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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (10, finale Folge)

Das Café war leer. Das lag vermutlich an der Uhrzeit. In der Küche hörte ich jemanden werkeln, vermutlich Kerstin. Ich dirigierte meine Begleiterinnen zum Fenstertisch. Für Anfang Mai war es irgendwie kühl und der feine Nieselregen machte es nicht besser, aber dafür waren wir jetzt unter einem Dach.
„Ich komme sofort!“, rief jemand mit Kerstins Stimme aus der Küche.
„Wir haben Zeit!“, erwiderte ich.
Das war gut geeignet, Kerstin sofort aus der Küche stürmen zu lassen.
„Herr Mut! Mit Ihnen habe ich schon viel früher …“ Sie wurde augenscheinlich meiner Begleitung gewahr, denn sie blieb wie angewurzelt stehen. Lola kannte sie ja bereits, aber Linda nicht. Und sie sah durchaus ungewöhnlich aus, obwohl sie ganz gewöhnliche Jeans und einen Pullover, alles in Schwarz, trug. Aber sie sah trotzdem ungewöhnlich aus.
„Möchten Sie etwas trinken und Kuchen essen?“, fragte Kerstin, nachdem sie ihre Fassung wiedererlangt hatte.
Ich bestellte eine Trinkschokolade, Chili Bird´s Eye, und eine Schokotarte. Ich hatte nämlich bereits beim Eintreten gesehen, dass noch welche da war. Darauf freute ich mich bereits.
„Chili Bird´s Eye?“, wiederholte Kerstin erstaunt.
„Ja. Ich habe meine Liebe zu dieser Sorte entdeckt und außerdem denke ich, dass nichts mehr passieren könnte, wenn ich sie trinke, was mich erschüttern würde, nach den Ereignissen.“
„Genau, die Ereignisse! Auf einmal war alles fort!“
„Ja, das waren diese und weitere entzückenden Damen“, erklärte ich.
„Herr Mut, jetzt tue doch nicht so bescheiden“, sagte Lola lachend. „Du hattest durchaus einen sehr bedeutenden Anteil daran! Immerhin war es deine Idee!“
„Was war Ihre Idee?“ Verständlicherweise war Kerstin ziemlich neugierig.
„Ich schlage vor, Sie setzen sich zu uns, dann erzählen wir, wie es sich zugetragen hat.“
„Äh, ja, sicher. Was möchten die Damen denn?“
„Ich trinke einen Cappuccino“, sagte Lola. „Und ich denke, ich kann bestimmt von Herr Muts Schokotarte …“
„Nein!“
Lola starrte mich verwirrt an, dann schüttelte sie den Kopf und bestellte eine eigene Schokotarte. Bei aller Liebe, aber das wäre eindeutig zu weit gegangen.
Linda wollte nur einen Cappuccino haben.
Nachdem Kerstin alles aufgetischt hatte, setzte sie sich auf den einzigen freien Platz, neben Linda, Lola gegenüber. Für sich hatte sie einen Milchkaffee gemacht.
„Jetzt will ich aber zuerst einmal wissen, wer Ihre zweite Begleiterin ist, Herr Mut“, sagte sie dann.
„Selbstverständlich. Zu Ihrer Linken sitzt Linda Reise, sie ist eine Kampfhexe. Normalerweise hat sie auch ihr Schwert dabei, doch Lola und ich konnten sie davon überzeugen, diese geliebte Tradition für den Besuch bei Ihnen auszusetzen.“
„Eine gute Idee“, sagte Kerstin. „Ich mag keine Waffen in meinem Café.“
„Ich bin eine Waffe“, bemerkte Linda, aber sie konnte ein Grinsen nicht ganz unterdrücken.
„Dann kennen Sie bestimmt auch Fiona?“
„Leider nein. Herr Mut hat von ihr erzählt und ich wäre in der Tat sehr interessiert daran, sie mal zu treffen, aber bislang wusste ich nicht einmal, dass es sie gibt.“
„Nun gut. Und jetzt möchte ich wissen, was eigentlich geschehen ist, nachdem ihr beide gegangen seid.“
„Dann haben wir Pizza gegessen.“
„Herr Mut!“, rief sie. „Jetzt machen Sie es doch nicht so spannend!“
„Also gut, ich werde brav sein. Nachdem wir also wieder bei Maria waren und ihr den Plan vorgetragen haben, konnte sie sich durchaus für ihn begeistern. Es gab nur ein kleines Problem dabei, wie es sich dann zeigte: Aufgrund der Walpurgisnacht kamen nur vier Hexen statt 100.“
„Oh!“, rief Kerstin.
„Ja, so ähnlich ging es mir auch, als ich das feststellte“, nickte ich bekümmert. „Doch letztlich spielte es keine Rolle, wir mussten mit dem zurechtkommen, was da war. Also sechs Hexen und ich.“
„Ich nehme an, Linda war eine von den sechs?“
„Genau so ist es, Kerstin. Ursprünglich hatte ich nicht vor, bei der Beschwörung mitzuwirken, aber unter den geänderten Umständen sah ich mich gezwungen, meine Meinung anzupassen. Letzten Endes funktionierte alles wie geplant. Soger erklärte sich mit unserem Vorschlag einverstanden und wir haben dann ihn und seine Leute wieder in lebendige Menschen verwandelt und alles war gut.“
Kerstin starrte mich an. „Das kann doch nicht alles gewesen sein! Die ganze Aufregung für nichts?“
„Herr Mut liebt Understatement“, bemerkte Linda amüsiert. „Tatsächlich gab es schon etwas Aufregung. Zum Beispiel ist es so, dass Menschen nicht auf Geisterschiffen stehen können, sie ja nicht einmal sehen. Also plumpsten die Piraten alle der Reihe nach ins Wasser, nachdem sie zum Leben erwacht waren, denn wir haben den Zauber natürlich auf einem der Schiffe durchgeführt.“
„Und dann? Was passierte danach?“
„Nun, sie schwammen ans Ufer. Einige von ihnen auf der Linzer Seite und wurden dort von der Polizei einkassiert, die wie zufällig zur Stelle war. Die meisten schafften es allerdings, auf die Kripper Seite zu entkommen, oder sie schwammen gleich rheinabwärts, bis irgendwohin. Wenn also demnächst in Köln oder Bonn von seltsamen, offensichtlich verwirrten Menschen in Piratenkostümen berichtet wird …“ Ich machte eine bedeutungsschwangere Pause. Genau genommen, erzählte ich einfach nicht weiter.
