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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (4)

Ich musterte Lolas rote Stiefeln. Eigentlich waren es Stiefelchen. Vermutlich. Durch den langen Rock war es nicht genau zu erkennen, außer beim Gehen. Jetzt blieb sie aber stehen, damit Kerstin die Falltür hochziehen konnte.
Dann sah sie die Hexe an. „Sind Sie sicher, dass das hier richtig ist? Ich war noch nicht oft im Keller, aber da ist es einfach nur dunkel und dreckig.“
„So scheint es“, bestätigte Lola. „Aber Hexen sehen auch die Geheimtür.“
„Na gut. Ich glaube, ich erzähle Frau Niederée besser nicht, dass sich in ihrem Keller eine Geheimtür zu den Geheimgängen der Rheinhexen befindet.“
„Das glaube ich auch“, bemerkte ich. „Lola, wollten Sie nicht den Gral holen?“
„Ach ja, doch.“ Sie fuhr herum und ging mit wehendem Rock in die Toilette.
Stiefeletten! Eindeutig! Rote! Und keine Strümpfe!
Herr Mut, sagte ich mir selbst, kann es sein, dass ihr Zauber bei dir wirkt?
Ich verfolgte diesen Gedanken aber nicht weiter, denn Lola kam mit etwas wieder, was sie in eine grüne Tüte mit Café Kitsch-Aufschrift gepackt hatte.
„Sehr unauffällig“, stellte ich fest.
„In Linz schon“, erwiderte sie lächelnd.
„Da haben Sie allerdings in der Tat recht, Lola.“
Kerstin verdrehte nur die Augen, das konnte ich selbst in der Dunkelheit sehen. Inzwischen war es acht Uhr abends, aber es schien nicht sicher auf den Straßen von Linz zu sein, daher war sie noch nicht nach Hause gegangen. Die Polizei war mit einer Lausprecherdurchsage durch die Stadt gefahren, mit diesem Inhalt. Zwar wusste ich, dass es sich anders verhielt, denn Geister können lebenden Menschen nicht so ohne Weiteres schaden, aber das war etwas, das wollte ich der Polizei nicht erzählen. Aus verschiedenen Gründen. Kerstin meinte zwar, sie könnte einen Herrn Hüngsberg anrufen, aber ich hielt es für keine gute Idee. Sie sagte etwas von Polizei, aber das hielt ich aus erwähnten Gründen erst recht für keine gute Idee. Ich hatte meine Zweifel, dass die Polizei des 21. Jahrhunderts auf Flusspiraten auf dem Rhein in Deutschland vorbereitet waren. Jedenfalls auf diese Art von Piraten: Wikinger.
Da gefiel mir die Idee von Lola, ihrer Mentorin einen Besuch abzustatten, schon viel besser. Zumal sie irgendwo zwischen Dattenberg und Leubsdorf wohnen sollte.
„Was ist eine Mentorin?“, hatte sich Kerstin erkundigt. „Ich weiß natürlich, was eine Mentorin grundsätzlich ist, aber für eine Hexe?“
„Sie betreut mich, bis ich 100 und dann in den Bund der Rheinhexen aufgenommen werde“, erklärte Lola hilfsbereit.
„Ich bin ja mal gespannt, was sie zu Ihrer aktuellen Heldentat sagen wird“, bemerkte ich.
„Wie meinen Sie das?“ Lola starrte mich aus großen Augen an und ich beschloss, sie nicht mehr zu ängstigen. Und eine zarte, schwache Stimme in mir meinte noch, ich sollte aufpassen, ihr nicht zu verfallen.
