Herr Mut versteht die Welt (nicht) 3. Teil

Wir trafen uns in der Außengastronomie von Alt Linz. Drinnen ging es ja ohne Test nicht und zwei Geister und eine Hexe testen? Die Gesichter der Tester hätte ich gerne gesehen. Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, was für Ergebnisse dabei herausgekommen wären. Aber ganz sicher keine, die die Tester schon mal erlebt hatten. Obwohl … Es ist natürlich möglich, dass sich irgendwelche Spaßvögel aus der nichtmenschlichen Abteilung haben bereits testen lassen. So oder so, ein Test hätte bei uns einfach nichts ausgesagt und um Komplikationen aus dem Weg zu gehen, wählten wir die Außengastronomie.
Es klingt komisch, aber Geister können essen. Hexen sowieso. Sie müssen nicht, aber sie können. Eine kleine Ausnahme ist Toll Schreiber. Er kann zwar auch, wie er Fiona mal verriet, aber er muss aufpassen, denn es bekommt ihm unter Umständen nicht. Bis auf Buchstaben, natürlich. Da gibt es keine Grenze für ihn. Aber es ist halt Toll Schreiber.
Ich wählte die berühmte Currywurst, Kongar nahm Schnitzel „Spezial“ und Lola den Salatteller „Bunte Stadt“. Passend zum Ort des Geschehens.
Während wir auf das Essen warteten, musterten sich Kongar und Lola gegenseitig. Das wunderte mich nicht. Auf ihre Art sind beide besondere Vertreter ihres Geschlechts, Lola außerdem ja auch noch eine Verführungshexe. Sie wirkte ein wenig exotisch mit braunen, langen Haaren und den schwarzen Augen. Mit den vollen, roten Lippen sowieso. Kongar ist klein, kleiner als ich. Unter 1,70, denke ich. Er hat schwarze, gelockte Haare, ein schmales Gesicht. Das Kinn ist sehr ausgeprägt. Und er hat braune Augen. In den etwas über 2.000 Jahren seines Lebens haben sich sehr viele Frauen davon … beeinflussen lassen, wie er aussieht. Teilweise hatte ich das mitbekommen.
„Das ist Kongar“, erklärte ich Lola. Und ihm: „Das ist Lola, eine Verführungshexe.“
„Ich weiß“, nickte Kongar. „Die Geschichten über die Rheinpiraten habe ich gehört, so auch die über Lola.“
Sie zog die Augenbrauen hoch. „Darüber wird geredet?“
„In unserer Welt schon“, erwiderte er lächelnd.
Ich nahm mir vor, darauf zu achten, dass ihre Hexenkraft nicht auf ihn wirkte. Wenn es nicht schon zu spät war. Vielleicht wirkte es auch gegenseitig. Das wäre die ultimative Katastrophe gewesen.
„Also gut, warum sind wir hier, Kongar?“ Ich musste die beiden irgendwie aus der gegenseitigen Trance holen.
„Ach ja.“ Er seufzte und fummelte am Besteck herum. Dabei lag es doch schon perfekt. Er war nervös. Ziemlich nervös sogar. Das konnte nichts Gutes bedeuten, was wiederum mich etwas nervös machte. Ich hatte zu viel mit ihm erlebt, um nicht zu wissen, dass es nie ein gutes Ende nahm, wenn er nervös wurde.
„Jedenfalls“, fuhr er fort, „als ich davon hörte, beschloss ich, auch mal hierher zu kommen. Das ist jetzt einige Monate her, aber ich habe euch nicht angetroffen.“
„Du hättest ja auch damals schon eine Nachricht schicken können“, bemerkte ich.
„Ja, das ist wahr. Aber ich kam nicht dazu, denn ich bin Lisa begegnet.“
„Lisa?“, wiederholte ich.
Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich.
„Oh, eine unglückliche Liebesgeschichte!“, rief Lola begeistert.
Unser Essen wurde gebracht und Kongar wartete, bis Ute wieder außer Hörweite war.
„Sie ist tot“, sagte er dann.
„Tot?“ Schon wieder wiederholte ich ihn. Das war auf jeden Fall kein gutes Zeichen. „War sie denn ein Mensch?“
„Das weiß ich nicht so genau, denn sie konnte mich sehen.“
„Du meinst, auch, als du unsichtbar warst?“
Er nickte erneut.
