Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (9)

Es würde nicht mehr lange bis zum Morgengrauen dauern, als ich vom Besenstiel stieg. Über all die Jahrtausende, die ich nun schon lebte, war ich davon ausgegangen, dass ich als Ideengeist keine Probleme mit den Augen habe und auch in der Dunkelheit gut sehen kann.
Doch dieser Glaube wurde nun zutiefst erschüttert.
„Wo sind all die Hexen?“, fragte ich verwundert. „Haben sie einen Unsichtbarkeitszauber benutzt?“
„Gibt es so was denn?“, fragte Maria Nana. „Ach, egal. Herr Mut, es betrübt mich zutiefst, aber mehr als die vier sichtbaren Hexen sind leider nicht gekommen. Es ist eben Walpurgisnacht.“
„Vier? Statt 100?“
„Leider ja. Doch an dem Plan ändert das nichts.“
„An dem Plan ändert das nichts?“, wiederholte ich, um Contenance bemüht, wohl vergeblich.
„Wir haben keine andere Wahl!“, rief Lola, die aussah, als hätte sie geweint, was mich sofort veranlasste, sie an mich zu drücken, was nicht nur Maria Nana ein Runzeln auf die Stirn zauberte.
„Ich stelle dir am besten die Hexen vor, die gekommen sind“, sagte Maria nach einer kurzen Pause. „Die Hexe, die dich hergebracht hat, ist Linda Reise, eine Linzer Hexe, eine Kampffee. Sie ist etwa 60 Jahre alt und niemand außer ihr weiß, wer ihre Eltern sind. Man munkelt, dass ihr Vater ein Bürgermeister von Linz war, aber das ist, wie gesagt, nur ein Gerücht.“
Ich musterte Linda Reise. Sie hatte etwa meine Größe, wirkte schlank und sportlich. Die dunkelbraunen, schulterlangen Haare umrahmten ihr ansprechendes Gesicht, die braunen Augen funkelten mich tatendurstig an. Sie trug schwarze Jeans, einen ebenfalls schwarzen Pullover und ein Schwert.
Maria zeigte nun auf eine andere Hexe, die etwas größer als ich war, kräftig gebaut und dunkelblond. Sie trug ein bodenlanges Kleid in Dunkelgrau.
„Das ist Rheinfee Hildegard, sie lebt schon seit 900 Jahren hier. Ihre Mutter war eine Flussfee, ihr Vater ein Landwirt aus Linz.“
Wir nickten einander zu, dann wandten wir uns einer kleinen Frau mit braunen, bodenlangen Haaren zu. Sie war noch kleiner als Maria, die bestimmt einen halben Kopf kleiner war als ich. Doch ich spürte, wie mächtig und alt sie sein musste. Sie trug ein grünes Kleid, das bis zu den Waden reichte und Stiefel.
„Waldfee Liane, ungefähr seit 4000 Jahren in den Wäldern am Rhein entlang heimisch.“
Das erklärte die Kraft, die ich bei ihr wahrnahm. Eine sehr mächtige und auch friedvolle Hexe. Schön.
Die vierte Hexe hatte etwas Dunkles, Unheimliches an sich. Sie trug die schwarzen Haare kurz, was ihr eher rundliches Gesicht betonte. Sie war ungefähr so groß wie Lola und mollig. Nicht dick, aber im Vergleich zur sehr zierlichen Liane deutlich figurbetonter. Sie trug einen grauen Blazer, eine blaue Bundfaltenhose und Stiefel und sah aus, als hätten Lola und Maria sie aus einer hochwohlgeborenen Gesellschaft hergerufen.
„Adelheid von Báthory“, sagte Maria.
„Báthory?“, wiederholte ich überrascht.
Sie nickte mir zu. „Meine Mutter war Elisabeth Báthory, allerdings übernahm ich nicht ihre Gepflogenheiten. Jedenfalls nicht alle, zumal ich auch kraft meiner väterlichen Herkunft, eines Linzer Hexenmeisters, nicht altere. Es freut mich, einen Ideengeist kennenzulernen.“
Oh, oh. Also tatsächlich eine Báthory. Das erklärte durchaus ihr Erscheinungsbild. Demnach war sie etwas mehr als 400 Jahre alt.
