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Die Weihnachtsgeschichte geht weiter

Weihnachten trocknete ihre Tränen ab.

„Wieso wollen keine Menschen mehr zu mir kommen?“, fragte sie schniefend den Busfahrer.

„Ich bin nur der Busfahrer“, erwiderte jener mit einem Seitenblick auf sie.

„Aber die Menschen reden während der Fahrt doch bestimmt darüber. Hast du nichts gehört auf den letzten Fahrten?“

„Doch …“, erwiderte der Busfahrer zögernd. „Sie haben etwas erwähnt …“

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass der Busfahrer ein sehr rücksichtsvoller Mensch war und Weihnachten nicht wehtun wollte. Allerdings war ihm soeben klar geworden, dass seine Rücksichtsnahme dazu geführt hatte, dass Weihnachten völlig unvorbereitet war. Hätte sie damit gerechnet, dass die Menschen nicht mehr zu ihr kommen wollen, dann wäre sie vermutlich immer noch sehr traurig gewesen, aber sie hätte auch Zeit genug gehabt, sich darauf einzustellen. Manchmal ist es vielleicht doch besser, darüber zu sprechen, was geschehen könnte, dachte daher der Busfahrer bei sich, während er zugleich überlegte, wie er es Weihnachten erklären sollte, warum die Menschen nicht mehr zu ihr kamen.

Dann traf er eine Entscheidung. „Ich glaube, ich zeige es dir einfach“, sagte er. „Wir sind jetzt doch sowieso schon unterwegs, dann bringe ich dich dahin, wohin die Menschen gehen.“

„Jetzt bin ich ja gespannt“, antwortete Weihnachten und sah sehr unglücklich aus.

Der Busfahrer gab ein neues Ziel in seinem besonderen Navigationsgerät ein. Dieses Navigationsgerät hatte damit zu tun, wieso die Fahrt zu Weihnachten kein ganzes Leben dauerte, deswegen hoffe ich, dass Ihr mir verzeiht, wenn ich es nicht beschreibe; aber Ihr wisst ja: versprochen ist versprochen.

Jedenfalls erreichte der Bus irgendwann sein Ziel und hielt vor einem kleinen, unscheinbaren Haus. Sonst gab es nichts zu sehen, denn es war dunkel. Doch selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte es nicht zu sehen gegeben, denn es gab hier nichts, nur dieses eine kleine, unscheinbare Haus.

Weihnachten betrachtete es mit großen Augen. „Hier sind all die Menschen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Aber warum nur?“

„Das weiß ich nicht.“

„Das weißt du nicht?“

„Nein.“

Weihnachten überkam das Gefühl, dass der Busfahrer nicht mehr sagen wollte oder konnte und dass sie nicht umhin kommen würde, sich selbst ein Bild zu machen. Mit klopfendem Herzen stieg sie also aus dem Bus und trat zu der schmalen, einfachen Haustür. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Menschen dieses schmucklose, ja, eigentlich sogar hässliche Haus ihrem sauberen, hellen, schönen Haus vorziehen sollten. Aber der Busfahrer hatte gesagt, sie wären alle hier.

Also trat sie ein.

Hinter der Tür war es stockfinster.

„Hallo?!“, rief Weihnachten. „Ist jemand hier?“

Sie hörte, dass sich jemand näherte und machte einen Schritt zurück, bis sie gegen die geschlossene Tür stieß.

„Willkommen!“, rief jemand begeistert. „Wir begrüßen dich in unserem Tempel des Glücks! Hier hast du eine Nummer! Damit kannst du einkaufen und am Ende, bevor du wieder gehst, bezahlst du einfach alles! Wir liefern selbstverständlich nach Hause!“

„Bezahlen? Liefern?“ Weihnachten war ziemlich verwirrt. Sie konnte immer noch nichts sehen, auch nicht denjenigen, der ihr nun etwas in die Hand drückte, was sich wie Papier anfühlte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass hier etwas sehr Ungutes geschah. Es konnte doch nicht sein, dass die Menschen wirklich freiwillig in dieses dunkle Häuschen kamen! Hier gab es doch – nichts! „Warum ist es hier so dunkel?“, fragte sie.