„Wie ist sie denn gestorben?“
„Sie hat eine kleine Wohnung hier in Linz, irgendwo da oben. Da fand ich sie vorhin … Ist wohl schon einen halben Tag inzwischen her. Ich … ich war völlig durcheinander. Deswegen rief ich dich. Mir fiel sonst niemand ein.“
„Ich finde das interessant, dass nur unsere Freundschaft zwei Jahrtausende überdauert hat.“
Er starrte mich an. „Meistens waren es Menschen, und die sind schon lange tot. Nun auch Lisa.“
„Entschuldige. Welcher Art war denn eure Freundschaft?“
„Ich denke, wir haben uns ineinander verliebt …“
„Und wer hat sie getötet?“, erkundigte sich Lola.
„Das weiß ich nicht.“ Kongar stocherte lustlos in seinem Essen herum.
Mir fiel meine Currywurst ein und ich begann zu essen. Dafür könnte man mich für gefühllos halten, doch die Wahrheit ist, dass ich in meinem langen Leben viel zu oft dem Tod begegnet bin, als dass er für mich noch einen besonderen Schrecken hätte. Zumal ich ja weiß, dass er auch nur eine weitere Station für die Seelen ist. Kongar weiß das selbstverständlich auch, doch mir war klar, dass es Momente im Leben gibt, in denen man das vergisst. Auch wenn Lisas Seele in der Verborgenen Welt weiterlebt und in einigen Jahrhunderten wieder eine Manifestierung in der Gefrorenen Welt erleben sollte, so war das für Kongar in jener Zeit kein Trost.
„Das heißt, sie ist getötet worden?“, fragte Lola.
„Ja, sie wurde erstochen.“
„Selbstmord schließt du aus?“, hakte ich nach.
„Von hinten.“
„Das wäre dann wohl eine umständliche Art des Selbstmords“, stellte Lola fest. „Das tut mir ja so leid für dich!“
Kongar seufzte. „Es ist zum Verzweifeln, wie oft ich Pech habe mit den Frauen.“
Ich zog die Augenbrauen hoch. „Du hast Pech? Ich denke, Lisa würde es eher so sehen, dass sie Pech hat.“
„Du weißt, wie ich das meine.“
Das stimmte, das wusste ich wirklich. Dennoch fand ich seine etwas selbstbezogene Sicht nicht angemessen, jedoch sah ich keinen Sinn in einer Diskussion. Zumal es dringendere Fragen zu klären gab.
„Wir müssen in die Wohnung und uns das selbst ansehen, wenn wir dir helfen sollen, Kongar“, sagte ich. „Du findest die Wohnung?“
„Selbstverständlich. Ich habe ja einen Schlüssel, auch wenn ich keinen bräuchte. Aber sie wollte es so. Sie meinte, das wäre romantischer.“
„Ich glaube eher, sie wollte nicht, dass du einfach in der Wohnung erscheinst. Ich denke, Menschen mögen das nicht.“ Kongar sah mich an, dann seufzte er wieder. Irgendwie tat er mir schon leid, aber das nützte jetzt gerade nichts. Auch wenn Kongar keine Gefahr von den Behörden drohte, mussten wir etwas unternehmen. Aus mehreren Gründen, denn einerseits wollte ich nicht, dass unnötig viele Menschen von seiner Existenz und damit von der Existenz der Geister erfuhren, andererseits wollte ich ausschließen, dass er mehr damit zu tun hatte, als er es zugab. Wenngleich ich diese Möglichkeit für eher unwahrscheinlich hielt, konnte ich nicht sicher sein. Schließlich wussten wir zu diesem Zeitpunkt eigentlich gar nichts über diese Geschichte, und es musste einen Grund dafür geben, dass Lisa ermordet wurde. Jedenfalls fand ich es interessant, dass sie keine Unsterbliche war, aber dennoch unsichtbare Geister sehen konnte. Dafür gab es sehr wohl eine mögliche Erklärung, doch diese wollte ich erst abklären.
„Hast du noch jemandem etwas erzählt?“, erkundige ich mich.
„Nein, ihr seid die Ersten.“
„Gut. Wir essen zu Ende und danach gehen wir in die Wohnung.“
Kongar nickte, sah allerdings nicht so aus, als wenn er Hunger hätte. Das war durchaus verständlich, anscheinend für Lola auch, denn sie fragte ihn, ob sie sein Essen haben dürfte und als er nickte, tausche sie die Teller und machte sich über das Schnitzel her. Wäre sie ein Mensch und keine Hexe gewesen, hätte ich gefragt, wo sie all das hintut, denn bei ihrer Größe von 165 cm und dem flachen Bauch konnte ich mir keine medizinisch begründbare Lagermöglichkeit in ihrem Körper vorstellen. Wenn ich es mir recht überlegte, konnte ich es mir auch nicht medizinisch nicht vorstellen, aber so ist das eben mit der Illusion.
