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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (2)

Kerstin saß mir gegenüber und sah etwas betrübt aus. Das konnte ich ihr auch gar nicht verdenken, mehr sogar, vermutlich sah ich genauso oder noch betrübter aus. Für einen Moment dachte ich sogar ernsthaft darüber nach, ob es tatsächlich daran gelegen haben könnte, dass ich Chili Bird´s Eye in einem heißen Glas Milch aufgelöst hatte. Denn just in dem Moment, als ich das Glas an den Mund hob, knallte es. Aber fürchterlich.
Ich ließ vor Schreck das Glas fallen, sodass Chili Bird´s Eye tatsächlich zu einem Flugvogel wurde, allerdings ganz anders, als ich es befürchtet hatte. Es ging noch mehr zu Bruch, das konnte ich hören, doch meine Aufmerksamkeit galt dem Draußen, denn von draußen kam dieser Lärm her. Und bei dem Knall blieb es nicht.
Mein zweiter Gedanke war, dass die Hexen los waren. Immerhin befand sich ja eine im Café Kitsch, auch wenn niemand außer mir wusste, dass sie eine Hexe war. Sie saß an einem der Zweier-Tische und starrte erschrocken nach draußen. Genau wie mir, war auch ihr klar, dass draußen etwas sehr Ungewöhnliches geschah. Als Hexe konnte sie das spüren.
Im Übrigen war sie eine ganz außerordentliche Hexe. Sie hatte schulterlange, braune Haare. Große, schwarze Augen. Und volle, rote Lippen. Kein Zweifel, eine Verführungshexe. Aber was machte sie hier im Café Kitsch? Ob es mit dem zu tun hatte, was draußen geschehen war?
Unsere Blicke begegneten sich, was Kerstin nicht entging.
„Kennen Sie sich?“, erkundigte sie sich leise bei mir.
„Nein“, murmelte ich und senkte den Blick. Ich war mir nicht ganz sicher, wie Kerstin auf die Anwesenheit einer echten Hexe in ihrem Café reagieren würde. Sie schien üblicherweise kein Problem mit der Anwesenheit eines Ideengeistes zu haben, doch ich vermutete, eine Hexe wäre vielleicht doch nicht so erwünscht.
Obwohl sie nicht einmal ahnte, wie viele Hexen in ihrem Café verkehrten. Aber das liegt daran, dass die meisten Menschen nicht wissen, dass alle möglichen Wesen mitten unter ihnen leben, überwiegend vollkommen unauffällig. Mir als Ideengeist entgeht das natürlich nicht, genauso wie sie mein wahres Wesen erspüren, wenn wir uns mal begegnen. Doch stellt das selten ein Problem dar.
„Haben Sie denn wenigstens eine Idee, was das vorhin gewesen ist? Frau Kräften hat mir erzählt, ihr hätte ein Tourist erzählt, da wären plötzlich Schiffe aufgetaucht. Über dem Rhein! Und dann ganz schnell wieder verschwunden, als wären sie vor Anker gegangen.“
„Über dem Rhein?“, erkundigte ich mich und spüre, dass ich nervös wurde. Sehr nervös. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch die Hexe nervös wurde. Ebenfalls sehr nervös. Offensichtlich hatten wir beide denselben Gedanken.
Allerdings, der Gedanke, den wir da hatten, war völlig absurd. Ausgeschlossen. Es dürfte etwa 200 Jahre her sein, dass zum letzten Mal Schiffe über dem Rhein gesichtet wurden. Und schon gar nicht in Linz. Oder doch?
Ich versuchte, mich zu erinnern, wie die Legende erzählt wurde. So ganz genau wusste schließlich niemand, was die Fliegenden Rheinschiffe waren noch warum sie über den Rhein flogen. Wahrlich, da gab es die abenteuerlichsten Erklärungen, die wildesten Geschichten, doch nichts genaues wusste man nicht.
Nur eines wusste ich ganz, ganz sicher: Seit etwa 200 Jahren hatte niemand die Fliegenden Rheinschiffe gesehen. Und ausgerechnet heute, ausgerechnet in dem Moment, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte, als ich den ersten Schluck nehmen wollte, da tauchten sie auf.
Das konnte einfach kein Zufall sein.
„Liebe Kerstin, ich denke, Ihre Trinkschokolade hat in der Tat ungewöhnliche Fähigkeiten!“
Kerstin verdrehte die Augen. „Sie wollen nicht ernsthaft behaupten, dass das da draußen mit der Trinkschokolade zu tun hat?“
„Nun, immerhin geschah es exakt in dem Augenblick, als ich von Chili Bird´s Eye trinken wollte. Flugschokolade an den Mund gehoben und schon fliegen Schiffe über den Rhein. Wollen Sie ernsthaft behaupten, das wäre Zufall? Wo es doch gar keinen Zufall gibt? Hach, das glauben Sie doch wohl selbst nicht, oder?“
Zumindest wurde sie unsicher, das konnte ich ihr ansehen. „Ich weiß nicht … Sie sind ja ein Ideengeist, ja, aber das ist schon …“
„Darf ich auch was dazu anmerken?“, mischte sich plötzlich die Hexe zu meinem Entsetzen in die Unterhaltung ein. Was geschah denn hier? Wusste sie etwa nicht, dass es magischen Wesen strengstens verboten war, sich den Menschen zu offenbaren? Und warum sonst sollte sie sich in unser Gespräch einmischen?
Sie warf mir einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr: „Mein Name ist Lola Sunny. Ich … ich unterrichte. Ich unterrichte Menschen.“
„Was unterrichten Sie denn?“, fragte Kerstin nach. „Sie sind ein Coach?“
„Ja … ja, so was in der Art“, sagte Lola schnell, offensichtlich froh, dieses Thema hinter sich zu lassen. „Also, ich denke, dass es eine Luftspiegelung war. Eine ganz, ganz seltene Art der Luftspiegelung.“
„Luftspiegelung?“, wiederholte Kerstin verwundert. „Ich meine, es ist ja nicht kalt, aber so heiß ist es heute ja nun auch nicht. Und dann noch über Wasser? Davon habe ich ja noch nie gehört.“
„Ist ja auch sehr selten“, erwiderte Lola und wirkte verzweifelt. Was mich angeht, ich hätte sie am liebsten irgendwie zum Schweigen gebracht, bevor sie noch mehr unnötiges Aufsehen erregte. Wie konnte eine Hexe nur so ungeschickt sein? War sie etwa noch ganz jung und unerfahren?
In diesem Augenblick wurde die Tür aufgerissen und jemand stürmte in das Café: „Piraten! Flieht, Piraten sind da!“

