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Toll Schreiber im Café Kitsch

 

Letztes Wochenende war ich im Café Kitsch, weil ich mal wieder einen leckeren Kuchen essen wollte. Es ist keineswegs so, dass es nur im Café Kitsch guten Kuchen gibt, aber dort kann man sich immer darauf verlassen, keine Fertigprodukte vorgesetzt zu bekommen.

Das hat auch Herr Toll Schreiber festgestellt. Er war nämlich dabei, eine Idee von mir. Seit langer Zeit meine schlechteste Idee. Für gewöhnlich nehme ich Herrn Toll Schreiber nicht mit, wenn ich irgendwohin gehe, denn er kann sich so schlecht beherrschen, wenn er Bücher sieht. Manchmal begnügt er sich mit Zeitschriften, aber da ist viel Ungenießbares dabei. Behauptet er jedenfalls, und ich bin geneigt, ihm zu glauben.

Jedenfalls dachte ich: Welchen Versuchungen könnte er schon in einem Café ausgesetzt sein? Was ich nicht bedacht habe, war die Tatsache, dass im Café Kitsch auch Bücher ausliegen. Jawohl, Bücher in einem Café. Und warum eigentlich nicht? Ich finde die Idee (Im Gegensatz zu meiner Idee, Toll Schreiber mitzunehmen!) jedenfalls gut. Es erinnert mich an alte Tage, als man noch ins Café ging, weil es zum Lifestyle gehört hat, und nicht, um in drei Minuten einen schwabbeligen Käsekuchen hinunterzuwürgen und einen Allerweltscappuccino hinterherzugießen. Ich gebe zu, nicht alle Cafés sind so. Es gibt sie noch, die Juwelen in der Gastronomielandschaft, wo jemand einkehrt und schon beim Eintreten von einer Stimmung empfangen wird, die zum Verweilen und Genießen einlädt.

Und ohne Bücher wäre das Ambiente einfach – unvollständig.

Doch daran habe ich leider nicht gedacht, als ich mit Toll Schreiber das Café betrat. Als ich dabei jedoch die Bücher erblickte, die auf jedem Tisch lagen, wurde mir anders. Ich packte Toll Schreiber am Arm und wollte mit ihm das Lokal wieder verlassen, aber es war bereits zu spät.

„Bücher!“, rief er.

„Zum Lesen! Herr Schreiber, nur zum Lesen!“

„Und warum liegen sie dann auf den Tischen?“

„Damit die Gäste schmökern und sich unterhalten können. Doch das geht nur, wenn Buchstaben in den Büchern sind. Und damit schließt sich von selbst aus, dass Sie diese Bücher in die Hand nehmen. Wir sollten daher besser gehen, denn dieser Versuchung möchte ich Sie nicht aussetzen.“

Toll Schreiber öffnete den Mund, vermutlich um zu protestieren, doch er kam nicht dazu, denn Frau Litterst, die stilecht mit ihrem Schürzchen sich dem Inventar anpasste, sprach uns an und führte uns zu dem Tisch am Fenster.

„Darf ich Ihnen heute eine Zitronen-Lavendel-Tarte empfehlen, die Herren?“, fragte sie dabei. „Und ich würde Ihnen gerne etwas zu unserem Kaffee erzählen.“

„Das mit dem Kaffee weiß ich schon!“, sagte ich schnell.

„Ach ja, Herr Mut, ich habe Sie erst gar nicht erkannt. Aber Ihr Begleiter weiß es vielleicht noch nicht …“

„Er isst keinen Kaffee und trinkt keinen Kuchen“, erwiderte ich und wunderte mich über das unverschämte Grinsen Toll Schreibers. Frau Litterst wirkte irritiert.

„Das ist Toll Schreiber“, erklärte ich.

„Oh!“, sagte sie nur und nahm blitzschnell das Buch vom Tisch, obwohl darauf „Lies mich“ und nicht „Iss mich“ stand. „Ich habe noch ein altes, ausgelesenes Buch von einem Studenten hier. Er hat es vergessen, vielleicht mit Absicht.“

„Wie schmeckt es denn?“, erkundigte sich Toll Schreiber neugierig.

„Das weiß ich nicht“, antwortete Frau Litterst und eilte davon, um das Buch zu holen. Dachte ich jedenfalls. Tatsächlich kam sie mit zwei Kaffees, meiner Tarte, einem Milchkännchen und dem Buch wieder.