Nachdem sie fertig war, bezahlten wir und machten uns auf den Weg. Wir nahmen den menschlichen Weg, wir gingen zu Fuß, da wir keine unnötige Aufmerksamkeit erregen wollten. Lola und Kongar sorgten auch so schon für mehr als genug Aufmerksamkeit allein mit ihrem Aussehen. Ich war mir auch nicht ganz sicher, ob sich nicht einige Leute an sie erinnerten. Zwar kamen weder sie noch ich in den Presseberichten über die seltsamen Irren aus dem Frühjahr 2019 vor, als diese wie Wikinger verkleidet in Linz ihr Unwesen trieben, aber ich schätze, einige Leute haben uns gesehen. Und Lola ist nun einmal nicht unauffällig. Sie weiß vermutlich gar nicht, wie das geht, unauffällig zu sein. Das widerspräche völlig ihrem Wesen als Verführungshexe.
Nachdem wir die Altstadt durch das Neutor verließen, blieb Kongar stehen.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann“, sagte er.
„Wenn du willst, dass der Mord aufgeklärt wird, dann wirst du leider müssen“, erwiderte ich. „Ohne dich können und wollen wir das nicht tun.“
„Ich weiß“, nickte er. „Also gut, gehen wir.“
Wir überquerten die Asbacher Straße und setzten auf der anderen Seite unseren Weg fort. Und damit nahm das Unheil seinen weiteren Verlauf. Zu jenem Zeitpunkt hätte ich immer noch weglaufen können, aber wie hätte ich es ahnen sollen, was auf mich zukam?
Was auf uns zukam.

Herr Mut versteht die Welt (nicht) 2. Teil

Es hatte vor sehr langer Zeit begonnen. Jahrhunderte, wenn nicht gar Jahrtausende, waren seit dem ersten Mal vergangen. Als ich damals Kongar kennenlernte, war er ein junger Erzähler mit einem recht bescheidenen Repertoire, was sich zwangsläufig als Folge seiner Jugend ergab. Später kamen immer weitere Geschichten hinzu, die er zu erzählen wusste. Erzählgeister leben ewig, oder zumindest sehr lange, genau wie Ideengeister, wenn sie erst einmal in die Welt gesetzt wurden. Wie die Geburt eines solchen Geistes, also auch meine, vonstatten geht, das weiß niemand so genau. Vielleicht, weil es auch niemanden wirklich interessiert. Es hat keine besondere Bedeutung, und Geburtstage feiern wir sowieso nicht. Den 1001. Geburtstag? Nein, das macht für uns wirklich keinen Sinn.
Nun, da ich es gewahr wurde, als Kongar plötzlich da war, konnte ich davon ausgehen, dass ich älter war. Ich wurde so was wie sein väterlicher Freund. Oder wie der ältere Bruder. Jedenfalls für eine gewisse Zeit. Ich begleitete ihn und erzählte ihm von der Welt. Und er hörte zu, damit er später erzählen konnte.
Kurz bevor das Christentum seinen Siegeszug antrat, also kurz vor der Zeit, zu der die Geburt Jesu datiert wurde, verloren wir uns aus den Augen. Um ehrlich zu sein, wir brauchten eine Pause voneinander. Nach etwa 30 Jahren gemeinsamer Zeit gingen wir uns gegenseitig ziemlich auf den Keks, um das mal neuzeitlich auszudrücken. Welche Ehe hält schließlich schon 30 Jahre? Sicher, das kommt vor. Und wir waren ja nicht einmal verheiratet, unsere Beziehung war rein platonisch.
Ich will nicht lügen und behaupten, ich hätte nie die Liebe mit einem Mann ausprobiert. Wenn man Jahrtausende auf der Erde weilt, gibt es wenig, was man nicht ausprobiert. Ich habe gelernt, dass die Liebe weder Geschlecht noch Alter kennt, wenngleich eine Art Gaus´sche Verteilung existiert, aus der sich erkennen lässt, dass die gegenseitige Anziehungskraft zwischen Mann und Frau am stärksten ist. Doch das hat mehr mit Statistik als Biologie zu tun. Normal im statistischen Sinne mag die Liebe zwischen unterschiedlichen Geschlechtern sein, moralisch lässt sich daraus nichts ableiten, außer vielleicht, dass unmoralisch handelt, wer glaubt, er wüsste, was richtig und was falsch ist. Das ist unmoralisch, weil dieser Irrtum viel Leid über die Menschheit gebracht hat. Jeder Krieg entsprang der Idee, die Wahrheit gepachtet zu haben, um das mal so salopp zu formulieren. Doch es gibt keine Wahrheit, deren Halbwertszeit mehr als höchstens einige Jahrhunderte beträgt. Was heute als wahr gilt, wird in 500 Jahren bereits überholt sein.