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Herr Mut und die Fliegenden Rheinschiffe (1)

Es war ein schöner Frühlingstag, aber man kann nicht sagen, er wäre etwas Besonderes gewesen. Der letzte Tag des Aprils und der April verabschiedete sich, wie er gekommen war: etwas launisch. Mir als Ideengeist war das vergleichsweise egal, doch ich konnte nachvollziehen, dass die Linzer Geschäftsleute, am Rhein, nicht an der Donau, gegebenenfalls noch auf der Donau, das schöne Wetter herbeisehnten. Gleichwohl, fairerweise sollte erwähnt werden, dass wenn es darauf ankam, unser lieber Petrus (natürlich nur eine Sagengestalt, aber irgendwie faszinierend) ein Einsehen hatte. Das Wetter sowohl während des Altstadtfestes als auch zu Ostern war in diesem Jahr ausgesprochen angenehm, wie ich fand.
Ich schlenderte gemütlich und frohgelaunt durch das Rheintor, über den Burgplatz, dabei den Brunnen flüchtig inspizierend, auf das neue Café Reinartz zu und ging schließlich ins Café Kitsch, das um diese Zeit nicht ganz voll war. Das Frühstücksgeschäft war wohl schon vorbei, das Kaffeegeschäft noch nicht am Laufen, wobei ich mir nicht sicher war, ob am letzten Tag das Aprils viele Leute Kaffee trinken gehen wollten. Vielleicht hatten einige ja auch Angst vor den Hexen, durchaus unberechtigterweise, denn sie fliegen selten am helllichten Tag durch die Gegend. Aber wer weiß das schon?
Kerstin war, von anderen Gästen abgesehen, allein. Sie kam sofort an meinen Tisch und sagte: „Sie trinken heute Chili Bird´s Eye!“
„Nein!“
„Doch! Ist ganz ungefährlich! Ich soll Ihnen von Frau F., deren Namen ich aus Datenschutzgründen nicht nennen darf, ausrichten, dass man davon wirklich nicht herumfliegt!“
„Frau F. hat das gesagt? Wo?“
„Auf Facebook!“
„Auf Facebook?“
„Auf Facebook!“
Ich starrte Kerstin an, aber sie erwiderte den Blick mühelos.
„Die Milch schäumt bereits auf“, ergänzte sie nach einer Weile des Augenduellierens.
„Na schön. Aber wenn Frau F. und Sie sich irren und ich …“
„Tun wir nicht!“ Nach einem letzten grimmigen Blick zog sie zufrieden los, um die Trinkschokolade zuzubereiten.
Hilfe! Ich sollte wirklich diese ominöse Trinkschokolade probieren? Woher wollen die denn alle wissen, ob sie auf einen Ideengeist wie mich dieselbe Wirkung hat wie auf Menschen?
Ich übte mich in Tiefenatmung, um ruhig zu werden. Dabei blickte ich nach draußen und dachte darüber nach, was ich alles kenne, das herumfliegt. Von dem, was dies natürlicherweise tut, natürlich abgesehen.
Der Fliegende Holländer, ganz klar. UFOs. Superman. Gelegentlich Fiona. Und die Fliegenden Rheinschiffe. Diese sind weniger bekannt als der Fliegende Holländer, aber es gibt sie tatsächlich. Auch wenn ich schon ziemlich lange keins mehr gesehen habe, obwohl sie sogar unter dem Radar fliegen können, oder wie das heißt. Mit der modernen Technik kenne ich mich nicht ganz so gut aus, als ich mich das letzte Mal ernsthaft mit ihr beschäftigt habe, schickte Verne die „Nautilus“ über die Weltmeere. Vielmehr, durch die Weltmeere.
Kerstin kam mit meiner Trinkschokolade, die eigentlich ganz normal aussah. Das Glas schwebte auch nicht über dem Tablett, eigentlich ein gutes Zeichen, wie ich fand. Vielleicht würde ich den heutigen Tag doch überleben.
„Bitte schön!“, sagte Kerstin, während sie das Tablett vor mir auf den Tisch stellte. „Ihr Flugticket. Ich meine, Ihre Trinkschokolade, Herr Mut! Nur Mut!“
Ich sah sie irritiert an, aber sie grinste nur. Das machte mich unsicher. War das etwa eine Falle, die zuschnappte, sobald ich den ersten Schluck nahm? Noch sah das Ganze harmlos aus, aber die Trinkschokolade war ja auch noch säuberlich eingepackt.
Sollte ich wirklich mein Leben riskieren für eine Trinkschokolade?
„Nur Mut, Herr Mut!“, wiederholte Kerstin. „Was soll schon passieren, im schlimmsten Fall?“
„Ich fliege durch Ihr Café.“
„Dann halte ich Sie an den Füßen fest, bis Sie Ihre Herumfliegerei beenden. Aber das passiert schon nicht.“
Ich holte tief Luft und nahm den Riegel in die Hand.
Hätte ich es bloß nicht getan.