„Hier ist es doch nicht dunkel! Oder bist du blind? Das tut mir dann leid für dich. Es ist doch alles hell und so schön bunt! Sieh all die wunderschönen Sachen, die du kaufen kannst! Schau all die vielen Menschen, die ihre Weihnachtsgeschenke einkaufen! Und da hinten, da gibt es sogar ein Kinderkarussell! Endlich sind die Menschen glücklich, denn jetzt können sie das haben, was sie schon immer haben wollten!“

Weihnachtens Verwirrung steigerte sich, so sehr widersprach die Schilderung dieses Mannes von dem, was es hier angeblich gab, dem, was sie sehen und hören konnte. Oder vielmehr, was sie nicht sehen und hören konnte: Für sie gab es hier nur Dunkelheit und, abgesehen von seiner metallisch klingenden Stimme, Stille. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass die Menschen hierher gelockt wurden, mit Versprechungen, die nichts als leere Seifenblasen waren, bunt und groß, die aber bei der geringsten Berührung zerplatzten und das Gesicht nass machten.

„Es tut mir leid“, sagte sie und war plötzlich sehr ruhig. „Ich sehe nur Dunkelheit und hören kann ich auch nichts. Hier ist der Zettel, den brauche ich nicht.“

Sie gab dem Mann, falls es überhaupt ein Mann war, denn sie konnte ihn ja nicht sehen, den Zettel mit der Nummer zurück, dann drehte sie sich um und suchte tastend nach der Türklinke. Als sie draußen stand und den Bus sah, atmete sie tief durch und stieg in den Bus.

„Und?“, fragte der Busfahrer neugierig. „Was hast du gesehen?“

„Nichts“, antwortete Weihnachten traurig. „Gar nichts. Da ist nichts.“

„Gar nichts?“, wiederholte der Busfahrer verwirrt. „Wie meinst du das?“

„Dass dort nichts ist. Zumindest nichts für mich. Es ist dunkel und still. Fahr mich bitte wieder nach Hause.“

Während sie sich wieder rechts vom Busfahrer hinsetzte und in sich zusammensank, startete der völlig verwirrte Busfahrer den Motor und schloss die Tür. Doch als er gerade losfahren wollte, ging die Haustür auf und ein kleiner Junge kam herausgerannt.

„Wartet! Ich will mit!“

Der Busfahrer trat auf die Bremse, dann ließ er den kleinen Jungen einsteigen, der sich neben Weihnachten setzte. Diese starrte ihn erstaunt an. Nun fuhr der Bus wirklich los, aber Weihnachten fragte sich, ob das richtig sein konnte, denn der kleine Junge wohnte ja nicht bei ihr. Jedenfalls bisher nicht.

„Bist du Weihnachten?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Ja, bin ich“, erwiderte sie.

„Oh ja! Darf ich dich besuchen kommen?“

„Das machst du doch schon, jetzt gerade“, antwortete Weihnachten immer verwirrter. „Wer bist du denn?“

„Ich heiße Josh“, sagte der Junge. „Meine Eltern wollen, dass ich mit ihnen Geschenke aussuche. Und dass ich Karussell fahre.“

„Und du willst das nicht?“

„Da drin ist doch nichts. Da ist es nur dunkel und still. Ich weiß nicht, was meine Eltern da drin machen.“

Weihnachten starrte den Jungen an. Er sah dasselbe wie sie, nämlich nichts? Wie konnte das nur sein? Doch dann beschloss sie, dass es eigentlich keine Rolle spielte. Denn wenn es auch nur einen Menschen gab, der dort genau wie sie nichts sah, dann gab es vielleicht noch Hoffnung.

„Bei mir gibt es aber keine Geschenke“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich weiß. Meine Oma war oft bei dir und hat erzählt, dass bei dir alles hell ist. Und sauber. Und dass du den Menschen schöne Geschichten erzählst. Und dass du leckere Kekse hast.“

„Das ist alles wahr“, erwiderte sie lächelnd.

„Bekomme ich Kekse? Und liest du mir die Geschichten vor?“

„Selbstverständlich, Josh.“ Weihnachten warf einen kurzen Blick auf den Busfahrer und sah, dass er auch lächelte.

