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Die Weihnachtsgeschichte

Es war einmal … eine kleine Weihnachtsgeschichte. Nennen wir sie der Einfachheit halber Weihnachten.

Weihnachten wohnte in einem ganz weit entfernten Land. Es war so weit entfernt, dass Menschen sich gewöhnlich nicht dorthin verirrten. Ja, sie kannten den Weg nicht einmal. Dennoch, einmal im Jahr geschah es, dass ein ganz großer Reisebus alle Menschen, die Weihnachten mal kennenlernen wollten, einsammelte und in dieses ganz weit entfernte Land brachte, in dem Weihnachten wohnte. Nun war es so, dass die Reise in dieses Land sehr, sehr lange dauerte. Also, um genau zu sein, sie hätte normalerweise ein ganzes Leben gedauert.

Das ging natürlich nicht, denn so viel Zeit hatten die Menschen gar nicht. Sie wollten zwar Weihnachten sehen, aber so eine lange Reise nicht einmal für Weihnachten auf sich nehmen. Das ist irgendwo ja auch verständlich, denn wer möchte schon sein Leben mit einer Reise zu Weihnachten verbringen? So komfortabel ist ein Reisebus schließlich auch nicht.

Deswegen ließ sich der Busunternehmer einen kleinen Trick einfallen. Um ehrlich zu sein, musste ich ihm versprechen, diesen Trick niemals, niemals, niemals und unter keinen Umständen und auf keinen Fall niemandem, nicht einmal unter Folter, zu verraten. Insofern bitte ich an dieser Stelle um Verständnis, dass ich diesen Trick nicht verraten werde. Sie können mich ruhig foltern, ich werde den Trick nicht verraten. Versprochen ist versprochen, nicht wahr? Das Einzige, was ich dazu sagen kann, ist Folgendes: Prinzessin Vespas Beinah-Ehemann könnte helfen. Vielleicht.

Wie dem auch sei, unsere Weihnachten bereitete sich jedes Jahr sorgfältig auf den anstehenden Besuch vor. Zunächst wurde das Häuschen von innen nach außen gekehrt, gefegt, geschrubbt, bis alles blitzblank sauber war und glänzte wie die Sonne. Oder so ähnlich. Danach kleidete sie sich ein. Habe ich übrigens schon erwähnt, dass Weihnachten weiblich war? Also, ganz streng genommen hatte Weihnachten natürlich kein Geschlecht, aber man geht davon aus, dass sie eher weiblich als männlich war. Absolut sicher sind sich die Gelehrten da jedoch nicht. Als gesichert kann angenommen werden, dass Weihnachten bei den alljährlichen Besuchen der Menschen ein Kleid trug, jedenfalls seit Anbeginn der Aufzeichnungen. Wie es vorher war, weiß man ja naturgemäß nicht.

Üblicherweise hielt der Reisebus direkt vor Weihnachtens kleinem, strahlenden Haus, dessen Fenster und Türen weit offen standen, damit die vielen Menschen, die sich für Weihnachten interessierten, sofort eintreten konnten. Aber um ehrlich zu sein, dürfen wir nicht unerwähnt lassen, dass es von Jahr zu Jahr weniger Menschen waren, die der Reisebus zu Weihnachten brachte.

Und dann passierte es: Die Türen des Reisebusses öffneten sich – und niemand stieg aus.

Niemand.

Kein einziger Mensch.

Das heißt, so ganz stimmte das nicht. Wir wollen genau sein, schließlich sind wir die Chronisten eines ganz bedeutenden Ereignisses.

Einer stieg doch aus. Nämlich der Busfahrer. Aber ich denke, es sei mir verziehen, dass ich vorhin geschrieben habe, dass niemand ausgestiegen wäre, denn der Busfahrer war ja immer dabei und zählte nicht als Besucher.

Sie sahen sich an. Weihnachten, in einem sehr hübschen, knielangen roten Kleid und roten Stiefelchen, in denen sie ein bisschen wie Rotkäppchen aussah, und der Busfahrer.

Dann begann Weihnachten bitterlich zu weinen. Der Busfahrer nahm sie in die Arme und führte sie in den Bus, schloss die Türen, setzte Weihnachten ganz nach vorne, auf die rechte Seite, sich selbst hinter das Lenkrad und fuhr los.

(Teil 2)