Café Kitsch.

Sie hatte Schokokuchen gebacken. Vielleicht war es auch Elisa, das weiß ich nicht. War mir in dem Moment auch egal. Ich hatte die Witterung aufgenommen und folgte der Spur ins Café, an einer verdutzten Kerstin vorbei und auf die Kundin zu, die gerade das letzte Stück des Kuchens für sich reklamieren wollte.

„Halt! Das geht nicht!“, rief ich.

Die Kundin, Kerstin und eine Mitarbeiterin, die ich noch gar nicht kannte, starrten mich verblüfft an.

„Was geht nicht?“, erkundigte sich dann die Kundin.

„Der Schokokuchen! Den nehme ich!“

„Das glaube ich nicht, werter Herr, denn ich war zuerst da, und ich will diesen Kuchen haben!“

„Werte Dame, Sie können sich ja einen anderen Kuchen aussuchen! Schauen Sie mal, es gibt versunkenen Apfelkuchen, es gibt den rohveganen Kuchen, dann zwei Sorten Käsekuchen … Das ist doch eine reichhaltige Auswahl, finden Sie nicht?“

„Ich will aber den Schokokuchen!“

„Ich auch! Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen Kuchen aussuchen!“

Die werte Dame schnappte nach Luft. So was war ihr wahrscheinlich noch niemals untergekommen, aber ich dachte nicht daran, meinen – meinen! – Schokokuchen kampflos zu überlassen.

„Vielleicht darf ich ja einen Vorschlag machen“, mischte sich in diesem Moment Kerstin ein.

„Ich bin nicht sicher, ob mir der Vorschlag gefallen wird“, erwiderte ich finster. „Wahrscheinlich eher nicht.“

„Das können Sie gar nicht wissen, wenn Sie den Vorschlag nicht gehört haben, Herr Mut“, sagte Kerstin kühl. „Vanesa, holst du bitte zwei Muffinformen?“

„Was haben Sie vor, Kerstin? Wollen Sie meinen Schokokuchen amputieren?“

„Ich habe vor, eine salomonische Lösung zu erarbeiten. Sehen Sie, das ist ein großes Stück Kuchen, daraus kann ich gut zwei herrliche Muffins machen. Ich denke, Sie werden beide sehr zufrieden sein! Warten Sie bitte hier.“

Sprach und ging mit dem Schokokuchen und den Muffinformen. Warum Vanesa die zuerst holen musste, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ich blickte Vanesa fragend an, aber diese zuckte nur verwirrt die Schulter.

Ich blickte mich um und erst jetzt wurde mir bewusst, dass bis auf einen Tisch alle besetzt waren und entsprechend viele Leute die Szene beobachtet hatten. Genauer gesagt, sie beobachteten die Szene immer noch, denn sie ging ja weiter, auch wenn gerade Pausenmodus aktiviert war.

Bis Kerstin zurückkam.

Sie trug in jeder Hand einen Teller mit einem Schokomuffin darauf und ich hätte schwören können, dass die beiden Muffins zusammen deutlich größer waren als der Schokokuchen, ehemals, als es ihn noch gab, bevor er zu Schokomuffins metamorphiert wurde. Oder so ähnlich.

„Was haben Sie getan?“, fragte ich misstrauisch.

„Betriebsgeheimnis. Also, ich denke, das wird Ihnen beiden schmecken. Und sehen Sie mal, die Muffins sind wirklich groß, oder?“

„Das stimmt“, antwortete die Kundin. Sie sah mich an. „Was halten Sie davon, Herr Mut, wenn wir uns gemeinsam an den kleinen Tisch setzen, der noch frei ist, und unsere Schokomuffins verspeisen?“

Ich dachte nach. Der Schokokuchen war ja nun dank Kerstin nicht mehr existent bzw. quantenverschränkt reinkarniert in den beiden Muffins. Insofern war es irgendwie schon logisch, wenn sie am selben Tisch verspeist wurden. Und die Kundin sah eigentlich ganz nett aus. Also, bevor das hier falsch verstanden wird: Ich meinte natürlich nicht ihr Aussehen, sondern so überhaupt, also, vom Gesamteindruck her. Ich bin keiner, der die Leute nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt.

Obwohl, davon unabhängig sah sie durchaus nicht schlecht aus. Und vom Alter her passte sie als geschätzte Endvierzigerin auch gut zu mir.

Dies bestätigte sich dann während des Gesprächs, das seinen Beginn beim Muffinessen nahm, sich beim Spaziergang fortsetzte und dann … (Kamera schwenkt zum Kaminfeuer)
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Herr Mut im Paternoster

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Herr Mut stellt sich vor

Guten Tag. Ich möchte mich vorstellen.

Mein Name ist Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mein erster öffentlicher Auftritt. Sie kennen mich noch nicht? Das macht nichts. In Zukunft werden Sie Gelegenheit haben, mich an dieser Stelle kennen zu lernen, denn Frau Litterst, die Inhaberin dieses wundervollen Cafés in Linz am Rhein (nicht in Österreich!!), hat mich gebeten, Gastbeiträge in ihrem Blog zu schreiben.

Dieser Bitte komme ich selbstverständlich mit Freuden nach!

Doch zunächst einmal möchte ich mich vorstellen. Wie bereits erwähnt, ist mein Name Herr Mut. Vielleicht sind Sie mir sogar schon einmal begegnet, dies ist ja schließlich nicht mehr erster öffentlicher Auftritt. Aber ich glaube, das sagte ich bereits.

Nun muss ich aber erst einmal gehen und einen Kaffee aus dieser ganz besonderen Stempelkanne im Café Kitsch trinken. Sehen wir uns in Linz? Am Rhein, nicht an der Donau, ergo in Deutschland, nicht in Österreich!

 

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