Was ja schnell geschehen kann, bei einer so wunderschönen Verführungshexe.
Und nun standen wir hier am Kellereingang, genauer, am Kellerabgang, noch genauer, an den Stufen in ein dunkles, ungemütliches, schwarzes Loch.
„Wie alt sind Sie denn eigentlich?“, fragte Kerstin plötzlich.
„99.“
„Oh. Gut erhalten. Ich meine …“ Kerstin verstummte verlegen, bei ihr ein äußerst seltenes Phänomen.
Lola schien die Reaktion gewohnt zu sein und sagte nichts dazu. Sie holte ihr Handy hervor und schaltete die eingebaute Taschenlampe ein.
„Eine Hexe mit Handy … Das ist ungefähr so, als würde Superman mit dem Bus fahren.“
Lola sah mich strafend an. „Ich verkehre nicht nur mit Hexen, Herr Mut. Was würden meine menschlichen Freundinnen sagen, wenn sie plötzlich eine Stimme im Kopf hören würden?“
„Sie verkehren? So, so.“
„Herr Mut, so kenne ich Sie ja gar nicht!“, rief Kerstin erstaunt.
„Das liegt an mir, fürchte ich“, sagte Lola und senkte den Blick. „Ich … ich bin ja eine Verführungshexe und kann das nicht ausschalten.“
„Oh. Ich verstehe. Hoffentlich wirken Sie nur bei Männern.“
„Ja, tatsächlich. Für Frauen gibt es männliche Hexen.“
„Keine Frauen?“
Endlich verstand Lola. Leider war es dunkel, sonst hätten wir bestimmt sehen können, ob sie rot geworden war. Ich hatte jedenfalls den Eindruck, denn als Ideengeist hatte ich natürlich schärfere Sinne als eine Menschin wie Kerstin.
„Doch, das … das gibt es natürlich auch. Und Männer für Männer auch. Immerhin sind 33 % aller Menschen homosexuell.“
„33 %? Nicht 10 %?“
„Liebe Frau Litterst, wie sollen Menschen wissen können, wie viele Menschen tatsächlich homosexuell sind?“
„Davon habe ich keine Ahnung. Aber wie wissen es Hexen?“
„Wir … wir spüren es ja. Ich merke es sofort, wenn ein Mann immun gegen meine Verführungskünste ist.“
„Ach so. Ich schlage vor, wir beenden dieses Thema. Ihre Mentorin wartet.“
„Sie weiß doch gar nicht, dass wir kommen!“
Ich konnte trotz der Dunkelheit sehen, dass Kerstin die Augen verdrehte. Dann zeigte sie stumm auf das dunkle, feuchte, dreckige Loch. Also auf den Keller.
„Wollen Sie vorgehen, Herr Mut?“, fragte Lola. „Ich leuchte Ihnen auch!“
„Nein, ist schon gut. Gehen Sie ruhig vor.“
Lola verabschiedete sich mit einem Nicken von Kerstin. Ich bekam eine Umarmung von ihr, zum ersten Mal. Aber die Situation war ja auch zum ersten Mal eine so außergewöhnliche. Da ging das schon mal.
Um alle Spuren zu verwischen, ließ Kerstin die Falltür wieder herab. Nicht ganz, denn sie war nie ganz zu, aber doch so, dass es noch dunkler wurde. Eigentlich ging das ja gar nicht, aber es war trotzdem so.
„Mist, mein Akku ist leer“, jammerte Lola.
„Ich bin begeistert“, erwiderte ich und holte mein eigenes Handy hervor. „Nehmen Sie das. Lola, müssten Sie als Hexe und Anwärterin für den Hexenbund nicht auch Licht zaubern können?“
„Doch“, hauchte sie.
„Aber?“
„Ich kann es nicht.“