„Eine bunte Truppe“, sagte ich. „Wir haben es mit Soger und etwa 40 Piraten zu tun. Die es auf den Gral abgesehen haben, um wieder ins Leben zurückzukehren.“
„Maria hat uns bereits unterrichtet, weswegen wir hier sind“, erwiderte Adelheid. „Die Frage ist nun, wie wir vorgehen wollen.“
Statt einer Antwort zog Linda Reise geräuschvoll ihr Schwert.
„40 Piraten“, wiederholte ich.
Sie zuckte die Achseln.
„Wir können tote Geister nicht töten“, erklärte Hildegard.
„Und lebende?“, entgegnete Linda grinsend.
„Ach, geh mir doch nicht auf den Geist, du Jungspund! Was wir auch unternehmen, es muss sichergestellt werden, dass wir diese Plage ein für alle Mal los sind!“
„Genau“, stimmte ich hastig zu. „Und es gibt ja einen Plan, der mit 100 Hexen leichter auszuführen wäre. Aber vielleicht klappt es auch mit weniger, wenn ich mitmache.“
Linda musterte mich abschätzig.
„Sieh ihn nicht so an!“, rief Lola entrüstet. „Ich habe gesehen, wie er einen der Piraten ins Wasser warf.“
„Aha.“
„Schluss jetzt, streitet euch nicht“, mischte sich Maria ein. „Ich denke, wir haben keine andere Wahl. Unser Plan ist, dass wir mit der Macht des Grals die toten Piraten zu lebenden Flüchtlingen machen, die kein Unheil mehr anrichten können. Dann müssen wir nur noch ihre Schiffe verschwinden lassen.“
„Darum kümmere ich mich“, sagte die Waldfee ruhig. „Holz zu Holz. Meine Bäume werden sich freuen.“
„Sehr schön“, erwiderte Maria. „Dann wäre das auch geklärt. Noch Fragen?“
„Ich habe eine“, meldete sich Linda und ignorierte, dass ich unwillkürlich meine Augen verdrehte. „Wie überreden wir die Piraten, bei dem Ganzen mitzuspielen?“
„Das ist Herr Muts Part“, antwortete Maria. Alle sahen mich an.
Ich zog dezent die Augenbrauen hoch. „Darüber haben wir eigentlich noch gar nicht gesprochen.“
„Hast du einen anderen Vorschlag?“
Seufzend schüttelte ich den Kopf. Bedauerlicherweise hatte sie wohl recht. Wenn eine der Hexen bei Soger auftauchte, womöglich allein, würde das übel enden. Und wenn ich dabei wäre, dann könnte ich das gleich selbst übernehmen.
„Also gut, bereitet hier alles vor, während ich die Piraten hole“, sagte ich und seufzte erneut.
„In Ordnung, Herr Mut. Und bitte, geh nicht zu Fuß diesmal, das dauert zu lange.“
„Ich kann ihn fliegen!“, bot Linda an, wofür sie zu meiner großen Freude wütende Blicke von Lola erntete.
„Dich brauchen wir hier“, erwiderte Maria streng. „Herr Mut beherrscht durchaus auch andere Arten der Fortbewegung, nicht wahr? Er tut immer so bescheiden, aber er ist ein Ideengeist, er gehört zu den ältesten und mächtigsten Wesen unserer Welt.“
Ich seufzte zum dritten Mal und Maria lächelte mich an. Ich nickte schließlich und begab mich zu Soger.
Was für ein gewisses Erschrecken seinerseits sorgte, denn ich materialisierte mich unmittelbar in seiner Kajüte.
„Der Ideengeist!“, rief er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte und hob seinen Kelch vom Boden auf. „Wo hast du denn deine augenschmeichelnde Begleiterin gelassen?“
Augenschmeichelnde? Ich schloss kurz die Augen, um nichts Unbedachtes zu sagen, denn das wäre in diesem Moment nicht sehr hilfreich und unserem Plan wenig zuträglich gewesen.
