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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (4)

Ich musterte Lolas rote Stiefeln. Eigentlich waren es Stiefelchen. Vermutlich. Durch den langen Rock war es nicht genau zu erkennen, außer beim Gehen. Jetzt blieb sie aber stehen, damit Kerstin die Falltür hochziehen konnte.
Dann sah sie die Hexe an. „Sind Sie sicher, dass das hier richtig ist? Ich war noch nicht oft im Keller, aber da ist es einfach nur dunkel und dreckig.“
„So scheint es“, bestätigte Lola. „Aber Hexen sehen auch die Geheimtür.“
„Na gut. Ich glaube, ich erzähle Frau Niederée besser nicht, dass sich in ihrem Keller eine Geheimtür zu den Geheimgängen der Rheinhexen befindet.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte ich. „Lola, wollten Sie nicht den Gral holen?“
„Ach ja, doch.“ Sie fuhr herum und ging mit wehendem Rock in die Toilette.
Stiefeletten! Eindeutig! Rote! Und keine Strümpfe!
Herr Mut, sagte ich mir selbst, kann es sein, dass ihr Zauber bei dir wirkt?
Ich verfolgte diesen Gedanken aber nicht weiter, denn Lola kam mit etwas wieder, was sie in eine grüne Tüte mit Café Kitsch-Aufschrift gepackt hatte.
„Sehr unauffällig“, stellte ich fest.
„In Linz schon“, erwiderte sie lächelnd.
„Da haben Sie allerdings in der Tat recht, Lola.“
Kerstin verdrehte nur die Augen, das konnte ich selbst in der Dunkelheit sehen. Inzwischen war es acht Uhr abends, aber es schien nicht sicher auf den Straßen von Linz zu sein, daher war sie noch nicht nach Hause gegangen. Die Polizei war mit einer Lausprecherdurchsage durch die Stadt gefahren, mit diesem Inhalt. Zwar wusste ich, dass es sich anders verhielt, denn Geister können lebenden Menschen nicht so ohne Weiteres schaden, aber das war etwas, das wollte ich der Polizei nicht erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Kerstin meinte zwar, sie könnte einen Herrn Hüngsberg anrufen, aber ich hielt es für keine gute Idee. Sie sagte etwas von Polizei, aber das hielt ich aus erwähnten Gründen erst recht für keine gute Idee. Ich hatte meine Zweifel, dass die Polizei des 21. Jahrhunderts auf Flusspiraten auf dem Rhein in Deutschland vorbereitet waren. Jedenfalls auf diese Art von Piraten: Wikinger.
Da gefiel mir die Idee von Lola, ihrer Mentorin einen Besuch abzustatten, schon viel besser. Zumal sie irgendwo zwischen Dattenberg und Leubsdorf wohnen sollte.
„Was ist eine Mentorin?“, hatte sich Kerstin erkundigt. „Ich weiß natürlich, was eine Mentorin grundsätzlich ist, aber für eine Hexe?“
„Sie betreut mich, bis ich 100 und dann in den Bund der Rheinhexen aufgenommen werde“, erklärte Lola hilfsbereit.
„Ich bin ja mal gespannt, was sie zu Ihrer aktuellen Heldentat sagen wird“, bemerkte ich.
„Wie meinen Sie das?“ Lola starrte mich aus großen Augen an und ich beschloss, sie nicht mehr zu ängstigen. Und eine zarte, schwache Stimme in mir meinte noch, ich sollte aufpassen, ihr nicht zu verfallen.
Was ja schnell geschehen kann, bei einer so wunderschönen Verführungshexe.
Und nun standen wir hier am Kellereingang, genauer, am Kellerabgang, noch genauer, an den Stufen in ein dunkles, ungemütliches, schwarzes Loch.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Kerstin plötzlich.
„99.“
„Oh. Gut erhalten. Ich meine …“ Kerstin verstummte verlegen, bei ihr ein äußerst seltenes Phänomen.
Lola schien die Reaktion gewohnt zu sein und sagte nichts dazu. Sie holte ihr Handy hervor und schaltete die eingebaute Taschenlampe ein.
„Eine Hexe mit Handy … Das ist ungefähr so, als würde Superman mit dem Bus fahren.“
Lola sah mich strafend an. „Ich verkehre nicht nur mit Hexen, Herr Mut. Was würden meine menschlichen Freundinnen sagen, wenn sie plötzlich eine Stimme im Kopf hören würden?“
„Sie verkehren? So, so.“
„Herr Mut, so kenne ich Sie ja gar nicht!“, rief Kerstin erstaunt.
„Das liegt an mir, fürchte ich“, sagte Lola und senkte den Blick. „Ich … ich bin ja eine Verführungshexe und kann das nicht ausschalten.“
„Oh. Ich verstehe. Hoffentlich wirken Sie nur bei Männern.“
„Ja, tatsächlich. Für Frauen gibt es männliche Hexen.“
„Keine Frauen?“
Endlich verstand Lola. Leider war es dunkel, sonst hätten wir bestimmt sehen können, ob sie rot geworden war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, denn als Ideengeist hatte ich natürlich schärfere Sinne als eine Menschin wie Kerstin.