„Und Soger? Was ist mit Soger?“, fragte Kerstin. „Und die Schiffe? Sind sie noch da?“
„Ach ja, unser Piratenkapitän“, sagte ich langsam. „Nun, er schaffte es, etwas weiter rheinaufwärts an Land zu schwimmen. Ganz bis nach Leubsdorf hat er es nicht geschafft. Aber wir haben bereits auf ihn gewartet. Er genießt jetzt die Gastfreundschaft von Maria. Zuerst hat er ein wenig getobt, aber dann hat Linda ihn freundlich überredet, das bitte zu unterlassen. Er hat es dann auch eingesehen.“ Ich sah aus dem Augenwinkel Lindas Grinsen, was vermutlich daran lag, dass ich diesen Teil etwas verkürzt wiedergegeben hatte. Ich dachte jedoch, dass sich Kerstin auch so denken konnte, wie unangenehm dieses Überreden für Soger war. „Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass Soger bei Maria Nana bleibt. Wir konnten ihm deutlich machen, was ihm alles zustoßen könnte, wenn er in dieser modernen Welt ohne Hilfe Ausflüge unternimmt. Insbesondere ein Computer mit Internet war dabei sehr hilfreich. Er wird also bei ihr einziehen, sozusagen ein Neffe aus fernen Ländern, der für einige Zeit bei ihr zu Besuch ist. So für ein halbes Jahr. Vielleicht auch länger. Dabei hat er sich an einige klare Regeln zu halten. Dadurch haben wir eine Win-Win-Situation. Er kommt nicht ins Gefängnis oder in die Psychiatrie und Maria hat jemanden für … Was die Schiffe angeht: Diese wurden von Waldfee Liane wieder dem Wald zugeführt. Sie sehen, alles in bester Ordnung.“
Kerstin starrte mich etwas irritiert an. „Welche Aufgabe hat Soger bei Maria Nana? Sie haben vergessen, den Satz zu beenden.“
„Das habe ich keineswegs vergessen“, erwiderte ich.
„Doch, ich bin mir ganz … Oh! Jetzt habe ich verstanden! Okay, alles klar. Aber eine Frage habe ich noch.“
„Noch eine?“
„Wie meinen Sie das? So viele Fragen hatte ich doch … Sie vera… scherzen ja schon wieder, Herr Mut. Können Sie dabei nicht wenigstens lächeln?“
„Ich werde mir in Zukunft Mühe geben, daran zu denken“, antwortete ich. „Was möchten Sie denn wissen?“
„Wie geht es denn mit Lola und Ihnen weiter? Oder ist Linda …?“
„Wie, was? Nein, nein! Ich heiße doch nicht Fiona. Linda wollte Sie mal kennenlernen und hat gerade keine dringenden Pläne. Was Lola und mich angeht … Nun, das ist eine schwierige Angelegenheit. Wir haben uns darauf geeinigt, dass wir uns gegenseitig mögen, dass es aber nicht gut wäre, wenn wir daraus etwas Ernstes machen würden. Das … das würde zu diversen Komplikationen führen. Wir werden … äh … eine besondere Art der Fernbeziehung nach der Art von Hexen und Ideengeistern führen. Ob wir uns dann einmal im Jahr oder einmal pro Jahrhundert treffen, wird sich zeigen.“
„Monatlich wäre mir lieber“, bemerkte Lola.
„Oh“, sagte Kerstin. „Sie haben sich geeinigt?“
„Jaaa … Herr Mut hat wirklich gute Argumente vorgebracht, und ich verstehe ja seine Bedenken wirklich und ich weiß ja auch, dass ich ihm nicht gleichgültig bin und dass alles nicht so einfach ist. Aber monatlich wäre mir dennoch lieber!“
„Nun“, sagte ich und räusperte mich. „Es wurde ja nichts darüber gesagt, wann das erste regelmäßige Treffen vorbei ist. Noch sitzen wir ja zusammen hier, nicht wahr?“
„Oh ja!“, antwortete Lola strahlend.
Ich hatte plötzlich eine Idee. Als Ideengeist konnte mir das schon mal passieren.
„Wartet hier“, sagte ich also, erhob mich und verschwand, nachdem ich mich überzeugt hatte, dass uns gerade niemand durch das Schaufenster beobachtete. Wenige Minuten später kehrte ich wieder und hielt einen Strauß Rosen in den Händen, den ich Lola überreichte. „Ich denke, daraus kannst du viel Tee machen, meine Liebe. Solange der Tee reicht, dauert unser Treffen für diesen Monat, dieses Jahr oder Jahrhundert. Einverstanden?“
„Aber … aber … Ja, natürlich bin ich einverstanden!“ Es fiel Lola sichtbar schwer, nicht aufzuspringen und dann etwas zu machen, wovon wir die Verabredung getroffen hatten, es nicht in der Öffentlichkeit zu machen. Küssen wäre zwar eine Ausnahme gewesen, aber vielleicht doch zum jetzigen Zeitpunkt unangebracht.
„Ich denke“, sagte Kerstin, nachdem sich alle beruhigt hatten, „dann hat sich ja alles irgendwie zum Guten gewendet. Ich muss zugeben, für mich ist es ungewohnt, Hexen in meinem Café zu bewirten, aber …“
„Eigentlich nicht“, unterbrach Linda sie.
„Wie bitte? Ach so, ja, natürlich, aber sonst weiß ich es ja nicht. Jedenfalls war das alles aufregend und ich wünsche mir, dass es sich nicht oft wiederholt. Vielleicht könnte es jetzt ja für mindestens zwei Jahre ganz ruhig bleiben und alles normal laufen.“
„Und in zwei Jahren?“, erkundigte sich Linda mit großen Augen.
