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Chilli Zotter

„Kennen Sie schon Zotter?“
Ich sehe Vanesa irritiert fragend an. Dass sie Vanesa heißt, weiß ich ja von Kerstin, die mir in einer der wenigen ruhigen Minuten erzählt hat, dass sie gelegentlich aushilft, seitdem sie im Sommer nach einer Initiativbewerbung (was für ein schönes Wort) das Café kennengelernt und lieb gewonnen hat. Jedenfalls steht jetzt Vanesa neben mir und stellt seltsame Fragen. Oder jedenfalls eine seltsame Frage.
„Wen kenne ich?“
„Nicht wen, was!“, erwidert sie grinsend.
„Also, ich kenne Boomer aus dem Fernsehen, der sah immer etwas zottelig aus, aber mein Gefühl sagt mir, ihn meinst du nicht.“
Jetzt sieht sie mich irritiert an.
„Nicht so wichtig, das ist eine Fernsehserie aus der Zeit, als auf RTL die Anke Engelke noch ihr Unwesen trieb, damals ungefähr so alt wie du jetzt. Vielleicht bisschen jünger.“
„Aha. Wer ist Anke Engel?“
„Nicht so wichtig“, antworte ich lächelnd. „Ich glaube, du wolltest mir etwas mitteilen.“
Sie denkt kurz nach, dann sagt sie: „Ich wollte fragen, ob Sie Zotter schon kennen.“ Dabei deutet sie auf etwas, das auf dem Tisch steht und früher nicht da war. „Haben wir neu reinbekommen.“
Jetzt sage ich „Aha!“. Es sind kleine Karten im Visitenkartenformat auf einer Art Ständer, sodass man die einzelnen Karten umblättern kann. So ähnlich wie diese Tischkalender für Schreibtische, die aufgestellt werden. Sieht irgendwie niedlich aus. Und jetzt wird mir klar, dass Zotter eigentlich der Name einer Firma ist.
„Du willst mir Trinkschokolade verkaufen?“, frage ich Vanesa.
Sie nickt begeistert. „Genau! Wir haben richtig leckere Sorten! Zum Beispiel Bird’s Eye Chilli!“
„Das klingt, als würde man die Welt aus der Vogelperspektive betrachten, wenn man das Zeug getrunken hat, weil es so scharf ist.“
„Es schmeckt kräftig“, bestätigt sie. „Aber wir mussten noch keinen Gast von der Decke holen.“
„Wie beruhigend“, murmele ich. „Gibt es auch andere Sorten?“
„Selbstverständlich. Wir haben noch weiße Schokolade mit Vanillegeschmack, Nuss-Nougat, Milch Kakao und Honig-Zimt.“
„Habt ihr auch Kakao? Einfach nur Kakao?“
„Wir haben jetzt Zotter! Aber Milch Kakao ist im Prinzip wie Kakao.“
„Wahrscheinlich heißt er deswegen so, nicht wahr?“
„Genau!“
„Ich mag keinen Kakao, aber einen Kaffee nehme ich gern. Und einen Schokokuchen.“
Sie starrt mich entgeistert an. Schließlich sagt sie: „Wir haben heute keinen Schokokuchen.“
„Wieso habt ihr keinen Schokokuchen? Ich habe letztens doch auch Schokokuchen gegessen.“
„Wir haben nicht jeden Tag jede Sorte, dann müssten wir ja zwanzig verschiedene Kuchen haben. Aber wir haben Linzer Torte. Oder ofenwarmen Apfelkuchen vom Blech. Dazu passt Zotter Honig-Zimt übrigens ganz gut.“
„Ich will aber Kaffee“, sage ich langsam. Vielleicht habe ich vorhin zu schnell gesprochen, als ich meinen Wunsch geäußert habe, Kaffee zu trinken. „Oder habt ihr Kaffee auch nicht jeden Tag?“
„Doch, den haben wir natürlich jeden Tag.“
„Siehst du. Dann nehme ich Java. Ein Kännchen, bitte. Und dazu blechwarmen Ofenkuchen. Ach, du bringst mich ganz durcheinander. Ich meinte natürlich ofenwarmen Blechkuchen.“
„Mit Sahne?“
„Schmilzt der nicht auf dem ofenwarmen Kuchen?“
„Unsere Sahne nicht“, erwidert sie indigniert. „Also, Sie nehmen ein Kännchen Java und einen warmen Apfelkuchen? Keinen Zotter?“
„Nein! Keinen Zotter! Weder mit Chilli zum Fliegen noch mit Honig!“
„Okay.“ Sie entfernt sich hocherhobenen Hauptes.
Ich blicke mich um. Mittwochs um die Mittagszeit ist es nicht ganz so voll, nur an zwei weiteren Tischen sitzen Gäste, die unserer Unterhaltung offensichtlich amüsiert gefolgt sind. Eine Frau, etwa Anfang Vierzig, hebt ihr Glas in meine Richtung und sagt: „Schmeckt übrigens wirklich sehr gut, der Chillikakao.“
„Daran zweifle ich ja auch gar nicht. Und vielleicht muss man ja auch das Glas leertrinken, bevor man fliegen kann.“
„Ich finde Ihren Humor köstlich, Herr …“
„Mut“, stelle ich mich vor. „Ich bin Herr Mut.“
„Dann sollten Sie doch eigentlich kein Problem damit haben, mal etwas Neues zu probieren.“ Dann sieht sie mein Gesicht und fügt schnell hinzu: „Das haben Sie bestimmt schon oft gehört!“
„Zumindest nicht selten.“
Sie deutet auf Vanesa, die gerade vor der Mühle steht, um meinen Java zuzubereiten. „Sie haben die Arme ja ganz schön durcheinandergebracht. Ich glaube, alle, die Anke Engelke noch bei RTL erlebt haben, bekommen langsam Enkelkinder … Ups, entschuldigen Sie bitte.“
„Nichts passiert.“ Während ich das sage, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob Bird’s Eye Chilli damit etwas zu tun haben könnte, aber da auch Toll Schreiber gerne solche Fettnäpfe findet und der garantiert keinen Kakao, mit oder ohne Gewürze, trinkt, liegt es vermutlich nicht daran.
Die Anfangsvierzigerin nickt und widmet sich wieder dem Buch, das sie vom Ständer mit den Ansichtsexemplaren genommen hat. Wenn ich es richtig gesehen habe, ist es dieser neue Krimi. Irgendwas mit schachmatt. Zumindest irgendwas mit Schach. Rochade, oder so ähnlich. Mich interessiert so was ja nicht.
Ich will doch bloß meinen Kaffee.