So fuhr der Bus weiter und brachte Weihnachten nach Hause. Und als er dieses Mal vor ihrem sauberen, schönen, glänzenden Haus anhielt, war er nicht mehr leer. Sicher, ein Mensch allein hört sich nicht nach viel an, aber andererseits ist ein Mensch sehr viel mehr als niemand. Und zumindest hatte er die ganze Aufmerksamkeit von Weihnachten für sich, die ihm Kekse gab und Geschichten vorlas.

Als er in den Bus stieg und nach Hause fuhr, lächelte er glücklich.

Ein paar Tage später besuchte ich Weihnachten. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie mir, was sich zugetragen hatte.

Ich schwieg lange, denn ich musste das erst einmal verarbeiten, so unglaublich war diese Geschichte. Schließlich fragte ich: „Wirst du nächstes Jahr dann überhaupt dein Haus für die Gäste vorbereiten?“

„Selbstverständlich“, antwortete Weihnachten. „Josh wird wiederkommen und er hat gesagt, dass er seine Freunde mitbringt. Du wirst sehen, schon bald wird der Bus wieder voller Leute sein, wenn er vor meinem Haus hält!“

„Na gut“, brummte ich. „Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert. Und ich wünsche dir, dass du recht behältst.“

„Ja, ich denke schon. Und wo gehst du jetzt hin?“

„Zu Kerstin, ins Café Kitsch. Ich will wieder guten Kaffee trinken. Oder eine Trinkschokolade? Mal sehen.“

„Aha. Chilli Bird´s Eye?“

Ich sah sie nur grimmig an. Doch dann mussten wir beide lachen.

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Toll Schreiber im Café Kitsch

 

Letztes Wochenende war ich im Café Kitsch, weil ich mal wieder einen leckeren Kuchen essen wollte. Es ist keineswegs so, dass es nur im Café Kitsch guten Kuchen gibt, aber dort kann man sich immer darauf verlassen, keine Fertigprodukte vorgesetzt zu bekommen.

Das hat auch Herr Toll Schreiber festgestellt. Er war nämlich dabei, eine Idee von mir. Seit langer Zeit meine schlechteste Idee. Für gewöhnlich nehme ich Herrn Toll Schreiber nicht mit, wenn ich irgendwohin gehe, denn er kann sich so schlecht beherrschen, wenn er Bücher sieht. Manchmal begnügt er sich mit Zeitschriften, aber da ist viel Ungenießbares dabei. Behauptet er jedenfalls, und ich bin geneigt, ihm zu glauben.

Jedenfalls dachte ich: Welchen Versuchungen könnte er schon in einem Café ausgesetzt sein? Was ich nicht bedacht habe, war die Tatsache, dass im Café Kitsch auch Bücher ausliegen. Jawohl, Bücher in einem Café. Und warum eigentlich nicht? Ich finde die Idee (Im Gegensatz zu meiner Idee, Toll Schreiber mitzunehmen!) jedenfalls gut. Es erinnert mich an alte Tage, als man noch ins Café ging, weil es zum Lifestyle gehört hat, und nicht, um in drei Minuten einen schwabbeligen Käsekuchen hinunterzuwürgen und einen Allerweltscappuccino hinterherzugießen. Ich gebe zu, nicht alle Cafés sind so. Es gibt sie noch, die Juwelen in der Gastronomielandschaft, wo jemand einkehrt und schon beim Eintreten von einer Stimmung empfangen wird, die zum Verweilen und Genießen einlädt.

Und ohne Bücher wäre das Ambiente einfach – unvollständig.

Doch daran habe ich leider nicht gedacht, als ich mit Toll Schreiber das Café betrat. Als ich dabei jedoch die Bücher erblickte, die auf jedem Tisch lagen, wurde mir anders. Ich packte Toll Schreiber am Arm und wollte mit ihm das Lokal wieder verlassen, aber es war bereits zu spät.

„Bücher!“, rief er.