„In zwei Jahren darf wieder etwas Aufregendes passieren. Nicht zu aufregend, aber ein bisschen aufregend ist in Ordnung.“
„Das wäre also der 2. Mai 2021? Und bis dahin alles ganz normal?“
„Ja, so in etwa“, nickte Kerstin. „Was denken Sie, Herr Mut?“
„Nun, ich kann Ihnen das nicht versprechen. Ich bin ein Ideengeist, wir kennen die Zukunft nicht. Ich weiß nur, dass es in der Geschichte der Menschheit immer schon unterschiedliche Epochen gegeben hat. Oft war es über Jahrhunderte relativ ruhig, dann passierte wieder sehr viel, dann lange wieder nichts. Das 20. Jahrhundert war sehr unruhig, doch ich fürchte, das war nur der Anfang. Ich kann Ihnen nicht sagen, was noch passieren wird, doch meine Erfahrung aus den vergangenen Jahrtausenden sagt mir, dass wir, das heißt, die Menschen, erst am Anfang großer Veränderungen stehen. Aber nehmen Sie bitte das nicht zu ernst, Kerstin, letztlich ist das nur das Gerede eines alten Geistes, der zwar bereits viel erlebt hat, aber dennoch immer wieder überrascht davon ist, zu was die Menschen fähig sind. Im Guten wie im Schlechten.“
„Oha, Herr Mut, das war ja eine ungewöhnliche Rede von Ihnen. Sollte ich mir etwa Sorgen machen?“
„Ich hoffe nicht. Und im Übrigen denke ich, dass Veränderungen nicht grundsätzlich schlecht sein müssen. Die Veränderung selbst mag auch unangenehm sein, weil das Gewohnte nicht mehr selbstverständlich ist, doch irgendwann entstehen neue Gewohnheiten, die vielleicht besser sind. Die Industrielle Revolution hat letztlich dafür gesorgt, dass es vielen Menschen besser geht als davor. Kein Grund, zufrieden zu sein, denn es gibt immer noch viel zu viele Menschen, denen es nicht gut geht. Aber es ist eine Chance. Menschen lieben den Krieg und sehnen sich nach dem Frieden, das ist ihr größter Fluch. Vielleicht schaffen sie es irgendwann, ihn aufzulösen.“
„Das wäre in der Tat schön“, sagte Kerstin.
Linda sah nicht so sicher aus. „Und ich? Ich brauche den Kampf!“
„Du bist ja auch kein Mensch, sondern eine Hexe!“, erwiderte Lola lachend.
„Ja, wie wunderbar. Aber gegen wen oder was soll ich denn kämpfen, wenn die Menschen friedlich werden?“
„Oh, da würde ich mir keine Sorgen machen, dass das allzu bald passieren könnte“, bemerkte Kerstin. „Sie werden sicher noch lange benötigt.“
„Wir werden sehen“, sagte Linda und erhob sich. „Ich werde mich jetzt noch ein wenig in der Stadt vergnügen. Und ich denke, wir werden uns begegnen. Der Kaffee war wirklich sehr gut. Was schulde ich?“
„Das geht aufs Haus“, erwiderte Kerstin lächelnd.
Nachdem Linda fort war, sah sie uns an. „Ihr macht den Eindruck, als könntet ihr auch Zweisamkeit gebrauchen.“
Ich hob die Augenbrauen, konnte aber nichts dazu sagen, da Lola mir ihre Hand auf den Mund drückte.
„Komm, Herr Mut, wir folgen dieser süßen Aufforderung, ihr Lokal doch bitte zu verlassen.“ Sie grinste.
Ich sah ein, dass sie recht hatte. Wir verabschiedeten uns also, mussten aber versprechen, dass wir vorbeischauen würden, bevor der Rosentee alle war.
Das konnten wir guten Gewissens versprechen.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (7)

Natürlich hatte Café Kitsch um diese Zeit schon längst zu, aber Kerstin arbeitete noch in der Küche, als wir gegen das Schaufenster klopften. Irgendwann warf sie einen Blick nach draußen und ließ uns herein.
Ich bekam sogar meine Trinkschokolade. Lola wollte einen Espresso mit Zitrone.
„Haben Sie Kopfschmerzen?“, erkundigte sich Kerstin.
Lola nickte bekümmert.
„Wo ist denn der Gral?“
„Bei Maria Nana, in Sicherheit“, erklärte ich. „Ist hier in der Zwischenzeit etwas vorgefallen?“
„Nichts Besonderes. Herr Hüngsberg war kurz da, ob alles in Ordnung sei. So genau wissen sie immer noch nicht, was eigentlich los ist. Immer wieder kämen Meldungen rein, seltsame Leute würden plötzlich zum Beispiel im Garten auftauchen, aber bis die Polizei anrückt, sind sie spurlos verschwunden.“
„Hoffentlich haben Sie nicht erzählt, was es wirklich ist?“, fragte ich.
„Nein, natürlich nicht. Bin ja nicht wahnsinnig.“
„Das habe ich natürlich auch nicht angenommen.“
„Schön. Und bei Ihnen?“
In der Zwischenzeit war auch der Espresso fertig, was durch lautes Piepsen verkündet wurde. Kerstin trank nur Wasser und harrte ganz gespannt auf unsere Erzählung.
Lola seufzte.
„Wir waren bei Soger“, setzte ich an.
„Wie denn das?“
„Auf seinem Schiff. Es liegt ja im Hafen vor Anker. Lola und ich können es sehen, normale Sterbliche zum Glück nicht.“
„Lola?“ Kerstin musterte uns nachdenklich. „Also schön. Und was ist passiert?“
Ich gab in Stichworten unsere Unterhaltung mit Soger zum Besten. Kerstin hörte schweigend zu. Danach saßen wir für einen Moment alle still am Tisch neben der Tür und lauschten unseren Gedanken. Ich zumindest tat das.
„Wir müssen den Gral vernichten“, sagte Kerstin dann.
„Wie bitte?“, erwiderten Lola und ich gleichzeitig.
„Wenn wir den Gral vernichten, gibt es nichts mehr, was Soger hier hält, oder?“
„Das geht nicht“, sagte Lola.
„Wieso nicht?“
„Weil er mit dem Blut von 100 Hexen versiegelt wurde. Dieses Siegel kann man nicht einfach so brechen!“
„Und außerdem“, fügte ich hinzu, „selbst wenn wir das irgendwie schaffen würden, was an sich schon eher unwahrscheinlich ist, aber nehmen wir mal an, wir kriegen das irgendwie hin, dann würde der Gral explodieren.“
„Dann legen wir ihn zum Entsiegeln in die Mülltonne, oder sonst in einen Behälter“, schlug Kerstin vor.
„Ja, die Idee klingt an sich logisch, wenn man nicht weiß, welche Macht 100 Hexen haben, also auch ihr Blut. Mangels eines Präzedenzfalls kann auch ich nur raten, aber ich schätze, die Explosion könnte Linz in Schutt und Asche legen.“
„Wie bitte?!“ Kerstin und Lola wurden ziemlich bleich.