(Fortsetzung folgt)

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Herr Mut handelt fair

Trinkschokolade von Zotter

18 Sorten Trinkschokolade

Ich schaue mir mal den Riegel von der Trinkschokolade an. Weiße mit Vanille, fliegen will ich ja immer noch nicht.
Bio und fair, steht da. Zwei wichtige Schlagworte, die aus dem Marketing heute kaum noch wegzudenken sind. Finde ich eigentlich schade. Dass sie Marketinginstrumente geworden sind. Die Ideen dahinter finde ich natürlich gut. Auch wenn ich pessimistisch bin, was die generelle Umsetzbarkeit angeht. Sicher, zum Teil schon, keine Frage.
Aber was genau bedeutet überhaupt, dass etwas fair gehandelt wird?
Fair gehandelt, bedeutet das nicht, dass ich zu dem Preis, den bspw. der Arbeiter da irgendwo, wo auch immer die unterschiedlichen Rohstoffe herkommen, zum Beispiel Kakaobohnen, bekommt, auch bereit wäre, dieselbe Arbeit zu machen?
In meiner naiven Vorstellung gibt es irgendwo mindestens ein Land, in dem die Bohnen wachsen. Ob Kakao, Kaffee oder Erdnüsse, ist ja nun egal. Hauptsache, sie wachsen. Und jemand erntet sie, damit daraus Futter für unseren Kaffeevollautomaten wird. Oder damit es zu Weihnachten schön aussieht, wenn Erdnüsse die roten Schalen dekorieren. Oder eben in den hübschen Gläsern im Café Kitsch die Schokodrinks gerührt werden können.
Irgendjemand muss dafür arbeiten und die Sachen ernten. Rohstoffe heißen sie, die Sachen. Rohstoffe.
Also, was müsste man mir dafür zahlen, damit ich diese Arbeit mache? Das wäre dann ein fairer Preis, oder?
Blöderweise müssen die Bohnen dann auch noch transportiert werden. Sie werden weiterverarbeitet. Die Trinkschokolade wird irgendwie hergestellt, verpackt, verschickt, serviert. Und jedes Mal arbeiten Menschen damit, die auch fair bezahlt werden wollen. Logisch. Wenn ich zum Beispiel die Trinkschokolade verpacken müsste, würde ich das nicht umsonst machen. Wäre ja sonst schön blöd.
Mal ganz naiv gerechnet: Angenommen, der Erntehelfer bekommt zehn Euro in der Stunde, was eigentlich nicht wirklich fair ist, wenn ich bedenke, wie schwer die Arbeit ist. Aber gut, immerhin mehr als der Mindestlohn. Und leichter zu rechnen. Der Hafenarbeiter bekommt auch zehn Euro. Alle bekommen zehn Euro, die irgendetwas machen müssen, bis die Trinkschokolade vor mir steht. Das sind bestimmt mehr als zehn Menschen, das heißt, wir sind bei über 100 Euro. Für eine Trinkschokolade?! Wovon soll ich das bezahlen, wenn ich nur zehn Euro bekomme?
„Kerstin, Sie machen Verlust“, bemerke ich, als Mrs Kitsch in meine Nähe kommt.
„Wie bitte?“ Sie starrt mich entgeistert an.
„Die Trinkschokolade müsste über 100 Euro kosten, sonst machen Sie Verlust! Habe es gerade ausgerechnet.“
„Über 100 Euro für Trinkschokolade?“ Kerstin lässt sich auf den Stuhl mir gegenüber sinken. Ihr Blick ist schwer zu deuten. Möglicherweise überlegt sie, ob ich Drogen genommen habe, oder ob ich Hilfe benötige. Sieht irgendwie so aus. Das ist seltsam, eigentlich müsste sie doch in Panik geraten aufgrund meiner Erkenntnis. „Wie haben Sie das denn ausgerechnet, Herr Mut?“
„Nun, unter 10 Euro würde ich nicht auf einer Plantage arbeiten. Und die Trinkschokolade wird doch fair gehandelt, oder? Und wenn alle für zehn Euro arbeiten, dann kostet die Trinkschokolade am Ende über 100 Euro.“
„Äh … Herr Mut, also, wenn Sie in einer Stunde auf einer Plantage die Rohstoffe für nur einen Riegel ernten würden, dann wären Sie da bestimmt nicht lange beschäftigt.“
Ich muss nun doch lächeln. „Ja, das ist schon richtig. Wissen Sie, ich habe darüber nachgedacht, wie ein fairer Preis aussehen müsste. Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung, welche Mengen ein Erntearbeiter schafft und wie viele Trinkschokolade-Riegel man daraus machen kann. Aber ich glaube, ein fair gehandelter Riegel kann nicht billig sein.“
„Das ist er ja auch nicht, Herr Mut. Er hat durchaus seinen Preis. Genau darum, weil er fair und bio hergestellt wird. Weil viele Menschen davon leben wollen, und zwar zu menschenwürdigen Bedingungen. Das geht eben nicht zum Billigtarif.“
„Ich weiß. Angenommen, Deutschland würde mal nicht mehr zur Ersten Welt gehören und wäre am Anfang so einer Produktionskette … Obwohl, welche Rohstoffe hat Deutschland eigentlich zu bieten? Gedichte? Goethe lässt sich ja nicht mehr blicken, seitdem Toll Schreiber ihn so erschreckt hat. Wissenschaftler? Nun ja … Die werden ja auch vertrieben. Eigentlich … eigentlich können wir nur hoffen, dass wir niemals von irgendwelchen Rohstoffen in Deutschland abhängig werden, die wir liefern. Ich weiß nicht, ob wir dann eine gute Verhandlungsbasis hätten, um faire Preise zu fordern.“
Kerstin sieht mich nachdenklich an, schließlich meint sie: „Sie scheinen ein Kulturpessimist zu sein, Herr Mut. Gehen Sie doch einfach mal davon aus, dass alle Menschen eigentlich möchten, dass es allen anderen gut geht. Das sieht man ja schon daran, dass immer mehr Menschen faires Handeln unterstützen wollen. Natürlich ist noch sehr, sehr viel Aufklärungsarbeit nötig, aber wenn wir damit nicht anfangen, wer soll es dann tun?“
„Ich gebe Ihnen ja recht, Kerstin, so grundsätzlich. Es ist nur, ich als Ideengeist habe schon so viele gute Ideen verkümmern sehen, wie Blumen am Wegesrand, da fällt es mir halt schwer, Ihren Optimismus zu teilen. Aber es ist schon richtig, man darf die Hoffnung nie aufgeben. Sonst stirbt sie doch nicht zuletzt.“
„Genauso ist es, Herr Mut. Und nun muss ich mich um meinen Kuchen kümmern.“
Während sie sich erhebt, frage ich hoffnungsvoll: „Was machen Sie denn? Schokokuchen?“
Statt einer Antwort lächelt sie nur geheimnisvoll und geht in die Küche.