„Zum Lesen! Herr Schreiber, nur zum Lesen!“

„Und warum liegen sie dann auf den Tischen?“

„Damit die Gäste schmökern und sich unterhalten können. Doch das geht nur, wenn Buchstaben in den Büchern sind. Und damit schließt sich von selbst aus, dass Sie diese Bücher in die Hand nehmen. Wir sollten daher besser gehen, denn dieser Versuchung möchte ich Sie nicht aussetzen.“

Toll Schreiber öffnete den Mund, vermutlich um zu protestieren, doch er kam nicht dazu, denn Frau Litterst, die stilecht mit ihrem Schürzchen sich dem Inventar anpasste, sprach uns an und führte uns zu dem Tisch am Fenster.

„Darf ich Ihnen heute eine Zitronen-Lavendel-Tarte empfehlen, die Herren?“, fragte sie dabei. „Und ich würde Ihnen gerne etwas zu unserem Kaffee erzählen.“

„Das mit dem Kaffee weiß ich schon!“, sagte ich schnell.

„Ach ja, Herr Mut, ich habe Sie erst gar nicht erkannt. Aber Ihr Begleiter weiß es vielleicht noch nicht …“

„Er isst keinen Kaffee und trinkt keinen Kuchen“, erwiderte ich und wunderte mich über das unverschämte Grinsen Toll Schreibers. Frau Litterst wirkte irritiert.

„Das ist Toll Schreiber“, erklärte ich.

„Oh!“, sagte sie nur und nahm blitzschnell das Buch vom Tisch, obwohl darauf „Lies mich“ und nicht „Iss mich“ stand. „Ich habe noch ein altes, ausgelesenes Buch von einem Studenten hier. Er hat es vergessen, vielleicht mit Absicht.“

„Wie schmeckt es denn?“, erkundigte sich Toll Schreiber neugierig.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Frau Litterst und eilte davon, um das Buch zu holen. Dachte ich jedenfalls. Tatsächlich kam sie mit zwei Kaffees, meiner Tarte, einem Milchkännchen und dem Buch wieder.

„Aber Toll Schreiber trinkt doch keinen Kaffee“, sagte ich, während ich den Kuchen probierte. Er schmeckte genau in der richtigen Mischung nach Lavendel und Zitrone, wobei Zitrone nicht dominant, aber doch deutlich den Geschmack des Lavendels überragte. Dagegen hatte ich auch nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil.

„Dann trinke ich ihn“, erklärte sie und setzte sich mir schräg gegenüber neben Toll Schreiber. „Ich wollte sowieso schon immer mal wissen, wie Sie beide zusammen aussehen.“

„Nun wissen Sie es“, sagte ich und beobachtete Toll Schreiber, um rechtzeitig einschreiten zu können, falls er allzu offensichtlich von seinem Buch aß. Aber zum Glück wusste er, manchmal jedenfalls, wie man sich als Toll Schreiber in der Öffentlichkeit benehmen sollte. Er verhielt sich auf jeden Fall sehr unauffällig.

„Ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht. Irgendwie habe ich Sie beide mir etwas anders vorgestellt.“

„Das kommt durchaus öfter vor“, erwiderte ich etwas indigniert. „Das liegt daran, dass wir Gedankengeister sind. Jeder nimmt uns anders wahr.“

„Gedankengeister?“, wiederholte sie. „Was habe ich mir darunter vorzustellen?“

„Wir sind so was wie kreative Musen. Wobei es von uns sehr viele gibt. Unendlich viele, um genau zu sein.“

Ich sah ihr an, dass sie nicht wirklich zufrieden mit meiner Antwort war, aber ungewohnterweise hakte sie nicht nach.

„Nun“, sagte sie, weil weitere Gäste zur Tür hereinkamen. „Ich lasse Sie allein. Herr Schreiber, ich hoffe, Sie sind satt geworden. Und selbstverständlich sind Sie meine Gäste.“

Ich öffnete schon den Mund, um zu protestieren, entschied mich dann aber anders. Vermutlich war sie einfach nur froh, dass Toll Schreiber sich mit dem einen Buch zufrieden gab.

Als wir etwas später das Café verließen, um die Rheinstraße nach oben zu gehen, waren alle anderen Tisch besetzt und Frau Litterst und Elisa gut beschäftigt.

Ungefähr in der Höhe der Metzgerei Berg sagte Toll Schreiber: „Eigentlich könnte ich noch etwas essen. Gibt es hier auch eine Buchhandlung?“

 

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