„Doch, das … das gibt es natürlich auch. Und Männer für Männer auch. Immerhin sind 33 % aller Menschen homosexuell.“
„33 %? Nicht 10 %?“
„Liebe Frau Litterst, wie sollen Menschen wissen können, wie viele Menschen tatsächlich homosexuell sind?“
„Davon habe ich keine Ahnung. Aber wie wissen es Hexen?“
„Wir … wir spüren es ja. Ich merke es sofort, wenn ein Mann immun gegen meine Verführungskünste ist.“
„Ach so. Ich schlage vor, wir beenden dieses Thema. Ihre Mentorin wartet.“
„Sie weiß doch gar nicht, dass wir kommen!“
Ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass Kerstin die Augen verdrehte. Dann zeigte sie stumm auf das dunkle, feuchte, dreckige Loch. Also auf den Keller.
„Wollen Sie vorgehen, Herr Mut?“, fragte Lola. „Ich leuchte Ihnen auch!“
„Nein, ist schon gut. Gehen Sie ruhig vor.“
Lola verabschiedete sich mit einem Nicken von Kerstin. Ich bekam eine Umarmung von ihr, zum ersten Mal. Aber die Situation war ja auch zum ersten Mal eine so außergewöhnliche. Da ging das schon mal.
Um alle Spuren zu verwischen, ließ Kerstin die Falltür wieder herab. Nicht ganz, denn sie war nie ganz zu, aber doch so, dass es noch dunkler wurde. Eigentlich ging das ja gar nicht, aber es war trotzdem so.
„Mist, mein Akku ist leer“, jammerte Lola.
„Ich bin begeistert“, erwiderte ich und holte mein eigenes Handy hervor. „Nehmen Sie das. Lola, müssten Sie als Hexe und Anwärterin für den Hexenbund nicht auch Licht zaubern können?“
„Doch“, hauchte sie.
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Warum nicht?“
Sie errötete. Schon wieder. Diesmal war ich mir ganz sicher.
„Schon gut, ich ahne es. Los, gehen Sie einfach vor, einverstanden?“
Sie nickte und wandte sich hinter der Treppe nach rechts. Für Menschen war da nichts, höchstens uneinladender Dreck, aber für eine Hexe gab es da eine Tür. Zu meiner Freude beherrschte Lola wenigstens solche elementaren Hexenkünste, wie eine magische Tür zu sehen und zu öffnen. Sonst hätten wir jetzt ganz schön im Dunkeln getappt. Wortwörtlich.
Während sich hinter uns die Tür wieder schloss, wanderten wir durch die recht enge Höhle, die aber wenigstens einen einigermaßen ebenen Boden hatte. In meinem langen Leben hatte ich schon ganz andere enge Höhlen erlebt. Das hier war sozusagen ein Spaziergang. Na ja, fast. Vor allem, weil der knöchellange, schwarze Rock von Lola recht eng um ihre Hüften anlag. Darin hatte er was gemeinsam mit der Höhle. Im Engsein.
Oh, Herr Mut, du drehst ja völlig ab …
Ich beschloss, dass es keine gute Idee war, sich in Lola zu verlieben. Nicht dass ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich war in meinem langen Leben ja oft verliebt gewesen, meistens in Menschen, was automatisch zu einer gewissen Halbwertszeit der jeweiligen Beziehung führte. Aber Lola war eine Verführungshexe, ich verliebte mich ja nicht wirklich in sie, ich reagierte lediglich auf ihre Zauberkraft. Natürlich war sie auch ungezaubert hübsch, aber das allein hätte sicher nicht ausgereicht, damit ich mich in sie verliebe. Und ihre Naivität, auf eine gewisse Art durchaus charmant und wirksam bei Männern, die gerne den Beschützer spielen, fand ich persönlich nicht sehr ansprechend. Mir waren intelligente, selbstbewusste Frauen lieber. Ohne magische Einwirkungen hätte ich mich noch eher in Fiona verlieben können, wobei ich von der lieber die Finger ließ. Sie war mir dann doch eine Nummer zu selbstbewusst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht daran glaubte, ich käme für sie überhaupt in dieser Hinsicht infrage. Auch wenn sie Herrn Schreiber quasi geküsst hatte, aber das war eine besondere Situation gewesen.
Wie jetzt auch.
Hm.
Plötzlich blieb Lola stehen. „Wir sind da“, sagte sie. „Also, nicht da, aber beinahe. Wir können jetzt nach draußen.“
Als ich nickte, öffnete sie eine Tür und wir traten aus der Dunkelheit in die Dunkelheit hinaus. Während sie mir mein Handy reichte, sah ich mich um. Dann erkannte ich den Ort.
„Wie passend“, stellte ich fest.
„Nicht wahr?“ Sie strahlte förmlich.
Ich sagte lieber nichts weiter zu. Hexen, die eine Tür zu ihrem gemeinsamen geheimen Höhlensystem direkt hinter einer Kirche bauen, die auch noch St. Walburgis heißt, was soll ich dazu noch sagen?
Lola drehte sich lachend um und ging los. Ich folgte ihr kopfschüttelnd.
Aber auf jeden Fall saß dieser Rock wirklich sehr eng um ihre Hüften.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