„Sie bereitet sich darauf vor, euren Wunsch zu erfüllen“, erwiderte ich nach einigen Sekunden, in denen Soger seinen Kelch wieder voll gemacht hatte.
„Was gibt es da vorzubereiten? Den Gral herbringen, mir geben …“
„Das geht nicht und das wird nicht geschehen.“
Soger ließ den Kelch auf den Tisch krachen und erhob sich langsam.
„Ich habe das Gefühl, du willst mich nicht verstehen“, sagte er. „Wenn ich den Gral nicht bekomme …“
„Du hörst mir jetzt zu“, unterbrach ich ihn. „Ihr wollt gar nicht den Gral haben, sondern euer Leben zurück. Was interessiert euch da der Gral? Und weißt du, wie ihr die Macht des Grals beschwören könnt?“
„Das finden wir heraus!“
„Da irrst du dich. Es ist der Gral der Rheinhexen, nur die Rheinhexen sind in der Lage, ihn zu beschwören. Sie sind bereit, euch zu helfen, aber sie geben den Gral nicht her. Ihr bekommt euer Leben zurück, danach geht ihr wieder. Das ist unser Angebot. Wenn ihr es ablehnt, gibt es einen Krieg, in dem ich auf der Seite der Hexen und der Menschen kämpfen werde. Weißt du, was das bedeutet?“
Natürlich wusste er das. Ich sah es ihm genau an, und mir war klar, dass jeder Geist, der nicht gerade in den letzten Wochen in diesen Zustand geraten war, ganz genau wusste, zu was Ideengeister in der Lage sind, wenn man sie reizt. Ideengeister sind sehr friedfertig, denn sie wollen durch ihre Ideen wirken, aber Maria hatte es richtig erkannt, dass Ideengeister die ältesten und mächtigsten Wesen dieser Welt sind. Sie hatten diese Welt mit ihren Ideen zu dem gemacht, was sie war, eine Tatsache, die sie teilweise durchaus bereuen, doch davon unabhängig verfügen Ideengeister über weitere Kräfte, die zu nutzen sie vermieden, wenn es nicht wirklich sehr, sehr wichtig war.
Wie jetzt.
„Darfst du das überhaupt, für die Menschen kämpfen?“, fragte Soger schließlich provozierend.
„Wer soll es mir denn verbieten? Ich schlage vor, wir lassen dieses Geplänkel und reden über das Wesentliche. Die Fakten liegen auf dem Tisch, nun ist es an dir zu entscheiden. Danach kehre ich zurück zu den Hexen, und was danach geschieht, hängt einzig und allein von deiner Antwort ab. Wie also lautet deine Entscheidung?“
Ich sah ihm an, wie er mit sich kämpfte, für mich durchaus nachvollziehbarerweise. Zumindest wenn ich die Angelegenheit von seiner Warte aus betrachtete, was ich jedoch nur tat, um sein Handeln zu verstehen. Mit dem, was er tat, war ich darüber hinaus nicht einverstanden, ich missbilligte es sogar. Dies machte es mir leicht, entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten so unbarmherzig aufzutreten. Ich gestehe, ich orientierte mich dabei an meiner Freundin Fiona, die das bis zur Perfektion beherrschte.
„Also gut, ich bin einverstanden“, sagte Soger schließlich. „Die Hexen erwecken uns wieder zu lebenden Menschen, danach segeln wir fort.“
„In Ordnung, so machen wir es“, antwortete ich wider besseres Wissen. Sie würden nicht davonsegeln, das stand auf jeden Fall fest. Sobald sie wieder zu gewöhnlichen Menschen verwandelt sein würden, könnten sie ihre Schiffe nicht einmal mehr sehen, geschweige denn auf ihnen fahren. Wie alle anderen Normalsterbliche auch.
Aber das verriet ich ihm an dieser Stelle lieber nicht.