Doch zurück zu Kongar, denn er trug maßgeblichen Anteil daran, dass Lola und ich so unerwartet bei Kerstin aufgetaucht waren.
Kongar war, wie bereits angedeutet, ein Erzählgeist. Doch kein Geist lebt allein von seiner Berufung. Und Kongar liebte nicht nur das Erzählen, sondern auch die Frauen und den Wein. In dieser Reihenfolge, zumindest meistens. Das brachte ihm öfters Ärger ein, ungeachtet der Tatsache, dass seine Unsterblichkeit ihn vor schlimmeren Folgen bewahrte. Sonst wäre er schon allein in unserer gemeinsamen dreißigjährigen Zeit mindestens einmal im Jahr gestorben – hingerichtet, vom gehörnten Ehemann erschlagen, erstochen … Er war halt nicht sehr zurückhaltend, um das mal vorsichtig auszudrücken.
Man konnte nicht sagen, er wäre ein Schönling gewesen. Gewiss, eine gewisse Attraktivität war ihm durchaus zueigen, doch es gab viele sehr viel attraktivere Geister männlichen Geschlechts. Und natürlich auch männliche Menschen gab es auch einige, die, wäre es nur nach dem Aussehen gegangen, vor ihm hätten bevorzugt werden müssen. Doch wer glaubt, Frauen wäre das Aussehen das Wichtigste, irrt und kennt Frauen nicht besonders gut. Frauen lieben Humor, Geisteswitz, Aufrichtigkeit und dann, an vielleicht hundertster Stelle, auch das Aussehen.
Umgekehrt sähe die Liste en detail etwas anders aus, doch prinzipiell verhielte es sich ähnlich, nur mal so angemerkt.
Wie dem auch sei, Kongar verfügte über einige der wichtigeren Eigenschaften, und das verhalf ihm durchaus zu einigen nennenswerten Erfolgen. Wenn nur die anderen Männer nicht gewesen wären.
Ich war schon immer eher der Vernunft als dem Vergnügen zugewandt. Also, meistens. Überwiegend in meiner langen Lebenszeit. Bis auf einige, teilweise nicht sehr rühmliche, Ausnahmen, die an dieser Stelle unbedeutend sind. Des vollständigen Bildes wegen wollte ich das dennoch erwähnt haben.
Wenn jemand, und sei er auch ein Geist, so lebt wie Kongar, bleibt es nicht aus, dass man sich mit der Zeit einige Feinde ansammelt. In den meisten Fällen erledigen sich diese von selbst, weil die Feinde irgendwann sterben. Damals eher früh als spät, eingedenk der deutlich niedrigeren Lebenserwartung als heutzutage. Nicht so glücklich fügt es sich, wenn man mal Wesen verärgert, deren Leben auch über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende geht. Deren Feindschaft kann einen dann durchaus lange begleiten und für die eine oder andere Unannehmlichkeit sorgen.
Kongar hatte dieses Kunststück problemlos fertiggebracht. Und eine Auswirkung davon war, dass er mich im Jahre 2021 kontaktierte, nur knapp 2.000 Jahe nach unserer letzten Begegnung.
Ich war, wie man sich vorstellen kann, etwas verwundert. Meine Verwunderung hielt sich dennoch leidlich in Grenzen, denn trotz der langen Zeit konnte ich mich lebhaft an Kongars Art erinnern. Und, um ehrlich zu sein, fühlte ich mich immer noch freundschaftlich mit ihm verbunden. Schließlich hören sich 2.000 Jahre für einen Sterblichen sehr lang an, für einen Ideengeist aber eher wie „Oh, so lange ist es schon her?“.
Erstaunter war ich eigentlich, als der Name Linz am Rhein fiel.
Es war eine Gedankennachricht, die mich von Kongar erreichte, auf die ich nicht antworten konnte. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht genau, wie lange die Nachricht unterwegs gewesen war, als sie bei mir ankam. Stunden? Tage? Monate? Jahre?
Sie war auch nicht besonders lang: „Brauche Hilfe! Komm bitte nach Linz am Rhein! Dringend!“
Nun ist es nicht sehr sinnvoll, in einer Gedankennachricht von dringend zu sprechen, denn man weiß nie im Vorfeld, wann die Nachricht den Empfänger erreichen wird. Aber für den Fall, dass sie nur kurze Zeit unterwegs war, beschloss ich, dringend nach Linz am Rhein zu gehen. Bei dieser Gelegenheit freute ich mich auf das Wiedersehen mit Lola. Und natürlich auch mit Kerstin.
Wie vorhin erwähnt, wünschte ich schon bald, ich hätte einen ganz, ganz großen Bogen um Linz gemacht. Aber da war es bereits viel zu spät.