Vermutlich wollte dieser Jemand erreichen, dass wir aufspringen und weglaufen. Irgendwohin. Üblicherweise macht das Weglaufen wenig Sinn,wenn die Piraten kommen, sie sind dann bereits überall, kommen aus allen Richtungen. In meinem langen Leben hatte ich allerlei miterlebt, daher wusste ich das ganz genau.
Dennoch geschah nichts. Oder doch, etwas geschah doch. Lola und ich sahen uns an und Kerstin bemerkte es.
„Wissen Sie etwa, was hier passiert?“, erkundigte sie sich und wirkte wütend. „Piraten in Linz? In 2019? Ich hoffe wirklich sehr, dass dies keine Werbeaktion der Stadt ist, das wäre so dumm …“
„Ich bezweifle sehr, dass das eine Werbeaktion der Stadt ist“, erwiderte ich indigniert. „Trauen Sie so was wirklich TI zu?“
„Eigentlich ja nicht“, erwiderte Kerstin. „Aber was ist es dann?“
„Piraten“, sagte Lola.
„Ja, das habe ich auch gehört. Aber in Linz gibt es keine Piraten! Und auf dem Rhein auch nicht!“
„Nicht mehr“, entgegnete ich, während ich nach draußen lauschte. Es war beunruhigend ruhig.
„Ja, natürlich. Es finden ja auch keine Hexenverbrennungen mehr statt!“
„Zum Glück!“, entfuhr es Lola.
Kerstin musterte sie misstrauisch. „Wer sind Sie überhaupt?!“
„Lola Sunny. Ich unterrichte …“
„Das sagten Sie schon! Aber wer sind Sie wirklich?“
Lola sah mich hilfeheischend an, das entging Mrs Kitsch natürlich nicht.
„Herr Mut, Sie wissen etwas und sagen es mir nicht!“
„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte ich. „Ich …ich weiß nur, dass Lola eine Hexe ist. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass ich Ihnen das nicht verraten sollte, aber im Anbetracht der Umstände …“
Sie nahm es erstaunlich gelassen auf. „Dann ist sie eben eine Hexe. Aber was hat der Lärm zu bedeuten?“
Während ich mit den Schultern zuckte, bemerkte Lola kleinlaut: „Ich fürchte, daran bin ich schuld.“
„Wie bitte?!“ Ich starrte sie an. „Was haben Sie getan?“
Kerstin sagte nichts, aber ihr stechender Blick ruhte auf der Hexe. Alle anderen Gäste beobachteten uns gespannt. Draußen ging hastigen Schrittes jemand her. Ich glaube, es war eine Mitarbeiterin von Lohner´s, war mir aber nicht ganz sicher. Sie wirkte besorgt, aber nicht so verängstigt, wie sie eigentlich hätte sein müssen, wenn es stimmte, was ich dachte, wo der Knall herrührte. Und mein Gefühl sagte mir, dass Lola dasselbe dachte. Und dass sie sogar wusste, warum das geschah, was geschah.
„Ich glaube, ich habe den Gral gefunden. Also, nicht den aus der Artus-Sage, sondern den Gral der Rheinhexen. Zuerst war es mir gar nicht klar, was es …“