„Siehst du das anders, Lola?“
Wenn Kerstin es aufgefallen war, dass Lola und ich uns zumindest sprachlich nähergekommen waren, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken.
„Ich … ich weiß es nicht“, antwortete Lola schließlich. „Wie du es ganz richtig sagst, ist das bisher nicht vorgekommen. Aber wenn ich darüber nachdenke, habe ich die Befürchtung, dass Erpel und Leubsdorf auch noch in Mitleidenschaft gezogen werden könnten.“
„Wie bitte?!“, wiederholte Kerstin.
„Die Magie, die im Blut von 100 Hexen enthalten ist, ist sehr mächtig“, erklärte ich. „Und das ist auf jeden Fall ein Problem, denn das bedeutet, dass Soger richtigliegen könnte, wenn er denkt, dass der Gral ihn und seine Leute wieder zum Leben erwecken könnte. Ob der Gral allein dafür mächtig genug wäre, weiß ich nicht, aber mit dem Siegel zusammen möglicherweise schon.“
„Das ist nicht gut“, stellte Kerstin fest. „Dann dürfen die Piraten auf keinen Fall den Gral bekommen!“
„So weit waren wir auch schon“, sagte Lola bekümmert. „Aber wie verhindern wir das?“
„Es muss doch etwas geben!“, rief Kerstin. „Wie ist es mit Knoblauch? Ich weiß, das ist eigentlich gegen Vampire, die es hoffentlich nicht auch noch gibt und wenn doch, dann sind sie hoffentlich nicht auch hinter dem Gral her, aber vielleicht hilft Knoblauch auch gegen Geister!“
„Der hilft ja nicht einmal gegen Vampire“, erwiderte ich. „Die es übrigens tatsächlich gibt. Ich glaube aber nicht, dass sie sich für den Gral interessieren. Das mit dem Knoblauch und Sonnenlicht sind urbane Legenden.“
„Schade.“
„Ja, schade.“
„Ich habe eine Idee“, sagte Lola plötzlich. „Man könnte doch sagen, das hier ist ein Notfall, oder?“
„Ja, könnte man durchaus“, antwortete ich und sah sie fragend an.
„Dann könnte ich doch mit Recht diesen Notfall ausrufen und eine außerordentliche Versammlung des Hexenbundes einberufen. Wenn das Blut von 100 Hexen so mächtig ist, müssten 100 Hexen es doch schaffen, die Piraten zu verjagen.“
„Hm“, machte ich.
„Klingt nach einem Plan“, stellte Kerstin fest. „Wie lange würde das dauern?“
„Ich weiß es nicht“, sagte Lola jammernd. „Ich habe das noch nie gemacht. Ich müsste Maria fragen.“
„Dann tun Sie das, am besten schnell. Da wir nicht wissen, wie lange das dauert, könnte es knapp werden bis zum Ultimatum.“
Lola nickt, dann sah sie mich an. „Begleitest du mich?“
Ich starrte mein inzwischen leeres Glas an, seufzte und antwortete: „Ja, ist bestimmt besser.“
„Bestimmt!“, bekräftigte Kerstin lächelnd.
„Es geht nur darum, dass ich nicht allein durch die Dunkelheit gehen möchte!“
„Ist mir schon klar, Lola. Ich bin mir sicher, dass Herr Mut Sie beschützen kann.“
„Ja, das kann er.“
Ich seufzte.
„Oder?“
„Ja, vermutlich. Wovor auch immer. Ich muss gestehen, mir gefällt die Idee nicht, dass sich so viele Hexen an einem Ort versammeln sollen. Und dann auch noch im kleinen Linz. Während auf dem Rhein die Rheinpiraten ankern. Das gibt mir ein ganz schlechtes Gefühl.“
„Für gute Ideen sind wir immer zu haben, Herr Mut“, sagte Kerstin.
Ich seufzte.
„Und hören Sie mit dem Seufzen auf. Dadurch wird nichts besser.“
„Ja, das weiß ich leider. Haben Sie eine Ahnung, wie oft man seufzen kann, wenn man seit Anbeginn der Zeit existiert? Würde mein Seufzen etwas verändern, wäre die Welt eine viel bessere!“
„So, so.“
Ich ließ das mal so stehen. Und stand auf. Auch Lola und Kerstin erhoben sich.
„Soll ich auf Sie warten?“, erkundigte sich Kerstin.
„Nein, das ist nicht sinnvoll“, erwiderte ich. „Unabhängig davon, was nun geschehen wird, ist es besser, wenn Sie nicht hineingezogen werden. Sollte es zu einem Kampf zwischen Hexen und Rheinpiraten kommen, sollten sich keine Menschen dazwischen oder in der Nähe befinden.“
„In Ordnung. Wäre es dann besser, wenn ich die Stadt verließe? Wobei ich dazu nur bereit wäre, wenn alle anderen Menschen auch die Stadt verließen, was wiederum bedeuten würde, dass ich sie davon überzeugen müsste, dass da draußen Rheinpiraten sind. Ich glaube, ich gehe doch lieber einfach nur ins Bett und hoffe, dass alles gut ist, wenn ich aufwache.“
„Wie lange wollen Sie denn schlafen?“, fragte Lola mit großen Augen.
„Lola!“, entfuhr es mir. „Ein bisschen Optimismus, wenn ich bitten darf!“
Während Kerstin auflachte, sagte Lola: „In Ordnung. Schlafen Sie einfach lange genug.“
„Ist gut“, erwiderte Kerstin, immer noch lachend. „Geht jetzt und bringt irgendwie diese Piraten dazu, unsere schöne Stadt in Ruhe zu lassen. Einverstanden?“
„Ich glaube, darauf können wir uns einigen“, murmelte ich. Und seufzte.
Kerstin schüttelte den Kopf und schloss hinter uns ab. Lola nahm meine Hand und wollte nach links gehen, aber ich hielt sie davon ab.