„Aber Toll Schreiber trinkt doch keinen Kaffee“, sagte ich, während ich den Kuchen probierte. Er schmeckte genau in der richtigen Mischung nach Lavendel und Zitrone, wobei Zitrone nicht dominant, aber doch deutlich den Geschmack des Lavendels überragte. Dagegen hatte ich auch nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil.

„Dann trinke ich ihn“, erklärte sie und setzte sich mir schräg gegenüber neben Toll Schreiber. „Ich wollte sowieso schon immer mal wissen, wie Sie beide zusammen aussehen.“

„Nun wissen Sie es“, sagte ich und beobachtete Toll Schreiber, um rechtzeitig einschreiten zu können, falls er allzu offensichtlich von seinem Buch aß. Aber zum Glück wusste er, manchmal jedenfalls, wie man sich als Toll Schreiber in der Öffentlichkeit benehmen sollte. Er verhielt sich auf jeden Fall sehr unauffällig.

„Ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht. Irgendwie habe ich Sie beide mir etwas anders vorgestellt.“

„Das kommt durchaus öfter vor“, erwiderte ich etwas indigniert. „Das liegt daran, dass wir Gedankengeister sind. Jeder nimmt uns anders wahr.“

„Gedankengeister?“, wiederholte sie. „Was habe ich mir darunter vorzustellen?“

„Wir sind so was wie kreative Musen. Wobei es von uns sehr viele gibt. Unendlich viele, um genau zu sein.“

Ich sah ihr an, dass sie nicht wirklich zufrieden mit meiner Antwort war, aber ungewohnterweise hakte sie nicht nach.

„Nun“, sagte sie, weil weitere Gäste zur Tür hereinkamen. „Ich lasse Sie allein. Herr Schreiber, ich hoffe, Sie sind satt geworden. Und selbstverständlich sind Sie meine Gäste.“

Ich öffnete schon den Mund, um zu protestieren, entschied mich dann aber anders. Vermutlich war sie einfach nur froh, dass Toll Schreiber sich mit dem einen Buch zufrieden gab.

Als wir etwas später das Café verließen, um die Rheinstraße nach oben zu gehen, waren alle anderen Tisch besetzt und Frau Litterst und Elisa gut beschäftigt.

Ungefähr in der Höhe der Metzgerei Berg sagte Toll Schreiber: „Eigentlich könnte ich noch etwas essen. Gibt es hier auch eine Buchhandlung?“

 

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2 Gedanken zu „Toll Schreiber im Café Kitsch

  1. Unglaublich!
    Leicht verrückt
    – aber köstlich zu lesen!
    Am liebsten wäre ich mit im Café und würde Zeuge dieser netten Begebenheiten.

    Und übrigens, Herr Mut, Sie machen mir denselben: es scheint einfach zu sein, in diesem Café eine wunderbare Muse zu finden – ich muss irgendwie immer an das Kaminfeuer am 28. Juli denken. Es war mein Geburtstag und so kalt war es doch eigentlich gar nicht…

    Übrigens noch ein Tipp: vielleicht können Sie bald etwas Süßes in ganz unterschiedlichen Darreichungsformen im Café Kitsch genießen!
    Ein kleiner Tipp: es wird von Insekten produziert und braucht einen naturfreundlichen Menschen.

    mit freundlichen Grüßen
    Herr Weiß

    1. Lieber Herr Weiß,

      vielen Dank für Ihre Antwort.

      Es gehören ganz schön viele flotte Bienen dazu, so viel Süßes zu produzieren, dass es für ein Café reicht, glaube ich. Aber Bienen sollen ja fleißige Tierchen sein.

      Das mit dem Kaminfeuer muss ich ja noch erklären. Das ist ungefähr so logisch, wie die Szenen in Filmen und Fernsehserien, die in USA nicht erst ab 18 freigegeben sind, in denen die Heldin (oder das baldige, in solchen Szenen immer weibliche, junge und bildhübsche Opfer) aus der Dusche mit undurchsichtigen Glaswänden greift, sodass nur der, gelegentlich auch trockene, Arm zu sehen ist, ein Badetuch oder, noch absurder, einen Bademantel greift, und erst nachdem sie sich darin verwickelt hat die Dusche verlässt. Und das, obwohl sie ja noch gar nicht weiß, dass sie nicht allein in der Wohnung ist. Ähnlich logisch ist ein Kamin, zu dem die Kamera in gewissen Situationen hinschwenkt, wenn Sie wissen, was ich meine. Aber ich bin sicher, Sie wissen es. Der Name verpflichtet. 🙂

      Mit freundlichen Grüßen
      Herr Mut

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