„Den Gral der Rheinhexen?“, wiederholte ich entsetzt, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Was haben Sie damit getan?“
„Mitgenommen“, antwortete sie bekümmert. „Ich weiß, das war wohl dumm, aber …“
„Wo ist er jetzt?“, unterbrach ich sie streng. Verführungshexen reden gerne viel und ständig, diese hier war da wohl keine Ausnahme, aber wir befanden uns in einem Ausnahmezustand, dessen war ich mir zunehmend sicher.
Sie deutete nach hinten.
„In meiner Küche?!“, fragte Kerstin entgeistert.
„Auf dem Hof“, korrigierte die Hexe, noch bekümmerter, falls das überhaupt möglich war.
„Sie Wahnsinnige!“, rief ich aus.
„Kann mir jemand mal erklären, was daran so schlimm sein soll? Und was dieser Gral der Rhein… Rhein…“
„Rheinhexen“, sagte Lola hilfsbereit. „Der Gral der Rheinhexen. Ich … ich habe einfach nicht über die Folgen nachgedacht!“
„Haben Sie denn überhaupt nachgedacht?“, fuhr ich sie aufgebracht an.
„Herr Mut, so kenne ich Sie gar nicht!“ Kerstin sah mich äußerst erstaunt an.
Lola sagte nichts, sie sah mich nur an, aber nicht äußerst erstaunt, sondern äußerst niedergeschlagen. Ihr wurde offenbar immer klarer, was sie angerichtet hatte.
„Sie hat den Gral hergebracht“, erklärte ich ruhig.
„Ja, er liegt nun auf dem Hof. Habe ich verstanden. Und, was ist so schlimm daran?“
„Sie könnte Soger geweckt haben. Das würde jedenfalls die Fliegenden Rheinschiffe erklären, denn er befehligt diese. Und er ist … war ein Pirat. Eigentlich ein Wikinger. Wie auch immer, als Tulla den Rhein begradigen ließ, verschwanden die Fliegenden Rheinschiffe plötzlich. Es hieß, durch die vielen Veränderungen kamen die Piraten nicht mehr klar. Anscheinend haben sie 200 Jahre lang geübt, denn nun sind sie wohl da. Und daran ist nur diese Verführungshexe schuld!“ Ich starrte die braunhaarige Hexe strafend an, die unter meinem Blick immer kleiner wurde.
„Das … das wollte ich ja nicht …“, sagte sie leise.
„Jetzt mal langsam“, sagte Kerstin und ignorierte die entsetzten Gesichter der anderen Gäste, die im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass Wesen unter ihnen weilten, die nur scheinbar wie sie, also Menschen, waren. Schließlich kannte Kerstin mich ja schon lange genug. „Selbst wenn das stimmt, mit dem Gral und so, warum sollten die Piraten deswegen plötzlich hier auftauchen?“
„Weil sie schon seit über 1000 Jahren danach suchen“, erklärte ich seufzend. Das gefiel mir gar nicht, wie sich das hier entwickelte.
Dabei war es erst der Anfang.