„Was ist?“
„Wir sollten uns vom Hafen fernhalten“, sagte ich. „Lass uns oben herum gehen. Und vielleicht holen wir uns als Wegzehrung eine Pizza bei Franco. Was meinst du?“
„Ist eine gute Idee“, erwiderte Lola. „Vor allem das mit der Pizza. Wir könnten einen Ouzo trinken.“
„Einen Ouzo? Beim Italiener?“
„Dann eben Sambuca. Sei doch nicht so kleinlich, Herr Mut!“
„Wir werden sehen. Es ist schon spät. Vielleicht bekommen wir gar nichts.“
„Warum stehen wir dann noch hier herum? Komm, Herr Mut!“
Lola zog mich jetzt in die andere Richtung. Sicherheitshalber nahmen wir die Strohgasse, so hielten wir uns wirklich fern vom Rhein. Das Letzte, was ich jetzt wollte, war eine Begegnung mit einem Piraten.
Und um ehrlich zu sein, freute ich mich auf die Zweisamkeit mit Lola.
Irgendwie fand ich es immer weniger schlimm, dass der Tee bei mir nicht wirkte.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (5)

Ich war etwas erstaunt. Mangels einer Begegnung mit einer Hexenmentorin in den letzten Jahrhunderten hatte ich vermutlich eine falsche Erwartung. Der Maria Nana, denn so hieß sie, wie ich erfuhr, nicht gerecht wurde. Vielmehr wurde die Erwartung Maria Nana nicht gerecht, um genau zu sein.
Sie war schlank, klein und hatte ausdrucksstarke, dunkelgrüne Augen. Am auffälligsten allerdings waren ihre Haare: Hüftlang und von einem glänzenden Silbergrau, wie ich es noch nie gesehen hatte, und ich hatte viel gesehen.
Sie bemerkte meine Verwunderung und lachte kurz, während sie uns herein invitierte. „Man sieht nicht oft einen staunenden Ideengeist. Womit habe ich diese Ehre verdient?“
„Nun, für gewöhnlich stelle ich mir Hexenmentorinnen anders vor, um ehrlich zu sein, obgleich ich mir da eher gar keine Vorstellung zurechtgelegt habe bisher. Aber mir scheint, Sie sind deutlich älter als Lola, wenn ich an Ihre Haare denke, dennoch sieht man Ihnen dieses Alter ansonsten nicht an. Und ich muss auch sofort um Verzeihung bitten, üblicherweise ist es nicht meine Art, so mit einer Dame zu reden, aber ich bin wohl etwas durcheinander aufgrund der Umstände.“
„Ich verstehe. Zumindest teilweise. Darf ich Ihnen einen Tee anbieten, Herr …?“
„Herr Mut. Mein Name ist Herr Mut.“
„Also dann, Herr Mut, was darf ich Ihnen anbieten? Ach ja, und nehmen Sie doch Platz.“
Ich setzte mich der Aufforderung entsprechend auf eine Couch, von der aus der Blick durch das große Wohnzimmerfenster zur Kirche geleitet wurde, das heißt, worden wäre, wenn es denn etwas zu sehen gegeben hätte, nämlich zu einer anderen Tageszeit, wenn es hell war.
„Ich nehme gerne einen Tee“, antwortete ich.
„Und du, Lola?“
„Ich …“ Sie hielt die Tüte aus dem Café Kitsch vor die Brüste … vor die Brust … also, vor sich, und kaute auf ihrer Unterlippe herum. Das sah sehr … sehr …
Maria Nana zog die Augenbrauen hoch. „Ernsthaft jetzt, Lola? Einen Ideengeist?“
„Ich kann das nicht ausschalten!“, erwiderte sie nervös. „Ich mache es ja nicht mit Absicht!“
„Hm. Ich glaube, ich mache Ihnen einen Entzauberungstee, Herr Mut.“
„Ja, natürlich“,murmelte ich. „Eine gute Idee.“
„Sehr überzeugt hört sich das aber nicht an!“, sagte Maria Nana lachend, dann ging sie in die Küche.
Lola sah mich verzweifelt an. „Ich mache das wirklich nicht mit Absicht, Herr Mut!“
„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte ich. „Dann wollen wir mal auf den Entzauberungstee hoffen.“
„Ja, natürlich.“
Wir warteten schweigend, bis die Mentorin zurückkam und auf einem Tablett drei Tassen und eine Kanne, aus der Dampf aufstieg, mitbrachte. Sie stellte es auf den gläsernen Wohnzimmertisch, verteilte die Tassen und schenkte ein.
„Kandiszucker?“, fragte sie dann.
„Wir sind nicht in Ostfriesland, daher nein.“
„Herr Mut, höre ich da ein Vorurteil heraus?“
„Keineswegs, Frau Nana, keineswegs. Ich trinke sehr gerne den ostfriesischen Tee. Aber nur in Ostfriesland.“
„Ich verstehe. – Also gut, warum führt eine Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht in Griff hat, einen Ideengeist zu mir?“
„Deswegen“, sagte die angehende Verführungshexe, die ihre Kräfte nicht im Griff hatte, und griff in die Tasche, um etwas herauszuholen.
Um es herauszuholen.
Maria Nana wurde bleich. „Ist es das, was ich denke, dass es das ist?“
Die angehende Verführungshexe nickte bekümmert.
„Und jetzt will Soger es haben“, fügte ich hinzu.
„Soger? Der Pirat? War er das mit dem Lärm?“
Erneut nickte die angehende Verführungshexe, noch bekümmerter, obwohl das eigentlich gar nicht ging.
„Oh je. Ich habe ihn vor 200 Jahren zuletzt gesehen, und ich glaube, das gilt für alle anderen auch. Er ist aufgewacht, weil du den Gral gefunden hast? Und dann bringst du ihn hierher?“
„Ja“, antwortete die angehende Verführungshexe aufschluchzend.
„Na gut.“ Die Mentorin nahm einen Schluck von ihrem Tee. „Dann bleibt er jetzt hier. Leg ihn bitte zurück in die Tasche und stell die Tasche ab.“ Nachdem Lola die Anweisung befolgt hatte, nickte Maria Nana. „Ihr müsst Soger finden und ihm erklären, dass der Gral uns, den Rheinhexen, gehört. Es wäre besser, er würde das einsehen. Ein Krieg zwischen den Rheinhexen und toten Piraten könnte … nun, für ein wenig Aufsehen sorgen.“
„Das war noch eher zurückhaltend formuliert“, bemerkte ich. „Aber wie sollen wir Soger finden?“
„Nun, so wie es aussieht, verfügt Lola über das Talent, Dinge zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Vielleicht gilt das auch für Piraten, die tot sind?“
„Haha“, sagte Lola jammernd.
Ich konnte mir ein Grinsen nicht ganz verkneifen, obwohl sie mir natürlich leidtat.