„Warum nicht?“
Sie errötete. Schon wieder. Diesmal war ich mir ganz sicher.
„Schon gut, ich ahne es. Los, gehen Sie einfach vor, einverstanden?“
Sie nickte und wandte sich hinter der Treppe nach rechts. Für Menschen war da nichts, höchstens uneinladender Dreck, aber für eine Hexe gab es da eine Tür. Zu meiner Freude beherrschte Lola wenigstens solche elementaren Hexenkünste, wie eine magische Tür zu sehen und zu öffnen. Sonst hätten wir jetzt ganz schön im Dunkeln getappt. Wortwörtlich.
Während sich hinter uns die Tür wieder schloss, wanderten wir durch die recht enge Höhle, die aber wenigstens einen einigermaßen ebenen Boden hatte. In meinem langen Leben hatte ich schon ganz andere enge Höhlen erlebt. Das hier war sozusagen ein Spaziergang. Na ja, fast. Vor allem, weil der knöchellange, schwarze Rock von Lola recht eng um ihre Hüften anlag. Darin hatte er was gemeinsam mit der Höhle. Im Engsein.
Oh, Herr Mut, du drehst ja völlig ab …
Ich beschloss, dass es keine gute Idee war, sich in Lola zu verlieben. Nicht dass ich mir das nicht hätte vorstellen können. Ich war in meinem langen Leben ja oft verliebt gewesen, meistens in Menschen, was automatisch zu einer gewissen Halbwertszeit der jeweiligen Beziehung führte. Aber Lola war eine Verführungshexe, ich verliebte mich ja nicht wirklich in sie, ich reagierte lediglich auf ihre Zauberkraft. Natürlich war sie auch ungezaubert hübsch, aber das allein hätte sicher nicht ausgereicht, damit ich mich in sie verliebe. Und ihre Naivität, auf eine gewisse Art durchaus charmant und wirksam bei Männern, die gerne den Beschützer spielen, fand ich persönlich nicht sehr ansprechend. Mir waren intelligente, selbstbewusste Frauen lieber. Ohne magische Einwirkungen hätte ich mich noch eher in Fiona verlieben können, wobei ich von der lieber die Finger ließ. Sie war mir dann doch eine Nummer zu selbstbewusst. Ganz abgesehen davon, dass ich nicht daran glaubte, ich käme für sie überhaupt in dieser Hinsicht infrage. Auch wenn sie Herrn Schreiber quasi geküsst hatte, aber das war eine besondere Situation gewesen.
Wie jetzt auch.
Hm.
Plötzlich blieb Lola stehen. „Wir sind da“, sagte sie. „Also, nicht da, aber beinahe. Wir können jetzt nach draußen.“
Als ich nickte, öffnete sie eine Tür und wir traten aus der Dunkelheit in die Dunkelheit hinaus. Während sie mir mein Handy reichte, sah ich mich um. Dann erkannte ich den Ort.
„Wie passend“, stellte ich fest.
„Nicht wahr?“ Sie strahlte förmlich.
Ich sagte lieber nichts weiter zu. Hexen, die eine Tür zu ihrem gemeinsamen geheimen Höhlensystem direkt hinter einer Kirche bauen, die auch noch St. Walburgis heißt, was soll ich dazu noch sagen?
Lola drehte sich lachend um und ging los. Ich folgte ihr kopfschüttelnd.
Aber auf jeden Fall saß dieser Rock wirklich sehr eng um ihre Hüften.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (3)