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Die Weihnachtsgeschichte geht weiter

Weihnachten trocknete ihre Tränen ab.

„Wieso wollen keine Menschen mehr zu mir kommen?“, fragte sie schniefend den Busfahrer.

„Ich bin nur der Busfahrer“, erwiderte jener mit einem Seitenblick auf sie.

„Aber die Menschen reden während der Fahrt doch bestimmt darüber. Hast du nichts gehört auf den letzten Fahrten?“

„Doch …“, erwiderte der Busfahrer zögernd. „Sie haben etwas erwähnt …“

An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, dass der Busfahrer ein sehr rücksichtsvoller Mensch war und Weihnachten nicht wehtun wollte. Allerdings war ihm soeben klar geworden, dass seine Rücksichtsnahme dazu geführt hatte, dass Weihnachten völlig unvorbereitet war. Hätte sie damit gerechnet, dass die Menschen nicht mehr zu ihr kommen wollen, dann wäre sie vermutlich immer noch sehr traurig gewesen, aber sie hätte auch Zeit genug gehabt, sich darauf einzustellen. Manchmal ist es vielleicht doch besser, darüber zu sprechen, was geschehen könnte, dachte daher der Busfahrer bei sich, während er zugleich überlegte, wie er es Weihnachten erklären sollte, warum die Menschen nicht mehr zu ihr kamen.

Dann traf er eine Entscheidung. „Ich glaube, ich zeige es dir einfach“, sagte er. „Wir sind jetzt doch sowieso schon unterwegs, dann bringe ich dich dahin, wohin die Menschen gehen.“

„Jetzt bin ich ja gespannt“, antwortete Weihnachten und sah sehr unglücklich aus.

Der Busfahrer gab ein neues Ziel in seinem besonderen Navigationsgerät ein. Dieses Navigationsgerät hatte damit zu tun, wieso die Fahrt zu Weihnachten kein ganzes Leben dauerte, deswegen hoffe ich, dass Ihr mir verzeiht, wenn ich es nicht beschreibe; aber Ihr wisst ja: versprochen ist versprochen.

Jedenfalls erreichte der Bus irgendwann sein Ziel und hielt vor einem kleinen, unscheinbaren Haus. Sonst gab es nichts zu sehen, denn es war dunkel. Doch selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte es nicht zu sehen gegeben, denn es gab hier nichts, nur dieses eine kleine, unscheinbare Haus.

Weihnachten betrachtete es mit großen Augen. „Hier sind all die Menschen?“, fragte sie.

„Ja.“

„Aber warum nur?“

„Das weiß ich nicht.“

„Das weißt du nicht?“

„Nein.“

Weihnachten überkam das Gefühl, dass der Busfahrer nicht mehr sagen wollte oder konnte und dass sie nicht umhin kommen würde, sich selbst ein Bild zu machen. Mit klopfendem Herzen stieg sie also aus dem Bus und trat zu der schmalen, einfachen Haustür. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, warum die Menschen dieses schmucklose, ja, eigentlich sogar hässliche Haus ihrem sauberen, hellen, schönen Haus vorziehen sollten. Aber der Busfahrer hatte gesagt, sie wären alle hier.

Also trat sie ein.

Hinter der Tür war es stockfinster.

„Hallo?!“, rief Weihnachten. „Ist jemand hier?“

Sie hörte, dass sich jemand näherte und machte einen Schritt zurück, bis sie gegen die geschlossene Tür stieß.