„Nun, der Gral scheint die Piraten geweckt zu haben. Besteht dann nicht die Gefahr, dass sie herkommen?“, erkundigte ich mich und trank vom Tee. Die Tasse war danach fast leer, aber ich hatte nicht einmal ansatzweise das Gefühl, die Wirkung der Verführungshexe hätte nachgelassen.
„Ich denke nicht, dass Soger den Gral spüren kann.“
„Das denke ich auch nicht“, bemerkte Lola. „Dann wäre er doch ins Café Kitsch gekommen.“
„Und Kerstin hätte ihn zum Teufel gejagt.“
„Wer ist Kerstin?“, fragte Maria Nana verwundert. „Auch eine Hexe?“
Ich konnte mir erneut ein Grinsen nicht verkneifen. „Sie ist die Besitzerin des erwähnten Cafés. Waren Sie denn noch nie dort?“
„Ich gehe selten irgendwohin“, murmelte die Mentorin. „Wir Hexen müssen zunehmend vorsichtig sein. Kaum noch jemand glaubt wirklich an Magie, an echte Magie. Diese ganze neumodische Esoterik, sie sorgt dafür, dass die Menschen sich von der Natur abwenden. Merken Sie das denn nicht auch, Herr Mut, Sie als Ideengeist?“
„An Ideen mangelt es den Menschen nach wie vor nicht, daher habe ich damit keine Schwierigkeiten. Dennoch verstehe ich Sie gut. Man redet gerne über die Natur, dass sie geschützt werden muss, oder dass man gar zu ihr zurückkehren müsste. Dass man sich von ihr nie entfernt hat, das verstehen viele Menschen gar nicht. Sie sagen, Technik und Natur, das sind Gegensätze, die Technik würde die Menschen von der Natur entfremden. Ach, ich sollte nicht darüber nachdenken, ich habe schon so viel gesehen und weiß, dass die Menschen jeder Zeit gedacht haben, sie hätten den Gral des Wissens endlich gefunden, dabei ist es nur der Gral der Rheinhexen.“
„Und es war nicht einmal ein Mensch, der ihn fand“, erwiderte Maria Nana lächelnd. „Ich gebe Ihnen recht, Herr Mut, gleichwohl gebe ich zu bedenken, dass es für einen Naturgeist schwierig ist, in einem Handy zu wohnen.“
„Das ist wohl wahr. Ich fürchte, wir werden nicht diejenigen sein, die die menschliche Zivilisation retten, zumal ich bezweifle, dass sie wirklich einer Rettung bedarf. Möglicherweise bedarf aber Linz am Rhein einer Rettung, denn ich vermag mir nicht auszudenken, wie Soger reagieren könnte, wenn er nicht bekommt,wonach es ihn schon seit über 1000 Jahren dürstet.“
„Das ist in der Tat etwas, worüber wir uns Gedanken machen sollten“, sagte die Mentorin. „Ach ja, Herr Mut, spüren Sie schon die Wirkung vom Tee?“
Ich schüttelte den Kopf.
„Das habe ich befürchtet. Bei Menschen wirkt er, das weiß ich, aber Sie sind halt ein Ideengeist, eigentlich reagieren Sie auf Hexenkräuter nicht. Was somit bewiesen wäre. Das tut mir leid. Sie werden sich wohl noch eine Weile zusammenreißen müssen.“
Ich warf einen Blick auf Lola, die mich aus großen Augen anstarrte und damit noch alles viel schlimmer machte. Am liebsten hätte ich sie, für mich völlig ungewöhnlich, so ungewöhnlich, dass ich mich vor mir selbst erschrak, angeschrien, dass sie die Augen schließen oder wenigstens irgendwo anders hin starren soll, zum Beispiel auf die Kirche, doch im letzten Moment erlangte ich meine Beherrschung wieder und wandte mich von ihr ab.
Das konnte ja noch lustig werden. Nein, eigentlich würde das nicht lustig werden, denn sie litt darunter, und ich sowieso. Zum einen, weil sie darunter litt, zum anderen, weil ich sie wirklich gerne in die Arme genommen und getröstet hätte.
Maria Nana schien die kleine Szene nicht zu entgehen, doch sie tat so, als hätte sie nichts bemerkt.
„Ich schlage vor, ihr beide kehrt nach Linz zurück und redet mit Sogar“, sagte sie.
„Was?!“, rief Lola. „Er macht uns bestimmt einen Kopf kürzer! Oder Schlimmeres!“
„Schlimmeres als einen Kopf kürzer?“, fragte ich. „Davon abgesehen, warum sollte er das tun? Wir teilen ihm mit, dass wir wissen, wo sich der Gral befindet.“
„Was?!“, rief Lola erneut.
„Dann bringt er uns nicht um, weil er sonst nie erfährt, wo der Gral ist.“
„Dann wird er uns foltern lassen!“
„Einen Ideengeist? Das wäre eine ganz schlechte Idee, und ich denke, das weiß er auch.“
„Hm“, erwiderte Lola. „Also gut, mal angenommen, wir behalten unsere Köpfe, wozu soll das Ganze denn gut sein?“
„Wir erklären ihm, dass die Welt sich inzwischen sehr verändert hat und es nicht gut ist, wenn er so eine Aufregung verursacht. Sobald den Leuten klar wird, dass es sich bei dieser Angelegenheit um eine Geistererscheinung handelt, ist hier die Hölle los. Geisterjäger sind nur im Film lustig, und dort auch nur, wenn sie von Bill Murray gespielt werden.“
„Ich mochte Dan Aykroyd eigentlich mehr“, bemerkte Maria Nana. „Murray ist mir ein wenig zu … Ich weiß auch nicht. Zu ernst.“
„Zu ernst?“, wiederholte ich. „Reden wir von demselben Schauspieler, der Murmeltiere grüßt?“
„Ich denke schon“, lächelte sie. „Also gut, kommen wir zurück zur Realität. Sie wollen wirklich mit Soger reden?“
„Nichtstun ist bei der derzeitigen Lage vermutlich keine Option, und ich fürchte, wir drei und Kerstin sind die Einzigen, die wissen, was eigentlich los ist. Weiterhin denke ich, dass es keine gute Idee wäre, weitere Leute einzuweihen, auch wenn Kerstin was von einem ihr bekannten Polizisten erzählt hat, dessen Name ich gerade nicht weiß. Dieser Fall ist nichts für die Polizei, fürchte ich. Auch nicht fürs LKA oder BKA oder NSA, selbst wenn Letztere möglicherweise schon eher Bescheid wusste als Soger selbst.“
„Hat man Ihnen eigentlich schon gesagt, dass Sie zynisch sind, Herr Mut?“, erkundigte sich Lola mit großen Augen.