Vermutlich wollte dieser Jemand erreichen, dass wir aufspringen und weglaufen. Irgendwohin. Üblicherweise macht das Weglaufen wenig Sinn,wenn die Piraten kommen, sie sind dann bereits überall, kommen aus allen Richtungen. In meinem langen Leben hatte ich allerlei miterlebt, daher wusste ich das ganz genau.
Dennoch geschah nichts. Oder doch, etwas geschah doch. Lola und ich sahen uns an und Kerstin bemerkte es.
„Wissen Sie etwa, was hier passiert?“, erkundigte sie sich und wirkte wütend. „Piraten in Linz? In 2019? Ich hoffe wirklich sehr, dass dies keine Werbeaktion der Stadt ist, das wäre so dumm …“
„Ich bezweifle sehr, dass das eine Werbeaktion der Stadt ist“, erwiderte ich indigniert. „Trauen Sie so was wirklich TI zu?“
„Eigentlich ja nicht“, erwiderte Kerstin. „Aber was ist es dann?“
„Piraten“, sagte Lola.
„Ja, das habe ich auch gehört. Aber in Linz gibt es keine Piraten! Und auf dem Rhein auch nicht!“
„Nicht mehr“, entgegnete ich, während ich nach draußen lauschte. Es war beunruhigend ruhig.
„Ja, natürlich. Es finden ja auch keine Hexenverbrennungen mehr statt!“
„Zum Glück!“, entfuhr es Lola.
Kerstin musterte sie misstrauisch. „Wer sind Sie überhaupt?!“
„Lola Sunny. Ich unterrichte …“
„Das sagten Sie schon! Aber wer sind Sie wirklich?“
Lola sah mich hilfeheischend an, das entging Mrs Kitsch natürlich nicht.
„Herr Mut, Sie wissen etwas und sagen es mir nicht!“
„Das kann man so nicht sagen“, erwiderte ich. „Ich …ich weiß nur, dass Lola eine Hexe ist. Und eigentlich bin ich mir fast sicher, dass ich Ihnen das nicht verraten sollte, aber im Anbetracht der Umstände …“
Sie nahm es erstaunlich gelassen auf. „Dann ist sie eben eine Hexe. Aber was hat der Lärm zu bedeuten?“
Während ich mit den Schultern zuckte, bemerkte Lola kleinlaut: „Ich fürchte, daran bin ich schuld.“
„Wie bitte?!“ Ich starrte sie an. „Was haben Sie getan?“
Kerstin sagte nichts, aber ihr stechender Blick ruhte auf der Hexe. Alle anderen Gäste beobachteten uns gespannt. Draußen ging hastigen Schrittes jemand her. Ich glaube, es war eine Mitarbeiterin von Lohner´s, war mir aber nicht ganz sicher. Sie wirkte besorgt, aber nicht so verängstigt, wie sie eigentlich hätte sein müssen, wenn es stimmte, was ich dachte, wo der Knall herrührte. Und mein Gefühl sagte mir, dass Lola dasselbe dachte. Und dass sie sogar wusste, warum das geschah, was geschah.
„Ich glaube, ich habe den Gral gefunden. Also, nicht den aus der Artus-Sage, sondern den Gral der Rheinhexen. Zuerst war es mir gar nicht klar, was es …“
„Den Gral der Rheinhexen?“, wiederholte ich entsetzt, nachdem ich meine Sprache wiedergefunden hatte. „Was haben Sie damit getan?“
„Mitgenommen“, antwortete sie bekümmert. „Ich weiß, das war wohl dumm, aber …“
„Wo ist er jetzt?“, unterbrach ich sie streng. Verführungshexen reden gerne viel und ständig, diese hier war da wohl keine Ausnahme, aber wir befanden uns in einem Ausnahmezustand, dessen war ich mir zunehmend sicher.
Sie deutete nach hinten.
„In meiner Küche?!“, fragte Kerstin entgeistert.
„Auf dem Hof“, korrigierte die Hexe, noch bekümmerter, falls das überhaupt möglich war.
„Sie Wahnsinnige!“, rief ich aus.
„Kann mir jemand mal erklären, was daran so schlimm sein soll? Und was dieser Gral der Rhein… Rhein…“
„Rheinhexen“, sagte Lola hilfsbereit. „Der Gral der Rheinhexen. Ich … ich habe einfach nicht über die Folgen nachgedacht!“
„Haben Sie denn überhaupt nachgedacht?“, fuhr ich sie aufgebracht an.
„Herr Mut, so kenne ich Sie gar nicht!“ Kerstin sah mich äußerst erstaunt an.
Lola sagte nichts, sie sah mich nur an, aber nicht äußerst erstaunt, sondern äußerst niedergeschlagen. Ihr wurde offenbar immer klarer, was sie angerichtet hatte.
„Sie hat den Gral hergebracht“, erklärte ich ruhig.
„Ja, er liegt nun auf dem Hof. Habe ich verstanden. Und, was ist so schlimm daran?“
„Sie könnte Soger geweckt haben. Das würde jedenfalls die Fliegenden Rheinschiffe erklären, denn er befehligt diese. Und er ist … war ein Pirat. Eigentlich ein Wikinger. Wie auch immer, als Tulla den Rhein begradigen ließ, verschwanden die Fliegenden Rheinschiffe plötzlich. Es hieß, durch die vielen Veränderungen kamen die Piraten nicht mehr klar. Anscheinend haben sie 200 Jahre lang geübt, denn nun sind sie wohl da. Und daran ist nur diese Verführungshexe schuld!“ Ich starrte die braunhaarige Hexe strafend an, die unter meinem Blick immer kleiner wurde.
„Das … das wollte ich ja nicht …“, sagte sie leise.
„Jetzt mal langsam“, sagte Kerstin und ignorierte die entsetzten Gesichter der anderen Gäste, die im Gegensatz zu ihr nicht daran gewöhnt waren, dass Wesen unter ihnen weilten, die nur scheinbar wie sie, also Menschen, waren. Schließlich kannte Kerstin mich ja schon lange genug. „Selbst wenn das stimmt, mit dem Gral und so, warum sollten die Piraten deswegen plötzlich hier auftauchen?“
„Weil sie schon seit über 1000 Jahren danach suchen“, erklärte ich seufzend. Das gefiel mir gar nicht, wie sich das hier entwickelte.
Dabei war es erst der Anfang.