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Hitzefrei

Hitzefrei! Also, frei von Hitze. Das sind wir inzwischen wieder. Wobei, ich frage mich schon, warum die Hitze so ein Problem sein soll. Ich meine, es ist doch normal, dass es im Sommer warm ist. Oder sogar heiß. Selbst in Deutschland. Zwischendurch hatte ich wirklich das Gefühl, die Deutschen seien von einem schönen Sommer überrascht, als wenn sie es noch nie erlebt hätten. Und die Unkenrufer sind auch da, das sei alles eine Auswirkung des Klimawandels.

Lassen wir den Klimawandel doch mal da, wo er hingehört: in der Politik. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob die heutigen „Superrechner“ wirklich in der Lage sind, zuverlässige Klimamodelle zu berechnen. Erstens dürfte die Leistung noch nicht ausreichen und zweitens, viel wichtiger, sind wir Menschen gar nicht in der Lage, alle Parameter, die für ein so komplexes (Öko-)System eine Rolle spielen, zu erkennen, zu erfassen und dann auch noch in Gleichungen zu pressen, die dann im Modell berücksichtigt werden.

Dass über sieben Milliarden Menschen die Erde beeinflussen, steht außer Frage. Doch über das Wie dürften wir nur sehr spekulative Aussagen treffen können, wenn wir das Ganze mal frei von Dogmen betrachten.

Egal, darüber wollte ich ja heute gar nicht schreiben, schließlich bin ich nur ein Ideengeist.

Jedenfalls hatten wir bisher einen ziemlich schönen Sommer, der uns jetzt plötzlich eine lange Nase dreht. Ich meine, im August eine Jacke anziehen? Das ist vielleicht nachts normal, aber zur Mittagszeit eher ungewöhnlich. Nun gut, im statistischen Mittel ist der August immer noch normal warm. Immerhin. Hier, in Linz am Rhein, ist man unbeeindruckt, so scheint es mir. Die Fähre fährt, wie immer, von einem Ufer zum anderen und zurück. Was sollte sie auch sonst machen? Es gab ja keine Handgranaten, Dinosaurierreste oder Schiffwracks zu entdecken. Ich meine, Handgranaten braucht ja kein Mensch. Oder andere Granaten. Auch keine mit Museumswert. Allerdings sind das Zutaten für eine interessante Fantasy-Story: Die Granaten stammen gar nicht aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern haben irgendwann in grauer Vorzeit den Mammut über die Regenbogenbrücke befördert, dessen Stoßzahnreste neulich gefunden wurden. In Düsseldorf. Das ist so ein Städtchen weiter rheinabwärts. Hat man ja schon mal gehört, den Namen. Linz, das ist natürlich eine andere Hausnummer. Da kann so ein Städtchen wie Düsseldorf nicht mithalten. Kein Wunder, dass sie einen Mammutzahn aus dem Hut respektive Rhein zaubern müssen, damit überhaupt jemand weiß, dass es diesen Ort gibt. Irgendwo in Deutschland, am Rhein. Ja, ja. Nötig haben die es wohl.

Wie auch immer, der Rhein ist dieses Jahr etwas wankelmütig, das kann man so sagen, glaube ich. Im Januar leckte er am Viadukt und hat es da mal wirklich geschafft, die Fähre zum Stillstand zu zwingen, selbst in Linz. Und nun kommen Sandbänke zum Vorschein, von denen wussten frische Generationen nicht einmal, dass es sie gibt. Ob sie es jetzt wissen, ist eine andere Frage. Vermutlich haben sie Wichtigeres zu tun, als die Sandbänke und deren Biotope zu bewundern. Sie habe ihre eigenen Biotope. Die Vertreter der jungen Generation, meine ich.

Neulich erzählte mal im Café Kitsch ein Gast, dass diese Sandbänke, nicht die junge Generation, eine interessante Abwechslung für die Zugvögel auf ihrer Flugroute seien. Vielleicht habe ich auch nur etwas falsch verstanden, das mag sein, denn Zugvögel im August? Nun gut, einige starten tatsächlich schon im Juli, wobei ich nicht weiß, wie es dieses Jahr war. Das Wetter muss sie ja völlig durcheinander gebracht haben. Damit will ich nicht sagen, dass es ungewöhnlich heiß war dieses Jahr. Eigentlich war es die letzten Jahre ungewöhnlich kalt. Früher, da war ja bekanntlich alles besser, auch die Sommer. Ich kann mich an einen April vor über zwanzig Jahren erinnern, da waren es deutlich über dreißig Grad. Celsius, nicht Kelvin. Letzteres wäre ein wenig zu kalt. Aber nur ein wenig.