Ich wandte mich schnell ab und betrachtete durchs Wohnzimmerfenster die in Dunkelheit gehüllte Kirche.
„Und wie wollen Sie Soger finden, Herr Mut?“ Maria Nana dachte praktisch.
„Vermutlich auf seinem Schiff, das vor Linz vor Anker liegt. Und ich denke, ich werde jetzt aufbrechen.“ Damit erhob ich mich auch, denn in der Tat dürfte Eile geboten gewesen sein, bevor wirklich LKA, BKA und NSA mitbekamen, was hier los war.
„Ich begleite Sie!“, erkläre Lola. „Ich habe uns diese Piratengeschichte eingebrockt, ich werde also helfen, sie wieder auszulöffeln! Ich werde ihn ablenken! Er ist ja auch nur ein Mann!“
„Wollen wir es hoffen“, erwiderte ich nachdenklich. Im Gegensatz zu Ideengeistern konnte Hexen durchaus leiblicher Schaden zugefügt werden. Andererseits hätte ich ungern auf die Gesellschaft Lolas verzichtet, obwohl, wie mir dabei bewusst wurde, dieser Wunsch einem durchaus egoistischen Motiv entsprang, zumal sie sich dabei in Gefahr begab.
Auf der anderen Seite war sie ja irgendwie schon schuld an dieser ganzen Misere. Und ich bezweifelte, dass ein Pirat wie Soger einer so schönen Frau etwas antun wollen würde. Insbesondere, wenn diese schöne Frau unter meinem Schutz stand …
Als mir bewusst wurde, was ich gerade gedacht hatte, schloss ich kurz die Augen. Der Tee hatte keine Wirkung bei mir, das war eindeutig. Nun denn.
„Gehen wir“, sagte ich kurzangebunden.
Maria Nana begleitete uns nach draußen.
„Ich wünsche Ihnen viel Erfolg, Herr Mut. Und lassen Sie sich nicht zu sehr von Lola ablenken.“
Ich schaute die Hexe mit den schwarzen Augen an, dann wandte ich mich schnell ab, nickte ihrer Mentorin zu und ging gemessenen Schrittes auf die Kirche zu.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (4)

Ich musterte Lolas rote Stiefeln. Eigentlich waren es Stiefelchen. Vermutlich. Durch den langen Rock war es nicht genau zu erkennen, außer beim Gehen. Jetzt blieb sie aber stehen, damit Kerstin die Falltür hochziehen konnte.
Dann sah sie die Hexe an. „Sind Sie sicher, dass das hier richtig ist? Ich war noch nicht oft im Keller, aber da ist es einfach nur dunkel und dreckig.“
„So scheint es“, bestätigte Lola. „Aber Hexen sehen auch die Geheimtür.“
„Na gut. Ich glaube, ich erzähle Frau Niederée besser nicht, dass sich in ihrem Keller eine Geheimtür zu den Geheimgängen der Rheinhexen befindet.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte ich. „Lola, wollten Sie nicht den Gral holen?“
„Ach ja, doch.“ Sie fuhr herum und ging mit wehendem Rock in die Toilette.
Stiefeletten! Eindeutig! Rote! Und keine Strümpfe!
Herr Mut, sagte ich mir selbst, kann es sein, dass ihr Zauber bei dir wirkt?
Ich verfolgte diesen Gedanken aber nicht weiter, denn Lola kam mit etwas wieder, was sie in eine grüne Tüte mit Café Kitsch-Aufschrift gepackt hatte.
„Sehr unauffällig“, stellte ich fest.
„In Linz schon“, erwiderte sie lächelnd.
„Da haben Sie allerdings in der Tat recht, Lola.“
Kerstin verdrehte nur die Augen, das konnte ich selbst in der Dunkelheit sehen. Inzwischen war es acht Uhr abends, aber es schien nicht sicher auf den Straßen von Linz zu sein, daher war sie noch nicht nach Hause gegangen. Die Polizei war mit einer Lausprecherdurchsage durch die Stadt gefahren, mit diesem Inhalt. Zwar wusste ich, dass es sich anders verhielt, denn Geister können lebenden Menschen nicht so ohne Weiteres schaden, aber das war etwas, das wollte ich der Polizei nicht erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Kerstin meinte zwar, sie könnte einen Herrn Hüngsberg anrufen, aber ich hielt es für keine gute Idee. Sie sagte etwas von Polizei, aber das hielt ich aus erwähnten Gründen erst recht für keine gute Idee. Ich hatte meine Zweifel, dass die Polizei des 21. Jahrhunderts auf Flusspiraten auf dem Rhein in Deutschland vorbereitet waren. Jedenfalls auf diese Art von Piraten: Wikinger.
Da gefiel mir die Idee von Lola, ihrer Mentorin einen Besuch abzustatten, schon viel besser. Zumal sie irgendwo zwischen Dattenberg und Leubsdorf wohnen sollte.
„Was ist eine Mentorin?“, hatte sich Kerstin erkundigt. „Ich weiß natürlich, was eine Mentorin grundsätzlich ist, aber für eine Hexe?“
„Sie betreut mich, bis ich 100 und dann in den Bund der Rheinhexen aufgenommen werde“, erklärte Lola hilfsbereit.
„Ich bin ja mal gespannt, was sie zu Ihrer aktuellen Heldentat sagen wird“, bemerkte ich.
„Wie meinen Sie das?“ Lola starrte mich aus großen Augen an und ich beschloss, sie nicht mehr zu ängstigen. Und eine zarte, schwache Stimme in mir meinte noch, ich sollte aufpassen, ihr nicht zu verfallen.
Was ja schnell geschehen kann, bei einer so wunderschönen Verführungshexe.
Und nun standen wir hier am Kellereingang, genauer, am Kellerabgang, noch genauer, an den Stufen in ein dunkles, ungemütliches, schwarzes Loch.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Kerstin plötzlich.
„99.“
„Oh. Gut erhalten. Ich meine …“ Kerstin verstummte verlegen, bei ihr ein äußerst seltenes Phänomen.