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“

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Hitzefrei

Hitzefrei! Also, frei von Hitze. Das sind wir inzwischen wieder. Wobei, ich frage mich schon, warum die Hitze so ein Problem sein soll. Ich meine, es ist doch normal, dass es im Sommer warm ist. Oder sogar heiß. Selbst in Deutschland. Zwischendurch hatte ich wirklich das Gefühl, die Deutschen seien von einem schönen Sommer überrascht, als wenn sie es noch nie erlebt hätten. Und die Unkenrufer sind auch da, das sei alles eine Auswirkung des Klimawandels.

Lassen wir den Klimawandel doch mal da, wo er hingehört: in der Politik. Ich persönlich habe meine Zweifel, ob die heutigen „Superrechner“ wirklich in der Lage sind, zuverlässige Klimamodelle zu berechnen. Erstens dürfte die Leistung noch nicht ausreichen und zweitens, viel wichtiger, sind wir Menschen gar nicht in der Lage, alle Parameter, die für ein so komplexes (Öko-)System eine Rolle spielen, zu erkennen, zu erfassen und dann auch noch in Gleichungen zu pressen, die dann im Modell berücksichtigt werden.

Dass über sieben Milliarden Menschen die Erde beeinflussen, steht außer Frage. Doch über das Wie dürften wir nur sehr spekulative Aussagen treffen können, wenn wir das Ganze mal frei von Dogmen betrachten.

Egal, darüber wollte ich ja heute gar nicht schreiben, schließlich bin ich nur ein Ideengeist.

Jedenfalls hatten wir bisher einen ziemlich schönen Sommer, der uns jetzt plötzlich eine lange Nase dreht. Ich meine, im August eine Jacke anziehen? Das ist vielleicht nachts normal, aber zur Mittagszeit eher ungewöhnlich. Nun gut, im statistischen Mittel ist der August immer noch normal warm. Immerhin. Hier, in Linz am Rhein, ist man unbeeindruckt, so scheint es mir. Die Fähre fährt, wie immer, von einem Ufer zum anderen und zurück. Was sollte sie auch sonst machen? Es gab ja keine Handgranaten, Dinosaurierreste oder Schiffwracks zu entdecken. Ich meine, Handgranaten braucht ja kein Mensch. Oder andere Granaten. Auch keine mit Museumswert. Allerdings sind das Zutaten für eine interessante Fantasy-Story: Die Granaten stammen gar nicht aus dem Zweiten Weltkrieg, sondern haben irgendwann in grauer Vorzeit den Mammut über die Regenbogenbrücke befördert, dessen Stoßzahnreste neulich gefunden wurden. In Düsseldorf. Das ist so ein Städtchen weiter rheinabwärts. Hat man ja schon mal gehört, den Namen. Linz, das ist natürlich eine andere Hausnummer. Da kann so ein Städtchen wie Düsseldorf nicht mithalten. Kein Wunder, dass sie einen Mammutzahn aus dem Hut respektive Rhein zaubern müssen, damit überhaupt jemand weiß, dass es diesen Ort gibt. Irgendwo in Deutschland, am Rhein. Ja, ja. Nötig haben die es wohl.