„Willkommen!“, rief jemand begeistert. „Wir begrüßen dich in unserem Tempel des Glücks! Hier hast du eine Nummer! Damit kannst du einkaufen und am Ende, bevor du wieder gehst, bezahlst du einfach alles! Wir liefern selbstverständlich nach Hause!“

„Bezahlen? Liefern?“ Weihnachten war ziemlich verwirrt. Sie konnte immer noch nichts sehen, auch nicht denjenigen, der ihr nun etwas in die Hand drückte, was sich wie Papier anfühlte. Sie hatte das dumpfe Gefühl, dass hier etwas sehr Ungutes geschah. Es konnte doch nicht sein, dass die Menschen wirklich freiwillig in dieses dunkle Häuschen kamen! Hier gab es doch – nichts! „Warum ist es hier so dunkel?“, fragte sie.

„Hier ist es doch nicht dunkel! Oder bist du blind? Das tut mir dann leid für dich. Es ist doch alles hell und so schön bunt! Sieh all die wunderschönen Sachen, die du kaufen kannst! Schau all die vielen Menschen, die ihre Weihnachtsgeschenke einkaufen! Und da hinten, da gibt es sogar ein Kinderkarussell! Endlich sind die Menschen glücklich, denn jetzt können sie das haben, was sie schon immer haben wollten!“

Weihnachtens Verwirrung steigerte sich, so sehr widersprach die Schilderung dieses Mannes von dem, was es hier angeblich gab, dem, was sie sehen und hören konnte. Oder vielmehr, was sie nicht sehen und hören konnte: Für sie gab es hier nur Dunkelheit und, abgesehen von seiner metallisch klingenden Stimme, Stille. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass die Menschen hierher gelockt wurden, mit Versprechungen, die nichts als leere Seifenblasen waren, bunt und groß, die aber bei der geringsten Berührung zerplatzten und das Gesicht nass machten.

„Es tut mir leid“, sagte sie und war plötzlich sehr ruhig. „Ich sehe nur Dunkelheit und hören kann ich auch nichts. Hier ist der Zettel, den brauche ich nicht.“

Sie gab dem Mann, falls es überhaupt ein Mann war, denn sie konnte ihn ja nicht sehen, den Zettel mit der Nummer zurück, dann drehte sie sich um und suchte tastend nach der Türklinke. Als sie draußen stand und den Bus sah, atmete sie tief durch und stieg in den Bus.

„Und?“, fragte der Busfahrer neugierig. „Was hast du gesehen?“

„Nichts“, antwortete Weihnachten traurig. „Gar nichts. Da ist nichts.“

„Gar nichts?“, wiederholte der Busfahrer verwirrt. „Wie meinst du das?“

„Dass dort nichts ist. Zumindest nichts für mich. Es ist dunkel und still. Fahr mich bitte wieder nach Hause.“

Während sie sich wieder rechts vom Busfahrer hinsetzte und in sich zusammensank, startete der völlig verwirrte Busfahrer den Motor und schloss die Tür. Doch als er gerade losfahren wollte, ging die Haustür auf und ein kleiner Junge kam herausgerannt.

„Wartet! Ich will mit!“

Der Busfahrer trat auf die Bremse, dann ließ er den kleinen Jungen einsteigen, der sich neben Weihnachten setzte. Diese starrte ihn erstaunt an. Nun fuhr der Bus wirklich los, aber Weihnachten fragte sich, ob das richtig sein konnte, denn der kleine Junge wohnte ja nicht bei ihr. Jedenfalls bisher nicht.

„Bist du Weihnachten?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Ja, bin ich“, erwiderte sie.

„Oh ja! Darf ich dich besuchen kommen?“

„Das machst du doch schon, jetzt gerade“, antwortete Weihnachten immer verwirrter. „Wer bist du denn?“

„Ich heiße Josh“, sagte der Junge. „Meine Eltern wollen, dass ich mit ihnen Geschenke aussuche. Und dass ich Karussell fahre.“

„Und du willst das nicht?“

„Da drin ist doch nichts. Da ist es nur dunkel und still. Ich weiß nicht, was meine Eltern da drin machen.“

Weihnachten starrte den Jungen an. Er sah dasselbe wie sie, nämlich nichts? Wie konnte das nur sein? Doch dann beschloss sie, dass es eigentlich keine Rolle spielte. Denn wenn es auch nur einen Menschen gab, der dort genau wie sie nichts sah, dann gab es vielleicht noch Hoffnung.

„Bei mir gibt es aber keine Geschenke“, sagte sie nach einer Weile.

„Ich weiß. Meine Oma war oft bei dir und hat erzählt, dass bei dir alles hell ist. Und sauber. Und dass du den Menschen schöne Geschichten erzählst. Und dass du leckere Kekse hast.“

„Das ist alles wahr“, erwiderte sie lächelnd.

„Bekomme ich Kekse? Und liest du mir die Geschichten vor?“

„Selbstverständlich, Josh.“ Weihnachten warf einen kurzen Blick auf den Busfahrer und sah, dass er auch lächelte.

So fuhr der Bus weiter und brachte Weihnachten nach Hause. Und als er dieses Mal vor ihrem sauberen, schönen, glänzenden Haus anhielt, war er nicht mehr leer. Sicher, ein Mensch allein hört sich nicht nach viel an, aber andererseits ist ein Mensch sehr viel mehr als niemand. Und zumindest hatte er die ganze Aufmerksamkeit von Weihnachten für sich, die ihm Kekse gab und Geschichten vorlas.

Als er in den Bus stieg und nach Hause fuhr, lächelte er glücklich.

Ein paar Tage später besuchte ich Weihnachten. Bei dieser Gelegenheit erzählte sie mir, was sich zugetragen hatte.