Lola schien die Reaktion gewohnt zu sein und sagte nichts dazu. Sie holte ihr Handy hervor und schaltete die eingebaute Taschenlampe ein.
„Eine Hexe mit Handy … Das ist ungefähr so, als würde Superman mit dem Bus fahren.“
Lola sah mich strafend an. „Ich verkehre nicht nur mit Hexen, Herr Mut. Was würden meine menschlichen Freundinnen sagen, wenn sie plötzlich eine Stimme im Kopf hören würden?“
„Sie verkehren? So, so.“
„Herr Mut, so kenne ich Sie ja gar nicht!“, rief Kerstin erstaunt.
„Das liegt an mir, fürchte ich“, sagte Lola und senkte den Blick. „Ich … ich bin ja eine Verführungshexe und kann das nicht ausschalten.“
„Oh. Ich verstehe. Hoffentlich wirken Sie nur bei Männern.“
„Ja, tatsächlich. Für Frauen gibt es männliche Hexen.“
„Keine Frauen?“
Endlich verstand Lola. Leider war es dunkel, sonst hätten wir bestimmt sehen können, ob sie rot geworden war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, denn als Ideengeist hatte ich natürlich schärfere Sinne als eine Menschin wie Kerstin.
„Doch, das … das gibt es natürlich auch. Und Männer für Männer auch. Immerhin sind 33 % aller Menschen homosexuell.“
„33 %? Nicht 10 %?“
„Liebe Frau Litterst, wie sollen Menschen wissen können, wie viele Menschen tatsächlich homosexuell sind?“
„Davon habe ich keine Ahnung. Aber wie wissen es Hexen?“
„Wir … wir spüren es ja. Ich merke es sofort, wenn ein Mann immun gegen meine Verführungskünste ist.“
„Ach so. Ich schlage vor, wir beenden dieses Thema. Ihre Mentorin wartet.“
„Sie weiß doch gar nicht, dass wir kommen!“
Ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass Kerstin die Augen verdrehte. Dann zeigte sie stumm auf das dunkle, feuchte, dreckige Loch. Also auf den Keller.
„Wollen Sie vorgehen, Herr Mut?“, fragte Lola. „Ich leuchte Ihnen auch!“
„Nein, ist schon gut. Gehen Sie ruhig vor.“
Lola verabschiedete sich mit einem Nicken von Kerstin. Ich bekam eine Umarmung von ihr, zum ersten Mal. Aber die Situation war ja auch zum ersten Mal eine so außergewöhnliche. Da ging das schon mal.
Um alle Spuren zu verwischen, ließ Kerstin die Falltür wieder herab. Nicht ganz, denn sie war nie ganz zu, aber doch so, dass es noch dunkler wurde. Eigentlich ging das ja gar nicht, aber es war trotzdem so.
„Mist, mein Akku ist leer“, jammerte Lola.
„Ich bin begeistert“, erwiderte ich und holte mein eigenes Handy hervor. „Nehmen Sie das. Lola, müssten Sie als Hexe und Anwärterin für den Hexenbund nicht auch Licht zaubern können?“
„Doch“, hauchte sie.
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Warum nicht?“
Sie errötete. Schon wieder. Diesmal war ich mir ganz sicher.
„Schon gut, ich ahne es. Los, gehen Sie einfach vor, einverstanden?“
Sie nickte und wandte sich hinter der Treppe nach rechts. Für Menschen war da nichts, höchstens uneinladender Dreck, aber für eine Hexe gab es da eine Tür. Zu meiner Freude beherrschte Lola wenigstens solche elementaren Hexenkünste, wie eine magische Tür zu sehen und zu öffnen. Sonst hätten wir jetzt ganz schön im Dunkeln getappt. Wortwörtlich.
Während sich hinter uns die Tür wieder schloss, wanderten wir durch die recht enge Höhle, die aber wenigstens einen einigermaßen ebenen Boden hatte. In meinem langen Leben hatte ich schon ganz andere enge Höhlen erlebt. Das hier war sozusagen ein Spaziergang. Na ja, fast. Vor allem, weil der knöchellange, schwarze Rock von Lola recht eng um ihre Hüften anlag. Darin hatte er was gemeinsam mit der Höhle. Im Engsein.
Oh, Herr Mut, du drehst ja völlig ab …
Ich beschloss, dass es keine gute Idee war, sich in Lola zu verlieben. Nicht dass ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich war in meinem langen Leben ja oft verliebt gewesen, meistens in Menschen, was automatisch zu einer gewissen Halbwertszeit der jeweiligen Beziehung führte. Aber Lola war eine Verführungshexe, ich verliebte mich ja nicht wirklich in sie, ich reagierte lediglich auf ihre Zauberkraft. Natürlich war sie auch ungezaubert hübsch, aber das allein hätte sicher nicht ausgereicht, damit ich mich in sie verliebe. Und ihre Naivität, auf eine gewisse Art durchaus charmant und wirksam bei Männern, die gerne den Beschützer spielen, fand ich persönlich nicht sehr ansprechend. Mir waren intelligente, selbstbewusste Frauen lieber. Ohne magische Einwirkungen hätte ich mich noch eher in Fiona verlieben können, wobei ich von der lieber die Finger ließ. Sie war mir dann doch eine Nummer zu selbstbewusst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht daran glaubte, ich käme für sie überhaupt in dieser Hinsicht infrage. Auch wenn sie Herrn Schreiber quasi geküsst hatte, aber das war eine besondere Situation gewesen.
Wie jetzt auch.
Hm.
Plötzlich blieb Lola stehen. „Wir sind da“, sagte sie. „Also, nicht da, aber beinahe. Wir können jetzt nach draußen.“
Als ich nickte, öffnete sie eine Tür und wir traten aus der Dunkelheit in die Dunkelheit hinaus. Während sie mir mein Handy reichte, sah ich mich um. Dann erkannte ich den Ort.
„Wie passend“, stellte ich fest.
„Nicht wahr?“ Sie strahlte förmlich.
Ich sagte lieber nichts weiter zu. Hexen, die eine Tür zu ihrem gemeinsamen geheimen Höhlensystem direkt hinter einer Kirche bauen, die auch noch St. Walburgis heißt, was soll ich dazu noch sagen?
Lola drehte sich lachend um und ging los. Ich folgte ihr kopfschüttelnd.
Aber auf jeden Fall saß dieser Rock wirklich sehr eng um ihre Hüften.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“