Wie auch immer, der Rhein ist dieses Jahr etwas wankelmütig, das kann man so sagen, glaube ich. Im Januar leckte er am Viadukt und hat es da mal wirklich geschafft, die Fähre zum Stillstand zu zwingen, selbst in Linz. Und nun kommen Sandbänke zum Vorschein, von denen wussten frische Generationen nicht einmal, dass es sie gibt. Ob sie es jetzt wissen, ist eine andere Frage. Vermutlich haben sie Wichtigeres zu tun, als die Sandbänke und deren Biotope zu bewundern. Sie habe ihre eigenen Biotope. Die Vertreter der jungen Generation, meine ich.

Neulich erzählte mal im Café Kitsch ein Gast, dass diese Sandbänke, nicht die junge Generation, eine interessante Abwechslung für die Zugvögel auf ihrer Flugroute seien. Vielleicht habe ich auch nur etwas falsch verstanden, das mag sein, denn Zugvögel im August? Nun gut, einige starten tatsächlich schon im Juli, wobei ich nicht weiß, wie es dieses Jahr war. Das Wetter muss sie ja völlig durcheinander gebracht haben. Damit will ich nicht sagen, dass es ungewöhnlich heiß war dieses Jahr. Eigentlich war es die letzten Jahre ungewöhnlich kalt. Früher, da war ja bekanntlich alles besser, auch die Sommer. Ich kann mich an einen April vor über zwanzig Jahren erinnern, da waren es deutlich über dreißig Grad. Celsius, nicht Kelvin. Letzteres wäre ein wenig zu kalt. Aber nur ein wenig.

Apropos, Hitze. Ich habe mal nachgelesen. Wer von Euch erinnert sich an den Tag, als man zu Fuß durch die Donau laufen konnte? Jawohl, die Donau, dieser Fluss, der bei Linz (in Österreich!) etwas über 200 Meter breit ist oder bei Budapest 400 bis 500 Meter. Diesen Fluss konnte man zu Fuß überqueren. Interessant wäre es noch zu wissen, wo. Aber vielleicht ja überall. Immerhin, der Jahrtausendsommer ist auch schon eine Weile her, nämlich fast 500 Jahre. Er fand 1540 statt und hat dafür gesorgt, dass man in London Meerwasser sehen konnte. Dort, wo sonst die Themse fließt. Das ist sicher nicht alltäglich. In dem Jahr haben die Rosen im Oktober ein zweites Mal geblüht, nur mal am Rande erwähnt. Nur das Bewässern war wohl etwas schwierig. Es regnete in dem Jahr nämlich praktisch nicht, etwa elf Monate lang. Heutzutage bricht die Wasserversorgung schon fast zusammen, wenn es mal zwei Monate lang einen normalen Sommer mit einigen Tagen über 30 Grad gibt. Wetten, in zehn Jahren weiß niemand mehr, wie das Wetter in 2018 war. Ja, war halt ein schöner Sommer, ne?

Die Touristen hat es aber nicht davon abgehalten, nach Linz (in Deutschland!) zu kommen. Obwohl es nicht alle Schiffe bis nach Linz geschafft haben. Immerhin, „Moby Dick“ sah man auch regelmäßig. Hut-Wetter war es. Hüte gingen gut, was ja kein Wunder ist. Doch jetzt beginnt allmählich die Schal-Saison. Natürlich gibt es bei Café Kitsch auch Schals, nicht nur 18 Sorten Trinkschokolade von Zotter. 😉

So, genug philosophiert. Ich muss wieder los und Herrn Toll Schreiber suchen, bevor er etwas anstellt. Nicht dass er in irgendeiner Buchhandlung alle Buchstaben aufisst. Da muss man echt aufpassen. Schließlich möchte kein Mensch Bücher mit leeren Seiten kaufen. Wobei, bei manchen Büchern würde es niemand merken.

Aber das ist ein anderes Thema.