Ich kehrte zu den Hexen zurück, um ihnen die neueste Entwicklung mitzuteilen, außerdem galt es zu besprechen, wie wir vorgehen wollten. Zum Beispiel stellte sich durchaus die Frage, wo die Beschwörung stattfinden sollte.
Genauer gesagt, Maria stellte diese absolut berechtigte Frage.
„Auf einem der Schiffe“, antwortete ich.
„Aber ist das nicht zu gefährlich?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Inwiefern?“
„Nun, sie könnten uns angreifen und den Gral rauben nach der Verwandlung!“
„Ganz sicher nicht“, erwiderte Linda und zog ihr Schwert.
Irgendwie erinnerte sie mich an die bereits erwähnte Fiona.
„Das wird nicht nötig sein“, sagte ich ruhig und unterdrückte ein Lächeln. „Sobald wir sie verwandelt haben, werden ihre Schiffe für sie unsichtbar und unberührbar und sie fallen ins Wasser.“
„Oh!“, rief Lola strahlend. „Du bist einfach genial, Herr Mut!“
„So weit würde ich nicht gehen, meine Liebe. Aber ich bin ein Ideengeist, und was wäre ein Ideengeist ohne Ideen?“
„Das ist wohl wahr“, bemerkte Maria und schaffte es nicht ganz, ein Grinsen aus ihrem Gesicht zu vertreiben. „Ich gebe jedenfalls zu, dein Plan klingt inzwischen recht ansprechend.“
„Wieso inzwischen?“, erkundigte sich Lola aufgebracht.
Ich legte eine Hand auf ihre Schulter. „Alles in Ordnung. Wir möchten uns jetzt lieber auf unsere Aufgabe konzentrieren, was meinst du?“
Sie atmete tief durch, dann nickte sie. „Ja, du hast natürlich recht.“
Maria musterte mich nachdenklich. Vermutlich fragte sie sich, genau wie ich, wer hier eigentlich auf wen irgendwelche Verführungszauber bewirkte. Selbstverständlich hatte ich in meinem sehr langen Leben die eine oder andere, auch großartige Liebe erlebt, insofern fand ich die Situation im Grundsatz nicht ungewöhnlich. Allerdings hatte ich es dabei noch nie mit einer Verführungshexe zu tun.
„Nun, wenn ich das richtig sehe, ist alles geklärt, was noch bleibt zu tun, ist das Tun“, sagte Adelheid von Báthory.
„Ganz recht“, bestätigte Maria mit einem Nicken. „Daher schlage ich vor, dass wir den Gral holen und dann begeben wir uns zu Soger.“ Sie erschauderte, wohl unwillkürlich.
Wir einigten uns darauf, dass sie das alleine tat, um kein unnötiges Aufsehen zu erregen. Wir warteten zwischenzeitlich im Stadion, wenngleich wir leider nicht lange warten mussten. Leider, denn Lola kam auf die Idee, sich an mich zu drücken, was erstens bewies, dass nicht nur Ideengeister Ideen haben konnten und andere nicht nur ebenfalls Ideen, sondern sogar ausgesprochen gute Ideen haben konnten.
Ich seufzte also, als Maria wieder in unserer Mitte erschien, natürlich nur bildlich gesprochen
Danach begaben wir uns zu den Piraten.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (8)

Es war schon Mitternacht durch und somit der 1. Mai, als wir erneut bei Maria Nana vor der Tür standen. Sie sah nicht so aus, als hätte sie bereits geschlafen. Ich vermutete, dass sie nicht vorhatte, diese Nacht überhaupt schlafend zu verbringen. Dafür hatte sie auch mein vollstes Verständnis.
Sie invitierte uns ins Wohnzimmer, wo wir bereits vor einigen Stunden gesessen hatten. Lola erzählte ohne viel Umschweife, was sich ereignet hatte. Maria Nana hörte aufmerksam zu. Ab und zu betrachtete sie mich. Und als Lola von unserem Ansinnen mit dem Hexentreffen erzählte, zog sie die Augenbrauen hoch.
„Ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich eine gute Idee ist“, sagte sie dann.
„Ich auch nicht!“, pflichtete ich ihr bei.
„Da es heute der 1. Mai ist.“
„Oh“, sagte ich enttäuscht.
„Es ist aber ein Notfall!“, bemerkte Lola. „Ich glaube, sie würden alle kommen.“
„Ja, das denke ich allerdings auch“, entgegnete Maria Nana nachdenklich. „Ich denke auch, dass es gerechtfertigt ist, die Lage als Notfall einzustufen.“
„Ich gebe zu bedenken, dass die Verluste den möglichen Gewinn mehr als aufwiegen könnten“, sagte ich. „Mir ist bewusst, wie kritisch die Situation ist. Doch unterm Strich wird möglicherweise weniger Schaden angerichtet, wenn die Rheinpiraten den Gral bekommen.“
„Wie meinst du das?“
Ich sah, wie die Mentorin die Augenbrauen hochzog, gab ihr aber keine Gelegenheit, sich zu äußern: „Lola, die Absicht der Piraten ist nicht, jemanden zu verletzen oder zu töten. Jedenfalls nicht primär. Sie haben vermutlich 200 Jahre verschlafen, im Wortsinn. Ihnen ist überhaupt nicht klar, wie sich die Welt weiter entwickelt hat, das hat auch unser Gespräch gezeigt, nicht wahr?“
Lola nickte.
„Sobald sie wieder zu Lebenden werden, gelten für sie wieder die ganz normalen physikalischen Gesetze. Denkst du ernsthaft, so ein Haufen Piraten kann viel Unheil anrichten, ohne die magischen Kräfte?“
„Äh … eher nicht, glaube ich.“
„Genau. Die Polizei würde sie einkassieren, oder sie schaffen es, unterzutauchen.“
„Eine schöne Theorie, Herr Mut“, sagte Maria Nana. „Leider hat sie einen kleinen Fehler.“
„Welchen denn?“
„Der Gral ist keine Batterie, dessen magische Energie sich erschöpft, wenn er ein paar Idioten ins Reich der Lebenden zurückgeholt hat. Wenn die Piraten den Gral bekämen, könnten sie ihn auch als Normalsterbliche nutzen und wären durchaus gefährlicher als gewöhnliche, nicht vorhandene Rheinpiraten. Haben Sie das bedacht, Herr Mut?“
„Hm.“
„Oh“, sagte Lola und sah mich verzweifelt an. „Das tut mir wirklich sehr leid für dich. Ich weiß ja, wie wichtig dir eine friedliche Lösung ist. Aber ich glaube, die besten Chancen, dass möglichst wenig kaputtgeht, haben wir mit Hilfe meiner Schwestern.“
„Hm.“
„Sie hat recht, Herr Mut“, unterstützte Maria Nana ihre Schülerin. „Je mehr ich darüber nachdenke, umso überzeugter bin ich.“
„Hm. Ja, ich gebe zu, diesen einen kleinen Haken habe ich nicht bedacht. Ihr Einwand ist leider durchaus berechtigt. Allerdings frage ich mich, ob es nicht möglich wäre, ihnen den Gral gar nicht auszuhändigen, sondern ihnen lediglich zu erlauben, seine Macht einmalig zu nutzen.“
„Die Lösung wäre selbstverständlich absolut perfekt, Herr Mut. Denken Sie, Sie könnten Soger von dieser Idee überzeugen?“
Ich seufzte. „Natürlich nicht. Allerdings überlege ich gerade, ob es nicht eine Möglichkeit gäbe, ihn trotzdem dazu zu bringen. Wenn schon nicht aus Einsicht, dann mit sanftem Druck. Oder auch nicht so sanftem Druck.“
„Ehrlich gesagt, wüsste ich nicht, wie.“
„Aber ich habe eine Idee!“, rief plötzlich Lola begeistert. „Herr Mut, du bist genial!“ Sie sprang auf und gab mir einen flüchtigen, leider nur einen flüchtigen, Kuss auf den Mund.