Ich schwieg lange, denn ich musste das erst einmal verarbeiten, so unglaublich war diese Geschichte. Schließlich fragte ich: „Wirst du nächstes Jahr dann überhaupt dein Haus für die Gäste vorbereiten?“

„Selbstverständlich“, antwortete Weihnachten. „Josh wird wiederkommen und er hat gesagt, dass er seine Freunde mitbringt. Du wirst sehen, schon bald wird der Bus wieder voller Leute sein, wenn er vor meinem Haus hält!“

„Na gut“, brummte ich. „Dein Optimismus ist wirklich bewundernswert. Und ich wünsche dir, dass du recht behältst.“

„Ja, ich denke schon. Und wo gehst du jetzt hin?“

„Zu Kerstin, ins Café Kitsch. Ich will wieder guten Kaffee trinken. Oder eine Trinkschokolade? Mal sehen.“

„Aha. Chilli Bird´s Eye?“

Ich sah sie nur grimmig an. Doch dann mussten wir beide lachen.

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Trump im Haus – nicht

„Trump kommt mir nicht ins Haus!“

Finde ich grundsätzlich gut, allerdings denke ich, dass so ein Satz aus dem Kontext gerissen etwas missverständlich sein könnte, daher erlaube ich mir an dieser Stelle einige erklärende Worte. Dazu muss ich aber etwas weiter ausholen, ich bitte dies im Vorfeld zu entschuldigen.

Zunächst könnte man sich durchaus fragen, von wem diese Aussage stammt. Um es nicht zu spannend zu machen, sei bereits hier verraten, dass Kerstin dies gesagt hat und mit „ins Haus“ das Café Kitsch gemeint war. Interessant ist aber, dass der Satz genauso gut von Fiona hätte stammen können. Weil nämlich erst vor Kurzem eine interessante Diskussion genau zwischen ihr und meiner Wenigkeit zu einem vergleichbaren Thema stattgefunden hat.

Das kam so … Ach so, Ihr wisst ja gar nicht, wer Fiona ist, oder? Sie ist bisher nicht in Linz und insbesondere im Café aufgetaucht. Also, nicht real. Nun, die hinterlinkten Links führen zu Fiona, daher möchte ich an dieser Stelle nicht sehr ausführlich auf sie eingehen. Einige Worte halte ich aber dennoch für angebracht, damit unser „Gespräch“ besser nachvollzogen werden kann. Man muss nämlich wissen, dass Fiona und Kerstin durchaus einige Gemeinsamkeiten haben. Das ist Zufall, mag man es glauben oder nicht. Isso. Also, Fiona hat ihre eigenen Vorstellungen darüber, was richtig und falsch ist. Das trifft nicht immer den Mainstream, was ihr aber herzlichst egal ist. Als Kriegerin ist sie für das Gleichgewicht zuständig und muss selbst entscheiden, ob und wie sie eingreift. Das geht nicht, wenn man ständig an sich und den eigenen Entscheidungen zweifelt. Außerdem ist es nicht ihre Art.

Selbstverständlich hat Fiona auch zu Trump ihre eigenen Ansichten. Ich persönlich finde es interessant, dass Fiona diesen Mann für keine Störung des Gleichgewichts hält, aber gut. Sie wird es sicherlich begründen können. Letztlich hängt es auch davon ab, wie Gleichgewicht definiert wird. Aber das nur am Rande erwähnt.

Jedenfalls, als ich mal wieder bei Kerstin im Café saß und AUSNAHMSWEISE (!!!) mal eine Trinkschokolade zu mir nahm, wenn auch ganz bewusst NICHT Chilli Bird´s Eye, sondern … Halt, stopp! Ich verrate es mal besser nicht. 🙂 Wie dem auch sei, ich saß also im Café und hörte wie Kerstin oben erwähnten Satz sagte. Ich glaube, das war zu der Zeit, als Erdogan Hausverbot im Schloss Wahn bekommen hat. Es hat Kerstin sehr erleichtert zu wissen, dass sie die Möglichkeit hat, selbst scheinbar so mächtigen Leuten den Zutritt zu verwehren. Und bei der Gelegenheit wies sie gleich mal in aller Deutlichkeit darauf hin, wen sie da ganz besonders im Blick hat.

Da fiel mir sofort Fiona ein, besser gesagt, was sie vor gar nicht langer Zeit mal in einem Gespräch zu mir gesagt hat:

„Herr Mut, ich denke, Sie wissen schon, dass ich schnell dabei bin, meine Meinung allen zu sagen, ob sie es hören wollen oder nicht.“

„Ja, das ist mir allerdings bekannt“, erwiderte ich wahrheitsgemäß. Schließlich war ich dem auch schon zum Opfer gefallen, gelegentlich.

„Weiß ich ja“, sagte sie grinsend. „Sie wissen bestimmt, was persona non grata ist?“

„Ja, Toll Schreiber in allen Bibliotheken.“

Sie lachte schallend auf. „Ja, außer in meinen Träumen. Egal. Ich habe auch eine solche Liste. Nicht einmal für mich persönlich, sondern fürs Büro. Monica liegt diese auch vor. Das sind Leute, mit denen ich grundsätzlich keine Geschäfte machen würde und die unser Firmengelände nicht einmal betreten dürften. Das ist natürlich eine heikle Sache. Ich meine, wie viele Firmen machen gerade mit solchen Partnern Geschäfte, die … na ja, durchaus auch als Störung des Gleichgewichts bezeichnet werden könnten. Ich persönlich bin da vorsichtig, als Kriegerin, denn wenn alle nur gut wären, hätten wir sicher kein Gleichgewicht. Aber das ist etwas, worüber ich mit niemandem öffentlich reden würde.“