Apropos, Hitze. Ich habe mal nachgelesen. Wer von Euch erinnert sich an den Tag, als man zu Fuß durch die Donau laufen konnte? Jawohl, die Donau, dieser Fluss, der bei Linz (in Österreich!) etwas über 200 Meter breit ist oder bei Budapest 400 bis 500 Meter. Diesen Fluss konnte man zu Fuß überqueren. Interessant wäre es noch zu wissen, wo. Aber vielleicht ja überall. Immerhin, der Jahrtausendsommer ist auch schon eine Weile her, nämlich fast 500 Jahre. Er fand 1540 statt und hat dafür gesorgt, dass man in London Meerwasser sehen konnte. Dort, wo sonst die Themse fließt. Das ist sicher nicht alltäglich. In dem Jahr haben die Rosen im Oktober ein zweites Mal geblüht, nur mal am Rande erwähnt. Nur das Bewässern war wohl etwas schwierig. Es regnete in dem Jahr nämlich praktisch nicht, etwa elf Monate lang. Heutzutage bricht die Wasserversorgung schon fast zusammen, wenn es mal zwei Monate lang einen normalen Sommer mit einigen Tagen über 30 Grad gibt. Wetten, in zehn Jahren weiß niemand mehr, wie das Wetter in 2018 war. Ja, war halt ein schöner Sommer, ne?

Die Touristen hat es aber nicht davon abgehalten, nach Linz (in Deutschland!) zu kommen. Obwohl es nicht alle Schiffe bis nach Linz geschafft haben. Immerhin, „Moby Dick“ sah man auch regelmäßig. Hut-Wetter war es. Hüte gingen gut, was ja kein Wunder ist. Doch jetzt beginnt allmählich die Schal-Saison. Natürlich gibt es bei Café Kitsch auch Schals, nicht nur 18 Sorten Trinkschokolade von Zotter. 😉

So, genug philosophiert. Ich muss wieder los und Herrn Toll Schreiber suchen, bevor er etwas anstellt. Nicht dass er in irgendeiner Buchhandlung alle Buchstaben aufisst. Da muss man echt aufpassen. Schließlich möchte kein Mensch Bücher mit leeren Seiten kaufen. Wobei, bei manchen Büchern würde es niemand merken.

Aber das ist ein anderes Thema.

 

Mehr von Herrn Mut

Herr Mut im Paternoster

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Der Kampf um den Schokokuchen

Ein Schokokuchen ist normalerweise geeignet, Menschen friedlich zu vereinen. Natürlich nur platonisch, nur so war es gemeint.

Aber man kennt das ja: Bei einem bekannten Discounter gibt es ein – vermeintlich – unschlagbares Angebot, man denke da nur an die Zaubermaschine, die alles kochen kann, und aus vermeintlich friedlich koexistierenden Menschen, Typus Käufer, am besten, wenn alle einkaufen, wahlweise, wenn es um Zaubermaschinen geht, morgens um fünf, wenn die Welt nur scheinbar noch in Ordnung ist, werden erbitterte Feinde, die wie damals in der Steinzeit, vielleicht auch davor, sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben, um das beste Stück vom Kuchen abzubekommen.

Apropos Kuchen, das ist ja unser Stichwort hier. Mit hier meine ich das, was ich erzählen wollte. Also die Begebenheit, die sich zugetragen hat an einem Samstag in der bunten Stadt Linz. Am Rhein, zwischen Donau und Koblenz. Ich meine natürlich, zwischen Bonn und Koblenz. Sie merken schon, ich stehe immer noch unter der Wirkung der Ereignisse. Also, die Ereignisse haben sich zugetragen, nämlich in Linz am Rhein und nicht in Linz an der Donau. Die beiden Städte sind zwar verschwistert, ansonsten haben sie nicht nur geografisch wenig gemeinsam.

Darüber wollte ich aber gar nicht schreiben, sondern darüber, wie ich an jenem Samstag durch Linz schlenderte. Ich kam aus Richtung der Neustraße am Buttermarkt an, ging an der Butterfrau, die ähnlich geschwätzig war wie jeden Tag, vorbei und weiter rheinwärts, vorbei an Alt-Linz und Café Wahnsinn und steuerte zielstrebig das Rheintor an.

Dort kam ich allerdings nie an. Jedenfalls nicht an jenem Tag bei jener Gelegenheit.

Schuld daran war, wie kann es anders sein, Kerstin vom Café Kitsch.

Sie hatte Schokokuchen gebacken. Vielleicht war es auch Elisa, das weiß ich nicht. War mir in dem Moment auch egal. Ich hatte die Witterung aufgenommen und folgte der Spur ins Café, an einer verdutzten Kerstin vorbei und auf die Kundin zu, die gerade das letzte Stück des Kuchens für sich reklamieren wollte.