 

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Herr Mut im Paternoster

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An einem Tag im Juni

Der Sommer ist da. Also, fast. Kommt darauf an, von welcher Warte aus wir die Sache betrachten. Das Wetter ist schon sommerlich, mit allem, was dazu gehört, einschließlich Freitalbad in Wuppertal. Praktisch gesehen fahren da so gut wie nur Wagen mit sauberem Unterboden herum. Unpraktisch dabei ist nur das ganze Öl, was durch die mancherorts inbegriffene Motorwäsche auch in den Pool gelangt ist. Aber wir, zumindest was mich betrifft, wollen ja nicht meckern, denn in Linz am Rhein ist das Wasser dort geblieben, wo es hingehört: im Rhein. Dass dies nicht selbstverständlich ist, haben wir ja im Januar erst gesehen.

Im Café Kitsch, meinem Lieblingscafé in diesem malerisch bunten Ort, ist alles wie früher. Also, fast. Irgendwas ist anders. Nein, das ist nicht schlimm, im Gegenteil. Am 1. März feierte das Café ja Einjähriges, nun ist nicht mehr alles das erste Mal, sondern es gibt den Vergleich mit dem Vorjahr. Als ich Kerstin mal gefragt habe, wie sie die Entwicklung findet, meinte sie, dass sie nicht unzufrieden ist. Es war viel Arbeit, viel Einsatz, das Café nach ihren Vorstellungen zu gestalten, Einiges ist ja jetzt anders als vor einem Jahr, aber es hätte sich durchaus gelohnt. Sie hat einen beachtlichen Anteil an Stammkunden aufgebaut. Manche kommen sehr regelmäßig und in kurzen Abständen, andere weniger regelmäßig oder in größeren Abständen, aber es sind sehr viele, die wiederkommen, weil es ihnen so gut gefallen hat. Dass dies nicht einfach nur so dahergeredet ist, sieht man ja auch an den Bewertungen auf Google Maps.

Ich selbst bin regelmäßig da und eigentlich auch häufig. In den letzten Monaten sah man mich allerdings eher seltener in Linz, aber das hatte mit Fiona zu tun. Im Moment werde ich da aber anscheinend nicht gebraucht, wenn doch, sagt mir Toll Schreiber sicherlich rechtzeitig Bescheid, dieser Buchstabengourmet. Und so sitze ich mal wieder im, nein, vor dem Café, denn trotz des wolkenverhangenen Himmels an diesem Junitag sitze ich draußen. Es ist warm, allerdings auch schwül. Gestern war ja Feiertag, entsprechend mehr ist an diesem Freitag in der Stadt los. Auch Touristen, vielleicht sogar aus Wuppertal. Ich sollte mal nachsehen, ob im Hafen auch Schlauchbote angelegt haben. Okay, das ist nicht nett, ich weiß. Aber wieso soll ich immer nur nett sein? Ich bin ein Feingeist, aber ein Zyniker. Und Wuppertal war halt für kurze Zeit ein Wassertal. Das stammt übrigens nicht von mir, es stand auf Youtube. Und außerdem darf ich mich mit Wuppertal beschäftigen, in gewisser Weise ist das ja meine Geburtsstadt. Glaubt Ihr nicht? Mein allererstes Erlebnis erschien in einer Anthologie, die von dem Wuppertaler Autor Christian Oelemann herausgegeben wurde. Man könnte sagen, ich sei ein Wuppertaler. Und ich mag diese Stadt durchaus und bin froh, dass sie letztlich glimpflich davongekommen ist. Mit einem augenzwinkernden Lachen lässt sich alles besser ertragen. Ich meine, hier in Linz spielt ja Wasser auch eine besondere Rolle, nicht nur im Rhein, sondern auch außerhalb. Zum Beispiel als letztes Jahr der Frühjahrströdelmarkt war und es für zehn Minuten so geregnet hat, dass die Rheinstraße sich in einen Wasserfall verwandelt hat. Anschließend war die Unterführung zur Fähre nur schwimmend zu benutzen. Zehn Minuten! Wir können das also auch.

Ich bin jetzt fertig mit meinem Kaffee. Da Kerstin gut zu tun hat mit ihren Frühstückgenießern, belästige ich sie heute mal nicht mit meinen feingeistigen Kommentaren, sondern bezahle und verabschiede mich freundlich lächelnd. Sie lächelt zurück.
 

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