„Hätten wir dann nicht das Paradies?“

Fiona starrte mich entgeistert an. „Wenn alle gut wären? Wovon träumen Sie nachts, Herr Mut? Vergessen Sie es. Der Mensch braucht das Böse wie die Luft zum Atmen. Was glauben Sie denn, warum einer wie Trump zum Beispiel so erfolgreich ist? Warum wird er, gerade er, von Frauen gewählt? Also, auch von Frauen? Von mir nicht, aber das ist ein anderes Thema. Also, von mir sowieso nicht, ich lebe ja nicht in den USA. Aber selbst wenn, würde ich ihn ganz sicher nicht wählen. Doch es gibt viele Frauen, die ihn wählen, weil er so ist, wie er ist. Endlich mal ein echter Mann! Ernsthaft, ich habe es selbst gehört. Da habe ich darüber nachgedacht, ob ich einen Fehler gemacht habe, als ich Emily gestoppt habe. Aber okay, ist vorbei.“

„Also ist Trump persona non grata bei CSE?“

„Definitiv.“

„Hm. Möglicherweise würden Sie aber auf viel Geld verzichten. Und Sie müssen ja auch an Ihre Angestellten denken.“

„Ernsthaft? Ich bin mir nicht sicher, ob es auch nur einen einzigen Mitarbeiter gebe, der dafür wäre, mit dem Geschäfte zu machen. Ich kenne ja die meisten persönlich von früher. Klar, es ist immer auch ein Abwägen, wo die Grenze liegt. Und ganz ehrlich, das große Geschäft ist meist unmoralisch. Selbst diejenigen, die mal moralisch integer angetreten sind, haben irgendwann die Moral im Straßengraben vergessen. Ab einer bestimmten Größe interessiert die Moral nicht mehr. Besser gesagt, sie ist nur noch hinderlich.“

„Oh, oh, Fiona, das ist aber sehr pessimistisch, meinen Sie nicht? Was ist denn mit Ihnen?“

Sie zuckte die Achseln. „Als Kriegerin bin ich eher kein Maßstab. Als CEO müsste ich mir natürlich überlegen, wie groß ich werden will oder kann, ohne meine Prinzipien begraben zu müssen. Eigentlich habe ich mich da bereits entschieden, aber ich bin in der glücklichen Lage, es mir leisten zu können.“

„Sind wir das nicht alle?“

„Doch“, antwortete sie lächelnd. „Aber wer weiß das schon?“

„Sie sind wirklich der schlimmste Misanthrop, den ich kenne, Fiona!“

„Da ist vermutlich was dran. Aber mal ehrlich, wundert Sie das?“

„Nicht wirklich. Also gut, Trump hat bei Ihnen Hausverbot. Das ist doch immerhin etwas.“

„Meine Moral ist ja auch nicht im Straßengraben. Sie mag etwas eigenwillig sein, okay. Aber ich war noch nie besonders angepasst.“

„Das unterschreibe ich sofort, Fiona. Sie untertreiben noch eher. Also gut, ich werde jetzt mal wieder nach Linz reisen. Für mich als Ideengeist ist es ja nicht so eine große Sache. Für Sie eigentlich doch auch nicht, durch die Verborgene Welt. Wollen Sie Kerstin nicht mal einen Besuch abstatten? Für Sie wäre Chilli Bird´s Eye bestimmt was.“

Sie zog die Augenbrauen hoch. „Was zum Teufel ist das denn?“

„Eine von 18 Sorten Trinkschokolade. Ich habe sie noch nicht getrunken, der Name lässt mich vermuten, dass ich dann möglicherweise unter der Decke herumschwebe, obwohl Vanesa mal gesagt hat, dass sie noch keinen Gast von der Decke holen mussten. Aber vielleicht wäre ich der Erste. Als Ideengeist bin ich doch etwas … Wie soll ich es ausdrücken?“

„Abgehoben?“

„Fiona, Sie sind wirklich respektlos!“, erwiderte ich indigniert.

„Ach?“

„Und eine Diebin! Das ‚Ach?‘ ist meins!“

„Von wegen. Aber ich will Sie nicht ärgern, ich mag Sie ja, Herr Mut. Grüßen Sie Kerstin unbekannterweise von mir, wir scheinen uns ja nicht unähnlich zu sein.“

„Zumindest in mancher Hinsicht. Ich werde es ihr ausrichten.“

Das tat ich dann auch, als ich meine Trinkschokolade bestellte. Habe ich schon erwähnt, dass ich nicht Chilli Bird´s Eye genommen habe?