Maria Nana und ich starrten sie entgeistert an, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Vermutlich. So genau wusste ich das nicht, jedoch war mir das gerade auch ziemlich egal.
„Du hast eine Idee?“, fragte ich schließlich.
„Ja! Wir bringen ihn dazu, die Macht des Grals zu nutzen, sich in lebende Menschen zu verwandeln, ohne ihm den Gral zu geben!“
„Lola? Alles in Ordnung bei dir?“, erkundigte sich die Mentorin stirnrunzelnd.
„Ich denke, das ist es in der Tat“, sprang ich Lola zur Seite, als mir klar wurde, wie genial ihre Idee wirklich war. „Ich finde ihre Idee sogar sehr gut.“
„Nicht wahr?“ Lola strahlte mich an.
„Also schön, ihr beiden. Abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, was sich da zwischen euch eigentlich abspielt, muss ich wohl davon ausgehen, dass ihr gemeinschaftlich den Verstand verloren habt.“
„Keineswegs, Maria, keineswegs.“ Ich beobachtete sie kurz, um zu erfahren, wie sie auf die Vertraulichkeit reagiert, obgleich sie ja damit angefangen hatte. „Natürlich ist die Idee, wie Lola sie formuliert hat, bereits eine Minute vorher erwähnt worden. Doch ich gebe zu bedenken, dass es eine Variante gibt, mit der sie zum gewünschten Ergebnis führen könnte.“
„Aha. Und darf ich diese auch erfahren?“
„Selbstverständlich. Lola hat einfach meinen Einschub mit dem sanften Druck hinzugefügt. Und wenn wir daraus ein Konstrukt erstellen, dass nur 100 Hexen in Anwesenheit in der Lage sind, die Kraft des Grals derart zu entfalten, dass die Piraten wieder lebende Menschen werden und ferner diese 100 Hexen dabei den Gral ja halten müssen, haben wir das gewünschte Ergebnis: Der Gral ist in Sicherheit und die Piraten nur noch Normalsterbliche, die es sich aussuchen dürfen, ob sie unauffällig sich in alle Winde zerstreuen oder wir sie der Polizei übergeben.“
„Hm“, sagte Maria Nana. „Das klingt in der Tat sehr interessant. Darf ich dich auch küssen, Herr Mut?“
„Nein!“, rief Lola.
Maria Nana grinste, und ich vermutete sehr stark, dass sie gar nicht die Absicht hatte, mich zu küssen. Sie war durchaus auch attraktiv, keine Frage, doch mir wurde bewusst, dass es mir doch lieber war, wenn Lola mich küsste.
Wie tief war ich nur gesunken?
„Nun gut“, sagte Maria schließlich. „Es gibt Einiges vorzubereiten. Lola, ich brauche deine Hilfe dabei. Die Beschwörung unserer Schwestern ist anstrengend und schwierig, außerdem gefährlich für andere Wesen. Auch wenn du unsterblich bist, Herr Mut, solltest du lieber hier bleiben.“
„Ich verstehe“, erwiderte ich, obwohl mir klar war, dass die Sorge um meine Gesundheit nicht der Grund für ihre Bitte war. „Und passen 100 Hexen in dieses Haus?“
„Nein, wir werden uns im Stadion treffen. Sobald wir vollzählig sind, schicke ich jemanden, der dich holt.“
„Mich!“, rief Lola.
„Kannst du fliegen?“
„Nein …“
„Dann nicht dich. Komm jetzt, Lola!“
„Einen Moment noch!“
Ich bekam meinen zweiten Kuss, diesmal nicht ganz so flüchtig wie soeben, aber immer noch weit entfernt von dem, was ich mir, wie ich vor mir eingestehen musste, eigentlich erwünschte. Und noch etwas wurde mir bewusst: Wenn ich nicht ähnliche Macht über Verführungshexen hatte wie diese über mich, dann hatte sich Lola anscheinend in mich verliebt.
Was ich durchaus verstehen konnte, dennoch irritierte mich diese Erkenntnis ein wenig.

Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“