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Der Kampf um den Schokokuchen

Ein Schokokuchen ist normalerweise geeignet, Menschen friedlich zu vereinen. Natürlich nur platonisch, nur so war es gemeint.

Aber man kennt das ja: Bei einem bekannten Discounter gibt es ein – vermeintlich – unschlagbares Angebot, man denke da nur an die Zaubermaschine, die alles kochen kann, und aus vermeintlich friedlich koexistierenden Menschen, Typus Käufer, am besten, wenn alle einkaufen, wahlweise, wenn es um Zaubermaschinen geht, morgens um fünf, wenn die Welt nur scheinbar noch in Ordnung ist, werden erbitterte Feinde, die wie damals in der Steinzeit, vielleicht auch davor, sich gegenseitig die Schädel eingeschlagen haben, um das beste Stück vom Kuchen abzubekommen.

Apropos Kuchen, das ist ja unser Stichwort hier. Mit hier meine ich das, was ich erzählen wollte. Also die Begebenheit, die sich zugetragen hat an einem Samstag in der bunten Stadt Linz. Am Rhein, zwischen Donau und Koblenz. Ich meine natürlich, zwischen Bonn und Koblenz. Sie merken schon, ich stehe immer noch unter der Wirkung der Ereignisse. Also, die Ereignisse haben sich zugetragen, nämlich in Linz am Rhein und nicht in Linz an der Donau. Die beiden Städte sind zwar verschwistert, ansonsten haben sie nicht nur geografisch wenig gemeinsam.

Darüber wollte ich aber gar nicht schreiben, sondern darüber, wie ich an jenem Samstag durch Linz schlenderte. Ich kam aus Richtung der Neustraße am Buttermarkt an, ging an der Butterfrau, die ähnlich geschwätzig war wie jeden Tag, vorbei und weiter rheinwärts, vorbei an Alt-Linz und Café Wahnsinn und steuerte zielstrebig das Rheintor an.

Dort kam ich allerdings nie an. Jedenfalls nicht an jenem Tag bei jener Gelegenheit.

Schuld daran war, wie kann es anders sein, Kerstin vom Café Kitsch.

Sie hatte Schokokuchen gebacken. Vielleicht war es auch Elisa, das weiß ich nicht. War mir in dem Moment auch egal. Ich hatte die Witterung aufgenommen und folgte der Spur ins Café, an einer verdutzten Kerstin vorbei und auf die Kundin zu, die gerade das letzte Stück des Kuchens für sich reklamieren wollte.