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Chilli Zotter

„Kennen Sie schon Zotter?“
Ich sehe Vanesa irritiert fragend an. Dass sie Vanesa heißt, weiß ich ja von Kerstin, die mir in einer der wenigen ruhigen Minuten erzählt hat, dass sie gelegentlich aushilft, seitdem sie im Sommer nach einer Initiativbewerbung (was für ein schönes Wort) das Café kennengelernt und lieb gewonnen hat. Jedenfalls steht jetzt Vanesa neben mir und stellt seltsame Fragen. Oder jedenfalls eine seltsame Frage.
„Wen kenne ich?“
„Nicht wen, was!“, erwidert sie grinsend.
„Also, ich kenne Boomer aus dem Fernsehen, der sah immer etwas zottelig aus, aber mein Gefühl sagt mir, ihn meinst du nicht.“
Jetzt sieht sie mich irritiert an.
„Nicht so wichtig, das ist eine Fernsehserie aus der Zeit, als auf RTL die Anke Engelke noch ihr Unwesen trieb, damals ungefähr so alt wie du jetzt. Vielleicht bisschen jünger.“
„Aha. Wer ist Anke Engel?“
„Nicht so wichtig“, antworte ich lächelnd. „Ich glaube, du wolltest mir etwas mitteilen.“
Sie denkt kurz nach, dann sagt sie: „Ich wollte fragen, ob Sie Zotter schon kennen.“ Dabei deutet sie auf etwas, das auf dem Tisch steht und früher nicht da war. „Haben wir neu reinbekommen.“
Jetzt sage ich „Aha!“. Es sind kleine Karten im Visitenkartenformat auf einer Art Ständer, sodass man die einzelnen Karten umblättern kann. So ähnlich wie diese Tischkalender für Schreibtische, die aufgestellt werden. Sieht irgendwie niedlich aus. Und jetzt wird mir klar, dass Zotter eigentlich der Name einer Firma ist.
„Du willst mir Trinkschokolade verkaufen?“, frage ich Vanesa.
Sie nickt begeistert. „Genau! Wir haben richtig leckere Sorten! Zum Beispiel Chili Bird’s Eye!“
„Das klingt, als würde man die Welt aus der Vogelperspektive betrachten, wenn man das Zeug getrunken hat, weil es so scharf ist.“
„Es schmeckt kräftig“, bestätigt sie. „Aber wir mussten noch keinen Gast von der Decke holen.“
„Wie beruhigend“, murmele ich. „Gibt es auch andere Sorten?“
„Selbstverständlich. Wir haben noch weiße Schokolade mit Vanillegeschmack, Nuss-Nougat, Milch Kakao und Honig-Zimt.“
„Habt ihr auch Kakao? Einfach nur Kakao?“
„Wir haben jetzt Zotter! Aber Milch Kakao ist im Prinzip wie Kakao.“
„Wahrscheinlich heißt er deswegen so, nicht wahr?“
„Genau!“
„Ich mag keinen Kakao, aber einen Kaffee nehme ich gern. Und einen Schokokuchen.“
Sie starrt mich entgeistert an. Schließlich sagt sie: „Wir haben heute keinen Schokokuchen.“
„Wieso habt ihr keinen Schokokuchen? Ich habe letztens doch auch Schokokuchen gegessen.“
„Wir haben nicht jeden Tag jede Sorte, dann müssten wir ja zwanzig verschiedene Kuchen haben. Aber wir haben Linzer Torte. Oder ofenwarmen Apfelkuchen vom Blech. Dazu passt Zotter Honig-Zimt übrigens ganz gut.“
„Ich will aber Kaffee“, sage ich langsam. Vielleicht habe ich vorhin zu schnell gesprochen, als ich meinen Wunsch geäußert habe, Kaffee zu trinken. „Oder habt ihr Kaffee auch nicht jeden Tag?“
„Doch, den haben wir natürlich jeden Tag.“
„Siehst du. Dann nehme ich Java. Ein Kännchen, bitte. Und dazu blechwarmen Ofenkuchen. Ach, du bringst mich ganz durcheinander. Ich meinte natürlich ofenwarmen Blechkuchen.“
„Mit Sahne?“
„Schmilzt der nicht auf dem ofenwarmen Kuchen?“
„Unsere Sahne nicht“, erwidert sie indigniert. „Also, Sie nehmen ein Kännchen Java und einen warmen Apfelkuchen? Keinen Zotter?“
„Nein! Keinen Zotter! Weder mit Chili zum Fliegen noch mit Honig!“
„Okay.“ Sie entfernt sich hocherhobenen Hauptes.
Ich blicke mich um. Mittwochs um die Mittagszeit ist es nicht ganz so voll, nur an zwei weiteren Tischen sitzen Gäste, die unserer Unterhaltung offensichtlich amüsiert gefolgt sind. Eine Frau, etwa Anfang Vierzig, hebt ihr Glas in meine Richtung und sagt: „Schmeckt übrigens wirklich sehr gut, der Chilikakao.“
„Daran zweifle ich ja auch gar nicht. Und vielleicht muss man ja auch das Glas leertrinken, bevor man fliegen kann.“
„Ich finde Ihren Humor köstlich, Herr …“
„Mut“, stelle ich mich vor. „Ich bin Herr Mut.“
„Dann sollten Sie doch eigentlich kein Problem damit haben, mal etwas Neues zu probieren.“ Dann sieht sie mein Gesicht und fügt schnell hinzu: „Das haben Sie bestimmt schon oft gehört!“
„Zumindest nicht selten.“
Sie deutet auf Vanesa, die gerade vor der Mühle steht, um meinen Java zuzubereiten. „Sie haben die Arme ja ganz schön durcheinandergebracht. Ich glaube, alle, die Anke Engelke noch bei RTL erlebt haben, bekommen langsam Enkelkinder … Ups, entschuldigen Sie bitte.“
„Nichts passiert.“ Während ich das sage, geht mir der Gedanke durch den Kopf, ob Chili Bird’s Eye damit etwas zu tun haben könnte, aber da auch Toll Schreiber gerne solche Fettnäpfe findet und der garantiert keinen Kakao, mit oder ohne Gewürze, trinkt, liegt es vermutlich nicht daran.
Die Anfangsvierzigerin nickt und widmet sich wieder dem Buch, das sie vom Ständer mit den Ansichtsexemplaren genommen hat. Wenn ich es richtig gesehen habe, ist es dieser neue Krimi. Irgendwas mit schachmatt. Zumindest irgendwas mit Schach. Rochade, oder so ähnlich. Mich interessiert so was ja nicht.
Ich will doch bloß meinen Kaffee.
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