„Halt! Das geht nicht!“, rief ich.

Die Kundin, Kerstin und eine Mitarbeiterin, die ich noch gar nicht kannte, starrten mich verblüfft an.

„Was geht nicht?“, erkundigte sich dann die Kundin.

„Der Schokokuchen! Den nehme ich!“

„Das glaube ich nicht, werter Herr, denn ich war zuerst da, und ich will diesen Kuchen haben!“

„Werte Dame, Sie können sich ja einen anderen Kuchen aussuchen! Schauen Sie mal, es gibt versunkenen Apfelkuchen, es gibt den rohveganen Kuchen, dann zwei Sorten Käsekuchen … Das ist doch eine reichhaltige Auswahl, finden Sie nicht?“

„Ich will aber den Schokokuchen!“

„Ich auch! Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen Kuchen aussuchen!“

Die werte Dame schnappte nach Luft. So was war ihr wahrscheinlich noch niemals untergekommen, aber ich dachte nicht daran, meinen – meinen! – Schokokuchen kampflos zu überlassen.

„Vielleicht darf ich ja einen Vorschlag machen“, mischte sich in diesem Moment Kerstin ein.

„Ich bin nicht sicher, ob mir der Vorschlag gefallen wird“, erwiderte ich finster. „Wahrscheinlich eher nicht.“

„Das können Sie gar nicht wissen, wenn Sie den Vorschlag nicht gehört haben, Herr Mut“, sagte Kerstin kühl. „Vanesa, holst du bitte zwei Muffinformen?“

„Was haben Sie vor, Kerstin? Wollen Sie meinen Schokokuchen amputieren?“

„Ich habe vor, eine salomonische Lösung zu erarbeiten. Sehen Sie, das ist ein großes Stück Kuchen, daraus kann ich gut zwei herrliche Muffins machen. Ich denke, Sie werden beide sehr zufrieden sein! Warten Sie bitte hier.“

Sprach und ging mit dem Schokokuchen und den Muffinformen. Warum Vanesa die zuerst holen musste, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ich blickte Vanesa fragend an, aber diese zuckte nur verwirrt die Schulter.

Ich blickte mich um und erst jetzt wurde mir bewusst, dass bis auf einen Tisch alle besetzt waren und entsprechend viele Leute die Szene beobachtet hatten. Genauer gesagt, sie beobachteten die Szene immer noch, denn sie ging ja weiter, auch wenn gerade Pausenmodus aktiviert war.

Bis Kerstin zurückkam.

Sie trug in jeder Hand einen Teller mit einem Schokomuffin darauf und ich hätte schwören können, dass die beiden Muffins zusammen deutlich größer waren als der Schokokuchen, ehemals, als es ihn noch gab, bevor er zu Schokomuffins metamorphiert wurde. Oder so ähnlich.

„Was haben Sie getan?“, fragte ich misstrauisch.

„Betriebsgeheimnis. Also, ich denke, das wird Ihnen beiden schmecken. Und sehen Sie mal, die Muffins sind wirklich groß, oder?“

„Das stimmt“, antwortete die Kundin. Sie sah mich an. „Was halten Sie davon, Herr Mut, wenn wir uns gemeinsam an den kleinen Tisch setzen, der noch frei ist, und unsere Schokomuffins verspeisen?“

Ich dachte nach. Der Schokokuchen war ja nun dank Kerstin nicht mehr existent bzw. quantenverschränkt reinkarniert in den beiden Muffins. Insofern war es irgendwie schon logisch, wenn sie am selben Tisch verspeist wurden. Und die Kundin sah eigentlich ganz nett aus. Also, bevor das hier falsch verstanden wird: Ich meinte natürlich nicht ihr Aussehen, sondern so überhaupt, also, vom Gesamteindruck her. Ich bin keiner, der die Leute nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt.

Obwohl, davon unabhängig sah sie durchaus nicht schlecht aus. Und vom Alter her passte sie als geschätzte Endvierzigerin auch gut zu mir.

Dies bestätigte sich dann während des Gesprächs, das seinen Beginn beim Muffinessen nahm, sich beim Spaziergang fortsetzte und dann … (Kamera schwenkt zum Kaminfeuer)
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Herr Mut im Paternoster