„Halt! Das geht nicht!“, rief ich.

Die Kundin, Kerstin und eine Mitarbeiterin, die ich noch gar nicht kannte, starrten mich verblüfft an.

„Was geht nicht?“, erkundigte sich dann die Kundin.

„Der Schokokuchen! Den nehme ich!“

„Das glaube ich nicht, werter Herr, denn ich war zuerst da, und ich will diesen Kuchen haben!“

„Werte Dame, Sie können sich ja einen anderen Kuchen aussuchen! Schauen Sie mal, es gibt versunkenen Apfelkuchen, es gibt den rohveganen Kuchen, dann zwei Sorten Käsekuchen … Das ist doch eine reichhaltige Auswahl, finden Sie nicht?“

„Ich will aber den Schokokuchen!“

„Ich auch! Tut mir leid, Sie müssen sich einen anderen Kuchen aussuchen!“

Die werte Dame schnappte nach Luft. So was war ihr wahrscheinlich noch niemals untergekommen, aber ich dachte nicht daran, meinen – meinen! – Schokokuchen kampflos zu überlassen.

„Vielleicht darf ich ja einen Vorschlag machen“, mischte sich in diesem Moment Kerstin ein.

„Ich bin nicht sicher, ob mir der Vorschlag gefallen wird“, erwiderte ich finster. „Wahrscheinlich eher nicht.“

„Das können Sie gar nicht wissen, wenn Sie den Vorschlag nicht gehört haben, Herr Mut“, sagte Kerstin kühl. „Vanesa, holst du bitte zwei Muffinformen?“

„Was haben Sie vor, Kerstin? Wollen Sie meinen Schokokuchen amputieren?“

„Ich habe vor, eine salomonische Lösung zu erarbeiten. Sehen Sie, das ist ein großes Stück Kuchen, daraus kann ich gut zwei herrliche Muffins machen. Ich denke, Sie werden beide sehr zufrieden sein! Warten Sie bitte hier.“

Sprach und ging mit dem Schokokuchen und den Muffinformen. Warum Vanesa die zuerst holen musste, wird wohl auf ewig ihr Geheimnis bleiben. Ich blickte Vanesa fragend an, aber diese zuckte nur verwirrt die Schulter.

Ich blickte mich um und erst jetzt wurde mir bewusst, dass bis auf einen Tisch alle besetzt waren und entsprechend viele Leute die Szene beobachtet hatten. Genauer gesagt, sie beobachteten die Szene immer noch, denn sie ging ja weiter, auch wenn gerade Pausenmodus aktiviert war.

Bis Kerstin zurückkam.

Sie trug in jeder Hand einen Teller mit einem Schokomuffin darauf und ich hätte schwören können, dass die beiden Muffins zusammen deutlich größer waren als der Schokokuchen, ehemals, als es ihn noch gab, bevor er zu Schokomuffins metamorphiert wurde. Oder so ähnlich.

„Was haben Sie getan?“, fragte ich misstrauisch.

„Betriebsgeheimnis. Also, ich denke, das wird Ihnen beiden schmecken. Und sehen Sie mal, die Muffins sind wirklich groß, oder?“

„Das stimmt“, antwortete die Kundin. Sie sah mich an. „Was halten Sie davon, Herr Mut, wenn wir uns gemeinsam an den kleinen Tisch setzen, der noch frei ist, und unsere Schokomuffins verspeisen?“

Ich dachte nach. Der Schokokuchen war ja nun dank Kerstin nicht mehr existent bzw. quantenverschränkt reinkarniert in den beiden Muffins. Insofern war es irgendwie schon logisch, wenn sie am selben Tisch verspeist wurden. Und die Kundin sah eigentlich ganz nett aus. Also, bevor das hier falsch verstanden wird: Ich meinte natürlich nicht ihr Aussehen, sondern so überhaupt, also, vom Gesamteindruck her. Ich bin keiner, der die Leute nur aufgrund ihres Äußeren beurteilt.

Obwohl, davon unabhängig sah sie durchaus nicht schlecht aus. Und vom Alter her passte sie als geschätzte Endvierzigerin auch gut zu mir.

Dies bestätigte sich dann während des Gesprächs, das seinen Beginn beim Muffinessen nahm, sich beim Spaziergang fortsetzte und dann … (Kamera schwenkt zum Kaminfeuer)